Nr. 44.
Mittwoch, den 4.
Mittwoch, den 4. Juni 1930.
Lokales.
,, Wer recht in Freuden wandern will,
der geh' der Sonn' entgegen."
Die liebe Sonne lockt jetzt im Frühjahr doch ganz von selbst zum Frühaufstehen. Ob man dieser Lockung folgt, ist freilich eine andere Sache. Viele sind während der kalten Winterszeit die Langschläferei so gewohnt worden, daß es ihnen schwer fällt, sich dieser Fesseln zu entledigen. Das ist natürlich vom Uebel, denn der erwachsene Mensch soll sich jederzeit zu beherrschen vermögen. Hat man genug geschlafen, so wacht man auf, und nun soll der Mensch frisch an sein Tagewerk gehen. Nur der wirkliche Schlaf ist gesund, das bloße Jm- Bett- Liegen aber nicht, sofern man nicht gerade krank oder kränklich ist. Ausschlafen muß der Mensch auf alle Fälle. Im übrigen haben Gelehrte nachgewiesen, daß man im Sommer mit weniger Schlaf auskommt, als im Winter. Das Frühaufstehen ist aber nicht genügend, man muß die gewonnene Zeit auch vorteilhaft ver wenden, ganz besonders zu einem Spaziergang oder einem ge> mächlichen Spazierengehen auf Umwegen zur Arbeitsstätte. Jr. früher Morgenstunde sieht die Natur ganz anders aus als am Tage. Man verspürt die würzige Frische der Morgenluft, dazu ist der Geist munter und froh, der Arm kräftig und arbeits freudig. Daß Morgenstunde Gold im Munde hat, weiß jeder, aber leider wenige wenden diese uralte Weisheit praktisch an. Sch.
Kreistag Gießen.
,, Gteßener Zeitung"
* Zur Wahl der Mitglieder der Handwerkskammer gibt das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft bekannt, daß nach den Bestimmungen der Wahlordnung die einzureichenden Wahlvorschläge von 150 Stimmberechtigten unterschrieben sein müssen. Bei der Wahl dürfen nur die von der Handwerkskammer amt= lich hergestellten Stimmzettel verwendet werden, die in den Abstimmungsräumen bereit gehalten und den Stimmberechtigten zugleich mit dem Umschlag auszuhändigen sind.
Längere Zeit nahmen die Einzelberatungen des Etais für 1930 in Anspruch, der in der Betriebsrechnung mit 813 779, in der Vermögensrechnung mit 227 258 und insgesamt mit 1 041 037 RM.( 1 003 260 RM. 1929) abschließt. Den größten Posten nimmt hier die Wohlfahrtspflege mit 536 095 RM. ein, das sind 65,88 Prozent der Betriebsrechnung, wovon 524 392 RM. für das Kreiswohlfahrtsamt verwendet werden. Das Vermögen des Kreises beträgt 233 183 RM., die Schulden betra= gen 101 508 RM. Zur Hebung des Wirtschaftslebens nimmt der Kreis nun auch wie andere Kreise ein Kapital von 100 000 RM. auf, für dessen Zinsverbilligung 9000 RM. bewilligt wurden. Für das Stadttheater Gießen wurde ein Betrag von 3000 RM. in Anerkennung seiner künstlerischen Bedeutung ge= nehmigt Es ergibt sich ein Umlagenbedarf von 220 000 RM., der durch die gleichen Steuersäge wie im Vorjahre gedeckt wird.
* Fall Kauß vorm Kreistag. In der letzten Sitzung des Kreistages wurde mitgeteilt, daß das Ermittelungsverfahren gegen den verstorbenen Kreiskassenrechner Kauß, nach dessen Ableben bekanntlich 70 000 RM. Fehlbetrag in der Kreiskasse festgestellt wurden, vom Staatsanwalt als ergebnislos eingestellt worden ist.
* Steuerfreiheit wird auch dieses Jahr für Veranstaltungen anläßlich des Verfassungstages gewährt, wie Dr. Moldenhauer auf eine Anfrage hin erklärt hat.
* Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Gießen plant in nächster Zeit einen Blumenschmuck- Wettbewerb in Gießen.
* Vom Amtsgericht. Mit 40 RM. wurde ein Autofahrer bestraft, der einen Motorradfahrer an der Kreuzung Bleichstraße- Ludwigstraße angefahren hatte. Mit 10 RM. wurde ein Motorradfahrer bestraft, der an der Kreuzung WilhelmStraße Ludwigstraße in ein Auto hineinfuhr. Hierbei wurde das Rad des Beklagten demoliert und er erheblich verletzt. Zwet Gründe, die strafmildernd wirkten.- Wegen Ueberschreitung der Arbeitszeitverordnung wurde ein Metzger zu insgesami 200 RM. verurteilt.
* Beseitigung der Höchstgewichtsgrenze für Handgepäck. In nächster Zeit wird auch eine Aenderung der Eisenbahnverkehrsordnung herbeigeführt werden, wodurch die Höchstgewichts. grenze von 25 Kilo für Handgepäck auch für den innerdeutschen Verkehr fallen gelassen wird.
* Vom Stadttheater. Am Dienstag nach Pfingsten kommt hier zum ersten Male das mit großem Erfolg an anderen Orten aufgeführte Volksstück„ Flieg, roter Adler von Tirol" von Angermeyer zur Aufführung.
* Der Allgemeine Deutsche Burschenbund( ADB.) hält seinen 47. Bundestag in diesem Jahre wieder in Frankenhausen am Kyffhäuser während der Pfingsttage ab.
Straßensperrungen,
mitgeteilt vom Oberhessischen Automobilclub e. V.( A. v. D.) Die Landstraße Biedenkopf- Gießen in Km. 4,5-5,0 und 6,5 6,6 ist vom. 2. bis einschl. 11. Juni 1930 für den Kraftfahrzeug- und Fuhrwerksverkehr unter 2,5 Tonnen Gesamtgewicht gesperrt. Umleitung über Eckelshausen- Krombach- Friedens dorf.
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Der harmlose Wanderer als Wilderer.
Schafflers Wettervorhersage
für den Monat Juni 1930.
Der Monat Juni dürfte ein kleines Bild des Sommers geben, mit veränderlichem, kühlem und stürmischem Wetter beginnen. Mit Beginn der 2. Woche Temperaturanstieg bis etwa Mitte des Monates, heiter, warm, troden. Pfingsten ist meist heiteres, angenehmes Wetter zu erwarten, zeitweilig wolkig, am Vortrag wahrscheinlich Gewitterregen. Um die Mitte des Monates, vielleicht schon etwas früher, vorübergehende Abkühlung, besonders nachts, mit Regen und Wind. Darauf sommerliches Wetter, anhaltend bis Ende des Monates, unterbrochen von starken Gewittern mit wolkenbruchartigen Regenfällen.
Der Mechaniker Georg Jmhäuser aus Frankfurt a. M. ist leidenschaftlicher Jäger, halb aus Neigung, halb aus Geschäftsinteressen. Er war infolgedessen für die Jäger und Förster der benachbarten Waldungen buchstäblich ein Schrecken. Die besten Böcke schoß er im Vilbeler Wald den Pächtern vor der Nase weg, ungezählte Hasen erlegte dieser harmlose Spaziergänger, der seine Flinter ständig in einem Spazierstod verborgen hielt. Schonung kannte Jmhäuser gegenüber dem Wilde nicht.
Aus Nah und Fern.
Hessische Missionskonferenz.
Am 15. und 16. Juli wird die diesjährige hess. Missionskonferenz in Büdingen sein. Die Tagung bekommt dadurch besondere Bedeutung, daß Universitätsprofessor und Missions= direktor D. Dr. Witte- Berlin und Universitätsprofessor D. Dr. Frid- Marburg Vorträge zugesagt haben.
Er war draußen im schönen Vilbeler Walde so gut zu Hause wie im Schwanheimer Forst, wo er den Bauern sogar die Haushühner vor der Haustüre wegknallte. Im letzten Herbst wurde er in der Vilbeler Gemarkung beim Wildern überrascht und angezeigt. Der vielfach vorbestrafte Mann erhielt eine recht geringe Strafe, gegen die er aber Berufung einlegte. Nun verhandelte das Große Schöffengericht in Gießen als Berufungsinstanz gegen ihn und erhöhte die Strafe ganz wesentlich. Jmhäuser wurden nicht weniger als 2½ Jahre Gefängnis ohne Bewährungsfrist und ohne Zubilligung mildernder Umstände zudiktiert. Man gab ihm auch nicht Gelegenheit, noch einmal nach Hause zu fahren, sondern ließ ihn die Strafe sofort antreten.
Hessisches Landes- Feuerwehrfest.
Am 19., 20. und 21. Juli ds. Js. findet in Dieburg der Hessische Landesfeuerwehrtag statt. Verbunden mit dem Landesfeuerwehrtag ist das sechzigjährige Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Dieburg. Die Vorbereitungen zu einer würdigen Ausgestaltung dieser Tagung sind bereits in vollem Gang. Die Anmeldungen laufen schon jetzt in großer Zahl ein. Mit dem Landesfeuerwehrtag ist eine Ausstellung von Feuerwehr- Geräten und-Utensilien verbunden.
Hessische Kirchengesangvereinstagung. Darmstadt. Das 46. Kirchengesangvereinsfest am vergangenen Sonntag in Darmstadt wurde zu einer gewaltigen Kundgebung evangelischen Lebens. Schon am Vorabend die H- mollMesse, gesungen vom Offenbacher Kirchengesangverein, fand vor einer ungeheuren Hörerzahl statt. Am Sonntag predigten in den Festgottesdiensten u. a. Professor D. Dr. Cordier. Gießen, Pfarrer Lic. Wallau- Frankfurt, Kirchenrat D. LuekenFrankfurt und Oberkirchenrat Dr. Müller Darmstadt. Um ½2 Uhr war eine nach Tausenden zählende Menge im Glockenhof des Schlosses versammelt, um dort den beiden Liedern, die von einem Massenchor von 2000 Sängern gesungen wurden, zu lauschen. Ein gewaltiger Posaunenchor eröffnete und beschloß die Feier. Dann ging es in einem Zuge zur Festhalle, die bis auf den letzten Platz gefüllt wurde. Hier folgten Chöre, gesungen von Gruppen von 2 bis 300 Sängern, und Reden und Vorträgen der Posaunenchöre aufeinander. Prälat D. Dr. Diehl gab einen Ueberblick über die Geschichte des Kirchengesanges in Hessen und pries die lebenerweckende Wirkung, die der Kirchengesangverein in unserem Lande in 50jähriger Tätigkeit erbrachte.
schen mag, im Fall der Jnvalidenversicherung ist ohne Frage dieser Weg nicht gangbar, da die Wirtschaft derartige Belastungen, wie sie ihr durch die Streichung der Reichszuschüsse erwachsen, nicht zu tragen vermag. Auf der anderen Seite wird man aber auch von der Invalidenversicherung verlangen müssen, daß sie die Rücklagen, deren Ansammlung ihr durch die Reichszuschüsse ermöglicht wird, im Sinne ihrer unmittelbaren Aufgaben und nach streng laufmännischen Gesichtspunkten anlegt, anstatt daß sie wie jetzt infolge Hergabe billiger Darlehen für soziale Zwede nur eine Verzinsung von 5% erzielt. Das scheint sozial zu sein, in Wirklichkeit ist es unsozial, denn die Aufgaben der Inbalidenversicherung bestehen nicht in einer allgemeinen und verschwommenen Wohlfahrtspflege, sondern in der Sicherstellung ihrer geseglichen Leistungen. Das Reich soll und muß Zuschüsse zur Invalidenversicherung geben. Aber es fann dafür auch verlangen, daß mit ihnen kaufmännisch gewirtschaftet wird.
Die bedrohte Invalidenversicherung. Bereits seit längerer Zeit bildet die Zukunft der Invalidenversicherung einen Gegenstand ernster Sorge, da auf der einen Seite das von ihr vor dem Kriege angesammelte Vermögen ein Opfer der Inflation geworden, auf der anderen Seite aus der bei uns beobachteten Verlängerung der Lebensdauer in Verbindung mit dem Sinken der Geburtenziffer noch eine erhöhte Belastung der Invalidenversicherung zu erwarten ist. Anfang 1929 hat das Reichsarbeitsminifterium dem Reichstag eine Denkschrift vorgelegt, in der berechnet wurde, daß in der Invalidenversicherung die Einnahmen schon 1934 nicht mehr ausreichen würden, um die Ausgaben zu decken, und daß bis etwa 1940 das vorhandene Vermögen aufgezehrt sein würde. Es ist dieser Lage gegenüber, die in den amtlichen Beröffentlichungen doch wohl im wesentlichen als zutref fend dargestellt wird, nicht leicht verständlich, wenn in der Schrift des Hansa- Bundes„ Steuersenkung statt Steuererhöhung bleibt unsere Parole!" die Einstellung aller Zahlungen aus der Reichskasse an die Invalidenversicherung mit Ausnahme des sogenannten Reichszuschusses gefordert wird, mit der Begründung, daß einerseits die finanziellen Aussichten der Invaliden= versicherung gar nicht so schlecht seien, daß aber andererseits auch die Art der Vermögensanlage jeden späteren Rückgriff auf die Reserven doch unmöglich mache, so daß die Invalidenversicherung zu einem späteren Zeitpunkte in stärkerem Umfange zum Umlageverfahren werde übergehen müssen. Ohne Zweifel ist für den überwiegenden Teil der Ausgaben die Deckung durch Beiträge in nahe: Zukunft unvermeidlich. Aber was würde es für die Wirtschaft bedeuten, wenn nicht mehr wie bisher durch Dotierung der Invalidenversicherung aus Reichsmitteln Reserven geschiffen würden, deren Berzinsung wenigstens eine gewisse Entlastung der Beitragspflichtigen ermöglicht? Wir werden 1935 mehr als 2 Millionen Bezieher von Invalidenrenten haben, 1955 aber 3 und 1975 über 4 Millionen, und das bei einer sinkenden Zahl von Arbeitstätigen. Die Beiträge müßten also weit mehr als verDoppelt werden. Man mag einwenden, daß es nicht gerade unbedingt erforderlich ist, in Zeiten schwerster finanzieller Bedrängnis, für eine entfernte Zukunft vorzubeugen. Aber es darf nicht vergessen werden, daß die Schwierigkeiten in der Invalidenversicherung schon in den nächsten Jahren zu erwarten sind. Aber wahrscheinlich würde ein Wegfall der Reichsbeiträge, wie ihn der Hansabund fordert, schon das Jahr 1930, in dem sich die wirtschaftliche Depression in den Beitragseinnahmen noch stärker auswirken wird als 1929, zu einem Defizitjahr für die Invalidenversicherung machen. So sehr man grundsäßlich eine Einschränkung der Reichszuschüsse für Zwede der Sozialversicherung wün
Gewitter in Nordwest.
Beträchtlicher Rüdgang der brasilianischen Ausfuhr. Die brasilianische Ausfuhr ist nach einer Mitteilung des Finanzministers in den ersten 4 Monaten ds. Js. um 248 Mill. Mifreis, gleich 32,7%, gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres zurückgegangen.
Vor einigen Wochen haben die Metallarbeitergewerkschaften dem Arbeitgeberverbande der Nordwestdeutschen Eisenindustrie ihre Absicht mitgeteilt, den Rahmenvertrag zum nächsten Termin zu kündigen. Es sollte trotzdem zweifelhaft sein, ob das Gewitter, das sich auf diese Weise im Nordwesten zusammenzuziehen scheint, wirklich zum Ausbruche kommen wird, da far ist, daß sich der gegenwärtige Zeitpunkt besonders wenig für lohnpolitische Auseinandersehungen eignet. Die Berhältnisse in der rheinisch- westfälischen Eiſenindustrie sind in den letzten Jahren immer ungünstiger geworden. Schon im Dezember 1927 hatte der Schlichter eine verhältnismäßig geringe Lohnerhöhung mit der wirtschaftlich mißlichen Lage der Industrie begründet. An diese Feststellung hatte dann Severing ein Jahr später angeknüpft, indem er in seiner lohnpolitischen Entscheidung darauf hinwies, daß sich die Lage in der rheinischwestfälischen Eisenindustrie mindestens nicht günstiger gestaltet habe. Wörtlich schrieb er in seinem Schiedsspruch:„ Die allgemeine Konjunktur ist zurückgegangen und die Ertragsmöglichkeit hat besonders in der erzeugenden Industrie eine nicht unbeträchtliche Einbuße erfahren. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Verhältnisse seit Ende des vergangenen Jahres nicht günstiger geworden sind und daß keine Anzeichen vorliegen, die eine erhebliche Besserung in kurzer Frist erkennen ließen." Jm Vergleich zu der damals zutreffend gewürdigten Lage der Eisenindustrie ist in den letzten anderthalb Jahren eine Verbesserung zweifellos nicht eingetreten. Das Gegenteil ist der Fall! Das Ziel der Gewerkschaften sollte allein darin bestehen, die vorhandenen Arbeitslosen wieder in die Produktion einzugliedern. Es ist tausendfach mehr gewerkschaftlich gehandelt", erklärte vor einigen Wochen der Führer
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des christlichen Metallarbeiterverbandes, alles aufbieten, um das Heer der Arbeitslosen zu vermindern, als den in Arbeit Stehenden ein paar Pfennige Lohnerhöhung zuzuführen." Diese Erkenntnis ist es vermutlich auch gewesen, die die christlichen Gewerkschaften bewogen hat, von einer Kündigung des nordwestlichen Rahmenvertrages Abstand zu nehmen. Der Weg zu diesem Ziele Einfügung der Arbeitslosen in den Produktionsprozeß- geht über eine Entlastung der Wirtschaft über vermehrte Kapitalbildung und Berbilligung der Produktionsfosten. Er wird rettungsIos verbaut durch neue sozial- politische Forderungen, gleichviel, ob es sich dabei um Erhöhung der Löhne oder Verkürzung der Arbeitszeit handelt. Daß die Verkürzung der Arbeitszeit kein geeignetes Mittel zur Be kämpfung der Arbeitslosigkeit ist, wie das noch kürz lich der Allgemeine deutsche Gewerkschaftsbund in einer mehr pomphaften als sachlichen Entschließung behaup tet hatte, ist ja inzwischen wohl allgemein anerkannt worden. Dieser Erkenntnis verschließen sich auch keineswegs einsichtige sozialistische Gewerkschaftskreise, wie soeben ein Auffah im Aprilheft der freigewerkschaftlichen Zeitschrift Die Arbeit" beweist, in dem der Verfasser zum Ausdruck bringt, daß der Vorschlag der Arbeitszeitverkürzung kein ungefährliches Werkzeug sei. „ Es ist möglich", so heißt es dort ,,, daß die wiederbeschäf tigten Arbeitslosen zunächst nicht die notwendige Arbeitsleistung erreichen. Auch eine der Arbeitszeitverfürzung entsprechende Erhöhung des Stundenlohnes würde wahrscheinlich die Produktionskosten steigern. Wir haben gesehen, daß damit die Arbeitslosigkeit nur vergrößert würde. Sofern keine Garantie besteht, daß die Arbeitsleistung mindestens auf gleicher Höhe bleibt, wäre der Arbeitszeitverkürzung abzuraten. Nur in Verbindung mit anderen, die Arbeitsleistung steigernden Maßnahmen ist die Bekämpfung der Arbeitslosig feit durch Arbeitszeitverkürzung möglich." Im Westen selbst operieren dagegen die Gewerkschaften noch immer mir der Behauptung, daß durch Arbeitszeitverkürzung der Arbeitslosigkeit gesteuert werden könnte, und in den gewerkschaftlichen Borschlägen zur Neuregelung des Rahmentarifs in der nordwestlichen Eisenindustrie rimmt die„ Einschränkung aller Mehrarbeitsstunden über die 48- Stundenwoche hinaus" einen wichtigen Plag ein. Mag hie und da eine Korrektur in der zurzeit bestehenden Regelung der Arbeitszeit möglich sein, im allgemeinen ist eine Alenderung des besonders kom plizierten Systems in Nordwest unmöglich, ohne daß dabei neue Belastungen für die Produktion entstehen. Von dem gesunden Sinn der Arbeiterschaft, die selbst genau weiß, daß der Augenblick nicht Lohnerhöhungen, sondern Lohnsenkungen erfordert, darf man hoffen, daß sich die Wetterwolfen, die sich in Nordwest zusammenzuballen scheinen, in einen flaren Himmel des Arbeitsfriedens auflösen.
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