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Nr. 39.

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Samstag, den 17. Mai 1930.

Frühling.

Lokales.

Sonntagsgedanken.

Kindleins Erwachen.

Sonntagsmorgen. Frühling, das er­

Verschieden und Zuerst vom Früh­

Wie reimt sich das alles zusammen, der wachende Kind und der Sonniagsmorgen? boch verbunden in einem schönen Dreiflang. ling. Der Vogel singt wieder sein Lied im Fliederbaum. Die mächtige Schöpferhand strich leise über die kahlen Bäume und Sträucher, über Wiesen und Auen und weckte die Schläfer der Winternacht. Und schickte die Vöglein zurück in die Heimat. Da braucht man sie jetzt, denn der Lenz hai seinen Einzug ge= halten und da will man Sänger und Lieder dazu. Und all das Getier ist vom Schlaf erwacht und ist lebendig geworden. Erwachen, überall neues Leben.

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Kindleins Erwachen. Was fehlt hier vom Frühling noch? Jst nicht der Zauber der gleiche, das Leben so jung und frisch, schaut nicht aus diesen Kinderaugen Frühlingssonne und Maienpracht; liegen nichi Blüten über den Wangen und Rosen auf seinem Lager? Kinder zaubern den Frühling ins Haus und in die Stuben, die noch so finster sind. Es sind Früh­lingswunder im Menschenleben.

Und nun vom Sonntagsmorgen.- Was bindet dich zu Frühling und Kind, du erster Tag in der Woche? Du bist ein Bruder vom Frühling und von den Kindern. Du willst auch weden, neues Leben schaffen und jung machen. Die Menschen, Seele und Geist und dem Körper Kräfte geben für die Tage der Arbeit. Da soll auch der Mensch, wie der Strauch und der Raum, seine alten Blätter abschütteln, seine Seele neu fleiden, Frühlingskleider, Sonntagskleider, neue Seelenkleider anziehen und wieder ein Kind Gottes werden. Dann ist der Sonntag ein Frühlingstag und deine Augen leuchten wie einst als Kind, das die erste Frühlingssonne tüßte.

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Der Sonntagsschreiber.

Ueber eine Viertelmillion Fehlbetrag. Der städtische Etat schließt mit 7 773 885,90 RM in Einnah­men und Ausgaben. Die Betriebsrechnung ergibt 6 363 610,37 ( 5 622 644,38 RM 1929) Einnahmen und gleiche Ausga­ben. Die Vermögensrechnung wurde auf 1442 275,53 RM für 19.30 herabgesetzt. Es ergibt sich ein Fehlbetrag von ca. 400 000 RM, für den die bürgerliche Mehrheit geeignete Deckungsoor­schläge eingebracht hat.

Der zweite Teil des Etats, die ,, Vermögensrechnung, bringt deutlich den Stillstand der Bauarbeiten, für die die Stadt Gießen in den letzten Jahren erhebliche Summen aufwendete, zutage. Für Straßenbauten sind gegenüber 266 069 RM Aus­gaben im Vorjahre nur 10 000 RM vorgesehen, sodaẞ neben weiteren Einschränkungen der Zuschußbedarf von 400 000 RM im Vorjahr auf 19 161 RM herabgesetzt werden konnte. Das Wohnungsbaubonto ist um rund 300 000 RM gekürzt worden.

*

Oeffentliche Stadtratssigung Dienstag, den 20. Mai 1930, 17 Uhr im Stadthaus( Bergstr.). Tagesordnung:

1. Voranschlag der Stadt und der städt. Nebenkassen für das Rj. 1930.

2. Voranschlag der Plod'schen Stiftung für das Rj. 1930. 3. Gesuche um Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb: a) des Gastwirts Heinrich Heyne zu Gießen um Erlaub­nis zur Ausdehnung seines Schankwirtschaftsbetriebes

,, Gießener Zeitung"

im Hause Walltorstraße 5 auf ein weiteres Zimmer; b) der Elisabeth Niebergall geb. Schütz zu Gießen um Er­laubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb im Hause Löwen­gasse 28;

c) des Gastwirts Frizz Straßer zu Gießen um Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb mit Branntweinausschant im Hause Frankfurterstraße 26;

d) des Wassersportvereins Hellas" e. V. 1920 zu Gießen um Erlaubnis zum Ausschank alkoholfreier Getränke im Bootshause am Wißmarerweg;

e) des Theodor Karl zu Gießen um Erlaubnis zum Kaffee­wirtschaftsbetrieb im Hause Licherstraße 29( Uebergang).

4. Bebauungsplan für das Schwarzlachgebiet.

5. Rechnung der Stadtkasse für Rj. 1926.

6. Niederschlagung uneinbringlicher Ausstände in Höhe von 31 824,17 RM zur Rechnung für Rj. 1925-26.

*

Wohltätigkeitsfest. Am morgigen Sonntag wird der hicsige Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See" zwei Wohltätigteitsfestspiele in der Volkshalle veranstal­ten. Zur Aufführung gelangt unter Mitwirkung hiesiger Schü­ler und Schülerinnen und des Mandolinen- und Gitarren- Ver­ein Neapolita" das Märchenspiel Die Königskinder".

* Steuerwesen. Der Aufwand für die im Beruf oder Ge­werbebetrieb getragenen Kleider kann nach einem Urteil des Reichsfinanzhofs als Betriebsausgabe nur soweit zum Abzug zugelassen werden, als die Art des Berufes oder des Gewerbe­betriebes besondere Kleider erfordert.

* Reichsbahnjubilar. Dieser Tage konnte der Reichsbahn­sekretär H. Velten vom hiesigen Bahnhof auf eine 25jährige Dienstzeit bei der Reichsbahn zurückblicken.

* Treue Hausangestellte. Vom Alicefrauenverein vom Ro­ten Kreuz wurden Fräulein Lina Plaum für 20jährige Dienst­zeit auf einer Dienststelle, Frau Elisabeth Forbach( 30 Jahre) und Frl. Elisabeth Pfalzgraf( 20 Jahre) mit der Brosche und dem Diplom für treue Mitarbeit ausgezeichnet.

* 50jähriges Jubiläum der Standesorganisation der Den tisten. Vom 26. bis 29. Mai 1930 feiert der Reichsverband Deutscher Dentisten in Berlin sein 50jähriges Stiftungsfest. Ne­ben ausgesprochenen Standesfragen werden die Ausbildung jun­ger Leute zu Dentisten, die Fachschulen, Lehrinstitute, die staat­lichen Dentistenprüfungen, die Krankenkassenbehandlung usw. Gegenstand der Beratungen sein.

* Unglücksfälle. Am Mittwoch stürzte bei Wieseck ein Mo­torradfahrer namens Günther. Während der jugendliche, bedauernswerte Fahrer mit erheblichen Verlegungen in die Chirurgische Klinik eingeliefert werden mußte, kam sein So­ziusfahrer mit dem Schrecken davon. Gleichfalls am Mitt­woch verunglückte ein Installateurlehrling bei der Arbeit; er stürzte von der Leiter und brach sich das Bein.

-

Verband Evang.- Kirchl. Frauenvereine in Hessen. Der Verband hielt am 7. 5. in Darmstadt seine Hauptver­sammlung ab, die gut besucht war. Den Hauptvortrag hielt Frau Schnapper Heidenheim über: Die deutsche Wirt­schaftsnot und wir".

* Maienblasen. Beim Maienblasen, heute abend 7 Uhr, auf dem Turme der Johanneskirche kommen zum Vortrag: ,, O Cott, Du frommer Gott", Die Kapelle" v. Kreuzer und, Das Heideröslein".

Aus Nah und Fern.

Ober- Widdersheim. Am Mittwoch wurde auf dem Basalt­werf J. Nickel der Arbeiter O. Pebler von niederstürzenden Erd­schichten an Kopf und Händen verletzt, er mußte in die Klinik wach Gießen gebracht werden.

Friedberg. Daß die Maigewitter die schwersten im Jahre sind, erlebten die Dörfer der südlichen Wetterau am Montag. Durch ein Unweiter, das schweren Hagelschlag mit sich führte, wurden in den Gemarkungen Vilbel, Dortelweil, Massenheim, Nieder- und Ober- Erlenbach die jungen Saaten auf den Fel­dern schwer mitgenommen. Erheblich sind auch die Verluste an den gerade blühenden großen Obstkulturen der Wetterau. Büdingen. Hier wird eine Jugendherberge errichtet.

10. Vertreterversammlung des Hessischen Landgemeindetages. Lauterbach. Am 28. Mai tritt hier der Hessische Landge­meindetag zu seiner 10. Vertreterversammlung zusammen. Die Tagesordnung weist neben den Ordinarien zwei Vorträge auf und zwar von Dr. Kiffmeyer- Kassel über Siedlungsmöglich­keit im deutschen Osten", von Bürgermeister Dr. Völsing- Als= feld: Finanznot der Gemeinden und Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden."

Offenbach a. M. Hier hält der Verband der evang. weibl. Jugend in Hessen e. V. am 25. Mai seine diesjährige Früh­jahrsvertreterversammlung ab. Jm Mittelpunkt der Beratun gen steht ein Vortrag von Frl. Schehmann.

Darmstadt. Der ordentliche Professor des Maschinenbaues und Vorstand der Materialprüfungsanstalt, Herr Dr. A. Thum der Technischen Hochschule, hat einen ehrenvollen Ruf an die Technische Hochschule Stuttgart erhalten. Erfreulicherweise ist es den Bemühungen der hessischen Regierung und der Technischen Hochschule gelungen, diesen hervorragenden Gelehrten der Darm­

* Universitäts- Gottesdienst. Morgen früh, 11% Uhr, häftstädter Hochschule zu erhalten. Prof. Dr. Cordier in der Neuen Aula der Universität einen Universitäts- Gottesdienst ab.

* Vom Stadttheater. Mit der Erstaufführung des Lust­spiels Meine liebe, dumme Mama" von Nerz und Mayer werden sich am Dienstag Ingeborg Scherer und Hans Tannert vom Gießener Publikum verabschieden.

* V. D. A. Der neue Ordinarius für mittelalterliche Ge­schichte an unserer Universität, Herr Prof. Dr. Mayer, ist zum 1. Vorsitzenden der hiesigen Ortsgruppe des V. D. A. ge­wählt worden. Studienrat Dr. König wurde geschäftsführen= der Vorsitzender und Stud.- Rai Dr. Henns Schriftführer.

* Generalversammlung. Der Bezirksverein des Nord- Ostens unserer Stadt hält am Montag im Café Leib seine diesjährige Generalversammlung ab.

Mainz. Vom 25. bis 28. Mai 1930 findet in Mainz der Bundestag des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten statt. An­läßlich der Eröffnung des Bundestages ist für Sonntag, 25. Mai, vormittags 11 Uhr, auf der Rheinpromenade in Mainz eine große Demonstration vorgesehen.

Marienberg( Westerwald). Das Feuerwehrfest aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der Freiw. Feuerwehr Marienberg, verbunden mit Bannerweihe, am 14. 15. und 16. Juni wird mit Eifer vorbereitet.

Siegen. Wie der Polizeibericht heute mitteilt, wurde am vergangenen Sonntagmorgen die Leiche der 17jährigen Haus­tochter Elfriede Jung aus Klafeld aus dem Dorfteich in der Nähe von Klafeld geländet. Bei der Obduktion der Leiche ha­ben sich Merkmale gezeigt, die auf eine gewaltsame Tötung des

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Das Haus der Tschefa.

Von Ferdinand Ossendowski.

Es war noch nicht 11 Uhr nachts, und die Bolschoj Lub­janka lag vollkommen verödet da. Plötzlich tauchte aus einer Seitenstraße ein einsamer Mann in einem verschlossenen Mantel auf; den ausgeriebenen Schafpelzkragen hatte er hochgestellt. Aus dem Tor eines Hauses, dessen Fenster ausgeschlagen waren, dessen Mauern von Kugeleinschlägen sich schälten, stürzten drei Soldaten und umringten den Mann.

,, Wohin? Her mit der Legitimation!"

Der Mann, der den Kopf gesenkt hielt, sah auf, den Sol­daten in die Augen. Sie erstarrten und standen still.

,, Zeigt mir das Haus der Tscheka!"

,, Sie stehen davor, Genosse," gab einer der Soldaten ängst­lich die Auskunft.

Lenin sah sich das Haus genauer an. Es war sehr groß, hatibe hohe Fenster, die zum Teil mit Brettern verschlagen, aber Dollkommen dunkel waren.

,, Zum Teufel! Schlafen hier schon alle?"

Als Antwort polterte aus dem Innern des Hauses ge= dämpftes Knaitern eines in Gang gesetzten Kraftwagens. Nach einter Weile trat wieder Stille ein; eine tödliche, beunruhigende

Stille.

Was war das?"

,, Verurteilte wurden erschossen..." erklärte der Unter­offüizier. ,, Wenn dies geschieht, wird immer der Motor des Latautos in Gang gesetzt, damit die Schüsse und die Schreie der Gettroffenen übertönt werden."

Lenin trat ans Tor und läutete. ,, Wen führt der Satan um diese Zeit daher! Weg pom Tom, oder ich schieße..."

,, Der Präsident des Rates der Volkskommissare kommt ates der Volkskom zum Genossen Dierschynski."

Der eilige Schritt eines fortstürzenden Wachtpostens wurde vernehmbar, dann ein durchdringender Pfiff. Einige Minuten verstrichen, ehe das Tor geöffnet wurde. Ein kleiner, gedrun gener Mann mit einem pocennarbigen Gesicht lugte vorsich tig und argwöhnisch heraus, ehe er Lnin schweigend eintreten ließ. Nachdem er das Tor wieder verschlossen hatte, ging er hinter ihm her und brummte erklärend:

,, Wir müssen wachsam sein... Schon einige Male tamen bewaffnete Kerle zu uns, um die Genossen Djerschynski und Peters zu töten. Polen und Letten sind schlecht auf sie zu sprechen... Nun, sie haben das Haus nicht mehr verlassen, aber es sind noch andere da, die Rache geschworen haben. Ge­stern hat man im Universitätsgarten den Genossen Bagis ge­funden, den unbekannte Verbrecher aufgeknüpft haben..."

Jm gelben Licht von Petroleumlampen, die nur schwach den Hof des Hauses erhellten, tauchte plötzlich eine hohe, blinde Mauer auf, deren Ende sich oben im Nebel verlor. Sie schien zerfetzt und zernarbt, wo der Verpuz jüngst erst abgefallen war, waren Blutspriger erkennbar. Unterhalb der Mauer lagen regungslose, nadte Körper, zusammengefnäuelt, verkrümmt, wie Fetzen, die man hingeworfen hatte. Leichter Dampf schien noch über ihnen zu schweben. Abseits stand ein schweres, schwarz angestrichenes Lastauto. Lenin blieb stehen und sah nach dem ihm folgenden Wächter. Dieser verstand die stumme Frage.

,, Hier werden die Verurteilten erschossen. Das Maschinen­gewehr ist im souterrainfenster untergebracht, es ist so aufge­stellt, daß die Vorübergehenden sofort getötet werden Er lachte düster. Eine Massenproduktion... aber anders ist es nicht möglich!"

Lenin wies hinüber, wo die nadten Körper lagen: ,, Und was macht ihr später damit...?"

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,, Ein Teil wird zur Stadt hinausgeführt, wo die Verurteil­ten von morgen bereits für sie und sich die Gräber ausheben. Andere kommen ins Spital, die Aerzte studieren dann an ihnen. Ein Professor kommt oft hierher und sagt, daß nun gute Zei­ten für die Wissenschaft angebrochen sind, denn Leichen gibt es in Hülle und Fülle. Man weiß nie, wem das zugute kommt." Sie gingen die Treppe hinauf, ins zweite Stockwerk. Ueber­alle standen Posten. Ueberall Geschrei, Jammern, Weinen, das fernher herüberdrang. Hin und wieder Schüsse. Sie be­traten einen geräumigen Warieraum, von dem aus ein langer Gang in das Gebäude führte, mit Türen rechts und links, vor denen chinesische Soldaten auf und ab patroullierten.

Ein dürrer, blonder Mensch mit müden, geröteten Augen saß am Schreibtisch; er erhob sich.

,, Jch melde sofort dem Genossen Präsidenten der Tscheka..." und enteilte.

Mit aller Gewalt unterdrückte Lenin die in ihm aufstei­gende Empörung. Still war es hier, nur von Zeit zu Zeit drangen die schnarrenden Stimmen der Chinesen herüber, dann tief eine Glode, langgezogen und ungeduldig. Der Beamte blieb geraume Zeit aus. Die Soldaten an den Türen blickten verächtlich und rätselhaft auf den Unbekannten, der wartete. Sie wußten: wer immer sich hier in dieser oder jener Angelegen­heit einfand, er verließ das Gebäude nicht bald. Sie sahen, wie die Leute den Warteturm betraten, wie sie ihn verließen fast nie. Sie tamen diesen Weg, wenn sie zur Marter gingen, wenn sie ausgelitten hatien, fanden sie einen anderen Ausgang. Plötzlich schoß es Lenin durch den Sinn:

-

,, Wir haben einen Staat im Staate geschaffen. Die Tscheka fann mächtiger werden als der Rat der Boltstommiffare..."

( Kurzer Abdrud aus dem neuen Werk von Ferdinand Ossen= dowski über ,, Lenin", Sieben- Stäbe- Verlag, Berlin. Pr. 2,85 M.)