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Gießener Zeifung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdfendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
Politische Rundschau.
Aus dem Haag wird berichtet, daß der Abänderungsvorschlag der deutschen Abordnung zum Reichsbankgesetz die grundfägliche Zustimmung der Gläubigermächte gefunden hat.
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( Gießener Tageblatt)
Reichspostminister Schäßel und der Präsident der Reichsbahngesellschaft, Dorpmüller, sind mit einigen Sachverständigen zur Teilnahme an den Verhandlungen über die Mobilisierungsfrage im Haag eingetroffen.
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Die Aussichten der deutschen Reparationsanleihe in Amerika werden als sehr günstig dargestellt.
Der preußische Minister des Innern, Grzesinski, hat durch einen Runderlaß an alle Polizeibehörden Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel für ganz Preußen verboten.
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Anläßlich des 60. Geburtstages des Reichsministers a. D. Schiele haben der Reichspräsident und der Reichskanzler dem Sechzigjährigen, der Vorsitzender des Reichslandbundes ist, mit
einem Handschreiben ihre Glückwünsche übermittelt.
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Der stellvertretende Handelskommissar Ljubimoff ist zum
Sowjet- Handelsvertreter in Deutschland ernannt worden.
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Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 18. Januar 1930
fraktion über die Sigung am Donnerstag mit einer gewissen Vorsicht abgefaßt ist, so liest man doch zwischen den Zeilen, daß die Sozialdemokratie entschlossen ist, diesmal aufs Ganze zu gehen. Bemerkenswert ist vor allen Dingen und über diesen Punkt wird in Berlin am meisten gesprochen → daß die ,, regierende Partei" für notwendig befunden hat, mit ihrer Kanonade schon zu beginnen, während unsere Delegation noch in vollster Arbeit im Haag weilt. Man hat sich also nicht einmal sovieí Zeit gelassen, aus taktischen Gründen Rücksicht zu üben und die Rückkehr der Minister nach Berlin abzuwarten.
Die Sozialdemokratie will einfach nicht, daß wir nunmehr in eine Periode wirtschaftlichen Aufbaues eintreten, weil bei dieser gewiß nicht leichten Aufräumungsarbeit dem Volke be= kannt werden könnte, in welcher unverantwortlicher Weise bislang unter sozialdemokratischer Führung gesündigt worden ist.
Briand aus Genf abgereist.
Genf, 17. 1. Briand ist nach Paris abgereist. Das Versöhnungsfrühstück zwischen Briand und Grandi, das vorgesehen war, konnte nicht stattfinden.
Beschlagnahme der„ Roten Fahne".
Berlin. Nachdem die ,, Rote Fahne" in den letzten Wochen geradezu in unverantwortlicher Weise zum Blutvergießen und zur Revolution aufgefordert hatte, hat sich nunmehr der sozialdemokratische Polizeipräsident 3örgiebel endlich dazu ent
Der französische Senat hat den bisherigen Präsidenten schlossen, energisch durchzugreifen. Er teilte amtlich folgendes Doumer gestern wiedergewählt.
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Mussolini hatte längere Beratungen über die bevorstehende Seeabrüstungskonferenz in London mit dem italienischen Delegierten, Marineminister Sirianni.
In der Thronrede zur Eröffnung des norwegischen Storthing wurde ein Gesetz über die Zulassung der Frauen zu allen öffentlichen Aemtern angekündigt.
1200 Millionen Reparationsanleihe.
Haag, 17. 1. Die Mobilisierung des ersten Teiles der deut schen Reparationsanleihe ist nunmehr gesichert. Ministerpräsident Tardieu teilte mit, daß man sich geeinigt habe, bis zum 1. Oftober 1930 in eine nationale Tranchen geteilte Emission von Reparationsbonds in Höhe von 1,2 Milliarden Goldmark vorzunehmen.
Von dem Anleiheertrag erhalten die Gläubigermächte 800 Millionen Goldmark und Deutschland 400 Mill. Goldmark für die dringendsten Bedürfnisse von Reichspost und Reichsbahn.
Falls bis zum 1. Oftober 1930 die Anleihe nicht vollständig untergebracht ist, wird die Sperre der internationalen Kapitalmärkte für Deutschland auf den 31. Mai 1931 verlängert. Für die Zukunft muß Deutschland sich verpflichten, auch nach' dem 31. Mai 1931 zum Zwecke der Vermeidung von Störungen sich mit der J. 3. B. über die Ausgabe eigener Anleihen zu verständigen. Deutschland selbst muß von der ersten Tranche der Reparationsanleihe einen Abschnitt von 50 Millionen über
nehmen.
Koalitionsterror der Linken.
Aus Berlin wird gemeldet:
Die anmaßende und überhebende Sprache der Sozialdemofraten nimmt groteste Formen an. Dieses Auftreten kann zwei Gründe haben: entweder hat man tatsächlich die Absicht, den Bogen zu überspannen und sich in der Form eines ,, Kraches" von der Verantwortung zu drücken, oder man fühlt sich zur Zeit unentbehrlich, daß man glaubt, den bürgerlichen Koalitionsgenossen alles bieten zu können. Immer wieder zeigt sich dasselbe Bild, daß die Sozialdemokraten überall dort, wo wichtige Reformen durchgedrückt werden sollen, das Programm sabotieren und sich völlig zum Sachwalter des alten unerhörten Schlendrians machen. Ein Beispiel hierfür: Nach der Aufdeckung der Riesenskandale in der Finanzverwaltung der Stadt Berlin hatte man in den maßgebenden Instanzen im ersten Schrecken sich dazu aufgerafft, Berlin unter Finanzkontrolle zu stellen. Aber schon nach kurzer Zeit hörte man, daß die Gozialdemokratie wieder einmal in begreiflicher Angst vor den Kommunisten sich dafür eingesetzt habe, die Sanierungsarbeiten rüdgängig zu machen. Der sozialistische preußische Innenminister hat dabei die Vermittlungsdienste zwischen Partei und dem sozialistischen Oberpräsidenten geleistet. Man baute also schleunigst ab, beseitigte den Ueberwachungsapparat und ließ schon nach kurzer Zeit alle Gerechtsame wieder in die Hand des Magistrats zurückgleiten, der sich als völlig unfähig gezeigt hatte, die Finanzlage der Reichshauptstadt auf eine neue Grundlage zu stellen.
Die Sozialdemokratie scheint es also darauf angelegt zu haben, allen Bewegungen, die darauf hinzielen, aus dem Jrrgarten völlig verfahrener Finanzen herauszukommen, einen Riegel vorzuschieben.
Der Kampf gegen den Reichsbankpräsidenten entspricht denselben Beweggründen. Und wenn auch die halbamtliche Verlautbarung des Vorstandes der sozialdemokratischen Reichstags
mit:
,, Die kommunistische Zeitung, die„ Rote Fahne", ist am Freitag in den frühen Morgenstunden polizeilich beschlagnahmt worden, da verschiedene in der Nummer vom Freitag enthaltene Artikel gegen die§§ 111( Aufforderung zur Begehung strafbarer Handlungen), 130( Aufreizung zum Klassentamps) und 85( Aufforderung zum Hochverrat) des Strafgesetzbuches verstoßen. Bei der Beschlagnahme wurde der größte Teil der Freitagnummer der„ Roten Fahne" erfaßt."
Aus Hessen.
Hessens Innenminister über die Neueinteilung der Kreise.
Innenminister Leuschner nimmt in einem umfangreichen Leitartikel das Wort zu einer Bilanz der inneren Politik. Ueber die Arbeiten an der Verwaltungsreform sagt der Minister u. a.: Einmal bedarf es der Neufassung der alten Verwaltungsgesetze im Geiste des Volksstaates, zum anderen dreht es sich um die Reform und Reorganisation des eigenen Verwaltungsapparates im Sinne der Vereinfachung. In ersterer Hinsicht brachte das Jahr 1928 das Polizeibeamtengeset und das für die Kommunalwirtschaft besonders bedeutsame Fernleitungsgeseh 1929 neben dem Zigeunergesetz die Verabschiedung des Ge: meindebeamtengesetzes. Auch der Entwurf des Hebammenge setzes ist dem Landtag bereits zugegangen. Seit 1923 feien bisher
neue Gesetze über die Ortssagungen des Sparkassenwesens, die Kreis- und Provinzialumlagen, die Gemeinde: und Kommunalwahlen,
über die Jugendwohlfahrt und die Durchführung der Reichsfürsorgeordnung, sowie das Orts- und Schutzpolizeigesetz erlassen worden. Fast ein Viertel der Bestimmungen der Städteordnung und der Landgemeindeordnung seien abgeändert worden. Die Vorarbeiten für die neue Gemeindeordnung, dem lezten Teil des großen Reformwerkes, seien bereits so weit gediehen, daß die Erledigung noch in dieser Legislaturperiode des Landtages möglich sei, wenn der Landtag nicht durch dringendere Arbeiten in Anspruch genommen werden sollte.
Der Minister erinnert dann als Arbeiten an der Vereinfa= chung der Verwaltung an den Uebergang der Kunststraßen von den Kreisen auf die Provinzen. Ueber die gerade aktuelle
Kreisreform
sagt der Minister wörtlich: Mit der gleichen Entschlossenheit wird auch die Kreisreform in Angriff genommen werden müssen. Die Proteste, die jetzt schon bloß auf Ankündigungen und Gerüchte hin laut geworden sind, geben einen Vorgeschmack für das, was kommt, wenn es ernst wird. Aber die Frage muß endlich geregelt werden. Die jetzige Kreiseinteilung ist bald 60 Jahre alt und zu einer Zeit gemacht worden, als die Verkehrsverhältnisse völlig anders waren. Jetzt kann nicht nur, sondern muß die Kreiseinteilung nach neuen Gesichtspunkten erfolgen. Zugleich kann eine
erfolgen.
Herabsetzung der Zahl der Kreisämter
Die neue Kreiseinteilung muß kommen, um den Verwal= tungsapparat in der inneren Verwaltung so modern wie möglich, d. h. straff und übersichtlich zu organisieren und ihn den Erfordernissen des täglichen Lebens wirklich in jeder Hinsicht anzupassen. Die Forderung nach Rationalisierung gilt mit demselben Recht wie für die Landwirtschaft auch für die Ver= waltung. Bereits vor vierzig Jahren sei in Hessen schon einmal eine Vereinfachungskommission eingesetzt worden. Es gehe
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 5
jetzt nicht an, aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf lokale Wünsche das Interesse der Staatsverwaltung hintanzustellen. Die Lage erheische von jedem Einzelnen und jedem Staat entschlossenes Handeln.
Der Minister hält es für zweckmäßig, daß die Kreisreform auf Grund besonderer Ermächtigung durch den Landtag erfolgt, da sonst eine befriedigende, rasche vor allem objektive Lösung der ebenso delikaten wie komplizierten Frage undenkbar sei.
Unfallversicherung für die staatlichen Betriebe.
Mit Wirkung vom 1. Januar 1930 ab ist das Land Hessen als Träger der Unfallversicherung für die staatlichen Betriebe mit Ausnahme derjenigen der Land- und Forstwirtschaft, er= klärt, soweit es nicht schon bisher diese Aufgaben übernommen hatte.
Das Land ist zugleich Träger der Versicherung für die Betriebe zur Hilfeleistung bei Unglücksfällen, die nicht für seine Rechnung gehen und für die Unfälle beim Lebensretten.
Als Ausführungsbehörde ist das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft- Unfallversicherungsstelle für die stattlichen Betriebe bestimmt.
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Mostauer Drahtzieher der Wormser Revolte. Moskau. Wie aus Moskau gemeldet wird, nimmt die gesamte Sowjetpresse zu den letzten Unruhen in Worms Stellung. Die„ Prawda" erklärt, diese Vorgänge liefern den Beweis dafür, daß sich der soziale Kampf in Deutschland verschärfe und daß die KPD. die Leitung des Kampfes gegen die Herrschaft des Bürgertums in Händen habe. Die Deutsche Kommunistische Partei besitze große Sympathie beim deutschen Proletariat und wisse, was sie wolle. Die letzten Zusammenstöße zwischen der Polizei und den Erwerbslosen könnten nicht nur als Zwischenfall, sondern als eine neue Periode in dem Freiheitskampf des deutschen Proletariats gegen das Bürgertum und die deutsche Sozialdemokratie angesehen werden. Die letzten Ereignisse hätten die Erweiterung des revolutionären Einflusses der KPD. auf das deutsche Proletariat wieder gezeigt.
Kundgebung des Reichsverbandes des deutschen Handwerk.
Die aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Reichsverbandes des deutschen Handwerks bereits seit längerem vorge sehene Kundgebung soll nunmehr am 18. und 19. Februar dieses Jahres zu Berlin stattfinden. Die Tagung wird eingeleitet mit einer Sigung des Großen Ausschusses des Reichsverbandes, an die sich eine geschlossene Mitgliederversammlung anschließt. Am Abend des 18. Februar folgt ein Begrüßungsabend im Weinhaus ,, Rheingold", zu dem die Einla dungen an die Ministerien, Behörden, Presse usw. noch versandt werden. Die öffentliche Kundgebung des Reichsverbandes ist für den 19. Februar, vormittags 10 Uhr, vorgesehen und wird im Plenarsizungssaal des Reichswirtschaftsrates abge= halten.
Gegen die Kirchen in Sowjetrußland.
Kowno, 17. 1. Die Belegschaft der großen russischen Mu nitions- und Waffenfabrik, der Putilow- Werke in Leningrad, hat bei der Sowjetregierung die Schließung sämtlicher Kirchen, Synagogen und Moscheen in Leningrad und Moskau beantragt. In Leningrad wurden zwei Pfarrer verhaftet, weil sie sich geweigert haben, dem Verbot, die Kirchengloden nicht mehr zu läuten, nachzukommen. Die beiden Pfarrer werden nach Gibirien verbannt.
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Aufruhr in Korea.
Tokio, 17. 1. Gestern kam es in Sönl( Korea) zu großen Rundgebungen gegen die japanische Regierung. Etwa 3000 foreanische Studenten veranstalteten vor dem Palast des japanischen Generalgouverneurs eine Demonstration. Die japanische Polizei verhaftete 400 Studenten. Die japanische Regierung erklärte, daß sie gezwungen sein werde, die koreanische Universität in Sönl zu schließen, wenn solche Demonstrationen sich wiederholen.
Fünfzehn Banditen hingerichtet.
Merito- City, 17. 1. Die merikanische Regierung hat in allen Teilen des Landes einen Feldzug gegen das Räuberwesen eröffnet. Es gelang der Polizei, in den letzten zwei Tagen, fünfzehn Banditen auf frischer Tat zu ertappen. Sie wurden durch Erschießen hingerichtet.
Der Bau der Kerntalsperre eingestellt. Weimar, 17. 1. Die Kerntalwassersperre, die im Kerntalgrund bei Oberhof angelegt werden sollte, war dazu bestimmt, die größeren Städte der Thüringer Ebene, wie Erfurt, Arnstadt, Gotha, Weimar, sowie die Reichsbahndirektion Erfurt mit Wasser zu versorgen. Die Kosten der Anlage sind so hoch, daß die Aufbringung der Mittel unüberwindbare Schwierigkeiten bietet.


