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Nr. 54.

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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd en bung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

43. Jahrg.

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Politische Rundschau.

Die deutsche Antwort auf Briands Paneuropamemorandum wird, wie aus Berlin gemeldet wird, am 14. Juli der fran­zöfifchen Regierung überreicht werden.

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Der Reichsrat hat gegen das vom Reichstag mit zwei Drittel Mehrheit beschlossene Amnesticgesetz aus Anlaß der Rheinlondräumung Einspruch erhoben.

Die Kriminalpolizei hat in Privatwohnungen Angehöriger der NSDAP. Haussuchungen vorgenommen und dabei wurden Was­fen und Munition entdeckt und beschlagnahmt.

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Der Kongreß der 2. Internationale in Stockholm hat am Donnerstagnachmittag mit 55 gegen 30 Stimmen beschlossen, den Sig der 2. Internationale von Amsterdam nach Berlin zu verlegen.

Bei Goggiono- Varese kam es zu einem Zusammenstoß zwi­jchen italienischen Grenzwächtern und einigen Unbekannten, wel­che die schweizerische Grenze zu erreichen suchten. Ein Grenz­wächter wurde getötet, ein anderer schwer verlegt.

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Der ungarische Honvedminister Gömbös erklärte Pressever: tre tern, die ungarische Regierung sei gemäß einem früher gefaß­ten Beschluß des Abgeordnetenhauses bestrebt, die allgemeine Dienstpflicht durchzusehen, weil ein Söldnerheer den Traditionen des ungarischen Volkes nicht entspreche und weil durch die all­gemeine Dienstpflicht auch das Budget um große Beträge ent­lastet würde.

In Estland wurde in der Nähe von Narva ein russisches Militärslugzeug beschlagnahmt. Man hatte das Flugzeug ge= stern eine Zeitlang über der Stadt in niedriger Höhe kreisen sehen. Es landete erst, nachdem von estnischer Seite Maschinen­gewehrfeuer auf das Flugzeug eröffnet worden war.

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Inselge des scharfen Kurssturzes, der durch die Erklärung des Bizetönigs von Indien an der Börse in Bombay verur­sacht wurde, hat der Börsenvorstand beschlossen, die Börse auf umbestimmte Zeit zu schließen.

Bie Bergwerkskatastrophe.

151 Bergarbeiter tot.

Breslau, 10. 7. Nachdem es gelungen ist, das Kohlensäure­gas in dem Kurt- Schacht der Wenzeslausgrube größtenteil zu entfernen, nehmen die weiteren Bergungsarbeiten einen raschen Fortgang und man hofft, im Laufe der Nacht auch die letzten Todesopfer bergen zu können. Bis um 9 Uhr abends waren mehr als 100 Tote geborgen und in kurzen Abständen werden immer neue Todesopfer aus der Grube herausbefördert. Von den 56 lebend Geborgenen sind inzwischen sieben gestorben. Wie amtlich festgestellt wird, haben sich bei dem Kohlensäureeinbruch nicht, wie ursprünglich angegeben, 193, sondern 211 Bergleuie im Schacht befunden. Die Gesamtzahl der geborgenen Toten soll jetzt 105, die der noch Eingeschlossenen 57 betragen. Hoff= nung auf Rettung dieser Eingeschlossenen oder eines Teiles der= selben ist kaum noch vorhanden.

*

Wie uns aus Hausdorf gemeldet wird, hat die Verwaltung der Wenzeslaus- Gruppe nunmehr eine gewisse Ueber sicht über die Lage erlangt. Nach der namentlichen Liste der Grubenverwaltung steht fest, daß die gesamte Schicht von 224 Personen befahren wurde, 14 nicht gefährdet waren und sich selbst nach Hause begeben konnten. Tatsächlich in Mitleidenschaft ge= zogen wurden durch das Unglüd 210 Personen, von denen aber 10 nur leicht verletzt wurden, die ebenfalls nach Hause gebracht werden konnten. Nach der neuesten Berechnung beträgt die Zahl der Gereiteten 59. Als Tote sind jetzt endgültig 151 Bergleute amzusehen.

Frankreich, das Rheinland

und das schlesische Unglück.

Baris, 11. Juli. Die radikale ,, Ere Nouvel I e" schreibt zu der großen Katastrophe von Hausdorf: Wir wollen bei einem derartigen Anlaß nicht verfehlen, dem Gedächtnis der Bergarbei­ter, die den Tod gefunden haben, den Tribut unseres menschlichen Mitleids zu zollen und den Witwen und Waisen unser Beileid zum Ausdrud zu bringen. Man hat in den letzten Tagen allzu sehr von einigen bedauerlichen Zwischenfällen gesprochen, die füich durch den nationalistischen Wahnsinn erklären, aber nicht rechtfertigen lassen, und die der offizielle Bericht Tirards richtig giestellt hat, unter Hinweis darauf, daß der Abzug der französi­sachen Truppen sich unter vollkommen korrekten Bedingungen voll­340gen habe. Wir haben, wie es angebracht war, die Zwischen­foälle, die sich nach der Räumung ereigneten, getadelt, aber erklärt und wir wiederholen es, gleichgültig was gewisse Kreise über Ans sagen, daß es nicht sehr nützlich ist, aus diesen Tatsachen Schlüsse zu ziehen, die in den Tatsachen nicht enthalten sind. Wir glauben, daß die deutsche Regierung aufrichtig ist, wenn sie die Agitatoren tadelt. Frankreich und Deutschland, die durch

( Gießener Tageblatt)

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gieken, Säbanlage 21.

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Samstag, den 12. Juli 1930

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 55

eine törichte Laune des Geſchicks ſolange getrennt waren, müſſen Der Erfolg" der Tribut- Anleihe.

sich zu gemeinsamen Bemühungen um einen Ausgleich, um die Verwirklichung der Solidarität und Gerechtigkeit zusammenschlie= Ben. Uns scheint es besser und menschlicher zu sein, angesichts der gewaltigen Katastrophe in Schlesien die peinlichen Zwischenfälle in den rheinischen Städten zu vergessen und uns in einem brü derlichen Gefühl der Trauer um die Opfer einander zu nähern.

200 Millionen

für das Arbeitsbeschaffungsprogamm.

Die Spitzenverbände der kommunalen und anderen öffent: lichen Kreditanstalten, die Deutsche Girozentrale A.-G. haben, wie die B. 3. meldet, in einer Eingabe an die Reichsregierung 200 Millionen Mark zur Finanzierung des geplanten Arbeits­beschaffungsprogramms angeboten.

Mit Hilfe der Sparkassen und Pfandbriefanstalten sollen hiervon 100 Millionen Mark als Hypothekarkredite für das zu sätzliche Wohnungsbauprogramm ohne Bürgschaftsübernahme in Betracht kommen.

Man erinnert sich noch der Meldungen, die vor einiger Zeit, als die Tribut- Anleihe aufgelegt wurde, aus den ein­zelnen Ländern kamen und von dem ,, überwältigenden Erfolg" der Young- Anleihe berichteten. Aus Newyork wurde eine ,, starke Ueberzeichnung" in wenigen Stunden gemeldet. In Berlin sollen die Zeichnungen den aufgelegten Betrag um mehr als das Doppelte überschritten haben. Aehnlich günstig lau­teten die Nachrichten aus den anderen Ländern, insbesondere Frankreich und England. Lediglich Holland machte von Anfang an eine Ausnahme. Hier erreichten die Zeichnungen nur 40 v. H. des aufgelegten Betrages.

Ganz im Gegensatz zu dem starken Interesse des Publi­kums", das doch die Meldungen von den Ueberzeichnungen dar­tun sollte, steht nun die weitere Entwickelung der Young- An­leihe. Die Tribut- Anleihe wird in Newyork stark angeboten und geht im Kurse zurüd. Diese Entwicklung hält weiter an, und zwar nicht nur in Newyork, sondern auch an den Börsenplätzen der übrigen Länder, in denen Teilbeträge der Tributanleihe aufgelegt wurden. In Newyork ging der Kurs bis auf etwa 88 v. H. zurüd. In London wird sogar mehr als 20 v. H. unter etwa 17,5 v. H. Aehnlich liegen die Dinge in der Schweiz und in Deutschland selbst.

Erhöhung der Eisenbahn- Personentarife em Auslegungskurs( 90 v. 5.) gehandelt; in Holland sind es

Berlin. Ueber die Tariferhöhung der Reichsbahn ver­lautet amtlich:

Der Antrag der Reichsbahn auf eine mäßige Erhöhung der Personeniarise ist Gegenstand eingehender Erwägung der Reichs­regierung gewesen, wobei die Reichsregierung auch auf die Wirtschaftslage im allgemeinen Rücksicht nehmen mußte. Die Reichsregierung hat sich entschlossen, der beantragten mäßigen Erhöhung zuzustimmen mit der Maßgabe, daß sie erst am 1. September in Kraft tritt.

Die Reichsregierung ist der Ansicht, daß der Mehrertrag, der der Reichsbahn aus dieser Erhöhung zufließt, auf 65 Mil­lionen Mark geschätzt werden kann. Da die Erhöhung der Stück­gut, der Expreßgut- und Gepädtarife nach der Berechnung der Reichsbahn 70 Millionen Mark bringt, sind im ganzen der Reichs! ahn 135 Millionen Mark an Tariferhöhungen bewilligt. Die Erhöhung der Personentarife wirkt sich wie folgt aus: Der zurzeit 3,7 Pfg. für den Km. betragende Fahrpreis der 3. Wagenklasse wird auf 4 Pfg. erhöht. Der Preis der 2. Klasse steigt von 5,6 auf 5,8 Pfg. für den Km., der Fahrpreis der 1. Klasse von 11,2 auf 11,6 Pfg. Die Preise der Zuschlags­farten für FD-, D- und Eilzüge bleiben unverändert.

Mit der Erhöhung des Einheitssages der 3. Klasse auf 4 Pfg. muß auch eine Erhöhung des Einheitssages der Zeit­fartenpreise erfolgen. Die Zeitkarten selbst bleiben um fast 10 Prozent unter den neuen Kilometer- Preisen der allgemeinen 3. Klasse zurüd. Bei den Zeitkarten der 2. Klasse erfolgt eine entsprechende Schonung nicht. Bei diesen werden die Einheits­sätze der Zeitkarten ebenso wie die der Einzelkarten erhöht. Die Bahnsteigfarten werden von 10 auf 20 Pfg. erhöht.

Hilfsaktion des Kyffhäuserbundes für seine Mansfelder Kameraden.

Der Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser" stellte für die durch die Aussperrung bei der Mansfelder Gewerkschaft betrof= fenen und in Not geratenen Kriegervereinsmitglieder des Mansfelder Gebirgskreises und des Kreis- Kriegerverbandes Sangerhausen den Betrag von 12 000 Mark zur Verfügung, die bereits unter die betroffenen Verbände zur Verteilung gelangt sind.

Die Preußisch- Süddeutsche Staatslotterie

wird teurer.

Nach einer Mitteilung der Direktion der Preußisch- Süd­deutschen Staatslotterie ist der Lospreis für die kommende Lotterie, die im Oktober beginnt, von 120 auf 200 Mart für das ganze Los erhöht worden.

Verlustreiche Wechselgeschäfte einer Genossenschaft. Fulda. In der G.-V. des Rhöner Darlehnkassenvereins Neuhof, e. G. m. b. H., sind Wechselgeschäfte aufgedeckt wor: den, die dem Verein einen Verlust von rund 800 000 RM brach­ten. Die Vorstandsmitglieder, Bürgermeister Möller- Neuhof, und Bürgermeister Heil- Rommerz hatten mit einem Fuldaer Kaufmann ohne Wissen des Aufsichtsrates verbotswidrige Wech­selgeschäfte getätigt, die bis in das Jahr 1928 zurückreichen. Die Mitglieder müssen 120 000 RM aufbringen, um eine Sanierung mit Hilfe der Preußenkasse zu erreichen. Die Staatsanwaltschafi hat bereits eine Untersuchung eingeleitet.

Für 400 000 Dollar Altohel geschmuggelt, Newyork, 10. Juli. Der Alkoholpolizei ist ein großer Schlag geglüdt. Sie erbeutete beim Morgengrauen eine große Motor: jacht, ein Motorboot und drei Lastkraftwagen mit einer Alkohol­Ladung im Werte von 400 000 Dollar. Die Polizei überraschte die Schmuggler gerade, als sie ihre Ladung von der Motorjacht mit einem kleinen Motorboot an Land nach den Lastwagen brin­gen wollte. Die Schmuggler setzten sich zur Wehr. Es kam zu einem Feuergefecht, wobei ein Schmuggler anscheinend tödlich verlegt wurde. Die Polizei nahm 25 Schmuggler gefangen.

Wenn man an die Aeußerungen der großen internationalen Finanzhäuser vor der Auflegung der Younganleihe denkt, so sollte man sich eigentlich über die jetzige Entwickelung wundern. Denn danach sollte ja die Tributanleihe das große internatio­male Standardpapier" werden, das allen künftigen Anleihen ein Maßstab werden sollte. Statt dessen zeigt sich jetzt überall ein offensichtlicher Mißerfolg, den zu verdecken, sich die amerikanischen Emissionshäuser gar nicht bemühen. Das Bank­haus Morgan, das an der Auflegung in Amerika führend beteiligt war, hat das Emissionskonsortium aufgelöst und füm­mert sich nicht mehr um den Kurs der Tributanleihe.

Aber wozu auch? Seinen Erfolg" hat man ja in der Tasche in Form der 4prozentigen Provision vom Nominalbe­trag, die sich die Amerikaner ausbedungen hatten, während sich die Banken der übrigen Länder mit ,, nur" 3 v. H. ,, begnügten". Auch in anderer Hinsicht hatte man die Young- Anleihe ,, vor­teilhaft" ausgestattet. Der Zeichner brauchte nur 90 v. H. zu zahlen. Es will auch nicht viel ausmachen, wenn die Banten jetzt auf diesem Papier sitzen bleiben. Denn die prozentige Nominalverzinsung verwandelt sich bei solchen Kursen in eine viel höhere Effektivverzinsung, wie sie gegenwärtig auf dem Geld- und Kapitalmarkt nicht zu erzielen ist. Die Reparations­schuldner( Deutschland) können es ja zahlen.

Unter diesen Umständen haben die internationalen Banken auch gar kein Interesse daran, sich um günstige Kurse oder eine weitere Unterbringung zu bemühen. Im Gegenteil, je niedriger der Kurs ist, umso vorteilhafter können sie die Stücke wieder erwerben, um so höher ist für sie die Effektivverzinsung. Das geringe private Interesse an der Tributanleihe zeigt aber auch deutlich, wie die Deffentlichkeit über die Erfüllbarkeit des Youngplanes denkt.

Richt erhöhte Umjaksteuer, sondern Umjak- Ausgleichs- Steuern.

Von den Konsumvereinen und Warenhäusern wird augen­blicklich die übelste Verhegung gegen die erhöhte Umsatzsteuer getrieben, um deren Ingerechtigkeit zu beweisen. Jedoch haben nicht die Großbetriebe, sondern die Kleinhändler allen Grund, sich über eine ungleiche Behandlung durch die Umsatz­steuer aufzuregen.

Bekanntlich ist der Gedanke einer Umsagsteuer von dem verstorbenen Warenhausbesitzer Tieg ausgegangen, der gewiß nicht kleinhandelsfreundlich war. Er hatte richtig errechnet, daß durch eine solche Steuer sein zentraler Betrieb dem Kleinhandel steuertechnisch bedeutend überlegen war. Schon bei den seiner­zeit im Reichsfinanzministerium stattgefundenen Verhandlungen bei den Erhöhungen der Umsatzsteuer wurde wiederholt gesagt, daß die Umsatzsteuer nicht 1 Prozent, sondern 8 Prozent im Durchschnitt einbringe. Konsumvereine und Warenhäuser da­gegen brauchen durch die Zentralisation ihres Betriebes meist nur eine einmalige Umsatzsteuer zu bezahlen. Dieses Unrecht gegen den Kleinhandel soll nun zu einem kleinen Teil durch die erhöhte Umsatzsteuer wieder gut gemacht werden. Es gibt keine gerechtere Steuer als diese, wie es Friz Borrmann, M. d. R., rechnerisch bewiesen hat.

I

Nur eines ist bei dieser Steuer verfehlt, und das ist ihr Name. Sie muß nicht erhöhte Umsatzsteuer heißen, sondern Umsas Ausgleichs- Steuer.

Krefeld,

Flugzeugkonstrukteur Kazenstein

mit der Kasse durchgebrannt.

11. Juli. Der bekannte Flugzeugkonstrukteur Rabenstein ist nach Unterschlagung eines ziemlich bedeutenden Betrages, dem Ergebnis eines sogenannten Kunstflugtages, aus Krefeld verschwunden.