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Nr. 27.

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Samstag, den 5. April 1930.

* Städtische Ablösungsanleihe. Das hessische Gesamtministe­rium hat der Stadt die Genehmigung zur Ausgabe von 461 500 Rmt. Inhaberschuldverschreibungen mit Auslosungsrechten( Alt­besitz) und von 88 500 Rmt. dto. ohne Auslosungsrechte( Neu­besitz) zum Zwecke des Umtausches von Markanleihen in Ab­lösungsanleihe erteilt. Mit der Ausgabe der Stücke kann im Laufe der nächsten Woche gerechnet werden.

* Wer ist Eigentümer? Eine Anzahl Fahrradwerkzeuge, die Schuljungen aus Werkzeugtaschen in Fahrrädern, die vor dem Volksbad aufgestellt waren, entwendeten, sind bei der Kri­minalpolizei sichergestellt. Außerdem eine fast neue Sturm­laterne, die anläßlich einer Durchsuchung gefunden wurde. Die Laterne soll angeblich im Oktober oder November v. Js. auf der ,, Schönen Aussicht" während der dort vorgenommenen Aus­schachtungsarbeiten entwendet worden sein. Die Personen, die Eigentumsrechte geltend machen können, werden gebeten, bei der Kriminalabteilung vorzusprechen.

* Fundsachen im Monat März 1930. Das Verzeichnis über die im Monat März 1930 gefundenen bezw. abgelieferten Ge­genstände kann an der Anschlagtafel im Flur des Polizeiamtes, Landgraf- Philipp- Platz 1, eingesehen werden. Die Empfangs= berechtigten werden aufgefordert, ihre etwaigen Rechte inner­halb 2 Monaten beim Fundbüro während der Dienststunden gel­tend zu machen.

* Diebstähle. Am 28. März wurden von der Rolle eines hiesigen Bahnspediteurs in der Steinstraße während der Ab­wesenheit des Fuhrmanns, zwei mit grauem Packpapier ver­sehene Pakete entwendet. In einem Paket befanden sich etwa 10 Meter Herrenstoff von bläulicher Farbe mit rötlich und iila durchwirkten Streifen, im anderen Paket 5 Mille Zigaretten, Marke Ova". Der Täter, der gesehen wurde, ist etwa 1,70 Meter groß, 30 Jahre alt, hat mittlere Statur, war elegant ge= kleidet und trug bläulichen Wintermantel und grauen Hut mit flacher Randfassung. Aus dem Hofe eines Hauses in der West­anlage wurde ein Mülleimer mit der Nummer G. 2908 ent­wendet. Der Eimer trägt außerdem in schwarzer Farbe die Buchstaben P. G.

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* Abfall- und Laub- Verbrennungen. Das Polizeiamt weist auf folgendes hin: Jn letzter Zeit hat sich die Unsitte verbrei­tet, in Gärten und in unmittelbarer Nähe von Gebäuden in­nerhalb der Stadt Laub und sonstige Abfälle zu verbrennen. Die dabei entstehende Rauchentwicklung ist in den meisten Fäl len so stark, daß das Publikum belästigt wird. Nach§ 368 Ziffer 6 des Reichsstrafgesetzbuches ist das Anzünden und Unter­halten von Feuer in gefährlicher Nähe von Gebäuden oder feuerfangenden Sachen strafbar. Die Polizeibeamten sind an­gewiesen, Zuwiderhandlungen unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.

* Von der Reichsbahn. Ernannt wurde Reichsbahnassistent Nachtigall zum Reichsbahnsekretär, Reservezugführer Lenz- Gie­ßen und Hofmeier- Stockheim zu Zugführern. 25 Jahre im Dienste der Reichsbahn stand gestern Zugführer Joh. Weitzel­Gießen.

* Konkursverfahren bei der Fa. Heyligenstaedt. Am Don­nerstag hat infolge Kreditschwierigkeiten die Fa. Heyligenstaedt Konkurs angemeldet. Das Wirtschaftsleben unserer Stadt ist dadurch zunächst noch nicht geschädigt, da der Betrieb vorerst aufrechterhalten bleibt. Die Firma beschäftigt 300 Arbeiter.

* Automobile als Reisegepäck, das ist die letzte Neuerung der Reichsbahn. Man kennt sie bis jetzt nur auf der Strecke Hamburg und Bremen- Basel.

* Bezirksschöffengericht Gießen. Ein Lehrer aus der Um­

,, Gießener Zeitung"

gegend wurde wegen Sittlichkeitsverbrechen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

* Volkshochschule. Die Leitung hat die Hörer zu einer Ver­sammlung auf morgen nachmittag in den Philosophenwald" geladen. Es stehen sehr wichtige Fragen zur Beratung.

* Stadttheater. Als Fremdenvorstellung geht morgen nach­mittag ,, Die Sache, die sich Liebe nennt" über die Bretter. Am Montag: einmaliges Gastspiel von Curt Goetz in ,, Der Lügner und die Nonne".

* Lichtspielhaus. Morgen früh wird zu kleinen Preisen im Lichtspielhaus ein sehenswerter Kulturfilm ,, Aus der tropischen Heimat des Golfstroms" vorgeführt.

* Goethebund. Die nächste( 4.) Veranstaltung im Rahmen des Kammerspielzyklus bringt Hofmannsthals Der Tor und der Tod" als Gedenkfeier für den kürzlich verstorbenen Dichter. * Oeffentliche Versammlung. Der Sparer- und Rentner­bund hält heute abend im Katholischen Vereinshaus eine öf= fentliche Versammlung ab. Eintritt frei. Redner: Dr. Wolf: Mainz, M. d. L.

* Bauerscher Gesangverein. Heute abend ist Generalprobe für das morgige, große öffentliche Konzert in der Universitäts­aula. Die Generalprobe ist für die Mitglieder des Vereins zugänglich.

* Konditoreiausstellung. Dazu schreibt man uns: Die Kon­ditoreifunst- Ausstellung modernen Stils, die aus Anlaß der ersten Meisterprüfung eines Schülers dieser Tage auf der Lie­bigshöhe stattgefunden hat und viel Sehenswertes und Kunstge= rechtes dem Auge darbot, hat im starken Maße die Verwunde­rung der Fachmänner erregt. Das seither geübte überschweng­liche Dekorieren von Aufsätzen, sowie von Torten, das störend auf das Auge wirkte, ist weggefallen, einfache, schlichte und des= halb geschmackvolle Arbeit der modernen Richtung, insbesondere die Zuckerbläserei, sind an ihre Stelle getreten. Das sah man unter anderm deutlich an der ausgestellten schönen Geburtstags­torte, die mit einer Teerose geziert war, sowie an den zwei klei­nen Fassontorten, von denen die eine mit einem Kleeblatt und Glücksschwein, die andere mit Glückspilzen und einer Libelle dekoriert waren. In die Augen fiel ferner ein prachtvolles Blumenarrangement. Das Entscheidende aber vor allem lag in der Zuckerbläserei. Ist doch auf diesem ganz modernen und neu­zeitlichem Gebiet tatsächlich Kunstvolles sondergleichen geleistet worden, und zwar nicht etwa von dem Leiter der Ausstellung, Herrn Nebeling, vielmehr von dessen Schülern, die ihrem Lehrmeister alle Ehre gemacht haben.

* Kranke und Leidende! so betitelt sich ein Vortrag, der am Dienstag, den 8. ds. Mts., abends 8 Uhr. im kath. Vereinshaus stattfindet. Bis in die Einzelheit erklärt der Redner die Wir­fung des Wohlmuth- Heilverfahrens, das seit über 30 Jahren erprobt und selbst bei den schweren und schwierigsten Fällen mit günstigen Resultaten angewandt ist. Die Wohlmuth- Galvanisa­tion ist nicht zu verwechseln mit Elektriesieren, man hat kein Ueberspringen von Funken, keine Reizwirkungen. Ein Anschluß an die Lichtleitung fällt weg, ebenso besteht keine Radioſtörung. Der Abend wird lehrreich und Interessenten ist der Besuch wärm­stens empfohlen.

Die Stunde des Landes im Südwestdeutschen Rundfunt.

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Sonntag, den 6. April 1930: ,, Der bäuerliche Sport", Vor­trag von Marquardt, Schloß Oranienstein bei Diez a. d. Lahn. ,, Die Bedeutung der Agrarausfuhr Deutschlands", Vortrag von Dr. Engel- Berlin. Stunde des Rhein- Mainischen Ver­bandes: ,, Walt Withman, der Dichter der Großstadt", Vortrag von Dr. Gebhardt- Frankfurt a. M.

Nr. 27.

Aus Nah und Fern.

Azenhain.

Der 61jährige Kassenrechner Lenz war mit dem Abwerfen von Stroh beschäftigt. Er stürzte vom Scheunen­gerüst in die Tenne und erlitt so schwere Verlegungen, daß er nach kurzer Zeit starb.

Bad Nauheim. Eine internationale Tanzwoche findet vom 10. bis 15. Juli hier statt.

Eine Mißgeburt.

Bei einem Landwirt in Wallerstädten( Starkenburg) fam ein Ferkel auf die Welt, das 2 Köpfe, 3 Augen und 2 Mäu­ler hatte.

Jahreshauptversammlung des Hess. Diakonievereins in Darmstadt.

Der Hess. Diatonieverein hielt am 28. März seine Jahres­hauptversammlung in seinem Heimathaus in Darmstadt ab. Aus dem Jahresbericht geht hervor, daß der Diakonieverein seine Ziele wesentlich erweitert hat. Zu der bereits vor dem Kriege bestehenden Gemeindepflegeschule ist vor einigen Jahren eine Wohlfahrtspflegeschule hinzugekommen, in der nicht nur Schwestern, sondern alle junge Mädchen, die sich später der Wohlfahrtspflege widmen wollen, Ausbildung erfahren. Als 3. neue Einrichtung ist nun in letzter Zeit eine Pfarrgehilfin­nenschule ins Leben getreten. Die beiden neuen Einrichtungen: die Wohlfahrtsschule und die Pfarrgehilfinnenschule erhielten im Sommer 1929 auf Grund des Ergebnisses der ersten Prüfung staatliche und kirchliche Anerkennung, so daß die Schülerinnen dieser Schule, die ihre Prüfungen mit Erfolg bestanden, nicht nur in Hessen, sondern auch in den übrigen deutschen Ländern Anstellung finden können. Gegenwärtig besuchen 38 Schülerin nen die Schule. An Stelle des nach Gießen versetzten Pfar­rer Lic. Waas übernahm Oberkirchenrat Dr. Horre den Vor­sitz des Diakonievereins. Der Bericht stellte im ganzen eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung des Lebens des Vereins fest.

In der öffentlichen Versammlung hielt Oberregierungsrat Dr. Krebs vom Ministerium des Innern einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über Das Recht auf Er­ziehung".

Mainz. Die seither von etwa 200 Militärpersonen besuchte französische Militärschule in der Zitadelle ist jetzt, nachdem die Teilnehmer des letzten Kursus zu ihren Truppenkörpern zurück­gefehrt sind, im Hinblick auf die bevorstehende Räumung end­gültig geschlossen worden.

Mainz. Bei den Betriebsratswahlen im Straßenbahnamt errangen die Christlich- Nationalen einen großen Sieg. Sie nahmen den Sozialdemokraten, die Hälfte ihrer Sitze.

Großfeuer in Mainz.

Mittwoch abend, kurz nach 10 Uhr, brach in der Lackfabrik Albrecht in Mainz ein Großfeuer aus. In einem kleinen Nebenschuppen der Fabrik kam auf bisher ungeklärte Weise ein Bezinbehälter zur Explosion. Die Explosion setzte schnell die­sen Gebäudeteil in Flammen. In rasender Eile, griff das Feuer um sich und griff auf einen danebenstehenden großen Vorratsschuppen über. Dieser Schuppen war mit Lackfässern und sonstigen leicht entzündbaren Stoffen gefüllt, wodurch das Feuer sofort reiche Nahrung fand. Bald stand der 80 Meter Lange Schuppen in hellen Flammen. Durch das Einsetzen der Feuerwehr von zwei Seiten gelang es gegen Mitternacht, des Feuers soweit Herr zu werden, daß ein Teil der Feuerwehr wie­der abrücken konnte.

Für Kinder nur Chlorodont

Ein Urteil von vielen:

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Jung gewohnt ist alt getan! So heißt's im Sprichwort und so bin ich auch mit Ihrer Chlorodont- Zahnpaste gefahren. Als Knabe kaufte mir die Mutter schon immer obige Paste und ich weiß mich kaum jemals zu erinnern, eine andere gebraucht zu haben. Nun möchte ich auch gern von Ihren anderen Präparaten die Ueberzeugung gewinnen, daß sie an Güte gleich Ihrer Chlorodont- Zahnpaste sind..... Wenn ich einige Worte dazu schrieb, so sollte es keine Schmeichelei sein, sondern lediglich nur das zum Ausdruck gebracht werden, was der Wahrheit entspricht....." H., Bdn., J. Matthay. ( Originalbrief bei unserem Notar hinterlegt.) Ueberzeugen Sie sich zuerst durch Kauf einer Tube zu 60 Pf. Große Tube 1 Mk. Chlorodont- Zahnbürsten| Mk.. für Kinder 60 Pf. Kindergeschenk- Karton 1.50 Mk., enthaltend: 1 kleine Tube Zahnpaste, 1 Kinderzahnbürste. Kinder Mundspülglas Zu haben in allen Chlorodont- Verkaufsstellen. Man verlange nur echt Chlorodont in blau- weiß- grüner Originalpackung und weise jeden Ersatz dafür zurück.

Blutblätter der Heimatgeschichte.

Die rote Armee an Ruhr und Rhein.

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Zur zehnjährigen Wiederkehr des Kapp­tages( 13. März) erscheint ein Volksbuch von Dr. Hans Spethmann über Die rote Ar­mee an Ruhr und Rhein"( Verlag R. Hobbing, Berlin, Preis 5,20 Rmt.). Die Arbeit setzt uns in jene aufgeregte Zeit zurück, die im Anschluß an den Kapp- Putsch zu dem größten Kommu­nistenaufstand führte, den Deutschland je ge­sehen hat. In erschreckender Deutlichkeit ziehen an uns bolichemistische Zustände vorüber. Nach­stehende Ausführungen find dem Buche ent­

nommen.

Noch am Morgen des 19. März 1920 bringt eine Bekannt­machung des Essener Vollzugsausschusses die Meldung, es sei ,, die Sicherheit der Stadt auf jeden Fall durch die vorhandenen polizeilichen Kräfte gesichert." Schon eine halbe Stunde spä­ter erschienen die ersten Roten im Norden von Essen! Kurz darauf spielen sich bereits am Schlacht- und Viehhof, wo sich die Grünen verschanzt hatten, äußerst blutige Ereignisse ab. Die Roten mußten ihn fast zwei Stunden lang beschießen, ein Rest von zwanzig Grünen verteidigte ihn bis zum letzten Augenblick und konnte dann nicht mehr entweichen. Als sie keine Munition mehr hatten, zogen sie die weiße Fahne und ergaben sich. Jetzt fiel die Horde über sie her, riß ihnen die Kleider vom Leib, plünderte sie vollständig aus und mißhandelte sie in der un­menschlichsten Weise. Nur ganz wenigen gelang es, zu ent­kommen, der größte Teil wurde niedergemegelt. Mit dem Rufe: ,, Alles, was hier ist, wird kalt gemacht!" stürmte man die ein­zelnen Gebäude. An mehreren Stellen wurden Verwundete

gen mit Beilen zerschlagen, die Wohnungen der Schlachthofauf| Sträflingskleidern, an der Spitze die zweimal zum Tode ver­seher geplündert und die vorhandenen Geldschränke gesprengt und ausgeraubt.

Während des Angriffs fuhr der Lehrer Stemmer unter dem Schutz der Parlamentärflagge zum Rathaus, wo er 10,40 Uhr eintraf, um namens der Roten mit dem Oberbürgermeister Dr. Luther wegen Uebergabe der Stadt zu verhandeln. Die Auf­Uhr. setzung des Uebergabevertrages verzögerte sich bis 12,25 Uhr. Inzwischen waren die Zugangsstraßen zum Rathaus von Tau­senden von Aufrührern besetzt und das ganze Gebäude um­zingelt, fünf Minuten später wurde es im Sturm genommen. Kurz darauf fielen Post und Polizeipräsidium: damit war auch Essen in der Hand der Roten.

Wieder gingen die Kommunisten in scheußlicher Weise gegen die Gefangenen vor. Ein Teil mußt mit erhobenen Händen nach Gelsenkirchen marschieren; wem die Hände erlahmten, wurde mit Peitschenhieben und Kolbenschlägen gezwungen, sie hoch zu halten. Ein Leutnant wurde unter gemeinsten Schimpf­worten viermal an die Wand gestellt, wobei ihm ein Zettel in die Hand gedrückt wurde, um seine letzten Worte aufzuschrei­ben. Sogenannte Krankenschwestern hielten Reden gegen die Wehrlosen und spuckten ihnen ins Gesicht. Andere Gefangene wurden in einem Untersuchungsgefängnis von einer Horde über­fallen, die ihnen Geld, Uhren und die meisten Kleidungsstüde abnahm. dann alle Aften verbrannte und die Gerichtskasse aus­raubte.

Sofort ging man auch daran, die Strafgefängnisse zu öff­nen. Einen Teil der Gefangenen steckte man bereits beim Ver­lassen der Strafanstalten Waffen und Munition zu. Mit Ge wehren in der Hand und Handgranaten im Strick, der das Koppel ersetzen muß, ziehen sie es sind im ganzen an die dann wurden sämtliche Gebäude demoliert, die Inneneinrichtun-| Tausend schleunigst ins Innere der Stadt, vielfach noch in

erst mit Gewehrkolben mißhandelt und dann erschossen. Als­

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urteilten Raubmörder Gebrüder Fleischer

Ein anderer entsetzlicher Vorgang spielte sich auf Schloß Sythen bei Haltern ab, wo sämtliche Räumlichkeiten in der fürchterlichsten Weise zugerichtet wurden, die Schränke erbrochen, Füllungen herausgeschlagen, Uhren und Bilder, Kommoden und Truhen zerstört, ihr Inhalt geraubt oder verstreut, Gar­

dinen und Borhänge mitgenommen. Selbst die Kruzifire aur­

den zerbrochen, der Altar zerstört, Meßgewänder gestohlen, die Bronzebeschläge von den Möbeln gestohlen, alles- und Trink­bare vernichtet. Auch die Zimmer der Dienerschaft verschonte man nicht. Das Vieh wurde bis zum letzten Stück abgeschlachtet oder fortgeführt, die Fischnete entwendet und der Fischbest ind durch Handgranaten vernichtet. Eine Bande wird durch die andere abgelöst. Sie kommen in Kolonnen, in Personenkraft­wagen und Lastautos. Rote Gardisten", die unvermeidlichen Matrosen und als Krankenschwestern verkleidete Dirnen. Ein jeder stiehlt, raubt und plündert. Eine Kolonne, die sic ,, Vollzugsausschuß Recklinghausen" nennt, erbricht den Schreib­tisch, nimmt alles Geld, räumt die Speisekammer aus, andere erbrachen die Schränke, raubten Kleider und Mäntel, Schuhe und Vorhänge. Türen schlittern, Schränke krachen. Nackte Weiber stehen vor den Kleiderschränken und probieren der Grä­fin Kleider an. Auf den Fluren und Fremdenzimmern liegt eine Horde von mehr als hundert Menschen darunier etwa 40 ,, Krankenschwestern", Männer und Weiber, alle sinnlos be­trunken Eine Schwester" versammelt die Dienstboten. Mäd­chen! Von heute ab seid ihr keine Dienstboten mehr, seid ihr Fräuleins! Wir werden auch für euch kämpfen, für eure Be freiung aus der Knechtschaft!! Eine halbe Stunde darauf haben sie ihre Fräuleinschaft erkauft, keine Uhr, keine Brosche, noch nicht einmal die Wäsche hat man den Mädchen gelassen."..