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Gießener Zeitung
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43. Jahrg.
Politische Rundschau.
Unter dem Vorsiz des Reichsfinanzministers soll, wie ver: lautet, am 25. Januar eine Konferenz der Finanzminister der deutschen Länder zur Besprechung des Finanz- und Steuerprogramms der Reichsregierung stattfinden.
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Der deutsche Botschafter in der Türkei, Nadolny, ist am Freitag in Begleitung von Generalkonsul Fabricius und Ministerialrat Feldhaus nach Angora abgereist, wo am Sonnabend die deutsch- türkischen Handelsvertragsverhandlungen eröffnet werden sollen.
Der Reichsparteivorstand der Deutschen Zentrumspartei ist vom Parteivorsigenden, Prälat Dr. Kaas, zum 26. Januar nach Berlin einberufen worden. Es handelt sich neben einer Besprechung der allgemeinen politischen Lage vor allem um organisatorische Fragen. Der Reichsparteiausschuß soll Anfang Februar zusammentreten.
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Der Präsident des Landesfinanzamtes Magdeburg, Reichs: finanzminister a. D. von Schlieben, der die Leitung des Vereins der deutschen Zuckerindustrie in Berlin übernommen hat, ist mit Ablauf des Jahres 1929 aus dem Reichsdienst ausgeschieden.
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Am 4. Januar vollendet der bekannte Orgeschführer, Forstrat Dr. Escherich, sein 60. Lebensjahr.
Zum Dirigenten der fernöstlichen Abteilung im Auswär tigen Amt ist der bisherige Botschaftsrat in Tokio, Dr. W. Frei
herr v. Schoen ernannt worden.
Bei der internationalen Konferenz der Schulleiter, die zur Zeit in England stattfindet, haben sich die Vertreter Deutschlands und Frankreichs für den Austausch von Schülern im Interesse des internationalen Friedens und des gegenseitigen Verstehens der Völker mit großer Wärme eingesetzt.
Beim Neujahrsempfang im Hess. Staatsministerium,
zu dem eine größere Anzahl Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Bevölkerung erschienen war- Vertreter von Landes- und Reichsbehörden und Männer aus der Politik, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und der Presse hielt Staatspräsident Dr. Adelung folgende Ansprache:
,, Zu Beginn des verflossenen Jahres stellte die Hessische Regierung an die Spitze ihrer Wünsche den, das besetzte Ge= biet möchte bald frei werden von fremdem Kriegsvolk. Das abgelaufene Jahr hat diesen Wunsch zwar nicht erfüllt, aber das kommende, an dessen Schwelle wir stehen, wird aller Voraussicht nach die ersehnte Freiheit bringen. Damit wird dann endlich der schwere wirtschaftliche und seelische Druck beseitigt, der fast 12 Jahre lang auf großen Gebieten und Bevölkerungsteilen unseres Landes lastet. Aber es wird sich dann auch noch klarer und eindringlicher als bisher erkennen lassen, welch schwere Schäden und Verheerungen die jahre= lange fremde Besetzung mit ihren Vergewaltigungen und Hemmungen der Wirtschaft des Landes zugefügt hat. Bei der Aufrichtung und Wiederherstellung bedürfen wir der weitgehendsten Mithilfe des gesamten deutschen Volkes, für das die besetzten Gebiete gelitten haben. Wir erwarten be= stimmt, daß das Reich sich dieser Pflichten stets bewußt bleiben wird.
Der Jahreswechsel vollzieht sich in einer Zeit der Not. Industrie, Handel, Handwerk und Landwirtschaft liegen darnieder, das Elend der Erwerbslosigkeit drückt schwer auf weite Schichten unseres Volkes und erfüllt sie mit Sorge und Bitterkeit. Diese Zeit der Not stellt gebieterische Anforderungen; sie läßt sich nur überwinden, wenn auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens strengste Sparsamkeit und Einschränkung erfolgen.
Die Hessische Regierung wird an ihrem Teil mit aller Energie ein Sparprogramm verfolgen, von dem sie hofft, daß es geeignet ist, die Gesunderhaltung unseres Staatswesens zu gewährleisten und uns über die Tage der Not hinwegzuhelfen.
Dazu bedarf es aber der Mitwirkung und des Verständnisses Aller. Denn ich bin mir bewußt, daß jede Sparmaßnahme Opfer verlangt, Opfer von der Allgemeinheit und Opfer von der Beamtenschaft. Aber diese Opfer sind sinnvoll, ihre Absicht ist, nicht zu schädigen, sondern zu erhalten; sie sind notwendig, um die Finanzgebarung des Staates der Genesung entgegenzuführen und dienen damit dem Wirtschaftsleben und dem Beamtentum.
Aus der trotz stärkster äußerer und innerer Bedrängnis in der Nachkriegszeit durchgeführten Aufbauarbeit in Reich und Ländern müssen und dürfen alle Volksgenossen den Optimismus schöpfen, daß wir auch alle weiteren Widerstände überwinden können, wenn der Geist der Solidarität und des Selbstvertrauens im Volke lebendig bleiben wird.
( Gießener Tageblatt)
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Samstag, den 4. Januar 1930
So erwarten wir vom neuen Jahre, es möchte den be= setzten Gebieten endgültig die Freiheit bringen, und uns stärken, die wirtschaftlichen Nöte unseres Volkes zu überwinden. An Energie und gutem Willen soll es nicht fehlen. So entbiete ich Ihnen Allen herzliche Wünsche zum neuen Jahre!"
Dr. Curtius bei Tardieu.
Haag, 3. Jan. Reichsaußenminister Dr. Curtius hat heute mittag gegen 2 Uhr im Hotel ,, Des Indes" dem französischen Ministerpräsidenten Tardieu und dem Außenminister Briand einen kurzen Besuch abgestattet, der als Höflichkeitsbesuch bezeichnet wird. Im Laufe des Vormittags fand eine erste private Unterredung zwischen Tardieu und Snowden statt, die den wesentlichen Punkten der kommenden Konferenz gegolten haben soll.
Bacelli zum
Kardinal Staatssekretär ernannt.
Der vatikanische Mitarbeiter des„ ,, Corriere della Sera" bestätigt, daß Kardinal Gasparri nach seiner Erkrankung endgültig seine Enthebung vom Amte des Kardinal- Staatssekretärs nachgesucht, und daß der Papst jetzt diesem Ersuchen stattgegeben habe. Zu seinem Nachfolger wurde der bisherige Berliner Nuntius, Kardinal Pacelli, ernannt.
3wei Flugzeuge stürzen aus 700 Meter Höhe ins Meer.
Newyork, 3. 1. Infolge der blendenden Sonne verloren in Kalifornien die Piloten zweier Kabinenflugzeuge, die zweds Filmaufnahmen für einen Hollywood- Vox- Film mit zehn Passagieren aufgestiegen waren, die Kontrolle über die Führung. Die Flugzeuge stießen zusammen und fielen brennend ins Wasser. Das Unglück vollzog sich in dem Augenblick, wo aus einem dritten Flugzeug ein Fallschirmabsprung ausgeführt werden sollte.
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Venice( Kalifornien), 3. 1. Ein furchtbares Flugzeugunglück, das sich dicht an der Küste abspielte, hat nicht weniger als zehn Menschenleben gefordert. Zwei Flugzeuge, die mit Film aufnahmen für die Vor- Picture- Corporation machten, stießen in 700 Meter Höhe zusammen und stürzten brennend ab. Direktor Kennerth- Hawkes, Vizedirektor Gold, zwei Filmoperateure, zwei Piloten, zwei Operateurgehilfen und zwei Requisiteure wurden auf der Stelle getötet. Ihre Leichen sind geborgen.
50 polnische Städte bankerott.
Warschau. Wie der„ Kurjer Czerwony" von gut unterrichteter Seite erfährt, sollen etwa 50 polnische Städte vor dem völligen finanziellen Zusammenbruch stehen. In mehreren Fällen sei das Eigentum des Magistrats bereits mit Beschlag belegt worden. In einer Stadt Westpolens hätten die Beamten bereits seit einigen Monaten kein Gehalt erhalten. Die große Mehrzahl der bankerotten Städte liege in Westpolen und in der Lodzer Wojwodschaft.
Buchdrudgewerbe und Regiebetriebe.
Das Buchdruckgewerbe geht gegenwärtig einer schweren Krisis entgegen. Statistiker haben einmal den Nachweis zu führen versucht, daß in Zeiten einer schlechten allgemeinen wirtschaftlichen Konjunktur das Buchdruckgewerbe blüht, weil Handel, Handwerk und Industrie bemüht sind, den schlechten Geschäftsgang durch Rühren der Reklametrommel zu verbessern. Reklame wird neben anderen Mitteln durch Drucksachen gemacht. Augenblicklich geht es der gesamten deutschen Wirtschaft nicht gut, den Buchdruckern aber geht es schlecht. Wäre die Behaup= tung der Statistiker richtig, dann müßte das Buchdruckgewerbe jetzt blühen. Entweder ist die allgemeine Wirtschaft von Geldmitteln so entblößt, daß sie an Propagandafeldzüge nicht denken kann, oder die vielen Möglichkeiten, die es heute gibt, Reklame zu machen, haben die Drucksachenreklame verdrängt. Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß nur die wenigsten Druckereibetriebe gut beschäftigt sind, und daß heute das Preisniveau so herabgedrückt ist, daß ein angemessener Verdienst nicht mehr bleibt.
Die Not des Gewerbes wird aber ständig vergrößert durch die Eingriffe der öffentlichen Hand in den Arbeitsbereich der Druckerei. An Regiedruckereien gibt es in Deutschland heute ca. 600 mit 1200 Druckpressen, 14 Rotationsmaschinen, 120 Setmaschinen und zahllosen Hilfsmaschinen. Diese Konkurrenz, die noch dazu den Vorteil hat, daß sie keine Steuern zu zahlen braucht, drückt auf die Wirtschaftlichkeit der privaten Druckereibetriebe. Ein gesundes, leistungsfähiges Druckgewerbe ist aber für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes unentbehrlich. Wenn sich der Auftragsbestand und das Preisniveau im graphischen Gewerbe nicht heben lassen, so geht dieses hochentwickelte Gewerbe einer unvermeidlichen Krisis entgegen.
( Neueste Nachrichten)
Unive
Anzeigenpreise: die 30 mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg., lokal 12 Pfg., die 90 mm breite Reklame- Petitzeile 96 Pfg. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt. Für Vollklischee- Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.
Nummer 1
Rückblick und Ausblick. Jahresendbetrachtungen des deutschen Handwerks.
Die Konjunktur im Handwerk ist für das Jahr 1929 allgemein betrachtet, nicht zufriedenstellend gewesen. Im ersten Vierteljahr hat die Kälte die saisonmäßig bedingte ungünstige Lage verschärft und zeitlich ausgedehnt. Erst in den Monaten April und Mai konnte für viele Gruppen ein besonderer Beschäftigungsgrad erzielt werden, so vor allem im Bekleidungsgewerbe und im Baugewerbe, einschließlich Baunebengewerbe, die um die Mitte des Jahres eine befriedigende Beschäftigung aufweisen konnten. Im dritten Vierteljahr setzte dann wieder der Rückgang recht frühzeitig ein. Vor allem wurde die Beschäftigungslage im Bau- und Baunebengewerbe wieder ungünstiger. Saisonmäßige Belebungen in anderen Zweigen vermochten keinen Ausgleich zu schaffen. In allen Gruppen blieb die Beschäftigung bis zum Jahresende hinter der des Vorjahres zurück. Auch das Weihnachtsgeschäft erfüllte nicht die hierauf gesetzten Hoffnungen. Lebhafte Klagen mußten. immer nieder darüber geführt werden, daß die Käufer handwerklicher Erzeugnisse mit dem Bezahlen der Rechnungen allzu: lange warteten. Auch heute noch liegen große Außenstände Ihre Begleichung ist volkswirtschaftlich dringend geboten, denn niemand kann vom Liefern allein leben. Jeder Verkäufer braucht auch die notwendige Bezahlung. Die Abtragung der Rückstände ist zudem geeignet, den Meistern eine ihnen zu gönnende Neujahrsfreude zu bereiten.
vor.
Die drückenden Steuern und sozialen Lasten trugen das Ihrige dazu bei, daß eine wirtschaftliche Erleichterung für das Handwerk im Jahre 1929 nicht eintreten konnte. Die Regelung des Finanzausgleichs und auch der Frage der Steuervereinheitlichung hat der Berufsstand mit der gesamten Wirtschaft seit Jahren gefordert. Leider sind die Reformen immer wieder hinausgezögert worden. Die Vorstände des Reichsverbandes des deutschen Handwerks und des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages haben ihre Einstellung zur Finanz- und Steuerreform im August 1929 dahin zusammengefaßt, daß unbedingt das Gleichgewicht des Reichshaushalts in Gegenwart und Zukunft sichergestellt werden muß. Hierzu bleibt der Grundsaz äußerster Sparsamkeit das dringende und zwingende Gebot der Stunde. Im einzelnen fordert das Handwerk die Beseitigung des steuerlichen Unrechts der wirtschaftlich wie sozial unbegründeten unterschiedlichen Regelung der Familienermäßigung für Lohnsteuerpflichtige und veranlagte Einkommensteuerpflichtige, Senkung der unverhältnismäßig stark und jäh ansteigenden Belastung der mittleren Einkommen sowie eine alsbaldige fühlbare Cenkung der Gewerbesteuer. Letztere konnte ihre bisher nie gekannte Höhe auch nur deshalb erreichen, weil sie fast durchweg von Vertretern der Kreise in den städtischen Parlamenten beschlossen wird, die für ihre Aufbringung nicht zu sorgen brauchen. Um hier den notwendigen gerechten Ausgleich zu schaffen, und um vor allem auch die finanzielle Verantwortung in den Kommunen wiederherzustellen, wird die Wiedereinführung des sogenannten Zuschlagsrechts auf die Reichseinkommensteuer und Körperschaftssteuer von vielen verlangt, wozu durch Ermäßigung der Reichssteuertarife der entsprechende Raum geschaffen werden soll. Db der seitens der Reichsregierung vorgeschlagenen Kopfsteuer oder dem Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer der Vorzug zu geben ist, muß nach Veröffentlichung der noch ausstehenden Einzelheiten näherer Prüfung vorbehalten bleiben. Die im Reichstag angekündigten Maßnahmen zur Steuersenkung können das Handwerk wie die gesamte Wirtschaft wenig befriedigen, da die Steuererleichterungen eingeleitet werden mit einer Heraufsetzung der Tabaksteuer und einer Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. leberdies steht noch garnicht fest, wann die Ermäßigungen folgen, da es erst noch notwendig sein wird, eine entsprechende Tilgung der schwebenden Reichsschulden herbeizuführen.
Auf alle Fälle muß baldigst die Ungerechtigkeit beseitigt werden, wonach in den Gemeindeparlamenten eine an dem Steueraufkommen nicht beteiligte Mehrheit die Realsteuern beschließt, die andere lediglich zu zahlen haben. Hoffentlich findet das neue Jahr in dieser Hinsicht eine aktive Reichsregierung, die sich eifrig bemüht, das allzu geduldige Abwarten der letzten Jahre durch eine energische Führung abzulösen.
mark.
Auch das stete Ansteigen der sozialen Lasten hat zu einer Beunruhigung im Handwerk geführt. Nach vorgenommenen Berechnungen stiegen die Lasten der Sozialversicherung einschließlich Erwerbslosenfürsorge in den Jahren 1924 bis 1928 von 2,6 Milliarden Reichsmark auf 5,9 Milliarden ReichsEin weiteres Ansteigen kann nicht mehr als tragbar bezeichnet werden. So kann sich auch das Handwerk mit der Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung nicht befreunden. Hier bleibt ernstlich zu prüfen, ob eine Sanierung der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung nicht durch andere Reformen erreicht werden kann.
Auch die Vorlage des Entwurfs eines Berufsausbildungsgesezes an den Reichstag verdient in diesem Zusammenhang Erwähnung. Der Entwurf unternimmt zum ersten Male den Versuch, für die Frage der Berufsausbildung eine einheitliche Regelung zu schaffen. Für die einzelnen Bestim


