Samstag, den 15. Februar 1929.
Die Not der Bauwirtschaft und ihre Behebung.
Von Dr. Paul Ruprecht, Syndikus der Dresdner Kaufmannschaft.
Das Baugewerbe hat für jede Volkswirtschaft eine ganz besondere Bedeutung, denn mit ihm hängen so viele Gewerbe zusammen, daß man ihm mit Recht einen geradezu konjunkturbestimmenden Einfluß zuschreibt. Deshalb ist es besonders bedenklich, daß der deutsche Baumarkt augenblicklich in einer Lage ist, die die Zeitungen berechtigt, von seinem Verfall" zu sprechen.
Gießener Zeitung
lage ist also dieses Mittel nichts anderes, wie den Teufel mit Beelzebub austreiben. Dasselbe gilt von dem Vorschlag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, zur Behebung der Arbeitslosigkeit, die z. Zt. geseglich erschwerte Aufnahme von Auslandsarbeiten freizugeben, denn deren Verzinsung entzieht der deutschen Wirtschaft laufend Kapital und beeinträchtigt dadurch die Kapitalbildung, deren Fehlen letzten Endes für die Nöte des Baumarktes verantwortlich ist.
Während also die Wünsche der Unternehmer an die Geldknappheit der öffentlichen Hand von selbst scheitern, steht den Vorschlägen der Gewerkschaften die schlechte Wirtschaftslage entgegen. Wenn aber die Behauptung des Reichsverbandes der deutschen Industrie, daß ,, das Baugewerbe in Zeiten wirtschaftlicher Depressionen von jeher berufen gewesen ist, die zum Stillstand gekommenen Räder der Wirtschaft wieder in Gang zu bringen", noch heute richtig ist, dann müßte aus diesem Dilemma ein Ausweg gefunden werden, selbst wenn damit wirt
man doch berücksichtigen, daß eine Erleichterung des Arbeitsmarktes, die mit einer Belebung des Baumarktes einhergehen würde, der Wirtschaft an anderer Stelle Ausgaben erspart und ihr dadurch einen Ausgleich schafft.
Rentabilität nicht sicher ist, zumal die Löhne im Baugewerbe durch die Ausschaltung des privaten Unternehmertums überhöht sind und nach deren unvermeidlichen Abbau mit niedrigen Baukosten zu rechnen ist.(? D. Red.)
Nr. 13.
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Die heutige Bauwirtschaft hat also in eine Sackgasse geerkennen wolführt, weil unsere Wirtschaftspolitik nicht hat len, wie Dr. Gustav Stolper sagt, daß ,, Lohn, Soziallast, Zins und Steuer eine unauflösbare Einheit bilden, in der ein Element sich vermindern muß, wenn ein anderes sich vergrößert." Es ist eben in der Volkswirtschaft wie beim Kriegsschiffbau, wo jeder neue Typ immer nur ein anderer Kompromiß zwischen Panzerung, Bestückung und Geschwindigkeit sein kann. Daß man dies mißachtet und eine Wirtschafts-, insbesondere eine Lohn- und Sozialpolitik getrieben hat, die die anderen Daten der Wirtschaft, vor allem die Einnahmen, nicht in Betracht gezogen hat, ist schuld an dem bestehenden Kapitalmangel, an der Krise der öffentlichen Kassen und damit an der in wachsender Arbeitslosigkeit zum Ausdruck kommenden Massennot.
Dieser kommt darin zum Ausdruck, daß in dieser Saison trotz der günstigen Herbstwitterung die Arbeitslosigkeit bei den Bauarbeitern schon lange vor der am 9. Dezember einsetzenden Periode der Saisonarbeiterunterstützung einen unverhältnismäßig starken Umfang angenommen hat. To betrug der Durchschaftliche Nachteile verbunden wären. Denn schließlich muß schnitt der Erwerbslosigkeit bei den Arbeitern der vom Baumarkt abhängigen Gewerbe Ende September 12,8 Prozent, Ende Oktober 17,7 Prozent und Ende November 28,6 Prozent, während die entsprechenden Zahlen in der sonstigen Wirtschaft waren 8,9 Prozent, 9,2 Prozent und 19,2 Prozent. Die in diesen Zahlen zum Ausdruck kommende Entwicklung ist um so bedenklicher, als die Bauwirtschaft der Zahl der für sie tätigen Arbeiter nach, die etwa 3 Millionen Werktätige umfaßt, in der deutschen Gütererzeugung an zweiter Stelle steht. Es erscheint daher durchaus glaublich, daß der gesamte Herstellungswert an Hoch, Tief- und Straßenbauten im vergangenen Jahre auf 8 bis 9 Milliarden Rmk. veranschlagt wird.
Bei dieser Sachlage ist es begreiflich, daß nicht nur die Wirtschaftsvertretungen der Unternehmer, sondern auch die Gewerkschaften in der Deffentlichkeit für eine Belebung des Baumarktes durch Staat und Gemeinden eintreten und auf die Gefahren seiner Vernachlässigung hinweisen. Für die Unternehmer hat sich vor allem die Fachgruppe Bauindustrie beim Reichsverband der deutschen Industrie eingesetzt und zwar durch eine an die Reichsregierung gerichtete Eingabe in der im Namen aller baugewerblichen Zentralverbände, die dringende Bitte an Reich, Länder und Stadtverwaltungen um Vergebung von Bauarbeiten gerichtet wird. In der gleichen Richtung bewegen sich die Bemühungen der Bauarbeitergewerkschaften.
Daß sie kommen würde, haben die Kundigen vorausge sehen und voraussehen können, ebenso daß die Bauwirtschaft davon keine Ausnahme bilden würde. Ja, man kann sogar sagen, daß sie mit einem besonders starken Rückschlag hat rechnen müssen, weil sie sich durch die Bautätigkeit der öffentlichen Hand einer künstlich auf Kosten der übrigen Wirtschaft emporgeschraubten Konjunktur erfreut.
Es erhebt sich also in diesem Zusammenhange die Frage, ob die deutsche Bauwirtschaft auch unter den heutigen Verhält nissen noch in dem Umfange wie früher als das Schlüsselge werbe für viele andere Industrien anzusehen ist. Leider muß hierauf eine verneinende Antwort gegeben werden, und zwar weil die günstige Lage, deren sich die Bauwirtschaft bis jetzt durch die öffentliche Ausgabenwirtschaft erfreut hat, mit groBen Nachteilen für andere Gewerbe erkauft worden ist. So hat z. B. die Betätigung der öffentlichen Hand als Bauherr dem Baugewerbe zwar große Aufträge verschafft, mit deren Finanzierung jedoch die Entwicklung der übrigen Wirtschaft und deren Kapitalbildung gehemmt. Besonders deutlich macht dies die Lage des Hausbesizers, dem mit Hilfe der Mietzinssteuer die Mittel genommen werden, seinen Besit so instandzuhalten, wie das eine geordnete Verwaltung verlangt, um dadurch der öffent: lichen Hand Einnahmen zu verschaffen, mit deren Hilfe sie Milliardenaufträge im Jahre vergibt. Darin aber liegt der Unterschied in der jetzigen Bedeutung des Baumarktes für die übrige Wirtschaft gegenüber derjenigen in der Vorkriegszeit. Während damals sein Gedeihen mit einer guten Allgemeinkonjunktur, von der es dahingestellt bleibt, ob sie Ursache oder Folge davon gewesen ist, einhergegangen ist, erfolgt es heute auf Kosten der übrigen Wirtschaft oder wichtiger Teile von ihr.
Diese Wünsche beider Parteien, so verständlich sie an sich sind, stoßen, worüber sie sich wohl klar sind, auf eine Notlage ihrer heutigen Auftraggeber. Während aber die Arbeitgebervertretungen diese insofern anerkennen, als sie sich damit begnügen ,,, die höchsten Behörden des Reiches, der Länder und der deutschen Städte zu bitten, sobald als möglich Abhilfe zu schaffen", fordern die Gewerkschaften die Bereitstellung der dafür erforderlichen Mittel ohne Rücksicht auf die Lage und die Erfordernisse der übrigen Wirtschaft. Wenn z. B. verlangt wird, daß die Sparkasseneinlagen und die Reserven der Angestelltenversicherung, die heute sicherlich anderweitig zinstragend angelegt sind, künftig dem Baumarkt zugewendet werden sollen, dann bedeutet dies eine Kreditverknappung und damit eine Einschränkung des sonstigen Arbeitsmarktes. Für die Arbeitsmarkt
Otto Böckel.
In den Hessischen Blättern für Volfsfunde" vom Jahre 1924 hat der Oberbibliothe= Bar Professor Dr. Hugo Hepding zu Gießen anläßlich des Todes Dr. Dito Böckels diesem als einen verdienstvollen Volksliedersammler einen schönen Artikel gewidmet, den wir mit freundlicher Zustimmung des Verfassers hiermit zum Abdruck bringen.
Otto Bödel f †.
Daß dieser Rückschlag bei den Bauarbeitern eine so starke Arbeitslosigkeit hervorgerufen hat, ist eine höchst unerwünschte Erscheinung, die jedoch vom deutschen Volke als grausame Strafe für die verfehlte Finanzpolitik seiner berufenen Führer hingenommen werden muß, weil es kein anderes Mittel dagegen gibt, wie eine Abkehr von der bisherigen Wirtschaftspolitik, die in der Erfüllung folgender Forderungen zum Ausdruck kommen muß:
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Zunächst muß sich die öffentliche Hand allmählich vom Baumarkt, soweit er dem schärfer kalkulierenden und daher billiger arbeitenden Privatkapital zukommt, zurückziehen und zwar auch auf die Gefahr hin, daß dieses den Zeitpunkt, sich hier zu betätigen, noch nicht gekommen sieht. Um seine Herbeiführung zu beschleunigen, sind gesetzliche Bestimmungen zu tref= fen, die den deutschen Kapitalisten, die ihre Gelder, um sie nicht der uferlosen Ausgabenwirtschaft der Parteien auszuliefern, ins Ausland verbracht haben, deren Rückführung ermöglicht. Abgesehen davon, muß ihnen aber auch ein Anreiz gegeben werden und zwar durch eine zu einer wirklichen Steuersenkung führende und eine geordnete Finanzwirtschaft verbürgende Finanzreform, die endlich die schon längst in Aussicht gestellte Genkung der Realsteuern, besonders in den Gemeinden bringt. Die Höhe dieser Ausgaben ist nämlich nicht zum wenigsten daran schuld, daß sich das Privatkapital so stark vom Grundstücks- und Baumarkt fernhält. Zu dieser Haltung trägt auch viel der Umstand bei, daß immer wieder durch die Presse Meldungen gehen, wonach im Reichstag und in den Landtagen zur Durchführung der sogenannten Bodenreform Geseze in Vorbereitung sein sollen, die auf eine entschädigungslose Enteignung von Bauland hinauslaufen.
Daß dies aber so ist, liegt fast ausschließlich daran, daß der heutige Baumarkt weit weniger vom Privatkapital wie von der öffentlichen Hand befruchtet wird, die auf die wirtschaftliche| Lage, insbesondere die Zinsentwicklung keine Rücksicht genommen und dadurch den Baukosteninder auf über 180 Prozent gesteigert hat, während der Lebenshaltungsindex kaum 155 Prozent beträgt. Eine private Bauwirtschaft hätte dieser Entwicklung sicherlich nicht tatenlos zugesehen, sondern ihre Bautätigkeit eingeschränkt, um Kapital anzusammeln, bis der Zinsfuß sich dadurch gesenkt hätte. So wie er heute ist, kann aber der Privatkapitalist keinen Reiz darin finden, Häuser zu bauen, da deren
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Schätze von volkskundlichen Nachweisen nicht nur für das Volkslied, sondern auch für Volkssage, Sitte und Brauch, Volksglau> ben und Aberglauben hier aufgespeichert sind( z. B. über den Rosmarin als Sinnbild der Liebe und des Tods, die Diebsferze aus dem Finger eines ungeborenen Kindes, das Minnetrinken, die Turteltaube in der mittelalterlichen Symbolik, die Verbreitung des Lenorestoffs, den Kampf der Kirche gegen die Volksdichtung u. a. m.) Die große Bedeutung der Melodie für das Volkslied kennt Bödel sehr genau, trotzdem hat sein Buch den einen großen Fehler, daß die Melodien bei den aufgezeichneten Liedern fehlen.
Am 19. September 1923 ist in Michendorf in der Mark ein Mann gestorben, dessen Name unzertrennlich mit der Volksbunde unserer Heimat verknüpft ist. Otto Bödel, am 2. Juli 1859 in Frankfurt a. M. geboren, studierte von 1878-82 zuerst in Gießen und Heidelberg Jurisprudenz und Nationalökonomie, dann in Marburg und Leipzig neuere Sprachen. Als Gießener Student legte er im W.-S. 1879/80 den Grund zu seiner Volksliedersammlung ,,, so manche liebe lange Nacht auf einsamen Wegen wandernd" nach den Dörfern jenseits der Lahn, oft ,, im finstern Gehölz verirrt oder im Schneegestöber vom Wege abgekommen, Auslug haltend nach dem Lichtlein, das den gesuchten Ort verraten sollte, und horchend, ob sich nicht fern, ganz fern die getragenen schwermütigen, mehrstimmigen Klänge eines jener hessischen Volkslieder vernehmen ließen.... Es war einsam, aber selig Wandern in den hoffnungsreichen Tagen blühender Jugend". In den Spinnstuben von Heuchelheim und Gleiberg ist er ein häufiger Gast; in Heuchelheim feiert er die Fastnacht mit, in Gleiberg ist der Nachtwächter sein bester Gewährsmann; in Krofdorf, Vetzberg, Fellingshausen, Launsbach, Kinzenbach, Atzbach, Lützel- Linden, Lang- Göns, Londorf und Alten- Bused, in den Soldaten- und Handwerksburschenkneipen Gießens zeichnet er Lieder auf nach dem Gesang oder nach Diktat, hie und da erhält er auch einmal ein kleines, Handschriftliches Liederbuch.( Lieder aus der Marburger und ein paar aus der Friedberger Gegend sind dann noch hinzugekommen, und einige aus dem Hinterland steuerte im Crecelius bei.) 1882, auf Grund einer romanistischen Arbeit in Marburg zum Doktor promoviert, trat er 1883 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an der dortigen Universitäts- Bibliothek ein. Es be= ginnt nun eine Zeit eindringendster volkskundlicher Studien, wobei sein Gesichtskreis nicht auf Deutschland beschränkt bleibt: man kann nicht genug staunen, was er alles an Volksüberlieferungen der europäischen Völker und an ethnographischer Literatur damals durchgearbeitet hat.
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schönen, inhaltsreichen Werk Psychologie der Volksdichtung" ( Leipzig 1906, 2. verb. Aufl. 1913: V, 419 S.). Es ist auch für weitere Kreise berechnet und läßt daher mancherlei von der Gelehrsamkeit seines ersten Buchs weg, so daß dies ,, auch fernerhin seinen Wert behält". Die Weite des Blids, die nicht an den deutschen Grenzen Halt macht, zeichnet auch dieses Buch vor vielen anderen aus der inzwischen start angeschwollenen Volksliteratur aus. Der Freund des Volkslieds wird immer wieder gern zu diesem warmherzigen, mit echter Begeisterung geschriebenen und bei aller Wissenschaftlichkeit doch mehr nach Waldesluft als nach der Studierlampe riechenden Werke greifen, und auch der Gelehrte wird es, wenn auch die Volksliedforsung jetzt vielfach andere Wege geht und manche Anschauung als veraltet oder romantisch ablehnen wird, stets mit Nutzen zu Rate ziehen. 1908 folgte eine völlige Neugestaltung von Vilmars Hand büchlein unter dem Titel„ Handbuch des deutschen Bolkslieds" ( Marburg. VI, 393 S.), eine Auswahl der besten deutschen Volkslieder( leider auch ohne Melodie) mit verbindendem Text, der sich diesmal, was B. einst bei Vilmar getadelt, ganz auf den deutschen Volksgesang beschränkt, ein Buch, das ich vor allem in jede Schulbibliothek wünschen möchte. Eine Reihe von anspruchslosen, kleinen, tiefempfundenen Naturschilderungen vereinigte B. unter dem Titel„ Dorfbilder aus Hessen und der Mart"( Gießen 1908. 241 G.). Viel Schwermut und Heimatsehnsucht schreibt sich dabei der einsame, müde Mann vom Her= zen. Aber er arbeitet fleißig an den alten, lieben Stoffen weiter: den Versuch, den schwer übersehbaren deutschen Sagenstoff zu gliedern und in einem Bändchen der Sammlung ,, Aus Natur und Geisteswelt" knapp zusammenzufassen( ,, Die deutsche Volks: sage. 1909. IV, 162 S.), darf man als wohlgelungen bezeichnen. Möchten viele seinen Aufruf zum Sammeln der alten Ueberlieferungen befolgen, solange es noch Zeit ist; ,, es geht gegen den Abend", und es ist schon zu viel ,, erloschen und mit den Trägern zu Grabe gegangen". Gut wird als nächstes Ziel der Plan einer einheitlichen kritischen Sammlung aller deutschen Sagentypen umrissen. 1917 erschien dann noch in der„ Deutschkundlichen Bücherei" ein Hilfsbüchlein für den deutschen Unterricht,„ Das deutsche Volkslied". Es befriedigt wohl am wenigsten von B.s volkskundlichen Schriften und berücksichtigt kaum die neuere For schung.
Die Vorrede, die er im selben Jahr zu der von Crece= Iius bearbeiteten und von Böckel durchgesehenen 3. Auflage von Vilmars ,, Handbüchlein für Freunde des deutschen Volks= liedes"( Marburg 1886) schrieb, endet unter Hinweis auf die blühenden voltstundlichen Studien in anderen Ländern mit einem Mahnruf, auch in Deutschland, dem„ Vaterland der Folkloristik" die volkskundliche Sammlung und Forschung wieder neu zu beleben und durch die Verbindung mit Ethnographie und Kulturgeschichte zu befruchten. Ihm selbst schwebt als groBes Ziel eine ,, Geschichte des Volkslieds auf der Basis der völtervergleichenden Studien" vor. Er wäre dafür der rechte Mann gewesen, und er wäre auch berufen gewesen, bei dem wenige Jahre später einsetzenden Wiederaufblühen der wissenschaftlichen Volkskunde eine führende Rolle zu spielen. Eine tiefe Liebe zu unserem Volt, vor allem zum deutschen Bauerntum, beseelte ihn; dem deutschen Bauernstand, dessen Gefährdung durch die moderne Zivilisation er in den schwärzesten Farben sah, hatte er seine ,, Volkslieder aus Oberhessen" gewidmet. Die Liebe zum Bauerntum war es auch, die ihn damals in die Politik trieb, ihn dazu brachte, seine wissenschaftliche Arbeit und schließlich sogar seinen wissenschaftlichen Beruf aufzugeben. In den Volksversammlungen riß er mit seiner glänzenden volkstümlichen Beredsamkeit das Landvolk mit, und er entfachte in Hessen eine Bauernbewegung, die ihn für einige Jahre zu einem der populärsten, höchstverehrten oder bestgehaßten Männer machte. Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, daß sogar im Kinderspiel der Begel oft eine große Rolle spielte. Es ist nicht meine Sache, hier über diese seine politische Tätigkeit ein Urteil zu fällen. Von 1887-1903 vertrat Böckel als antisemitischer Abgeordneter den Wahlkreis Marburg- Kirchhain im Reichstag. Der Zusammenbruch des Verlags des von ihm gegründeten ,, Reichsherold" brachte ihn an den Ruin. 1894 war er nach Berlin gezogen, um eine Stelle als Versicherungsbeamter zu übernehmen. Nachdem er sich von der Politik hatte zurüdziehen müssen, lebte er, vielfach von schwerer Krankheit heimgesucht und in wirtschaftlicher Not, in dem oben genannten kleinen märkischen Dorf. Und ,, in diesen Zeiten, wo die Hoffnungen wie welke Blätter fielen, ward es mir", so schreibt er ,,, ein Bedürfnis, zu den Studien zurüczukehren, die einst meine sonnigen Tage verklärt hatten. Es befiel mich wie Heimweh nach dem Volksliede." Da holt er denn seine Marburger Sammlungen und Notizen und seine Bücher wieder hervor und führt nun die Gedanken aus der Einleitung zu den oberhessischen Volksliedern weiter aus in dem
Im Jahre 1885 veröffentlicht er seine„ Deutschen Volts: lieder aus Oberhessen", 122 Lieder, 3. T. in mehreren Fassungen, mit genauen Angaben über den Fundort und bereits bekannte Varianten. Außer einem kleinen Wörterbuch der KundenSprache, das er auf seinen Wanderungen im Hessenland bei den Handwerksburschen zusammengebracht hat, ist eine 188 Seiten aumfassende ,, bulturhistorisch- ethnographische Einleitung" beigegeben, die von einer solchen Gelehrsamkeit und Belesenheit des Verfassers zeugt, daß ich jedesmal wieder, wenn ich sie aufschlage, mich verwundere und nur bedauere, daß so wenige wissen, welche
Zu unseren ,, Blättern" hat B. nur einen kleinen Beitrag beigesteuert: ,, Boltsrätsel aus dem Vogelsberg"( aus dem Nachlaß von Th. Bindewald) in Bd. 2. Das Manuskript seiner Sammlung oberhessischer Volkslieder hat unsere Vereinigung 1909 für unser Archiv erworben.
Aufruf der S
evangelischen Gesamtbild de heit tiefstes, in edelites Bildun
gewiffen und a tehen. In De Präsidenten des bei den Lande russischen Chris fuperintendente eine Rundgebu betannt gewor
Wenn Wandervögel auf ihren Fahrten durch Michendorf kamen, versäumten sie nicht, vor Böckels Haus Halt zu machen und ihm eins seiner lieben Volkslieder zu singen, die er, wie der junge Goethe ,,, auf dem Herzen getragen" hatte. Das war ihm in den letzten, für ihn so besonders schweren Jahren, wie man mir mitteilt, immer eine große Freude. Mögen seine Bü cher noch vielen ein Führer sein zu den herrlichen Schätzen un= serer Volksdichtung! Hugo Hepding.
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