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Samstag, den 13. September 1930.

Nachmittag war ein Presseempfang. Am nächsten Tage wurde der Bundestag in Gegenwart zahlreicher Vertreter der Reichs­* 6 bärden, der Richter Rechtsanwälte, Notare un' der Wirtschaftsverbände eröffnet. Der Bundesgeschäftsführer, Oberamtsanwalt Sartamm, Berlin, erstattete den Geschäfts­bericht, der sich in der Hauptsache mit der Rechtspflegerein­richtung, d. h. der selbständigen Erledigung früher vom Richter wahrgenommener Geschäfte, durch fachgebildete Beamte, ohne akademische Ausbildung, befaßte. Der Bericht gab Aufschluß über die erheblichen Ersparnisse( in Preußen allein 24,3 Mill. Reichsmark jährlich), die durch die Durchführung des Grund­satzes, keine Arbeit von einer teuereren Kraft erledigen zu lassen, für die eine billigere genügt, erzielt worden sind. Die anwesenden Vertreter der höchsten Justizbehörden und der Rechtsanwaltschaft gaben der überzeugung Ausdruck, daß die Durchführung der großen Justizreform ohne die Einbeziehung und Erweiterung der Rechtspflegereinrichtung einfach nicht denkbar sei. Diesen Gedanken führte der Bundesvorsitzende Schlegel auf einer am Sonntag abgehaltenen öffentlichen Kundgebung weiter aus. Weiterer Gegenstand der Beratungen war der Entwurf einer ,, Rechtspflegerverordnung", der die bei­spiellose Buntscheckigkeit der Ausführungsbestimmungen der Länder zum Reichsgesetz zur Entlastung der Gerichte, der ge= setzlichen Grundlage der Rechtspflegertätigkeit, vereinheitlichen soll. Die Tagung war ein voller Erfolg.

Wann sollen wir falfen?

Von Landwirtschaftslehrer Dr. P. Lieb. Sowohl der Landwirt als auch der Gartenbesitzer sind sich über die Zeit des Unterbringens des Kalkes oft nicht recht im Klaren! Es kommt ganz darauf an, was erreicht werden soll, im allgemeinen aber ist der Spätsommer bezw. Herbst die ge­eignetste Zeit zum. Kalken.

Böden, die entsäuert werden sollen, kalke man ,, nur" im Herbst, damit die notwendigen Umsetzungen im Boden genügend Zeit finden. Kleinere Kalkgaben kann man noch kurz vor der Saat geben, ev. oben auf streuen, auch bei Kartoffeln ist dies nach dem Legen noch angängig. Welche Arten von Kalk sollen wir nun nehmen? Schweren, untätigen Böden gebe man Brannt­kalk( 5-6 dz. je ½ ha), an die leichteren Böden verabfolge man 8-10 dz. Kalf in Form von Kalkmergel. Für die schnellere Wirkung dieser beiden Kalkformen ist lediglich der Feinheits­grad und der Grad der Vermischung im Boden ausschlagge­bend. Sehr zweckmäßig ist ein Ausstreuen des Kalkes im Herbst

auf die Stoppeln, die dann leicht geschält und später tiefge­pflügt werden, wo dies nicht angängig, ausstreuen( entweder mit der Maschine oder mit der Schaufel gleich vom Wagen her­unter) und tiefpflügen, es muß aber darauf die schwere Egge folgen, damit der Kalk im Boden gut verteilt wird.

Kraft aus der Urheimat des Lebens.

Was zieht den Menschen an die Nordsee, auf diese kleinen Inseln, denen so manches fehlt, was der heutige Mensch ver­langt? Ich kenne die Vorzüge der See, ihre Sonne, ihren Wind, ihre würzige milde Luft. Ich weiß auch das: selbst in der schönsten Gegend gibt es keine so ideale Stätte für Er­holung, fröhliches Nichtstun, vollkommene Freiheit von Zwang, wie den Strand, den breiten, hellen Strand mit der rythmi­schen einlullenden Brandung, und in keinem Badeort, mag die

,, Gießener Zeitung"

Quelle noch so salzig und moussierend der Erde entspringen, gibt es ein so wonnevolles Bad wie im flargrünen Nordsee­wasser unter der blauen Himmelsglocke. Es gibt aber noch et= was, ein Unbewußtes, das an das Meer zieht. Das Meer, die Meeresküste ist die Urheimat alles Lebendigen. Alles, jede Art, ob Pflanze oder Tier, hat ihren allerältesten Stammvater zu suchen in dem warmen Schlamm und Dampf des Urmeeres. An dieser Stelle waren vor hunderten von Jahrmillionen die Bedingungen für die Entstehung des Lebens gegeben. Alle Be­standteile des Meerwassers sind in die Urzelle eingezogen. Es sind nicht blos die bekannten, wie Chlornatrium, Kalium, Magnesium, sondern so ziemlich alle Elemente, Eisen, Mangan, Kieselsäure, Jod, um einige zu nennen. Sie sind noch heute im Blutwasser alle vorhanden, in allerkleinsten Mengen, daher faum auffindbar und lange nicht beachtet, aber sie sind unent­behrlich. Das Geschöpf, auch der Mensch verliert Gesundheit und Widerstandskraft gegen Infektion und bösartige Ge­schwülste, wenn auch nur ein Bestandteil in der Nahrung fehlt. In den Meeresablagerungen der vergangenen Erdzeitalter, in den Schichten der Erdrinde und den Quellen, die aus ihnen hervorbrechen, sind sie enthalten. Aber reichlicher bergen sie die jungen, noch nicht ausgelaugten Ablagerungen des Meeres, den Schlamm der Marsch, deren Pflanzen, die Tiere, die auf ihr weiden und natürlich die Tiere und Pflanzen des Meeres selbst. Gerade in letzter Zeit wurde ja in gelehrten und all­gemein verständlichen Veröffentlichungen viel auf einen der charakteristischsten Bestandteile, das Jod und dessen reichliches Vorkommen in Luft, Pflanzen und Tiere an der Nordsee hin­gewiesen. Die Unentbehrlichkeit der gesamten Bestandteile des Meerwassers wird immer mehr von Ärzten betont. Ein Pro­fessor aus Preßburg sieht in deren Mangel eine Grundursache alles Krankwerden. Die Homöopathie gibt schon lange ver­dünntes Meerwasser, Maresan, ein Meerwasser enthaltender Brunnen von einer Zusammensetzung ähnlich dem Kissinger Ragozky, wird am Strand von Westerland ausgeschenkt. Man erkennt allmählich auch, daß das gereinigte Kochsalz der Sa­linen nicht so gesund ist, wie das nicht so schön weiße Salz, das aus dem Meerwasser durch Verdunsten gewonnen wird. Noch vor 150 Jahren war das friesische Salz auf den Halligen aus Seetorf und Seewasser gewonnen, ein Handelsartikel im Norden Deutschlands. Im Orient ist Krebs viel seltener als bei uns. Diese Immunität wird zurückgeführt u. a. auf den Gehalt des dortigen, weniger gereinigten Salzes an Magnesia.

,, Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des

rechten Weges wohl bewußt" sollte dies Dichterwort nicht blos für das sittliche, sondern auch für das natürliche, für das auf Erhaltung der Gesundheit abzielende Handeln gelten? Sollte die Bevorzugung des Meeresstrandes vor den schönsten Berg­landschaften bei ihren Besuchern nicht auf einem Instinkt be­ruhen, auf einem unbewußten Bedürfnis von Leib und Seele? Spricht dafür nicht wieder der überraschende Erfolg, die Widerherstellung von Kraft und Gesundheit?

Professor Hermann Wirth sucht das Ursprungsland der Menschheit, das Land, wo der Aufstieg vom Tier zum Mensch gelang, in der versunkenen Brücke zwischen Europa und Nord­amerika, auf der sagenhaften Atlantis. Dort sei das Klima diefer Entwicklung günstig gewesen, von dort haben sich im Laufe von hunderttausend Jahren Menschenströme nach Ost und West ergossen. Dies glückliche Golfstromklima ist noch heute das von Westeuropa. Das Klima der Nordseeinseln unterliegt zu 87% dem Ozean, nur zu 13% dem Kontinent. Sollte nicht

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auch dieser Gesichtspunkt das Recht geben, die Nordseeküste als Heimat zu bezeichnen? Dem ringenden Riesen Antäus gab die Berührung mit dem Boden der Mutter Erde immer neue Kraft, so tut auch die Einkehr in die alte Heimat dem Men­schen unserer harten Zeit wohl.

( San. Rat Dr. Gmelin)

Neue Bücher.

Diplomatische Unterwelt! Geheimgehaltene staatspolitische Vorgänge sind immer noch in der von den Nachwehen des Weltkrieges durchzuckten Welt von 1920/30 richtunggebend im Schicksal der Weltvölker. Aber was dringt davon an unsere Ohren? Wirklich als Sensation, und zwar im guten Sinne, greift in diese Dinge hinein das neue, spannungsgeladene Buch H. R. Berndorff Diplomatische Unterwelt"( mit Wieder­gabe von Geheimdokumenten im Anhang, Verlag Dieck& Co., Stuttgart, geh. RM 5.50, geb. RM 7.50). Dieses Buch geht in das wirkliche Gegenwartsleben hinein und zeigt auf Grund sonst streng verschlossener Quellen, was heute zwischen den Staaten wirklich gespielt wird. Da sind die Kapitel: Die Unterwelt der Diplomatie. Männer- Gestalten Schat­ten Depeschen aus Oberschlesien. Mr. Roberts aus Liverpool Das ist die GPU. der Tod des Capt. Reily Der russische GPU- Mann Kroschko im Berliner Tiergarten Mazedonien und der Diebstahl des italienischen Codes in Berlin Frankreich schlägt England am Bosporus! Schewki Bej schreit: Attentat auf Kemal Pascha!" gestohlene ägyptische Prinz. Wer ist Abraham? land Amanullah schlug- Indische Waffen. Die beiden Bü­cher der Simons Commission Engländer, Chinesen und Borodin Salon Dora Grün. Japan kämpft in Amerika Deutsche Offiziere in fremdem Sold. Die Pferde sind gesattelt -Depeschen in der Nacht. In wenigen Worten ist schlecht

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Der Wie Eng­

zu sagen, was dieses ungewöhnliche Buch ist. Die Menschen stehen überall auf dem Vulkan und wissen es nicht, und die Communiqués der Staaten übernebeln alles. Berndorff er­zählt was vorging, was im Staatenkampf vorgeschichte Män­ner und Frauen erlebten und wie sich dann die Waagschale der einzelnen Staaten schicksalsschwer hob und senkte. Aber cr erzählt so, daß einem der Atem stockt und die sogenannte friedliche Welt sieht man mit einemmal in ganz neuem Lichte. Um die Welt weht der Sturm. Er fegt die Völker durchein­ander, ein Hexentanz, ein Totentanz. Die Unterwelt wirft die Völker gegeneinander. Die Unterwelt tut ihre diabolische Pflicht. Ein Gedanke in der Nacht: Und wir? Sind wir all diesen Mächten ausgeliefert? Man fühlt: hier ist einer, der chrlich und selbst erschüttert erzählt, wie bunt und aben­teuerlid;, grell und dunkel die Welt durcheinander geworfen wird, während der friedliche Bürger schläft.

Zeitschriftenverschmelzung. Die bekannte Monatsschrift ,, Der Türmer", die bisher im Verlag von Greiner& Pfeiffer in Stutt­gari erschien, ist vom Verlag Heinrich Beenken in Berlin SW 19 erworben und mit dessen ,, Deutschen Monatsheften" verschmolzen worden. Die vereinigte Zeitschrift erscheint in erweitertem Um­fang unter dem Titel ,, Der Türmer Deutsche Monatshefte". Herausgeber ist der namhafte Schriftsteller Dr. Friedrich Ca­stelle.

Verantwortlich: Paul Christian Klein in Gießen.

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