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Nr. 90

Mittwoch, de

Mittwoch, den 12. November 1930.

Lokales.

Genkung der Brot und Fleischpreise.

Zu der Frage der Preissenkung hören wir aus Bäckerkreisen, daß der Brotpreis in Gießen bereits ermäßigt ist, und zwar der Preis für einen Vierpfundlaib( 2000 Gramm) von Anfang August von 85 Pfg. auf 80 Pfg. Anfang September, 75 Pfg. Anfang Oktober auf gegenwärtig 70 Pfg.; der Preis für einen 3weipfundlaib( 1000 Gramm) Brot von Anfang August von 43 Pfg. auf 40 Pfg. Anfang September, 38 Pfg. Anfang Ok­tober auf 35 Pfg. seit Anfang November. Im Vergleich hier­zu kostet das Vierpfundroggenbrot in Darmstadt heute noch 80 Pfg., das Vierpfundmischbrot 92 Pfg.( in Gießen 80 Pfg.), das gleiche Brot in Offenbach heute 78 bezw. 88 Pfg.- Gleich­zeitig haben die Fleischpreise in Gießen folgende Senkung er­fahren: Schweinefleisch Anfang August 1,10-1,40 Mark, je nach Qualität, Anfang September 1-1,40 Mart, seit Anfang Of­tober 90 Pfg. bis 1,20 Mark; Rindfleisch: Anfang August 1,30 bis 1,36 Mart, September- Oktober 1,24 bis 1,30 Mark, seit Kalbfleisch Anfang Anfang November 1,20 bis 1,28 Mark; August 1,30 bis 1,36 Mark, seit Anfang September 1,24 bis 1,30 Mart.

* Am Totensonntag, dem 23. November, sind öffentliche Versammlungen und Auszüge, die nicht gottesdienstlichen Zwecken dienen, verboten.

* Räumt die Felder gründlich und rechtzeitig von den Kohl­und Krautstrünken! Sie beherbergen häufig den sog. Hernie­pilz oder auch den Kohlgallenrüßler und dürfen daher nicht im Boden überwintern, sondern müssen samt Wurzeln alsbald nach beendeter Ernte eingesammelt und verbrannt werden.

* Aus dem Stadttheater. Nächsten Dienstag wird als Abonnementsvorstellung und Mittwoch als Fremdenvorstellung die überall beifällig aufgenommene Lehar'sche Operette Das Land des Lächelns" gegeben.

* Goethebund. Ein Bühnenspiel von Julius Maria Becker ,, Der Brückengeist" wird am Sonntag, dem 16. November, vor­mittags 11.15 Uhr, im Stadttheater als 1. Tag im Kammer­spielzyklus gegeben.

* Deutschnationaler Handlungsgehilfen- Verband. Kreis­geschäftsführer Klaue, Frankfurt a. M., hält am Donnerstag, dem 13. November, abends 8.30 Uhr, einen Vortrag über ,, Unsere Forderungen und Ziele in der Sozial- Politik" im Ver­bandsheim( Longstraße).

* 116er- Verbandstag. Der Verband ehem. 116er hielt am Sonntag seinen diesjährigen Herbstverbandstag ab, der aus allen Ortsgruppen besucht war. Der Tagung voraus ging an läßlich des zehnjährigen Bestehens der Gießener Ortsgruppe ein Stiftungsfest. Major v. Eisenhart- Rothe sprach über ,, Die Kämpfe der 116er bei Fresnon- Quesnoy". Die Schulden für das 116er- Denkmal sind restlos getilgt. Der nächste Verbands­tag und 116er- Tag für 1931 wurde Mainz übertragen. Kurt Mohr, der langjährige Vorsitzende, legte die Führung des Ver­bandes nieder. An seine Stelle wurde Aug. Noll- Gießen zum 1. Vorsitzenden, Dr. Knieriem- Bad Nauheim zum 2. Vorsitzen­den gewählt.

Der Verband evangelisch- kirchlicher Frauenvereine in Hessen hielt in Darmstadt seine gut besuchte Herbstversammlung ab. Vormittags war eine Besprechung der Vorstände über Fragen der inneren Arbeit vorausgegangen. Das Nachmittagsreferat des Geschäftsführers der ev. Frauenhilfe in Hessen- Nassau, Pfarrer Eibach, hatte die Aufgabe, die Frage von Notwendig feit und Segen der Organisation" herauszuarbeiten, in der Zeit der Ueberorganisation eine Notwendigket.

Straßensperrungen,

,, Gießener Zeitung"

Aus Nah und Fern.

Beerfelden. Die Wildschweinplage im Odenwald ist dieses Jahr ausnahmsweise groß. Man beobachtet oft Rudel von 20 und mehr Stück.

Die Sperrung der Straße Kirchhain- Hersfeld ab Chaussee­haus bis zur Kreisgrenze Marburg- Kirchhain ist ab 1. No­vember ds. Is. aufgehoben.

Der Nerz als gewinnbringendes Pelztier.

Von Richard Böhlert, Dessau.

Wetzlar. Auf einem Neubau in Großrechtenbach waren die Maurer Friedrich Reiz aus Großrechtenbach und Friedrich Bechthold aus Kleinrechtenbach mit dem Einlegen von Eisen­trägern beschäftigt. Plötzlich brach das Gerüst zusammen und beide stürzten in die Tiefe und wurden schwer verletzt.

Herborn. Der Herborner Martinimarkt wird am 17. No­vember abgehalten. Mit dem Vieh- und Krammarkt ist eine große Geflügelschau verbunden. Aus diesem Anlaß veranstaltet der Herborner Verkehrsverein eine Beleuchtung des Herborner Schlosses sowie eine Stadtbeleuchtung.

Altenkirchen( Westerwald). Als der 25 Jahre alte Chauffeur Kaspar Kappes aus Bonn auf der Landstraße zwischen Alten­kirchen und Wissen einem Langholzfuhrwerk ausweichen wollte ,, kam er mit seinem Lieferwagen zu nahe an den Straßenrand und fuhr mit voller Wucht gegen einen Baum. Hierbei wurde Kappes derart schwer verletzt, daß alsbald der Tod eintrat.

Marburg. Zwei Landwirtssöhne wurden auf der Land­straße von einem Auto überrannt und der eine schwer, der an­dere leichter verletzt.

Fleischpreissenkung auch in Frankfurt am Main.

Die Frankfurter Schweinemezgervereinigung hat in Berück­sichtigung der Wirtschaftslage die Verkaufspreise für Schweine­fleisch gegenüber dem Preise vom 1. Auguſt ds. Js. um 10 bis 20 Pfg., und die Preise für billige Wurstsorten um 20 bis 40 Pfg. je Pfund gesenkt.

Ein neuer, aufwärtsstrebender Wirtschaftszweig ist die Zucht edler Pelztiere. Von Nordamerika herüberkommend, hat diese Zucht auch in Deutschland erfolgreichen Eingang gefunden. Mit besonderem Interesse wandte man sich, schon mit Rücksicht auf die eringere Platzbeanspruchung und die niedrigeren Anschaf­fungskosten, der Zucht der Kleinpelztiere zu, unter denen der Nerz eine ganz hervorragende Stellung einnimmt. Die Not der Zeit, das Darniederliegen der deutschen Wirtschaft und die schwere Lost der immer drückender werdenden Steuern zwangen gebieterisch zur Suche nach neuen Einnahmequellen. Die Mög= lichkeit zu lohnender Betätigung bietet sich in der Zucht des kleinen, wertvollen Nerzes, eines der edelsten Pelztiere, die es in der Welt überhaupt gibt.

Frankfurt a. M. Die Genossenschaft m. b. H., Bankverein Frankfurt- Fechenheim, die schon lange mit Schwierigkeiten

kämpft, hat ihre Zahlungen eingestellt. Eine Mahnung des Rektors der Heidelberg. Universität. Heidelberg. Der Rektor der Universität Heidelberg erließ eine Kundgebung an die Studenten, in der er sich dagegen wen­det, daß sich viele Studenten mehr als nötig in den politischen Tagesstreit ziehen ließen, sehr zum Schaden ihres Studiums, und ihr Vertrauen den Lehrern nur deshalb entzögen, weil diese politisch anderer Meinung seien. Am Abend vor dieser Rede hatten 2000 Studenten und Altakademiker in einer Massenver­sammlung die Entfernung des Professors Gumbel verlangt.

Der Nerz ist etwas kleiner als der Steinmarder. Alle europäischen Nerzarten aber kommen wegen ihres geringwerti­gen Felles zur Zucht nicht in Frage. Da half uns das nord­amerikanische Pelztierparadies aus der Verlegenheit. Von Trappern wurden in Alaska und Kanada Nerze mit vorzüglichen Felleigenschaften eingefangen und erfolgreich zur Zucht angesetzt. Die Nachzucht von diesen Tieren kam auch nach Deutschland und bildete hier die Grundlage zur deutschen Nerzzucht. Die noch in den Anfängen befindliche Zucht hat trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens erhebliche Fortschritte gemacht, ist sehr beliebt und bietet für die Zukunft gute Aussichten.

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Eröffnung des Großsenders Mühlacker.

Die Indienststellung des Großrundfunksenders Mühlacker ist auf Freitag, den 21. November, in Aussicht genommen. Der Großrundfunksender ist sowohl für den Bezirk der Süddeutschen

als auch der Südwestdeutschen Rundfunk- A.- G. bestimmt. Ueber ihn wird das Gemeinschaftsprogramm des süd- und süd­westdeutschen Rundfunks gehen. Zunächst wird nur die abend­liche Sendefolge in der Regel über den Groß- Sender gehen. Selbstverständlich wird das süd- südwestdeutsche Gemeinschafts­programm auch wie bisher über den Frankfurter Sender laufen. Der Großrundfunksender Mühlacker arbeitet auf der Stuttgarter Welle: 833 Kilohertz, 360 Meter.

Zahmer Nerz aus der Hand fressend. Nerzpelze sind als angenehmes und wertvolles Schmuck­stüd immer gefragt, stets in der Mode und besonders in Damen­treisen beliebt; sie finden Verwendung zu Pelzfragen, Krawat­

Die Unterschlagungen bei der Berliner Kommandantur.

Studenten- Schlägerei

im Vorhof der Berliner Universität.

Am Dienstagnachmittag kam es vor der Berliner Universi tät und im Vorhof der Universität zu Zusammenstößen zwischen der Studentenschaft und der Polizei. Vertreter des sozialistischen Deutschen Studentenverbandes hatten Flugblätter verteilt, die sich gegen die Nationalsozialisten und gegen die Kommunisten richteten. Nationalsozialistische Studenten versuchten, die Zet telverteiler an der Ausübung ihrer Tätigkeit zu hindern. Da bei kam es zu größeren Schlägereien, so daß schließlich eine Be reitschaft Schutzpolizei herbeigerufen werden mußte.

Vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte wird gegenwärtig der schon mehrfach vertagte Prozeß gegen den Zahlmeister Hermann Martin und den Oberinspektor Otto Woitschach verhan­delt. Martin war angeklagt, in seiner Stellung als Zahl­meister bei der Berliner Kommandantur 900 000 Mark unter­schlagen zu haben. Von dieser Riesensumme hat er aber 400 000 Mark wieder in die Kassenbestände zurückgelegt, so daß am Schluß ein Fehlbetrag von rund einer halben Million ge­blieben ist. Dem Antrage des Staatsanwaltes entsprechend, wurde Martin wegen fortgesetzter Amtsunterschlagungen zu einem Jahr sechs Monaten und Woitschach zu 10 Monaten Ge­fängnis verurteilt.

ten, Mantelfutter, Besätzen und vielem anderem mehr. Auf der Ipa", der kürzlich abgeschlossenen Internationalen Pelzfach­Ausstellung, fiel die bevorzugte und mannigfaltige Verwendung des Nerzfelles ganz besonders ins Auge.

Ein Fischerboot in Seenot.

Bremen, 11. November. Der englische Dampfer Induna" sandte ein Seenot- Telegramm, demzufolge sich an der Wesermün dung ein Fischerboot mit sieben Mann Besagung in Seenot befindet. Das Rettungsboot der Station Bremerhaven der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ist im Tau des Schleppers ,, Brake" nach der Unfallstelle in See gegangen. Die Unterschlagungen des früheren Leiters des Wohl­fahrts- und Arbeitsamtes Rohlih. Chemnitz, 11. November. Das Gemeinsame Schöffengericht Chemnitz verurteilte den früheren Leiter des Wohlfahrts- und Arbeitsamtes Rochlitz, Dr. jur. Hercher, wegen einfacher Amtsunterschlagung von 3200 RM. in einem Falle, verbunden mit gewinnsüchtiger Urkundenfälschung, zu zehn Monaten Ge fängnis und zwei Jahren Ehrenrechtsverlust.

Das Nerzweibchen wirst durchschnittlich 5 Junge. Da aber nach Zuchtnerzen lebhafte Nachfrage herrscht, besteht die Mög­lichkeit, die anfallenden Jungen als Zuchttiere an andere Inter­essenten zu verkaufen. Jedem, der etwas Platz zur Verfügung Die hat, kann zur Zucht dieses Pelzträgers geraten werden. Tiere werden in kleinen, wenig Raum beanspruchenden Draht­gehegen gehalten. Der Nerz ist ein drolliger Geselle, immer auf den Beinen, spielerisch veranlagt, und man kann sich oft und lange an seinem zutraulichen Spiel ergötzen. Haltung und Wartung sind einfach und erfordern nicht viel Zeit, so daß die Zucht mit Aussicht auf lohnenden Nutzen auch nebenberuflich betrieben werden kann.

Vier Häuser durch einen Wirbelsturm abgedeckt. Am Dienstagmorgen ging über dem kleinen schlesischen Ort Tschang bei Breslau ein heftiger Wirbelsturm nieder. In: nerhalb weniger Minuten waren vier Häuser völlig abgedeckt.

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Neue Bücher.

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Schmidt, Otto: Der alten Wohnung ein neues Gesicht. Mit über 100 Abbildungen im Text und 4 Plänen als Anhang. 80 S. Karton. Erschienen in der Reihe Neue- Hauswirtschafts Bücher". RM. 4,80. K. Thienemanns Verlag, Stuttgart. Eine neue Wohnung im Neubau mit neuen Möbeln neuzeitlich einzurichten ist sofern man Geld hat nicht schwer, aber einer alten Wohnung im alten Haus ein neues Gesicht zu geben und noch dazu mit wenig Geld das ist ein großes Kunst­stück. Dazu wird dieses Buch helfen. Der Verfasser zeigt in fröhlichem Plauderton an Hand zahlreicher Abbildungen, wie man's macht und was es kostet. Die vielen Skizzen, ausgeführte Beispiele, veranschaulichen eine Fülle von Anregungen für Etagenwohnungen, alte Häuser und alte Villen sowohl für städtische wie für ländliche Verhältnisse. Das Buch ist weg­weisend im höchsten Grad und wird gerade durch den starken Hinweis auf den Wert der alten Wohnungen und die verhält­nismäßig einfachen Möglichkeiten, diese Werte bedeutend zu steigern, außerordentlich heilsam wirken.

Da Deutschland wenig Pelztiere in der Freiheit zu seinen Bewohnern zählt, gehen alljährlich viele Millionen für Pelz­einfuhr ins Ausland. Könnten diese gewaltige Summen nicht durch eigene Produktion im Lande bleiben und brachliegende Kräfte dadurch der deutschen Wirtschaft nutbringend zugeführt werden? Helfen wir alle an diesem Werk, um uns auch in der Einfuhr von Edelpelzwerk vom Auslande unabhängig zu machen! Weitere Auskunft erteilt gern Richard Böhlert, Dessau, Akazienstraße 5 a.

Deutsche Redensarten.

Modefragen bilden den Hauptgesprächsstoff zu Beginn der Gesellschaftssaison. Gilt doch den kleineren und dem größeren Gesellschaftskleid die besondere Sympathie der Dame. Die man­nigfachen Anregungen, die das soeben erschienene neue Heft der ,, Eleganten Welt" auf diesem Gebiet in so reichem Maße gibt, dürften deshalb für jede Dame besonders wertvoll sein.

,, Es ist die höchste Eisenbahn", so sagen wir wohl in Fäl­len besonderer Eile. Die Wendung ist uns so geläufig gewor­den, daß wir heute nichts Ungewöhnliches oder auch nur Spas­siges mehr dabei sinden; sie ist so abgegriffen, daß wir uns der Komik, die in dieser Ausdrucksform liegt, kaum noch je bewußi werden oder uns gar die Frage nach der Entstehung der wun­derlichen Redensart vorlegen. Sie rührt von Adolf Glaßbren­ner her, dem bekannten Berliner Humoristen und Satiriker, der in einer komisch- dramatischen Szene aus dem Berliner Volks­leben einen Briefträger vorführt: eine gute, brave Seele, nur hochgradig zerstreut. So bekommt er denn gegen Ende der Szene mit einem Male, da ihm einfällt, daß die Leipziger Post eingegangen sei und er die mitgekommenen Briefe austragen

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Es steht in der Woche"! Do. X fliegt nach Amerika. Heute noch eine Sensation. Noch immer ist der Trans- Ozeanflug ein fühnes Wagnis. Zu einer praktischen Bedeutung käme er erst durch die Möglichkeit einer Zwischenlandung auf einer Lande­Insel. Dieses Thema schildert im Rahmen einer spannenden Handlung der Woche"-Roman F. P. I antwortet nicht". Sie bekommen Heft 46 überall.

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müsse, die höchste Eile und begründet nun sein plötzliches Auf­brechen mit den Worten: Es ist die allerhöchste Eisenbahn, die Zeit ist schon vor drei Stunden angekommen. Solche Ver­tauschungen von zwei Worten, wie hier von Eisenbahn und Zeit, müssen in jenen uns heute so schlicht, so bieder, aber auch so anspruchslos erscheinenden Großvätertagen außerordentlich erheiternd gewirkt haben. Wie bei dieser Wendung von der Eisenbahn, so geht es uns mit zahlreichen anderen deutschen Re­densarten; wir gebrauchen sie, empfinden nichts Unmögliches mehr dabei und fragen wohl kaum je nach dem Ursprung. Und doch ist dieser oft sehr wissenswert und die Beschäftigung mit den alten Redensarten höchst anregend, je ergöglich. Mancher unserer Leser wird sich schon mit Hilfe des soeben in 5. Auflage erschienenen Erläuterungsbuches: Albert Richter, ,, Deutsche Re­densarten", das unser bewährter Sprachmeister Oscar Weise bearbeitet und fortgeführt hat und das ein hübsches Geschenk­buch darstellt, eine heitere und lehrreiche Stunde verschafft haben; denn es spiegelt sich ein gut Teil Volksleben und auch Volkshumor in den hier in 253 Abschnitten erläuterten etwa 530 Redensarten wider( Verlag Fr. Brandstetter, Leipzig.) Sind wir bei manchen Redensarten wegen einer Erklärung überhaupt in Verlegenheit, so verfallen wir bei anderen auf eine falsche. Mancher Familienvater, z. B. der Sonntags ,, mit Kind und Kegel" hinauszieht in die schöne Natur, wird ungalant genug sein, unter dem Kegel" seine bessere Ehehälfte zu verstehen, und doch wäre diese Erklärung völlig verfehlt: Regel, ein sonst längst ausgestorbenes Wort aus alter Zeit, das sich nur noch in dieser einen Wendung erhalten hat, bezeichnet vielmehr die illegitime Nachkommenschaft, Kind und Kegel bedeutet also die gesamte Nachkommenschaft, d. h. die ganze Familie. Wer nicht weiß, woher Wendungen wie Matthäi am letzten, Unter aller Kanone" ,,, Krokodilstränen kommen" oder warum man jemanden ,, in den April schickt" und deshalb das Volk singt: Angeführt mit Löschpapier, morgen kommt dein Schatz zu dir" der preise zu diesem Buche! Es wird ihm zwar nicht die Weis: heit ,, mit dem Nürnberger Trichter" eingießen, aber es wird ihm doch soviel beibringen, daß ihm manche bisher gedankenlos ge brauchte gut- und altdeutsche Wendung weniger spanischer vor­kommt" und er hinfort, wenn dergleichen Fragen ,, aufs Tapet" fommen, auch ,, seinen Senf dazu zu geben" und dabei manchen anderen ,, in den Sad zu stecken" vermag.

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