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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus, Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

43. Jahrg.

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Bolitische Rundschau.

Das Reichskabinett wird vor Ostern noch einmal, und zwar am Mittwochnachmittag, eine Sigung abhalten um einige lau­sende Angelegenheiten zu erledigen und Dispositionen für die Arbeit nach Ostern zu treffen.

Die Schlußßigung der Londoner Flottenkonferenz wird am Ofterdienstag stattfinden.

Das neue amerikanische Luftflottenprogramm ist am 11. Es werden 114 neue April dem Senatsausschuß zugegangen. Flugzeuge innerhalb zwei Jahren angefordert.

In den englisch- ägyptischen Verhandlungen sind nach der Daily Mail" insbesondere im Zusammenhang mit neuen ägyp= tischen Forderungen für den Sudan ernste Schwierigkeiten auf­getreten.

Die Berliner Maßschneider haben am Montagabend den im Reichsarbeitsministerium getroffenen neuen Lohnvereinbarungen mit großer Mehrheit zugestimmt und daraufhin Dienstag die Arbeit wieder aufgenommen. Dagegen dauert der Streik der Maßschuhmacher unverändert an.

Die Folter- Wulff- Werke in Bremen haben ein neues Klein­fabinenflugzeug konstruiert, das drei Reisende befördern kann und besonders für den jetzt stark auszubauenden, Luftdroschken­verkehr", also für Sonderflüge bestimmt ist. Es wird den Na­men ,, Sperber" tragen.

Annahme der Agrarvorlage und der Finanzgefeße im Reichsrat.

Berlin, 15. April. Der Reichsrat nahm in seiner Sitzung am Dienstag, die von Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer geleitet wurde, die am Montag vom Reichstag beschlossenen Gesetze über Zolländerungen und Steuergeseze an, ohne Ein­spruch zu erheben. Der Vertreter Thüringens enthielt sich bei allen Abstimmungen der Stimme. Die Gesetze werden voraus­sichtlich am Dienstag vom Reichspräsidenten vollzogen werden.

Das Infraftreten

der neuen Steuer und Agrargefeße.

Das Infraftreten der neuen Steuer- und Agrargesetze, die am Montag vom Reichstag angenommen wurden, ist nicht ein­heitlich auf einen bestimmten Tag abgestellt, sondern in den einzelnen Gesetzen ganz verschieden festgelegt.

Von dem Gesetz über Zolländerungen treten die Bestimmun­gen über die Mineralölsteuer am 1. Mai, die Maßnahmen zum Schutze der Landwirtschaft am 8. auf die Verkündigung folgenden Tage in Kraft, mit Ausnahme der Vorschrift über die Zoll­freiheit der Weizenkleie, die rückwirkende Kraft vom 29. März erhält. Die Bestimmungen über den Benzin- und Benzolzoll treten am 18. April in Kraft.

Das Gesetz zur Aenderung des Tabat- und des Zuckersteuer­gesetzes ist ab 1. Mai in Geltung.

Das Gesetz zur Aenderung des Biersteuergesetes tritt eben­falls an diesem Tage in Kraft, dagegen sind die in diesem Ge­setz zugleich enthaltenen neuen Umsatzsteuersätze bereits am 1. April in Kraft gesetzt.

Das Gesetz zur Aenderung des Gesetzes über das Brannt: weinmonopol tritt am 20. Mai, das Mineralwassersteuergeset am 16. Mai in Kraft.

Das Gesetz über die Erhebung der Aufbringungsumlage für das Rechnungsjahr 1930 erhält mit der im Haager Abkommen vorgesehenen Ingangsetzung des neuen Planes seine Geltung.

Das Gesetz über die weitere Hinausschiebung der Bindung der Länder und Gemeinden an die nach dem Reichstagsbewer­tungsgesetz festgestellten Einheitswerte tritt mit Wirkung vom 1. Januar 1930 in Kraft.

Von dem Gesetz zur Vorbereiung der Finanzreform treten die Bestimmungen über die Arbeitslosenversicherung am 1. Juli und die übrigen Bestimmungen bezüglich der Sparmaßnahmen und der Stenersenkung mit dem auf die Verkündigung folgenden Tage in Kraft.

Osterurlaub des Reichspräsidenten u. d. Reichsminister

Reichspräsident von Hindenburg wird vermutlich über Ostern die Reichshauptstadt verlassen. Der Reichskanzler Brüning wird sich 10 Tage nach Badenweiler begeben. Die Minister Moldenhauer, Treviranus, Groener und Dietrich reisen nach Süd­deutschland. Der Reichsjustizminister Bredt wird sich nach Mar­burg an der Lahn begeben. Die übrigen Minister bleiben in Berlin.

Zeppelin" unterwegs nach Sevilla.

Friedrichshafen, 15. April. Nachdem sich die Wetterlage be­deutend gebessert hat, entschloß sich die Leitung des Luftschiff­baues Zeppelin" heute, Dienstagnachmittag, mit dem Luft­schiff ,, Graf Zeppelin" zur Fahrt nach Spanien zu starten. Um 14 Uhr erfolgte die Ausfahrt und um 14,11 Uhr der Start. Die Fahrt geht zunächst über Basel zum Golf von Biscaya, dann

( Gießener Tageblatt)

Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Mittwoch, den 16. April 1930

die spanische Westküste entlang nach Sevilla. Die Ankunft in Sevilla dürfte am Mittwoch zwischen 17 und 18 Uhr erfolgen. Nach ein bis zweistündiger Landung in Sevilla wird die Rüd­fahrt nach Friedrichshafen angetreten. Die Landung im Hei­mathafen am Bodensee dürfte am Donnerstagabend vor sich ge= hen.

Zum 1. Mai.

Mostau, 15. 4. Die Prawda" vertritt in einem dem 1. Mai als dem proletarischen Weltfeiertage gewidmeten Artikel die Meinung, daß dieser Tag als eine Fortsetzung der Demon­strationen des 6. März ausgestaltet werden müsse.

Neue Steuern auch in England.

Der englische Schazkanzler Snowden hat seine mit Span­nung erwartete Etatrede gehalten. Er fündigte an, daß trotz der Verminderung für Heer, Flotte und Luftstreitkräfte eine geringe Erhöhung der Steuern nicht zu umgehen sei.

Revolte in Kalkutta.

Kalkutta, 15. April. Mit schweren Unruhen begann der für heute erklärte Trauertag wegen der Verurteilung des Bürger­meisters von Kalkutta, Sen Gupta, und des Führers des indi­schen Kongresses, Jawaharlal Nehru, zu Gefängnisstrafen. Zwei Straßenbahnwagen wurden in Brand gesteckt und drei an­

dere Straßenbahnwagen furz und klein geschlagen. Die Menge begnügte sich nicht mit dem Anlegen von Feuer und Zerstörungen, sondern griff auch die Feuerwehr bei ihren Löschversuchen an. Die Polizei ging mit Panzerwagen vor. Die Menge griff die Polizei mit Steinen an, worauf diese eini­ge scharfe Salven abfeuerte.

Mehrere Demonstranten wurden getötet und eine Anzahl verwundet. Auch eine Reihe von Polizisten wurden durch Steinwürfe verwundet.

In Bombay hat der Börsenvorstand als Protest gegen die Verhaftung des Präsidenten des indischen Kongresses beschlos= sen, die Börse für die nächsten zwei Wochen geschlossen zu hal­ten.

150 Bergleute in Lebensgefahr. Kattowiz. Auf der Oheimgrube bei Kattowih, und zwar auf dem Schacht Hohenlohe, brach am Montag gegen 18 Uhr ein Brand aus, durch den 150 Bergleute von der Außenwelt abge­schlossen wurden. Die Belegschaft des Hohenloheschachts konnte sich vor der drohenden Rauchvergiftung nur mit Mühe dadurch retten, daß sie auf drei Nebenstrecken andere Schachtanlagen er­reichte. Nach dreistündiger Arbeit konnte das Feuer gelöscht werden. Die Entstehungsursache ist unbekannt. Der angerichtete Schaden ist außerordentlich groß. Ein Drittel der Belegschaft des abgebrannten Schachtes wurde auf andere Schächte der Oheimgrube verteilt, der Rest muß feiern.

Raubmord im Spreewald.

In Burg im Spreewald wurde in der Nacht zum Dienstag der Inspektor Hans Appelt von der Burger Molkereigenossen­schaft von Einbrechern ermordet. Den Mördern sind 20 000 M in die Hände gefallen.

7,9 Milliarden Gemeindeschulden.

In der Zeitschrift Wirtschaft und Statistik" werden die Schulden der Gemeinden von 10 000 bis 100 000 Einwohnern und der Gemeindeverbände, die bisher von der Statistik nicht erfaßt worden sind, für den 30. September 1928 bekanntgegeben. Mit den bereits veröffentlichten Zahlen für die Großstädte er= gibt sich eine Gesamtverschuldung der deutschen Gemeinden von 7,9 Milliarden Rmt. Zum größten Teil besteht sie aus Ver­pflichtungen an inländische Gläubiger. Der Anteil der Aus­landsschulden beträgt nur noch 11,9 Prozent der gesamten Neu­verschuldung.

Sozialismus in alter Zeit.

Die Schottener Tuchmacherzunft hatte einen Esel; jeder Tuchmacher konnte den Esel zur Arbeit benutzen, er mußte ihn aber auch an dem Tage, wo er das Tier zur Arbeit brauchte,

füttern. War schon die Verwendung des Esels nicht regelmäßig,

die Fütterung war es noch weniger. Im Herbst, solange noch die Wiesen etwas boten, war Graurods gute Zeit, aber zu an­mau, jeder Tuchmacher dachte: deren Zeiten: i- a-, mau der Esel ist gestern bei dem anderen" gefüttert worden, da braucht er heute nicht so viel. Sonntags bekam der Esel über­haupt nichts, und derjenige, der den Esel des Montags zur Ar­beit holte, dachte: du Esel hast gestern gefressen und nichts ge= schafft, da kannst du heute einmal schaffen ohne zu fressen. Da wurde es dem Esel am Montag blau und schwarz vor den Augen vor Hunger, dazu bekam er seine Prügel. Der Esel starb eines unrühmlichen Todes. Diese Eselsgeschichte soll wahr sein. Sie ist angeführt als Beispiel, um zu zeigen, wie Unternehmen, die unter Konkurrenten gemeinnützig wirken sollen, zum Schlusse ausgehen können, wie das alte Sprichwort wahr ist und wahr bleibt ,, Kompanie ist Lumpanie". und daß jeder Sozialismus, jede Gemeinschaft eine gewisse natürliche Grenze hat.

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 30

Lokales.

Es ostert.

Es war natürlich vorauszusehen, daß sich dieses Jahr die Hasen furchtbar anstrengen müßten. Die Eier der legitimen Eierleger, der Hühner, fielen plötzlich im Preise. Weil die Hüh ner aller Länder einen erstaunlichen Fleiß entwickelt hatten. Und mit den Hühnern konkurrierten die Enten. Und überall sind die großen, schönen Enteneier ausgestellt, und man hat nicht un­terlassen uns darüber aufzuklären, wie gesund und nahrhaft ein solches Ei sei. Auch die Kiebitze waren dieses Jahr früh= zeitig tätig.

Und so sitzen denn schon seit Wochen die fleißigen Hasen in den Furchen der Aecker und färben ihre Ostereier braun und gelb und blau. Das sind aber die altmodischen Hasen. Die neumodischen haben erstaunliche Dinge vollbracht. Nicht nur Eier aus Marzipan und Schokolade, haben sie gelegt, sondern auch Eier, aus denen die jungen Häschen bereits herauswachsen wie die Kätzchen aus den Zweigen der Bäume. Sie haben sogar große, bunte Eier gelegt, in denen soll man es für möglich halten? ,, Elefanten- Hauch"-Seidenstrümpfe versteckt sind. Sie haben Eier zustande gebracht, die Vasen aus Blei­fristall enthalten, und in seidenbebänderten Eiern sind goldene Uhren untergebracht und Platinringe mit funkelnden Steinen

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Die Hasen haben keine Mühen und keine Kosten gescheut, sie waren erfinderisch und großzügig, und sie haben das Hasen­panier zu einer ruhmreichen Fahne gemacht. Sie hoffen im stillen, daß man sie nun eine Zeitlang nicht totschießt.

In den Häusern herrscht bereits Aufregung. Der kleine Hans und die blonde Grete untersuchen jeden Winkel auf die Möglichkeit, darin Eier zu verstecken, und die achtzehnjährige Lilly wird zuweilen bedenklich still und blickt verträumt durch das Fenster.

* Aus der Stadtverwaltung. Am heutigen Tage ist der Verwaltungsoberinspektor Wilhelm Gilbert 25 Jahre im Dienst der Stadt. Herr Gilbert erfreut sich in der ganzen Bür­gerschaft größter Beliebtheit.

* Vom Polizeiamt. Das Ausklopfen, Ausschütteln, Ab­fehren usw. von Bettwerk, Teppichen, Kleidungsstücken, Staub­tüchern und ähnlichen Gegenständen nach Straßen, öffentlichen Plägen und Vorgärten hin ist gemäß§ 366 3iffer 8 des Reichs­strafgesetzbuches und Artikel 292 des Polizeistrafgesetzes unstatt­haft und mit Strafe bedroht. Weiter macht das Polizeiamt darauf aufmerksam, daß das Klopfen von Teppichen, Bettwerk, Möbeln und dergleichen sowie ähnliche mit Geräusch oder Staubentwicklung verbundene Verrichtungen regelmäßig nur werktags in den Vormittagsstunden zwischen 8 und 11 Uhr vor­genommen werden sollten.

* Aus dem Gerichtssaal. Das Schöffengericht hat den Post­schaffner aus Frischborn wegen Unterschlagungen im Amt zu einem Jahr und 2 Monaten Zuchthaus verurteilt.

* Schöffengericht. Wegen Unterschlagung, Untreue und Urkundenfälschung wurde der Rechner einer ländlichen Genossen­schaft aus der Licher Gegend mit 1 Jahr Gefängnis bestraft.

* Straflammer. Von drei Berufungsfachen wurde die erste, die Strafe eines Grünberger Landwirts, wegen Körperverletzung und verbotenen Waffentragens auf 20 Rmt. oder 4 Tage Ge­fängnis herabgesetzt. Die Berufung eines schon mehrfach mit der Verkehrsordnung in Konflikt geratenen Motorradfahrers gegen ein Urteil von 2 Wochen Gefängnis wegen fahrlässiger Ein Ar­Körperverletzung wurde kostenpflichtig abgewiesen. beiter war in Bad Nauheim auf Grund von Indizien wegen Einbruchdiebstahls bestraft. Seine Berufung hatte Erfolg. Er wurde mangels Beweises freigesprochen.

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* Spartassenzins und Reichsbankdiskont. Die Bezirksspar­tasse Gießen schreibt uns: Zu dem Artikel Sparkassenzins und Reichsbankdiskont" wird noch ergänzend bemerkt, daß die Her­absetzung des Hypothekenzinsfußes anfangs März ds. Js. von folchen Sparkassen vorgenommen worden ist, welche einen zum Teil weit höheren Zinssatz als die hiesige Sparkasse ihn berech net hat, festgesetzt hatten. Die Bezirkssparkasse Gießen hat den Hypothekenzinssat bereits schon früher auf den 3. 3t. gültigen Saz ermäßigt, es liegt somit kein Grund vor, denselben erneut herabzusehen.

* Moellendorffs neueste Komposition. Willi von Moellen­dorff, der Gießener Komponist, hat soeben ein Streichquintett in F- Moll, Op. 37, vollendet, dessen Uraufführung am Gründon nerstag um 5,30 Uhr durch das Westfälische Streichquartett" ( Frizz Frier), dem das Werk auch gewidmet ist, im Rundfunk zu Münster i. W. und gleichzeitig im Kölner Sender stattfinden wird.

* Stadttheater. Heute kommt als 29. Vorstellung im Diens­tag- Abonnement das Drama ,, Louis Ferdinand, Prinz. von Preußen" von Fritz von Unruh zur Wiederholung.

* Sammlung. Der Hessische Fürsorgeverein für Krüppel veranstaltet im Mai ds. Js. zugunsten der Errichtung einer orthopädischen Klinik in unserer Stadt eine Sammlung von Geldspenden.