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Mittwoch, den 8. Januar 1930.

Lokales.

Gießener Zeitung

nicht überschreiten. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 M bestraft.

* Uebergang in die höhere Schule nach dreijährigem Besuch

Zusammenschluß der bürg. Rathausparteien. der Grundschule zu Ostern 1930. Nochmals sei darauf hinge­

Um die Zersplitterung der Kräfte der bürgerlichen Parteien im Stadtrat zu beseitigen und auch den kleineren bürgerlichen Gruppen, die bei den jüngsten Kommunalwahlen keine Frak­tionsstärke erreicht haben, die Vertretung in den Ausschüssen des Stadtrates zu ermöglichen, sind jetzt nach wochenlangen Ver­handlungen unter den bürgerlichen Parteien zwei kommunal­politische Zusammenschlüsse im Stadtrat zustandegekommen. Die Deutsche Volkspartei, die im Gießener Stadtrat mit acht Man­daten vertreten ist, hat mit den vier demokratischen Stadtrats­mitgliedern und den zwei Zentrumsstadtverordneten eine Frak­tionsgemeinschaft unter der Bezeichnung Arbeitsgemeinschaft der Mitte" gebildet. Weiter hat sich die wirtschaftliche Ver­einigung, die ebenfalls acht Stadtratsmitglieder zählt, mit den drei Vertretern der Deutschnationalen Partei zu einer Fraktion unter dem Namen Wirtschaftliche Vereinigung" zusammenge­schlossen. Diese beiden großen bürgerlichen Gruppen im Stadt­rat vereinigen von der Gesamtheit der 42 Mandate 25 auf sich. Die Sozialdemokratische Fraktion, die als dritter großer Faktor im Stadtrat sitzt, hat 14 Mandate, während als kleine Splitter nach dem nunmehrigen bürgerlichen Zusammenschluß nur noch ein Nationalsozialist und zwei Kommunisten im Stadtparlament übrig bleiben.

*

* Prof Dr. A. Jesionet 60 Jahre alt. Am 9. Januar 1930 begeht der bekannte Prof. Dr. Albert Jesionek, Ordina­rius für Haut- und Geschlechtskrankheiten an unserer Universi­tät, seinen 60. Geburtstag. Albert Jesionek, geboren 1870 in Lindau i. B., war erst an der Münchener Universität tätig. Nach 6 Jahren wurde er nach Gießen als Extra- Ordinarius gerufen, wo er 1918 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Prof. Jesionek leitet die Universitäts- Hautklinik und die Lupusheil­ſtätte.

* Personalie. Der Landeskommandant in Hessen und Kom­mandeur des 1. Bataillons Infanterie- Regiments 15, Major Lüters, wurde durch Verfügung des Reichswehrministeriums mit Wirkung vom 1. Januar 1930 ab zum Oberstleutnant be­fördert.

* Personalien. Regierungs- Oberinspektor Jbe beim hiesi­gen Versorgungsamt ist zum Verwaltungsamtmann ernannt

worden.

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* Stadttheater. Heute gibt es zum letztenmale ,, Der Veil­chenfresser" von Moser. Freitag, den 10. Januar, als Neu­aufführung ,, Der Geisterzug" von Arnold Ridleg. Sonntag, den 12. Januar, nachmittags, lettmalig das Märchenspiel Das tapfere Schneiderlein".

* Eigentümer gesucht. Beim Polizeiamt wurde ein Fahr­rad, Marke ,, Corona", das in einer hiesigen Wirtschaft als Pfand zurückgelassen wurde, sichergestellt. Der Eigentümer des Fahrrades wird ersucht, sich bei der hiesigen Kriminalpolizei, Zimmer 27, zu melden.

* Zur Wilddieberei Mortaigne. Um einen Ueberblick über ben Umfang der von dem Milchhändler Mortaigne begangenen Wilddiebereien zu bekommen, werden alle Personen, die im guten Glauben Wild von dem Verhafteten gekauft haben, er­sucht, bei der Kriminalabteilung, Zimmer 67, vorzusprechen.

* Müllabfuhr. Das Tiefbauamt weist nochmals darauf hin, tak ab 1. Februar Müllgefäße, die der Polizeiordnung vom 15 April 1929 nicht entsprechen, nicht mehr entleert werden. * Erweiterung der Polizeiverordnung über den Kraftfahr­zeugverkehr in Gießen. Laut Amtsverkündigungsblatt Nr. 2 bürfen in Zukunft innerhalb der geschlossenen Ortsteile der Stadt Gießen Kraftfahrzeuge, die nicht mit Luftbereifung ver­sehen sind, eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Km. in der Stunde

Der Stammtisch.

Eine Humoreste aus Gießen.

1. Fortsetzung.

,, Nicht daß ich wüßte", geb' ich zur Antwort. Aber mords­mäßigen Durst hab' ich, und deshalb wollen wir tüchtig aus­schreiten, wenn's Ihnen recht ist."

,, Mit dem größten Vergnügen," sagt mein Fechner. Das glaub' ich Ihnen: wenn einer so den ganzen Tag in der heißen, dumpfigen Klinik hockt, da vertrocknet die Gurgel!"

,, Wie meinen Sie das?" frag' ich ganz verwundert; denn ich begriff nicht, wie der auf einmal auf die Jdee kam, meine Apotheke eine Klinik zu nennen.

,, Wie soll ich das meinen?" sagt er und fuchtelt mit seinem Bambusröhrchen in der Luft herum, als stünd' er auf der Men­sur. Ich mein' halt, daß so eine chirurgische Klinik auch nicht gerade ein Paradies des Muhamed ist, besonders hier, wo wir leider noch immer an der verwünschten Bau- Frage labo­rieren."

,, Ja aber zum Donnerwetter," sag' ich und bleib' stehen, ,, haben Sie denn nicht ganz ausgeschlafen, oder sehn Sie nicht gut? Was wollen Sie denn mit Ihrer chirurgischen Klinik?"

Mein Fechner bleibt auch stehen, schaut mich groß an und spitzt dann sein rotes Maul wie ein Waschweib, wenn sie den Kaffee bläst.

Endlich sagt er mit pfiffigem Augenzwinkern: ,, Sie sind wirklich spaßhaft, Herr Doktor!"

,, Wissen Sie was?" gab' ich zur Antwort ,,, ich weiß zwar nicht, auf welcher Universität Sie promoviert haben, aber das weiß ich ganz bestimmt, daß ich mich von einem so jungen Men­schen, wie Sie sind, nicht uzen lasse. Man kann ein sehr an­ständiges Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft sein, ohne auf den Titel ,, Doktor" Anspruch zu haben, und das ist mein Fall! Soviel kann ich Sie überdies versichern, daß Sie im Irrtum sind, wenn Sie glauben, das wäre wahr, was sich die Leute so von mir erzählen wegen meiner angeblichen Bemühungen in Rostock, wo ich im vorigen Jahr Doktor hätt' werden wollen und partout nicht gekonnt hätte. Das ist alles gelogen, mein lieber Herr Fechner, und deshalb verschonen Sie mich mit Ihren ungemütlichen Anspielungen."

Jetzt ist Ihnen aber mein Fechner auf einmal ganz ernst ge­worden.

wiesen, daß zu Ostern 1930 infolge der gestiegenen Schülerzahl damit zu rechnen ist, daß wesentlich mehr Schüler als bisher in die höheren Schulen eintreten wollen. Um die dadurch recht schwierig werdende Klasseneinteilung rechtzeitig durchführen zu können, ist es notwendig, daß die Anmeldung der Schüler frühzeitig erfolgt. Für Schüler, die bereits nach dreijährigem Besuch der Grundschule in die höheren Schulen übertreten sollen, sind nach einem Ausschreiben des Ministeriums für Kultus und Bildungswesen die Gesuche bis spätestens zum 15. Januar 1930 bei dem zuständigen Kreis- oder Stadtschulamt einzureichen.

* Die Polizeistunde in Hessen während der Fastnachtzeit. Auf Ersuchen der Gastwirte- Jnnung Hessen ist die Polizeistunde ab Samstag, den 4. Januar, an den Samstagen vor Fastnacht auf 5 Uhr und an den Sonntagen vor Fastnacht auf 4 Uhr fest= gesetzt worden. An den vier eigentlichen Fastnachtstagen, Samstag, den 1. bis Dienstag, den 4. März dagegen gilt die Verlängerung bis 6 Uhr früh.

* Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Nächsten Frei­tag, den 10. Januar, abends, Lichtbildervortrag in der Aula von Dr. Freiherr von Eichstett.

* Sylvester Schaeffer, der König des Varietés, kommt nach Gießen. Dem Lichtspielhaus ist es gelungen, ihn unserer Stadt zuzuführen.

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Lehrgang Auslandsdeutschtum und Schule". Der vom Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht und dem hessischen Ministerium für Kultus- und Bildungswesen in Gemeinschaft mit der Stadtverwaltung veranstaltete Lehrgang über Aus­landsdeutschtum und Schule" wird sämtlichen Lehrern unserer Stadt ihre Darstellung und Behandlung im Unterricht vor Augen geführt. Der Lehrgang findet am Mittwoch, den 15. und Don: nerstag, den 16. Januar 1930 in der Aula der Universität statt. Das Programm ist im einzelnen wie folgt festgesetzt: Am Mitt­woch, den 15. Januar, wird der Lehrgang um Uhr durch das Hessische Kultusministerium eröffnet. Es schließt sich ein Vortrag des bekannten Dozenten für Auslandsdeutschtum an der Universität, Prof. Dr. König an, der mit dem Thema, Volk und Staat" mitten in den der Tagung zugrunde liegenden Ge­dankenkreises hineinführen wird. Direktor Niemann vom Zen­tralinstitut für Erziehung und Unterricht( Auslandsabteilung) in Berlin wird dann in drei je einstündigen Lehrproben die un­terrichtliche Durchführbarkeit der Behandlung von Volkstums­problemen erhärten. Klassen der Volksschule, Berufs- und höheren Schule werden die Schüler für diese Lehrproben stellen. Der Nachmittag bringt einen bedeutsamen Vortrag von Mini­sterialrat Dr. Löffler vom Reichsministerium des Innern über Das Auslandsdeutschtum in aller Welt". Am Abend

gibt eine öffentliche Veranstaltung in der Aula der Universität der Bürgerschaft Gelegenheit, von den Aufgaben und der Be­deutung der Volkstumsarbeit Kenntnis zu nehmen. Es werden bei diesem ,, Auslandsdeutschen Abend" sprechen: Prof. Dr. Csaki, der Leiter des deutschen Kulturamtes in Großrumä­nien über Die völkerverbindende Bedeutung des Auslands= deutschtums" und Gewerkschaftssekretär Furtwängler, Ber­lin, über das Auslandsdeutschtum und der deutsche Arbeiter". Am 16. Januar schließen dann zwei Nachmittagsvorträge die Tagung ab. Auf ihr wird Legationsrat Dr. Boehme vom Auswärtigen Amt, früher lange Jahre Direktor der deutschen Schule in Mexiko und Austauschprofessor in der U. S. A., das Thema: Aus der Arbeit der deutschen Auslandsschule" behan­deln, während Ministerialrat Dr. Südhof über Der deutsche Auslandslehrer" reden wird. Der Lehrgang dürfte allgemeinem Interesse begegnen; für den auslandsdeutschen Abend ist die Bürgerschaft eingeladen.

Ich begreife Sie nicht," hat er gesagt. Auf Ihre eignen Visitenkarten lassen Sie drucken: ,, Dr. med. Willibald Erdmann" und nun beschweren Sie sich und halten mir Standreden, wenn ich Sie mit dem Titel anrede, der Ihnen doch von rechts­wegen zukommt

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Aus Nah und Kern.

Lollar.

Nr. 2.

Unsere Krankenschwester, Elisabeth Melchiov, die erst seit etwa% Jahren segensreich hier wirkte, wurde un­erwartet von dem Vorstand des Mutterhauses in Darmstadt mit Wirkung vom 6. Januar nach Queck bei Schlitz versetzt. Ihre Ab­berufung wird lebhaft bedauert.

Homberg. Das hiesige Basaltwerk, das für kurze Zeit still­gelegt worden war, nahm am 6. Januar seinen Betrieb in ver­stärktem Maße wieder auf.

Butzbach. In der Krachbaugasse ist in den unteren Stock des einen der an der Stadtmauer hängenden Häuschens ein Auto oder ein sonstiges Fuhrwerk hineingefahren, welches die untere Wand eindrückte, so daß sie herausgenommen und das Häuschen mit Pfosten gestützt werden mußte. Hierbei wurde auch anderer Sachschaden angerichtet. Von dem Vorfall wollen die Hausbewohner nichts wahrgenommen haben(!)

Herbstein. Das Amtsgericht verurteilte die Landwirtin Schneider wegen Milchfälschung zu einem Monat Gefängnis und zur Tragung der Kosten des Verfahrens. Außerdem wurde auf Veröffentlichung des Urteils erkannt.

Lauterbach. Kreisveterinärarzt Veterinärrat Dr. Karl Rick von hier, ist auf sein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. Januar 1930 an, in den Ruhestand versetzt worden.

Darmstadt. Auf der Strecke Darmstadt- Griesheim ließ sich am Sonntag früh ein 21jähriger Schreiner von Griesheim von einem Güterzug überfahren. Was den ordentlichen und flei­ßigen Mann in den Tod trieb, ist noch nicht bekannt.

Begehrter Bürgermeisterposten.

Michelstadt. Für den Bürgermeisterposten in Michelstadt haben sich bis jetzt nahezu 200 Bewerber gemeldet, darunter Bankdirektoren, Beamte, Kaufleute, Handwerker und Ange­hörige freier Berufe. Nach der Zusammensetzung des Stadt­rats wird nur ein Sozialdemokrat Aussicht haben, den Posten zu erlangen.

Rüsselsheim. Die Umstellung der Opelwerke auf den Be­trieb der General Motors und die neue Produktionsgrundlage bei dem Automobilbau ist endgültig durchgeführt worden. Nach­dem die Organisation einen völligen Neuaufbau erhalten hat, hat der neue Betrieb mit 6000 Personen im Automobilbau wie­der die Arbeit aufgenommen, und zwar an fünf Wochentagen mit 8stündiger Arbeitszeit, nachdem eine zeitlang der Betrieb völlig stillgestanden hat.

Mainz. Auf Grund eines Beschlusses des Gläubigeraus­schusses hat der Konkursverwalter gegen den gesamten Auf­sichtsrat der Getreide- Kreditbank- A.- G. auf einen Betrag von 680 000 M Regreßklage angestrengt.

Bingen a. Rh. Unter Vorsitz von Kommerzienrat C. H. Fischer- Bingen sand in Bingen eine Tagung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Berlin statt, in der der Vertreter der deutschen Kolonialgesellschaft in Berlin, Deums, über die kom­menden kolonialpolitischen Entscheidungen und Aufgaben der Deutschen Kolonialgesellschaft sprach.

Wetzlar. Heute feiern die Eheleute Buchdruckereibesitzer Ferdinand Waldschmidt und Frau Lina, geb. Hagenen, das Fest der diamantenen Hochzeit. Ferdinand Waldschmidt hat insbesondere das turnerische Leben der Stadt Wetzlar stark ge­fördert. Der Reichspräsident hat dem Jubelpaar ein Glück­wunschschreiben übermittelt.

Marburg. Der älteste Einwohner unserer Stadt und wohl auch der weiteren Umgebung, Rentner Gerlach, konnte in för­perlicher Rüstigkeit und geistiger Frische seinen 99. Geburtstag begehen. Ein Bruder des Hochbetagten, der in Michelsberg bei Zimmersrode wohnt, wird Mitte dieses Monats sogar seinen 100. Geburtstag feiern können.

Anschein geben, als wenn ich mit dem bekannten Hegel'schen Satz ebensogut Bescheid wüßte, wie der Fechner.

,, Kommen Sie nur!" versetzt er und nimmt mich kollegialisch beim Arm. Ich begreife nicht recht, warum Sie auf jeden Wiz, den Sie machen, so eine Frage setzen, die der ganzen Ge

Jch lache natürlich, klopfe ihm auf die Schulter und sag' schichte wieder die Pointe nimmt, Machen Sie, daß wir jetzt in überlegenem Tone:

,, Sie irren sich in der Zeit, Herr Fechner! Wir haben Ok­tober! Der Karneval kommt erst im Februar!"

Wieder guckt er mich ganz ernst an, spricht aber kein Wort. So gehn wir denn weiter, am Neuweg vorüber, rechts in die Löwengasse.

Da kommt auf einmal ein kleiner Bube aus der Türe eines zweistöckigen Hauses gelaufen, zieht seine Kappe und sagt mit seinem verkniffenen Stimmchen:

,, Guten Abend, Herr Doktor Erdmann!"

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Ich denk', ich soll auf den Rücken fallen, denn das muß ich Ihnen hier gleich vermerken, ich hab' mit dem Dr. Erdmann nicht die geringste Aehnlichkeit; anderthalb Kopf ist er größer gewesen, und blond, und seine ganze Haltung war anders; kurz, es ließ sich gar kein größerer Gegensatz denken, als mich und den Doktor Erdmann: eine Verwechslung war daher rein unmöglich. Ich drehe mich also um und schaue dem Jungen nach, tann aber nichts Auffälliges an ihm bemerken. Ganz ordentlich ist er hinübergesteuert zum Neuweg und an der Ede ins Mate= rialwarengeschäft eingetreten, so daß ich glauben mußte: der holt für 10 Pfennige Essig, oder sonst etwas für die Haushal= tung. Ja, aber zum Donnerwetter, denk' ich, was soll denn das aber heißen, daß der Bengel mich für den Doktor Erdmann an­redet? Das ist doch, hol' mich dieser und jener, genau so, als wenn der Fechner die Leute verheyen und mit der Kraft seines bösen Blickes zwingen fönnte, auf seine Tollheiten einzugehen!

,, Was haben Sie nur, Herr Doktor?" fragt da wieder die Bierbaßstimme des Tageblatt- Redakteurs.

,, Was ich habe?" sag' ich. Nichts hab' ich. Nur wundern tu ich mich, wie es kommt, daß noch andere Spaßvögel ihre Kar­nevalsidee teilen und mich zum Doktor stempeln, und noch oben­drein zum Doktor Erdmann, der mit mir so viel Aehnlichkeit hat wie ein Heuwagen mit dem städtischen Kirchturm."

,, Das ist köstlich!" sagt er und lacht wieder. Vermutlich wollen Sie den bekannten Hegel'schen Satz vom Widerspruch persiflieren...?"

,, Wieso?" frag ich, ein wenig spitz, denn ich wollt' mir den

zum Vater Lotz kommen. Unser Freund Wolf und der Apotheker Kehrbach warten gewiß schon mit Schmerzen."

,, Jetzt wird mir's aber ein bißchen zu viel," sag' ich und runzle die Stirn. ,, Wissen Sie, Herr Fechner, alle Späße kann ich vertragen, nur nicht die dummen! Was bezwecken Sie denn damit, daß Sie sich jetzt stellen, als wenn Sie voll wären, um nicht zu sagen: übergeschnappt...?"

Das letzte Wort hat mir noch auf den Lippen geschwebt, da kommt der Klubdiener Bremer an uns vorüber, nimmt seinen Hut ab und spricht:

,, Erlauben Sie gütigst, Herr Fechner, darf ich Ihnen viel­leicht gleich hier die Einladung vom hiesigen Gesangverein zum fünfundzwanzigjährigen Stiftungsfest überreichen? Ich hab' die Karten just in der Tasche, und es interessiert Sie vielleicht, schon jetzt das Programm kennen zu lernen..."

,, Nur her damit!" sagt der Tageblatt- Redakteur. Der Klubdiener sucht in seiner Mappe herum und nimmt einen großen länglichen Brief heraus.

,, Merci!" sagt der Fechner und reißt das Kouvert auf. ,, Darf ich vielleicht auch Ihnen...?" fragt mein Bremer, und diftelt von Neuem in seiner Mappe herum.

,, Warum denn nicht?" sag' ich. Da brauchen Sie morgen nicht die Treppen zu steigen!"

Der Klubdiener gibt also auch mir mein Kouvert, spricht: ,, Empfehl' mich Ihnen!" und rennt weiter. Mein Fechner ist inzwischen vor die Laterne einer benachbarten Restauration ge­treten und überfliegt das Programm. Nun, denk' ich, wenn der's liest, kann du dir die Mühe sparen; der erzählt's nachher doch am Stammtisch beim Vater Lotz. So will ich denn eben die Einladung in die Tasche stecken, als mein Blid zufällig auf die Adresse fällt. Was?" denk ich ,,, hat mich denn der Fechner mit seinem Unsinn toll gemacht, oder hab' ich was in den Augen?" Aber die Sache ist richtig gewesen! Auf der Adresse hat ganz deutlich gestanden: Herr Dr. med. Willibald Erd­mann, Assistent an der chirurgischen Klinik, Eisengasse Nr. 14." Fortsetzung folgt.

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