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Nr. 96

Mit

Mittwoch, den 3. Dezember 1930.

Lokales.

Winterliche Frühlingszeit.

Ist es der Sirokko, der von Afrika herübersäuselt? Sind es die linden Lüfte, die erwachen? Einerlei! Es ist warm. Der Himmel zeigt sich stundenlang unverhüllt, veilchenblau, die Sonne rollt eine Strecke weit, wolkenfrei. Die Abende sind sternig, der Mond schwimmt in einem Silbersee. Die Heizungen knallen, weil man sie erbalten läßt. Die Defen sperren den Rachen auf. Die Damen erliegen unter den Pelzen. Die Hof­sänger wissen nicht, ob sie: O du fröhliche, o du selige, gnaden­bringende Weihnachtszeit" oder Frühling läßt sein blaues Band" einstudieren sollen. Es ist so viel überflüssige Wärme vorhanden, die Sonne meint es ja so gut!

Und das ist ja nun der einzige Ueberfluß. Ansonsten... Na, reden wir nicht davon. Es wäre zum Heulen. Und dabei steht doch Weihnachten vor der Tür. Wirklich und wahrhaftig. Fragt nur einmal bei euren Kindern an. Die haben schon Wunschzettel! Angst und bange wird es ihnen vor diesen Wunschzetteln werden! Aber, um doch wenigstens von dem Ueberfluß zu reden. Sollte es nicht möglich sein, da es doch so gänzlich unerwartet Frühling geworden ist, da wir doch eine Regierung haben, die die Finanzen saniert, daß demnächst, auch Zu gänzlich unerwartet, einmal die Zeiten besser werden. Weihnachten etwa oder allerspätesteens zum neuen Jahr? Es gibt so viele Dinge zwischen Himmel und Erden... Und es treten doch immer die Dinge ein, mit denen man nicht rechnet.

* Sonntagsarbeit. Das Polizeiamt teilt mit: Auf Grund § 105 b, Absatz 2 der Reichsgewerbeordnung ist für alle Ge­werbezweige der Gewerbebetrieb in offenen Verkaufsstellen, die Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern am Sonntag, den 7. Dezember 1930, am Sonntag, den 14. Dezem ber 1930 und am Sonntag, den 21. Dezember 1930 in der Zeit von 12 bis 18 Uhr gestattet.

* Warnung vor unrellen Stellenvermittlern. Es tauchen immer wieder unsaubere Elemente auf, die sich nicht scheuen, den notleidenden Erwerbslosen die letzten Markstücke unter großen Versprechungen, ihnen im Ausland eine Stellung zu verschaffen, aus der Tasche zu locken. Die Auslandsabteilung des GDA. hat neuerdings festgestellt, daß die deutschen Tageszeitungen wie­der von Schwindelangeboten, besonders aus Holland, über­schwemmt werden. Unter bombastischen Firmennamen wird die Vermittlung von Stellungen angekündigt. Auf seine Bewer­bung erhält der Anfragende die Aufforderung, 5, 10, 20 oder sogar 40 Mark Kaution, Vorschüsse oder Unkostenbeträge vor­her einzusenden. Natürlich erfolgt auf die Geldsendung keine weitere Betätigung dieser Firmen". Es wird z. B. dringend gewarnt vor der Deutsch- holländischen Kolonial- Gesellschaft"; The German African Co. in Myk aan Zee"; ferner vor der ,, Sunda Trafic, Rotterdam" und vor Adviesbureau Nieder­landsch Indien, den Haag". Da weitere Schwindelfirmen fast täglich auftauchen, wird zusammenfassend dringend davor ge= warnt, auf Stellenangebote Geldbeträge einzusenden.

* General Viktor Albrecht. Am Sonntag starb in Weil­burg nach längerem Krankenlager General der Infanterie a. D. Eyz. Viktor Albrecht. Der Verstorbene war Inhaber des Pour le mérite und Ritter hoher Orden. Die Ueberführung der Leiche zum Krematorium des Gießener Friedhoss fand 1. Dezember vom Hofe Zeughaustajerne aus statt.

am

* Vom Versorgungsamt. Reg.- Med. Rat Dr. Hechler vom hiesigen Versorgungsamt ist vom 1. Dezember 1930 ab zum

Das Arbeitszeitproblem.

,, Gießener Zeitung"

Versorgungsamt Trier und Reg.- Med.- Rat Dr. Trautmann, bisher bei der Versorgungsärztlichen Untersuchungsstelle in Kas­sel, mit dem gleichen Zeitpunkt zum Versorgungsamt Gießen versetzt.

* 2. Hessische Krüppelfürsorgelotterie. Die für den 3. De­zember angesetzte Ziehung mußte leider auf den 14. Februar 1931 verschoben werden, weil ein Teil der Lose noch nicht ab­gesetzt ist. Der Ertrag ist dazu bestimmt, unglücklichen behinder­ten Menschen, besonders Kindern, zu helfen.

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Oeffentliche Bausparkasse( Abteilung der Landeskommu­nalbank- Girozentrale für Hessen) in Darmstadt. Die zweite Baugeldzuteilung findet Freitag, den 19. Dezember 1930, vor­mittags 11 Uhr, in Darmstadt, im Sizungssaal des Rathauses am Marktplatz statt. Zuteilungsberechtigt sind sämtliche Bau­sparer, deren Vertrag spätestens am 1. Oktober( für Tarif 18 spätestens am 1. September) 1930 begonnen hat, und die mit Einzahlungen nicht im Rückstand sind. Jeder Bausparer, der sich als solcher ausweist, kann der Zuteilungshandlung bei: wohnen.

* Voltshalle- Veranstaltungen. Größere Veranstaltungen in der Volkshalle werden im kommenden Jahre stattfinden, so vor allem das Gauturnfest des Turngaues Hessen in der ersten Hälf­te des Monats Juli 1931. Außerdem sind geplant ein Ober­Hessischer Reitertag mit Reitturnier, sowie eine Obst- und Gartenausstellung. Auch eine größere Veranstaltung des Gut­templer- Ordens ist in Aussicht genommen. Die für nächstes Frühjahr angekündigte Zeppelinlandung wird auf dem Flug­gelände an der Flughalle erfolgen.

* Straßensperrung, mitgeteilt vom Oberhessischen Automo­bil- Club E. V.( A. v. D.), Gießen. Die Sperrung der Straßen­strecke Butzbach- Hochweisel und der Straße Jlbenstadt- Kaichen ist ab 1. Dezember, die Sperrung der Straßenstrecke Büdingen-­Gelnhausen wird ab 4. Dezember 1930 aufgehoben.

Aus Nah und Fern.

Lauterbach. Hier wurde von der Gendarmerie ein älterer Mann aus Bad Orb und zwei junge Leute unter 20 Jahren verhaftet, die eine Reihe Ortschaften des Vogelsberges auf Diebesfahrten besuchten und dort Einbrüche verübt haben.

Herborn. Amf dem Westerwald- Höhenzug Der Knoten" bei Arborn im Dillkreis fanden Holzfäller diese Tage ein leicht zugescharrtes menschliches Skelett.

Altenkirchen, Westerwald. Auf der abschüssigen Landstraße von Altenkirchen nach Busenhausen geriet ein Arbeiteromnibus ins Schleudern und stürzte in den Straßengraben. Einige Jn­sassen des Autos wurden ernstlich verletzt.

Man wird schon damit rechnen müssen, daß bei jeder Diskussion über die Bekämpfung der Arbeits­losigkeit der Gedanke auftauchen wird, die vorhandene" Arbeit auf mehr Hände zu verteilen und dadurch den notwendigen Ausgleich zu schaffen. So populär und bestechend der Gedanke auf den ersten Blick erscheinen mag, so falsch ist er leider. Auch die freien Gewerk­schaften, die ihn jetzt wieder in die Debatte werfen und die 40- Stundenwoche als das Altheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit anpreisen, haben es vermieden, sich über die praktische Durchführung dieser Maßnahme aus­zusprechen. Die Gewerkschaften wissen nämlich ganz genau, daß etwa 20% aller Betriebe bereits zur Kurz­arbeit übergegangen sind, in der Metallindustrie sind es 22%, in der Textilindustrie sind es sogar 37%. Wie soll man da denn noch Arbeitszeitverkürzung ein­führen, ohne daß die Arbeiterschaft auf einen Lohn herabsinkt, der noch unter den Erwerbslosenunter­stügung.n liegt? Aber auch in den voll arbeitenden Betrieben bedeutet jede Verkürzung der Arbeitszeit un­weigerlich eine Steigerung der Selbstkosten und über­dies ist eine der Arbeitszeitverkürzung entsprechende Mehranlegung von Arbeitskräften praktisch nur durch­zuführen, wenn man neue Arbeitspläge schafft, d. h. neues Kapital investiert. Gerade das Beispiel des Berg­baues ist in diesem Zusammenhange besonders beweis­fräftig. Eine Verkürzung der Arbeitszeit von 8 auf 6 Stunden, wie es die Bergarbeiterverbände wünschen, fäme einer Herabsehung der effektiven Arbeitszeit um 1/2 Stunde gleich. Eine Verkürzung der Arbeitszeit um nur 2 Stunde macht aber schon bei den Selbstkosten eine Steigerung von etwa 1 Mark je Tonne aus. Eine Arbeitszeitverkürzung mit dem Ziele der Neueinstellung von Arbeitern wäre zudem ganz unmöglich, denn jeder, der die Verhältnisse im Bergbau kennt, weiß, daß im­mer nur eine bestimmte Zahl von Bergleuten ,, vor Ort" beschäftigt sind und daß die Stellen, an denen sich die eigentliche Gewinnung der Kohle vollzieht, nicht be­liebig vermehrt werden können. Was vom Bergbau, das gilt auch von nahezu sämtlichen anderen Induſtrien: immer bringt eine Berkürzung der Arbeitszeit eine Steigerung der Selbstkosten mit sich Schon durch die Vermehrung der Arbeiterzahl werden die firen Kosten des Betriebes, insbesondere die Verwaltungsausgaben, nicht unbeträchtlich erhöht. Die Wiedereinstellung er­werbsloser Arbeitskräfte wird nicht selten dazu führen, daß der durchschnittliche Leistungswert der Belegschaft sinkt, da in der Regel bei den vorangegangenen Ein­

um

Kossel. Der Wirteverein und die Konditoren- Innung hiel­ten am Montagnachmittag eine Versammlung ab, zur Durchführung der Getränkesteuer Stellung zu nehmen. Nach einer erregten Aussprache wurde beschlossen, mit sofortiger Wir­kung die Hälfte der jetzt in den Betrieben beschäftigten Arbeit­nehmer zu kündigen.

Wiesbaden.

Bei Kloster Tiefenthal im Rheingau wurde der Schupobeamte M. aus Friedberg in Hessen schwer verletzt und seine Freundin tot aufgefunden. M. ist ebenfalls seinen schweren Verlegungen erlegen

Ludwigshafen. Die Ludwigshafener Gastwirie haben be­schlossen, ihre Betriebe so lange zu schließen und das Personal zu entlassen, bis die Regierung die zwangsweise angeordneten Steuern wieder zurückgezogen habe.

Die Anti- Lärm- Schußbewegung in Brüssel.

hat eine Verordnung erlassen, nach der ganz allgemein der Be­trieb von Lautsprechern nach 11 Uhr abends verboten ist.

Fleischlose Tage in Rußland.

Die Sowjet- Union hat, der Not gehorchend nicht dem eige­nen Triebe, elf fleischlose Tage im Monat eingeführt. An sol­chen Tagen dürfen keine Fleischwaren verkauft werden. Daß man diese Rationalisierung mit gesundheitlichen und sozialhy­gienischen Gründen umbrämt, ist leicht verständlich..

Gesunde Küche im Dezember.

Jm Weihnachtsmonat ist die Hausfrau auch in der Küche vor schwere Aufgaben und Ausgaben gestellt. Gern möchte sie sparen, aber wie? Das Gemüse ist teuer, ebenso Eier und Fleisch und billiges Obst gibt es gleichfalls fast gar nicht mehr. Da heißt es eben, sich anpassen! Jm Winter verlangt unser Körper wie unsere Wohnung vor allem nach Wärme. Den besten und ausgiebigsten Körperheizstoff geben die Fette ab: Butter, Margarine, Speck, Schmalz und Del. Diese soll man daher in der Dezemberküche ein wenig mehr in den Vorder­grund der Ernährung treten lassen. Weitere Nahrungsmittel sind die verschiedenen Käsesorten und geräucherte Fische, wie Bückling, Flunder usw. Auch gekochte Fische, wie z. B. den Weihnachtskarpfen, kann man durch Beigabe von Buttersauce zum Fettspender machen. Sehr fettreich sind Nüsse, deren Ge­nuß vor allem magengefunden Menschen gerade in der Weih­nachtszeit empfohlen werden kann. So enthalten Wal- und Haselnüsse, im Gegensatz zum übrigen Obst, wenig Wasser, aber ca. 50 Prozent Fett und etwa 30 Prozent Eiweiß. Vielseitig ist auch die Verwendbarkeit der Nüsse, die man z. B. gerieben auf Butterbrot streichen kann. Auch die Vermengung geriebe­ner Nüsse mit Apfelreis oder mit Parmesankäse ist nahrhaft und schmackhaft. In geriebener Form werden Nüsse auch von Ma­genkranken gut vertragen.

schränkungen des Betriebes zunächst die leistungsschwäch­sten Arbeiter abgestoßen sein dürften. So häufen sich die Schwierigkeiten auch da, wo die Dinge für eine Neueinstellung von Arbeitern an sich noch am günstig­sten liegen, bei den Großbetrieben. Die Kleinbetriebe degegen dürften völlig ausscheiden. Wenn nämlich nur 4 oder 5 Arbeiter beschäftigt werden, müßte die Ar­beitszeit und damit das Einkommen des einzelnen Mannes zwecks Freimachung eines Plazes für einen Erwerbslosen so weit verkürzt werden, daß dieser Aus­weg praktisch überhaupt nicht in Frage kommt. Was aber am wichtigsten erscheint ist die Tatsache, daß eine Arbeitszeitverkürzung zwecks Mehreinstellung von Er­werbslosen selbst in dem selten günstigen Falle, daß sie zu einer erheblichen Vermehrung der Produktionskosten des einzelnen Unternehmens führen sollte, niemals ein wirkliches Heilmittel gegen die Arbeitslosigkeit dar­stellen kann. Sie bedeutet nämlich immer nur eine Verschiebung der Kaufkraft der bisher noch beschäftigt gebliebenen Arbeitnehmer zugunsten der bisher arbeits­los gewesenen und nun neueingestellten Kräfte und be­wirkt niemals das, worauf es allein ankommt: eine Steigerung der allgemeinen Kaufkraft, eine Vermehrung und Verbilligung der Produktion. Die Arbeitszeit­verkürzung mag als populäres Propagandamittel bei politischen Kämpfen verwendet werden. Wer wirklich die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit will, wird sich an den weniger populären, aber dafür desto wahreren Aus­spruch halten müssen, den der große schwedische Natio­nalökonom Gustav Cassel vor einigen Jahren auf einer Mitgliederversammlung des Vereins deutscher Ma­schinenbauanstalten tat: Zur Verringerung der Ar­beitslosigkeit muß man die Löhne senken und die Ar­beitszeit verlängern, um die Unkosten herabzudrücken und vermehrten Bedarf zu schaffen."

Lurusimporte und Volksgesundheit.

Eine Reihe von Volkswirtschaftlern und Agrarpo­litikern ist der Meinung, daß wir auf die Einfuhr von Südfrüchten verzichten können und müssen, weil hier­durch ein Teil des Volksvermögens unproduktiv ins Ausland getragen wird. Südfrüchte seien außerdem Lurus! Sind sie das wirklich? Ich glaube, die moderne Hausfrau wird, ebenso wie ein großer Teil der Aerzte­schaft, diese Behauptung verneinen. Südfrüchte sind in ihrer Eigenschaft als Vitaminquelle zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Ernährung geworden, und zwar nicht nur der Oberklassen, sondern des ganzen Volkes, so daß wir heute im Interesse der Erhaltung

Im Dezember sind aus Ersparnisgründen auch die verschie­denen Konserven sehr beliebt. Sie können bis zu einem ge= wissen Grade frisches Obst, Gemüse und Fleisch ersetzen, doch achte man zur Vermeidung von Gesundheitsstörungen auf tadel­lose Beschaffenheit. Auftreibungen an den Dosen, unangeneh­mer Geruch oder Geschmack sind Zeichen von Verderbnis. Solche Konserven sind unbedingt vom Genuß auszuschließen. Natür­lich darf niemals die Ernährung eine einseitige Konservennah­rung werden. Da bei der Konservierung die Vitamine der Nahrungsmittel fast völlig zu Grunde gehen, können in solchen Fällen Mangelkrankheiten, vor allem Scorbut, entstehen. Die Vitaminarmut der Dezemberkost läßt sich indessen leicht aus­gleichen durch den Genuß von Aepfeln, Apfelsinen, Mandarinen und Zitronen, die uns ja in dieser Zeit zu wohlfeilem Preise zur Verfügung stehen. Ebenso gehören hierher die auf kaltem Wege hergestellten Obst- und Fruchtsäfte. Schließlich ist auch die, für den Weihnachtsstollen verwandte Hefe ein vollwertiger Vitaminträger. Die Weihnachtstage selbst veranlassen uns meist, Speisen und Getränke in reichlichen, oft zu reichlichen Mengen zu genießen. Solche Festesfreude kann und will auch der Arzt nicht stören, allein wer sich die schönen Tage nicht ver­derben will, dem sei zur Mäßigkeit geraten. Darum eßt nicht zu viel durcheinander und gebt besonders den Kindern nicht zu­viel Süßigkeiten zwischen den Mahlzeiten! Förderlich für Ver­dauung und Gesundheit ist auch ein kleiner Feiertags- Spazier­gang. Damit wünscht Euch allen, liebe Leser, wenn auch etwas verfrüht, fröhliche Weihnachten und gesunde Feiertage."

der Volksgesundheit nicht mehr auf sie verzichten fönnen.

In den letzten 20 Jahren hat sich in unseren Be­griffen von zweckmäßiger Ernährung und Lebensweise eine grundlegende Aenderung vollzogen. Dies zeigt sich wohl am deutlichsten darin, daß das durchschnittliche Lebensalter des Menschen von 33 auf 50 hinaufge= gangen ist. Gewiß, ein Gutteil dieses Erfolges ist auf das Konto der besseren Hygiene und der erfolgreichen Krankheitsbekämpfung zu buchen, viel jedoch muß der vitaminreichen Ernährung, insbesondere der Kinder, zugeschrieben werden. Als vor etwa 15 Jahren der Hamburger Frauenarzt Prochownik mit der von ihm er­probten Methode hervortrat, hoffende Frauen mit viel Obst zu ernähren, insbesondere dann, wenn Entbin dungsschwierigkeiten in Gestalt eines verengten Beckens zu befürchten waren, wußte man noch nicht, woran es lag, daß nach dieser Methode ernährte Frauen so ge­ringe Beschwerden während der Schwangerschaft, sowie so leichte Entbindungen hatten und so gesunde Kinder bekamen. Erst die Entdeckung der Vitamine im frischen Obst brachte die Erklärung. Milch enthält zwar auch Vitamine, jedoch bekommen wir in der Stadt die Milch selten in so einwandfreiem Zustand, daß wir sie, insbe sondere im Sommer, unseren werdenden Müttern und den Säuglingen ohne Bedenken roh zu trinken geben können. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß das Absinken unserer Säuglingssterblichkeitsziffer z. T. auf die vitaminreichere Ernährung der hoffenden und stil­lenden Mütter zurückzuführen ist.

Ohne Obst kann man sich den modernen Menschen nicht mehr vorstellen. Leider aber bringt unser hartes Klima längst nicht genug hervor, um der Nachfrage zu genügen. Sommerobst ja, insbesondere Beeren haben wir viele in Deutschland, die eingemacht oder zu Mar­melade verarbeitet zwar als Ernährungs- und Genuß­faktor, aber nicht als Vitaminträger in Betracht kom­men. An Winterobst gibt es Aepfel, Birnen und Nüsse. Aber das genügt nicht; wer einmal beobachtet hat, mit welcher Unfehlbarkeit das Kind die Orange dem Apfel vorzieht, zumal wenn es krank ist, wie der Fiebernde wohl eine Orange oder eine Banane, selten aber einen Apfel verlangt, wer psychologisch den Wert der Ab­wechslung erkannt hat, wie sie durch Zusah von To­maten oder Zitronen zur täglichen Kost erreicht werden kann, der wird dem Volkswirtschaftler energisch ent­gegentreten, wenn die Rede davon ist, die Einfuhr von Südfrüchten abzustellen..

Dr. med. Anne- Marie Durand- Wever.

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