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Nr. 89

Samstag, den 8. November 1930.

Landgemeindetag.

Büdingen. Die Bürgermeistervereinigung des Kreises Bü­dingen hielt unter Leitung ihres Vorsigenden, Bürgermeister Albrecht- Düdelsheim am Dienstag in Nidda eine stark besuchte Tagung ab, in der eine Reihe für die Landgemeinden wichtiger Fragen zur Behandlung standen. Strauch- Darmstadt hielt einen Vortrag über den neuen Un­fallversicherungsverband der Hessischen Städte und Gemeinden.

Verwaltungsamtmann

Germersheim. Hier weihten die Nationalsozialisten ein Denkmal für den Deutschen Müller, der von französischen Leuten erschossen wurde.

Bad Ems. Bei Fachenbach geriet ein Abhang ins Rutschen. 3ohlreiche Gebäude sind gefährdet.

Hanau. Hier sollen die Maskenbälle hoch besteuert werden. Siegen. Im Förderschacht der Eisensteingrube bei Wissen ( Kreis Siegen) kam der 34 Jahre alte Bergmann Josef Bu= chen zu Fall und stürzte in die Tiefe. Wenige Stunden nach der Bergung trat der Tod ein.

Godesberg. Die Godesberger Bank stellt ihre Zahlungen ein, nachdem der Hauptinhaber Selbstmord begangen hat.

Trier. Das Unwetter der letzten Tage hat in der Eifel und im Hunsrück schwere Schäden angerichtet.

1. Immatrikulation im Winter- Semester 1930-31 an der Universität Köln.

Bei der ersten Jmmatrikulation am Mittwoch, den 5. No­vember, begrüßte der Rektor der Universität, Prof. Dr. J. Kroll, die erschienenen neuen Studierenden. Der Rektor warnte an­gesichts der Ueberfüllung aller akademischen Berufe dringend vor dem Zustrom ungeeigneter Elemente zu den Universitäten. Er sprach sodann über den Sinn des akademischen Studiums und die erziehende und bildende Kraft wissenschaftlicher Arbeit. 30 000 Mart beim thüringischen Volksbildungs­ministerium unterschlagen.

Weimar, 7. November. Die Unterschlagungen im thüringi­schen Volksbildungsministerium haben einen viel größeren Um­fang, als man ursprünglich angenommen oder zugegeben wor­den ist. Es ist dem( auf Dienstvertrag angestellten) Registratur­gehilfen Schoder möglich gewesen, im Laufe der letzten fünf Jahre die Summe von rund 30 000 Mark zu veruntreuen, und zwar lediglich beim Ankauf bezw. bei der Verwaltung der Dienst­briefmarken.

Ostseejahr 1931.

Deutsche und nordische Städte und Bäder rings um die Ost­see werden gemeinsam ein Ostseejahr 1931 veranstalten. Da­durch wird dem ständig wachsenden Interesse für den Osten und die Beziehungen zum Norden Ausdruck gegeben. Das Ostsee­jahr wir am Himmelfahrtstag 1931 durch ein Ostseespiel und Sportveranstaltungen in Lübed eröffnet werden; die große Nor­dische Hafen, Schiffahrts- und Verkehrsausstellung in Kiel wird sich unmittelbar anschließen. Im Laufe des Sommers sind in ollen bedeutenden Ostseestädten größere Veranstaltungen ge= plant: con Flensburg über Schleswig, Kiel, Lübeck, Rostock bis nach Zoppott wird sich in allen deutschen Städten und in deut­schen Bädern eine ununterbrochene Kette abwechslungsreicher Darbietungen abspielen. Während des ganzen Sommers wer­den besonders billige und günstige Reisen an das ganze Ostsee­gebiet veranstaltet werden.

Mascagni arbeitet an einer neuen Oper. Mailand, 14. November. Der Schöpfer der Cavalleria rusticana", Pietro Mascagni, erklärte, daß er an einer neuen Oper arbeite.

Republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Newyork, 17. November. Die Republikaner haben 219 Mandate erzielt und damit die absolute Mehrheit erhalten. Die Demokraten erhielten 215, die Farmer 1 Sig.

Al Capones Bedingung:

Der Bierhandel muß weitergehen.

Der Oberrichter von Chicago erklärte amtlich, der Unter­weltführer Al Capone habe sich bereit erklärt, seine Verbindun­gen mit den Arbeitergewerkschaften zu lösen, wenn ihm die Po­lizei seinen Bierhandel ungehindert ausüben lasse. Der Richter lehnte die Bedingungen entrüstet ab.

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Wie lebt der russische Arbeiter?

Jm Novemberheft der Deutschen Rundschau" veröffentlicht ein soeben aus dem Sowjetstaat zu­rückgekehrter junger Wissenschafter einen sehr ob­jektiv gehaltenen Aufsatz über die heutigen Verhält­nisse in Rußland, dem wir folgendes entnehmen: Die Mehrzahl der städtischen Arbeiter in Rußland hat ein Einkommen, das monatlich zwischen 100 und 120 Rubel liegt. Besonders qualifizierte Facharbeiter steigen gelegentlich auf 150, 200 und mehr. Arbeiterinnen bekommen im Durchschnitt etwa 60 bis 80 Rubel.

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Das klingt ganz schön, wenn man weiß, daß man selbst an der Grenze für einen Rubel etwas mehr als zwei Mark bezahlt hat. Man rechnet um und kommt zu recht stattlichen Beträgen. Aber der Valutowert des Rubels ist eine Fiktion. Die tatsächliche Kauffraft des Rubels, ich habe viele Dutzende von Preisen verglichen ist etwa 40 Pfennige, wenigstens für 95 Prozent der Bevölkerung. Für das bevorzugte städtische Proletariat ist sie höher, weil der Arbeiter einen Teil seines Bedarfs durch Konsumgenossenschaften zu wesentlich verbilligten Preisen be­ziehen kann. Aber diese Markenware reicht nicht im entfernte­sten aus, und auch der Arbeiter muß große Teile seines Bedarfs im freien Handel( d. ist in deutsche Begriffe übersetzt: im Schleichhandel) decken. Auch für die bevorzugteste Kategorie von Arbeitern läßt sich höchstens eire Kaufkraft von 70-80 Pfen­nigen für den Rubel errechnen Wie man diese Tatsache theore­tisch deutet, ob man sie als Inflation bezeichnet oder nicht: für das Leben der Masse des russischen Volkes bedeutet sie Entschei­dendes. Wenn man für ein Pfund Butter acht Rubel zahlen muß, kommt man mit Monatslöhnen von 100 Rubel nicht weit, und lebt im Durchschnitt erheblich schlechter als ein deutscher Arbeitsloser. Dabei stiegen während meines Aufenthaltes die Preise von Woche zu Woche.

Es ist ein Streit um Worte, ob man von Hungersnot spre­chen will oder nicht. Noch ist Brot in leidlich genügender Menge wenigstens in den meisten Gegenden vorhanden. Aber in den Städten muß man stundenlang anstehen, um Brot zu bekommen. Fleisch fehlte vielerorts seit Monaten( hier spürt man die kata­Strophalen Folgen der Bauernpolitik des Winters), ebenso Milch und alle Milchprodukte. Gemüse und Obst fehlen völlig in den Städten des Nordens. Die Mehrheit des Volkes ist durch­aus ungenügend ernährt; vieles spricht dafür, daß eine schwere Hungersnot im Anzuge ist. Sie könnte gemildert werden, wenn die Regierung sich dazu entschlösse, die Weizenausfuhr einzustel= len und Reserven für das eigene Volk zu bewahren.

Fragt man an den verantwortlichen Stellen, so erhält man Antworten, die an Zynismus nichts zu wünschen übrig lassen. Man läßt Millionen hungern und wird sie verhungern lassen, um durch die Weizenausfuhr die Devisen zu bekommen, die man zum Ausbau der Industrie braucht und die die eigene Herrschaft stützen müssen. Das Bauprogramm des Fünfjahresplanes wird so sicher durchgeführt, wie das Produktionsprogramm bis jetzt gescheitert ist. Keine Regierung der Welt kann ihr Volk so behandeln wie die russische der Sowjets. So mag es für her­rische Menschen verlockend sein, in Rußland zu regieren. Das Regiertwerden ist alles andere als ein Vergnügen. Davon kann sich jeder Ausländer an jedem beliebigen Orte überzeugen, wenn er nur imstande ist, wirkliche Arbeiter und Bauern zu fragen, und nicht nur die begleitenden Parteifunktionäre.

Gemüse statt Brot.

Dipl. Landwirt Dr. P. Lieb.

ständlich, Boden und Klima wenig geeignet und was der Ein­wände mehr sind. In dem heutigen harten Existenzkampf aber geht es um Sein oder Nichtsein der deutschen Landwirtschaft und solche ererbten Vorurteile müssen überwunden werden.

Daß der Anbau von Getreide heute nicht mehr so lohnend ist, wie in früheren Jahren, erfährt der Landwirt in immer schmerzlicherem Maße. Neben der Konkurrenz ausländischen Getreides trägt dazu hauptsächlich der Umstand bei, daß die in den letzten Jahren mit vollem Recht von wissenschaftlicher Seite ins Werk gesetzte Propaganda für gemüsereiche Ernährung ihre Früchte zu tragen beginnt. Man ist heute von der Unentbehr­lichkeit der vitaminhaltigen Gemüsenahrung so allgemein über­zeugt, daß sich eine stark ansteigende Kurve im Verbrauch von Gemüsen feststellen läßt. Leider zeigt sich jedoch nun, daß dieser Mehrbedarf vielfach durch Einfuhr gedeckt werden muß, was wertvolles Volkskapital ins Ausland abwandern läßt. So ist z. B. die Einfuhrziffer für Blumenkohl von 1929 bis 1930 auf annähernd das Doppelte, für Rosenkohl gar um das 2,7 fache gestiegen, wie amtliche Statistiken beweisen. Diese erschreckende Einfuhr zeigt, daß es der deutsche Gemüsebau nicht verstanden hat, dem wachsenden Bedarf an Gemüse mit günstigem Angebot entgegen zu kommen. Die Gründe hierfür sind hauptsächlich in

der Art zu suchen, wie wir in Deutschland Gemüsebau betreiben. Es herrscht bei uns immer noch das Vorurteil, Gemüsebau sei Sache des Gärtners. Für den Landwirt sei die Kultur zu um­

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Daß es in Deutschland möglich ist, den Gemüsebau feldmäßig zu betreiben, steht bei dem verhältnismäßig günstigen Klima und den guten Bodenverhältnissen größter Teile des Reiches außer Zweifel. Daß es lohnend ist, beweist der wachsende Bedarf. Leichte Absatzmöglichkeiten schaffen die außerordentlich günstigen Versandbedingungen. Freilich muß der Landwirt, der den Feld­gemüsebau in seinem Wirtschaftsplan aufnimmt, sich darüber

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klar sein, daß gewisse Anforderungen an ihn und seinen Boden redaktionsschluß fri gestellt werden. Es wird ein möglichst reiner und unkrautfreier mdung nicht verl

Boden gewählt, tief gepflügt und mit Stallmist gedüngt. Daß alles Gemüse viel Stidstoff braucht, ist bekannt. Zur Erzielung von Höchsterträgen darf auch an Ergänzungsstoffen, die man in Form von Kunstdüngern zuführt, nicht gespart werden. Gewisse Volldünger, wie z. B. Nitrophoska, vereinigen alle diese Nähr­stoffe in sich. Der Gemüsebau verlangt einen so großen Auf­wand an Arbeit und Sorgfalt, daß es ein großer Fehler wäre, dem intensiv beanspruchten Boden nicht die nötigen Ersatzstoffe zu geben und damit den ganzen Erfolg in Frage zu stellen.

Auf Einzelheiten, wie Sortenwahl, klimatische und wirt­schaftliche Vorbedingungen usw. einzugehen, ist hier nicht der Platz. Es sei auf die Wirtschaftsberatungsstellen an den Land­wirtschaftskammern, Landwirtschaftsschulen usw. verwiesen.

Asphalt, Bitumen, Straßenteer.

Von den Steuergeldern des deutschen Volkes gehen jährlich Millionen für Reparationen unwiderbringlich ans Ausland ver­loren. Man sollte meinen, daß schon aus diesem Grunde alle staatlichen und kommunalen Amtsstellen bemüht wären, dar­über hinaus keinen Pfennig unseres guten deutschen Geldes un­nüz dem Auslande zukommen zu lassen, besonders wenn es sich um Steuergelder handelt. Weit gefehlt!

30 Millionen RM. wurden 1929 für 240 000 Tonnen ent­behrliches Asphalt und Bitumen( Material zum Straßenbau ähnlich Asphalt) ans Ausland verschleudert, während von den in Deutschland erzeugten 1,8 Millionen Tonnen Straßenteer nur 115 000 Tonnen, also noch nicht einmal 7 Prozent, von den deut­schen Behörden angefordert wurden. Dabei ist der einheimische Straßenteer ein erheblich wirtschaftlicheres Material als das ausländische Asphalt oder Bitumen; er ist einmal in der An­schaffung etwa 35 Prozent billiger; dann verbürgt er eine bedeu­tend größere Verkehrssicherheit, denn die mit deutschem Straßen­teer behandelten Straßen sind viel griffiger als eine Asphalt­oder Bitumendecke; endlich wird durch die Steinbeimischung bei Verwendung von deutschem Straßenteer eine längere Haltbar­keit der Decke hervorgerufen, die sich in geringeren Erneuerungs­kosten auswirkt.

Wir hoffen, daß die in Frage kommenden Verwaltungen vorstehende Ausführungen im Interesse der deutschen Wirtschaft bei ihren künftigen Dispositionen berücksichtigen.

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Die neueste Nummer der Münchener Illustrierten Presse ( Nr. 45) zeigt an einer interessanten Bildgegenüberstellung wie die Newyorker ihren Verkehrswirrwarr lösen. Zum ersten Male werden Photos der Roten Armee veröffentlicht, die ein Bild von dem außerdienstlichen Leben im russischen Heer geben. Neue Wege zur Hebung gesunkener U.- Boote. ,, Hackebeils J. 3." wird eine neue Rettungsmethode, eine Er findung des badischen Architekten G. Lippert, beschrieben, die gute Erfolge verspricht. Die an Ereignissen so reiche Gegenwart ist wert, in Bildern festgehalten zu werden. Sichern Sie sich daher letzte Ausgabe.

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