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Nr. 9

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Samstag, den 15. November 1930.

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Lokales.

Sonntagsgedanken.

Komm, setz' dich zu mir zu einer stillen Sonntagsstunde! Ich will dir erzählen von meiner Mutter. Ein Freuen über die Seele und ein schönes Feierlichsein möge dann über uns fommen. Solche Feierstunden sind ja heute selten; darum müs­sen wir nach ihnen langen, denn sie bringen Freude und Licht auf unsere Wege. Vom Sonntag meiner seligen Mutter will ich dir erzählen. Sie hatte wohl auch einen Sonntag, aber kei­nen Feiertag. Wenn die Sonntagsgloden ihr läuteten, so war das ein Rufen an heilige Pflichten. Länger wie sonst durften wir schlafen. Flinker aber auch wie sonst schlüpften wir in die Sonntagskleider. Dann führte die Mutter uns zur Kirche und im Herzen trug sie den Sonntag. Sonntagsgloden läuteten aus ihrem Gang. Und tausend Bitten und Sorgen trug sie mit in die Kirche. ,, Gib uns heute unser tägliches Brot!" Wenn die Kirche aus war, dann waren auch Mütterchens Feierstunden zu Ende. Während wir spielten, hatte sie so viel zu tun, denn morgen war ja wieder Werktag und wir mußten sauber zur Schule gehen. Einmal flangen auch wieder die Glocken vom alten Stadtturm. Aber nicht so hell und rein wie immer am Sonntag. Dumpf und schwer, klagend und weinend. Der To­desengel hatte die Mutter auf ihre Wangen geküßt. Für im­mer hatte sie ihre müden Augen geschlossen. Erst jetzt gab sich das ewig sorgende Mutterherz zur Ruhe. Mütterleins ewiger Sonntag war gekommen. Der Sonntagsschreiber.

Eine Anregung.

Statt Weihnachtsfeiern lieber Nothilfe. Weihnachten rückt heran. Die Vorbereitungen zu dem Fest werden getroffen. Aber niemand ist sich darüber im unklaren, daß dieser Winter mit seiner großen wirtschaftlichen und seeli­schen Not einer der schwersten der Nachkriegszeit werden wird. Die Arbeitslosigkeit wächst, der Mittelstand kämpft schwer um seine Existenz, Kurzarbeit vermindert den Lohn und damit die Kaufkraft, und in bisher auskömmlich besoldeten Schichten un­seres Volkes herrscht vielfach bitterste Not und Ratlosigkeit. Vielen Kindern wird in diesem Jahre, wenn überhaupt, doch nur ein sehr bescheidener Weihnachtsbaum angezündet werden tönnen.

Ist es in einer solchen Notzeit recht und billig, wenn die Vereine große, prächtige Weihnachtsfeiern veranstalten? Wir meinen nein! Wo Familienväter und Eltern nicht wissen, wo­von sie die Bedürfnisse des Tages bestreiten sollen, da darf eine vereinslüsterne Menge nicht um den Weihnachtsbaum herum­tanzen. Wie wärs aber mit folgendem Vorschlag? In allen Vereinen, in denen bisher Weihnachtsfeiern stattfanden, wird in diesem Jahr das für diese Feiern aufgewendete Geld gesam­melt, wohlhabende Vereinsmitglieder tun ihr Scherflein hinzu. Der Vorstand erkundet die Not unter den Bedürftigen seines Vereins und setzt einen Verteilungsplan des Geldes fest. Einige Tage vor Weihnachten begeben sich Vorstands- und Vereinsmit­glieder in die Häuser ihrer bedürftigen Kameraden und machen diesen eine Weihnachtsfreude zur Ausgestaltung des häuslichen Festes. Wäre solche gegenseitige Nothilfe nicht viel sinnvoller und machte sie Gebern und Beschenkten nicht viel mehr Freude als der Augenblicksrausch eines ,, Weihnachtsvergnügens?" Ent­spricht dieser Hilfsgedanke nicht viel mehr dem eigentlichen 3wed eines Vereins? Jst er nicht wirklich zeitgemäß?

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Lasset uns Liebe er­weisen unserem Nächsten. Darum jetzt in der Vorbereitungs­zeit die richtigen Beschlüsse gefaßt und heran ans Werk! Bringt Weihnachtsfreude in die Häuser eurer Mitmenschen! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

* Die Unterrichtszeit der hessischen Volksschule beginnt in der Zeit vom 15. November bis 15. Februar um 8.30 Uhr und dauert bis 12 Uhr. Die Unterrichtskürzung wird durch Ein­schränkung der Pausen und Kurzstunden zu je 50 Minuten aus­geglichen. Der Beginn des Nachmittagsunterrichts erfährt keine Einschränkung.

* Straßensperrung. Wegen Erneuerung der Fahrbahn in der Marktlaubenstraße wird diese von Montag, den 17. No­vember 1930, ab auf drei Wochen für den Verkehr mit Fahr­zeugen aller Art gesperrt.

* Amtsgericht. Wegen Körperverletzung eines Wirtes wurde ein widerspenstiger Gast desselben zu hoher Geldstrafe verurteilt.

,, Gießener Zeitung"

* Bezirksschöffengericht. Ein vielfach vorbestrafter Maurer Großmann hat in Dorheim vor Jahresfrist eingebrochen. Er wurde jetzt zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt.- Ende Auguſt ereignete sich auf der Chaussee Lollar- Gießen ein Verkehrs­unfall, dem 2 Motorradfahrer zum Opfer fielen. Dem beklag­ten Autoführer, mit dessen Wagen die Unglücklichen zusammen­stießen, konnte ein Verschulden nicht nachgewiesen werden. Er wurde freigesprochen.

* Warnung an Bäder- und Konditoreien. Unter der Be­zeichnung ,, Buttergebäd" darf nur solches Gebäck in den Ver­fehr gebracht werden, welches nicht unter Verwendung von Margarine, Schweineschmalz oder sonstigem Nicht butterfett her­gestellt ist.

* Staatsbürgerliche Bildungstagung für den Kreis Gießen. Die Landes- Abteilung Hessen der Reichszentrale für Heimat­dienst der amtlichen Aufklärungsstelle der Reichsregierung

veranstaltet im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen und sach­politischen Bildungsarbeit am Mittwoch, den 19. November, vor­mittags 9.30 Uhr, eine Staatsbürgerliche Bildungstagung" im Café Leib.

* Vom Stadttheater. Das Stadttheater, das berühmt ist, mit geringen Mitteln seine Bühne allen Anforderungen in tech­nischer Hinsicht entsprechend zu vervollkommnen, hat nun auch eine Drehbühne erhalten. Dank einer geschickten und kunst­sinnigen Ausarbeitung der beiden technischen Bühnenvorstände, August Keim und Karl Löffler, ist es gelungen, aus alten Beständen des Bühnenmaterials und unter Verwendung der bereits vorhandenen Bühnenwagen eine für seine Zwecke völlig ausreichende Drehbühne zu konstruieren.

* Stadtheater. Morgen früh kommt als erste Aufführung ein Kammerspielzyklus, ein Spiel von J. M. Becker ,, Der Brückengeist" unter der Regie des Intendanten, zur Auffüh­rung.

Gießener Konzertverein. Morgen nachmittag hält der Konzertverein in der Neuen Aula unter Mitwirkung des Rosé­Quartetts sein 2. Abonnementskonzert ab.

* Kirchenkonzert. Die Lukasgemeinde hält morgen abend in der Johanneskirche ein Kirchenkonzert mit Unterstützung des Organisten Nebeling, der Sopranistin Frl. v. d. Heydt sowie des Bläserchors des Vereins f. christliche Musik ab. Erwerbs­lose und Angehörige haben freien Zutritt.

* Akademischer Gottesdienst. Privatdozent D. Brunner hält morgen früh, 11,15 Uhr, in der Neuen Aula einen Univer­sitäts- Gottesdienst ab.

* Lichtspielhaus. Als 5. Kulturfilm- Veranstaltung kommt morgen früh ein Italien- Film zur Vorführung.

* Geflügel: und Vogelzucht- Verein. Heute abend hält der Verein bei Gastwirt Henkel seine Monatsversammlung ab. * M. T. V. Der Verein hält heute abend auf der Liebigs­höhe sein Winterfest ab.

* Baukunst- Ausstellung. Im Einhorn" am Kirchenplatz wird die kommende Woche eine Baukunst- Ausstellung des be­fannten Hamburger Architekten Höger gezeigt.

* Neuzeitliche Küchenführung. Ein zweitägiger Lehrgang findet am Montag und Dienstag nächster Woche im Kauf­männischen Vereinshaus statt.

Aus Nah und Fern.

Vilbel. Am 30. November findet die Einweihung der städtischen Turnhalle statt. In dem Neubau sind Räume für die Feuerwehr sowie für die Mütter- und Säuglingsberatungs­stelle geschaffen.

Tumult in einer Reichsbanner- Versammlung. Darmstadt, 14. 11. Zu einer wahren Saalschlacht kam es gestern abend in einer Versammlung des Reichsbanners Schwarz- Rot- Gold, in der der frühere Nachrichtenoffizier der Obersten Heeresleitung, Major a. D. Anker, sprach. Die Ver­sammlung war von Angehörigen aus allen politischen Lagern besucht. Der Redner, der zu dem Thema Hitler auf der An­flagebank" sprechen wollte, wurde in seinen ersten Ausführungen ziemlich ruhig angehört. Als er aber dann auf sein Thema zu sprechen kam, gab es unerhörte Tumultszenen und es kam zu schweren Schlägereien zwischen Nationalsozialisten, Kommu­nisten und Reichsbannerleuten. Wiederholt mußte die Polizei eingreifen. Zweimal sah es so aus, als ob die Versammlung auffliegen sollte. Die Ruhe wurde erst wieder hergestellt, als einige Nationalsozialisten aus dem Saal entfernt wurden. Vor dem Lokal setzten sich die Demonstrationen fort.

Spionage in Mainz.

Nr. 91

Mainz. Daß die Franzosen aus dem ehemals besetzten Ge­biet nicht abzogen, ohne Spionage zu hinterlassen, beweist wiederum ein Verfahren wegen Spionage gegen zwei in Mainz wohnhaft gewesene Deutsche, die gestern vom hiesigen Landge­richtsgefängnis zur Aburteilung beim Oberlandesgericht in Darmstadt unter starker Bedeckung dorthin überführt wurden. Es handelt sich um einen gewissen Max Neukirch und um einen früheren Schirrmeister Ramm von hier.

Werkspionage.

Worms, 14. Nov. Nachdem bereits vor einigen Tagen der früher in dem Lederwerk Liebenau von Ludwig von Heyl be­schäftigte Obermeister aus Burstadt verhaftet wurde, ist nun wegen Werkspionage der frühere Direktor des Werkes Liebe­nau, Charles Eiseler, beim Ueberschreiten der Grenze in Kehl, und sein Sohn beim Uebernachten in Mannheim festgenommen

worden.

Stadterweiterung Marburgs.

Marburg. Der Preußische Landtag nahm in seiner letzten Plenarsizung endgültig den Gesetzentwurf über die Erweiterung des Stadtkreises Marburg an. Durch die Vorlage sollen die Landgemeinde Ockershausen, sowie Teile der Landgemeinde Cappel in den Stadtkreis Marburg eingegliedert werden. Das Gesetz soll am 1. Januar 1931 in Kraft treten.

Für das Dillgebiet.

Siegen. In einer hier abgehaltenen Sitzung der Industrie­und Handelskammer vertrat der Vorsitzende, Generaldirektor Jütte, den Standpunkt, es sei unbedingt erforderlich, daß Reich und Staat dem Notstandsgebiet an Sieg, Dill und Lahn die seitherige Beihilfe, von der Reich und Staat nachgewiese­nermaßen mehr Einnahmen als Ausgaben gehabt haben, auch nach dem 31. März n. J. gewähren und nicht wegen etwaiger unbequemen Konsequenzen sich ablehnend verhalten. Ein glei­ches Entgegenkommen müsse auch von der Reichsbahnverwaltung bezüglich des Erzausnahmetarifes erwartet werden. Die Wei­tergewährung sollte nicht nur mit Rücksicht auf die Industrie, sondern in erster Linie im allgemeinen volkswirtschaftlichen und nationalen Interesse geschehen. Es wäre unverständlich, wenn man den inländischen Eisensteinbergbau, in dem der des Sieg, Dill und Lahngebietes eine Hauptrolle spiele, zugunsten der Erzbezüge aus dem Auslande opfern wolle.

Bad Pyrmont, 14. 11. Direktor Schmutzler und Prokurist Heiner der Pyrmonter Bank sind in das Hamelner Amtsge­richtsgefängnis eingeliefert worden.

Hamburg. Die Hamburger Jutesspinnerei und Weberei Delmenhorst hat der gesamten Belegschaft des Werkes zum 15. November gekündigt. Die Direktion plant, einen allgemei­nen Lohnabbau durchzuführen.

71 000 Mart unterschlagen.

Berlin, 14. Nov. Der Stadtoberingenieur Möllerke, der beschuldigt wird, in den Jahren 1924 bis 1929 Amtsgelder in Höhe von 71 000 Mark unterschlagen zu haben, wurde vom Schöffengericht Schöneberg wegen fortgesetzter schwerer Amts­unterschlagung unter Versagung mildernder Umstände zu zwei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrenrechtsverlust verur­teilt. Auf die Untersuchungshaft werden 11 Monate angerech net.

Freystadt, 14. 11. Ein Landwirt fuhr mit einem Wagen Kartoffel vor das Finanzamt, um seine rückständigen Steuern zu bezahlen. Das Zahlungsmittel wurde abgelehnt.

Do. X auf dem Meere.

Paris, 14. Nov. Nach den um 22 Uhr ME3. in Paris ein­getroffenen Nachrichten ist ,, Do X" in der Nähe von Rochefort auf das Wasser niedergegangen. Das Flugschiff hat wegen Dunkelheit um 18.05 ME3. bei Les Sables eine Zwischen­wasserung vorgenommen. Die Passagiere schlafen an Bord des Flugschiffes. Am Samstag früh wird die Reise fortgesetzt.

Große Sturmschäden im Memeler Hafen. Memel, 14. Nov. Der seit zwei Tagen tobende Weststurm an den memelländischen Küsten hat insbesondere im Memeler Hafen ungeheuren Schaden verursacht. Während des ganzen Donnerstiag u. auch am Freitag ist die Straßenbahnverbindung zwischen der Stadt und Strandvilla ,, Leuchtturm" unterbrochen, da ein großer Teil der Strecke durch die über die Molen hin­weggehende Brandung unter Wasser gesetzt und die ganze Chaussee durch umgestürzte Bäume gesperrt und metertief über­schwemmt war. Eine große Anzahl der am Bollwerk liegenden

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