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Nr. 20.

Mittwoch, den 12. März 1930.

Aus Nah und Fern.

Bad Nauheim. Der Kassierer eines hiesigen Kurheims ist nach Unterschlagung von 15 000 Rmt. geflüchtet.

Friedberg. Ein Dienstmädchen spielte im Schlafzimmer seiner Herrschaft mit einem Revolver, aus dem sich plötzlich ein Schuß löste und das Mädchen schwer verletzte.

Gegen die Verunreinigung der Nidda. Friedberg. Am Sonntag fand in Okarben eine Aussprache von Fischerei- Interessenten über die Verunreinigung der Nidda und ihrer Nebengewässer statt. Professor Klieve( Gießen) hielt einen interessanten Vortrag über das Thema, Ueber die Ursache des Fischsterbens in durch Industrie- und Stadtabwäs­ser verunreinigten Flüssen". Schatzmeister Heinrich Wagner berichtete über die bisher eingeleiteten Schritte gegen die Ver­seuchung der Flüsse. Am Schluß der Aussprache wurde die Gründung eines Abwässerkampfbundes für Nidda und Neben­gewässer beschlossen.

Darmstadt. Ein hiesiger Briefmarkenhändler kam groben Fälschungen von Saarbriefmarken auf die Spur.

Befreiungsflug.

Mainz. Anläßlich der endgültigen Räumung der besetzten Gebiete wird am 5. und 6. Juli ein Befreiungsflug, beginnend am 5. Juli in Köln und endend am 6. Juli dortselbst, stattfin­den, welcher über Bonn, Koblenz, nach Mainz, Wiesbaden und von dort weiter nach Mannheim, Rheinpfalz usw. erfolgt. Man rechnet mit etwa 60 Flugzeugen, welche an diesem Befreiungs­flug teilnehmen werden. Anschließend findet am 5. Juli das Ausscheidungsfliegen zur Deutschen Kurzstreckenmeisterschaft auf dem Flughafen der Städte Mainz und Wiesbaden statt, während die eigentliche Kunstflugmeisterschaft am 6. Juli in Köln aus= getragen wird.

3 Millionen Liter unverkaufter Wein!

Nierstein. Der Weinabsatz aus den Gemeinden, die als Qualitätsweinbauorte bekannt sind, stockt immer mehr. Die Feststellungen ergaben, daß in Niersteins Kellern rund 2500 Stück Wein( je 1200 Liter) lagern aus den Jahrgängen 1927, 1928 und 1929. Für diese Weine ist zurzeit keine Verwendung im Handel vorhanden.

Weglar. Die letzte Stadtverordnetensizung sah eine Nach­tragsbewilligung für 1929 und die Etatsberatungen für 1930 vor. Der Etat schließt in Einnahme mit etwa 4,8 Millionen Mark und in Ausgabe mit etwa 5,2 Millionen Mark ab, so daß ein Fehlbetrag von etwa 300 000 Mark zu decken ist. Zur Ausbalancierung des Etats wurden Erhöhungen von Gas, Was­ser und Licht, sowie eine Erhöhung der Realsteuern vorgeschla­gen. Ein Antrag der Verwaltung, den Nachtragsetat für 1929 in Höhe von etwa 360 000 Mark zur Hälfte durch Erhöhung der Realsteuern und durch Verteilung von weiteren 150 000 Mark auf die Haushaltspläne von 1930-1932 auszugleichen, wurde einstimmig abgelehnt.

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,, Gießener Zeitung"

Kassel. Hier wurde ein 17 Jahre alter Arbeiter von einem überholenden Autobus angefahren und mit solcher Wucht gegen einen auf dem Bürgersteig stehenden Baum geschleudert, daß er sofort tot war.

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Explosionsunglück auf dem Uebungsplaz Ohrdruf.

Auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes fanden am Sonntag zwei Soldaten des zurzeit hier weilenden Ausbil­dungsbataillons Marburg einen Blindgänger. Als sie sich da­mit zu schaffen machten, explodierte der Blindgänger. Von den beiden Soldaten wurde der eine auf der Stelle getötet. Der andere erlitt schwere Verletzungen.

Ein Polizeibeamter in Frankfurt a. M. erschossen. Der Polizeioberwachtmeister Ludwig Kern ist Sonntag morgen 4 Uhr, als er einen Radfahrer, der ohne Licht fuhr, anhalten wollte, von diesem erschossen worden. Der Täter ist enikommen. Der Getötete hinterläßt Frau und zwei Kinder. Der Tat dringend verdächtig ist der Kürschner Herbert Schulle, geboren am 12. Juni 1908 in Leipzig- Lindenau. Er hat sich in letzter Zeit in Frankfurt aufgehalten, jedoch ist nicht bekannt, wo er wohnte oder wo er Unterschlupf gefunden hatte. Bei der Leipziger Kriminalpolizei ist er als Einbrecher und Fahr­raddieb bekannt. Er soll sich in den letzten Monaten auch in Mainz und Trier aufgehalten haben. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, den vermutlichen Täter festzunehmen.

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Professor Dr. Radecke f.

150 000 Mark unterschlagen.

Der Lohnbuchhalter einer Solinger großen Firma ist wegen Unterschlagung in Höhe von rund 150 000 Mark verhaftet wor= den. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand man noch 26 000 Mark, die der Firma zurückgegeben wurden.

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Nürnberg. Der 3. Deutsche Evangelische Kirchentag, der zur Erinnerung an die Uebergabe der Augsburger Konfession am 25. Juni in Augsburg eine Feier hält, wird seine Tagung vom 26.- 30. Juni in Nürnberg abhalten. Auf diesem Kirchentag sehen wir die Vertreter des zusammengefaßten evangelischen Deutschland zum erstenmal auf bayerischem Boden.

Frankfurt a. M. Der Vorsitzende des Aerztlichen Vereins in Frankfurt und Leiter der Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke, Prof. Radecke, ist einem Schlaganfall erlegen.

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Selbstmord des Direktors im Statistischen Reichsamt. Am Sonntag vormittag ist der Direktor im Statistischen Reichsamt, Dr. Richard Lenz, im Grunewald erschossen aufge= funden worden. Allem Anschein nach liegt Selbstmord vor. Als Motiv der Tat wird eine unheilbare Krankheit angenom­men, an der Dr. Lenz seit einiger Zeit litt.

Frühjahrsmessen im Jahre 1930.

In Köln: 23.- 26. März: Allgemeine Mustermesse; 23. bis 28. März: Technische Messe mit Sondergruppen, Technik im Handwerk" u. ,, Gas für Induſtrie und Gewerbe"; 6.- 9. April: Westdeutsche Möbelmesse 1930( zugleich Messe für Holzbearbei­tungsmaschinen und Möbelzubehör). Jn Breslau: 15.- 18. Mai: 59. Landwirtschaftlicher Maschinenmarkt und Technische Messe.

Das sangesfreudigste deutsche Land

ist Sachsen. Von den 582 000 Mitgliedern des Deutschen Sän­gerbundes stellt der Freistaat Sachsen allein 56 000.

Über eine halbe Milliarde fommunale Auslandsschulden.

Nach den kürzlich veröffentlichten Feststellungen der amt­lichen Statistik betrugen die Auslandsschulden der deutschen Gemeinden am 31. März 1928 insgesamt 532,6 Millionen Rmk., die sich folgendermaßen verteilen:

Einzelanleihen Gemeinschaftsanleihen

Anteile an Staatsanleihen Kurzfristige Schulden Sonstige Schulden

"

316,9 Mill. Rmt. 65,0

"

120,9

"

"

21,6 8,2

"

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"

zusammen: 532,6 Mill. Rmf.

Neue Bücher.

Der Frühling im deutschen Volksglauben. Der einfache Mensch der Urzeit kannte den Begriff Früh ling als besondere Jahreszeit nicht, für ihn folgte auf den Winter der Sommer. Der Name Frühling oder Frühjahr ist daher auch nicht alt, sondern erst in den letzten Jahrhunderten gebildet worden. Das älteste deutsche Wort für Frühling ist Lenz. Es bedeutet die Jahreszeit, in welcher ,, lange Tage" sind, die Tage länger werden. Den Frühlingsbeginn verlegte man in den März, weshalb dieser neben der römischen Bezeich nung schon zur Zeit Karls des Großen den Namen Lenz mo= nat führt und heute noch neben Frühlingsmonat als Lenzmo nat in der Schweiz zuweilen gebräuchlich ist. In Desterreich und Bayern, aber auch im Oberhessischen heißt der Frühling auch Auswärts. Der Frühlingsanfang, der ursprünglich mit dem Jahresanfang zusammenfiel, eröffnete die große Sieges- und Festzeit der Sonne, die alte Feier, welche bis zur Sommerson­nenwende dauerte und nach Einführung des Christentums durch die Fasten in zwei Teile zerrissen wurde, in die Fastnacht und die Osterzeit.

Zu diesem Betrag kommen noch 29 Mill. Rmk. vor der Stabilisierung aufgenommene Auslandsanleihen hinzu. Zu der Aufstellung ist noch zu bemerken, daß der Gesamtbetrag der furzfristigen Schulden seit dem 31. März 1928 eine ansehnliche Vermehrung erfahren haben dürfte.

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Die Auslandsschulden der Gemeindeverbände, die zu denen der Gemeinden noch hinzutreten, betrugen an dem erwähnten Stichtag etwa 9 Mill. Rmk. und bestehen zum überwiegenden Teil aus Anteilen an Sammelanleihen.

Der Frühling, in dem der Mensch zugleich mit der Natur wieder zu neuem Leben erwachte, wurde seit je mit Sehnsucht erwartet, die um so größer gewesen ist, je weiter die Zeiten zurückliegen, je schwerer und unerträglicher den Menschen das Joch des Winters war, dem er einst bei mange inder oder schlech­ter Beheizung und Beleuchtung der dürftigen Unterkünfte und in seiner ärmlichen Bekleidung fast schutzlos preisgegeben war. Freudig festlich war daher auch die Begrüßung des Früh­lings. Dies nannte man im Mittelalter ,, die zit empfahen" oder ,, die zit mit sange begen" oder, den Sumer( Meien) empfahen" u. a.). Vor allem wurden die ersten Boten dieser glücklichen Zeit freudig empfangen und ihnen Glücksbedeutung zugeschrie­ben. Schon die Griechen und Römer begrüßten die erste Schwal­be und den ersten Storch als Frühlingsboten. Wie diese, so werden in Deutschland auch der Kuckuck, die ersten Schmetterlin­ge( Sommervögel) und die Maikäfer willkommen geheißen. Wenn man den Kuckuck zum ersten Mal auf eigenem Grund und Boden rufen hörte, so zeigte dies den Beginn des Frühlings in Westfalen an. Wer dies meldete, bekam ein Ei zum Ge­schenk, woraus sich ein Brauch der Kinder, das Kuckucksspiel, entwickelt hat. Noch im 17. Jahrhundert holten in Schleswig die spinnenden Mädchen den ersten Maikäfer feierlich aus dem Walde ein, wie es noch im 18. Jahrhundert in manchen Städten Deutschlands üblich war, daß die Türmer das Erscheinen des ersten Storches anblasen mußten, wofür ihnen ein Ehrentrunk aus dem Ratskeller verabreicht wurde. Auch die ersten Früh­lingsblumen wurden gefeiert. Wer das erste Veilchen sah, verkündete es; das ganze Dorf lief hinaus, die Blume wurde auf eine Stange gesteckt und man tanzte darum. Den ersten Blumen schrieb man auch besondere Heilkraft zu. Zur Zeit des Minnegesangs feierte man sie häufig im Liede. Aus der neuen Lieferung des ,, Handwörterbuch des deutschen Aberglau bens", Verlag Walter de Erunter& Co., Berlin.

Trotz dieser gewaltigen Schuldenlast der Gemeinden sollen sie durch ein Bodenreformgesetz zu weiteren kostspieligen Ex­perimenten angehalten werden; sie sollen ihr Geld in noch größerem Maße als bisher schon in Grund und Boden unver­zinslich anlegen, auch wenn gar kein Bedürfnis nach einer sol­chen ,, Bodenvorratswirtschaft" besteht. Begreise das, wer kann!

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