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Gamstag,

Samstag, den 3. Mai 1930.

Die Zusammenseßung der hessischen Gemeinde und Stadtparlamente.

Eine statistische Untersuchung über die letzten Kommunalwahlen. In der neuesten Nummer der ,, Mitteilungen des Hessischen landesstatistischen Amtes"( Nr. 4 vom 4. April 1930), ver­öffentlicht Direktor Dr. Lind einen Artikel über ,, Die Gemeinde­

Gießener Zettung

ständig, da in Hessen jeder 20. Landwirt im Alter von mehr als 25 Jahren Gemeinderatsmitglied ist.

Die Frauen sind in den hessischen Gemeinde- und Stadträ­ten gering vertreten. 9101 Männern stehen nur 42 Frauen als Gemeinderatsmitglieder gegenüber. In den kleineren Gemein­den sind Frauen nur in den seltensten Ausnahmefällen als Ge= meinderatsmitglieder zu finden.

und Stadtratswahlen am 16. November 1929". Die interessante Bericht über die wirtschaftl. Lage des deutschen

Arbeit gibt einen konzentrierten Auszug aus der Statistischen Aufbereitung des Ergebnisses der letzten Kommunalwahlen und enthält eine Fülle von Einzelheiten, die allgemein Beachtung finden dürften.

Entsprechend der allgemeinen Tendenz ist auch bei der Ge­meinde und Stadtratswahl in Hessen am 16. November 1929 eine zunehmende Parteizersplitterung festzustellen. Zwar hat in rund zwei Fünfteln aller Gemeinden( 400) überhaupt keine Abstimmung stattgefunden, weil in diesen Gemeinden nur ein Wahlvorschlag eingereicht worden war. Allein 295 dieser Ge­meinden hatten jedoch noch nicht einmal 500 Einwohner und nur 16 mehr als 1000 Einwohner. In 14 Gemeinden war es überhaupt nicht möglich, den Gemeinderat aus sieben Mit­gliedern zusammenzusetzen, weil gar nicht so viel wählbare Gemeindeangehörige vorhanden waren. Diese Feststellung ist aber keineswegs bloß ein Wahlfuriosum, sondern auch der Aus­druck der Tatsache, daß je nach Größe der Gemeinden das zahlen­mäßige Verhältnis zwischen Gemeinderäten und Einwohnern sehr stark voneinander abweicht. Während in den 14 kleinsten Gemeinden mithin sämtliche wahlfähigen Gemeindeangehörigen zugleich Gemeinderäte sind, entfällt in den Gemeinden bis zu 500 Einwohnern auf 39 Einwohner ein Gemeinderatsmitglied. In den Gemeinden von mehr als 20 000 Einwohnern erst auf 1530 Einwohner ein Stadtratsmitglied. Die Wahlbeteiligung war in den kleinsten und den größten Gemeinden geringer als in den mittelgroßen Gemeinden( 1000 bis 8000 Einwohner).

Die Feststellung über die Parteigruppierung der Gemeinde­und Stadtratsmitglieder macht bei den einzelnen Parteien be­sondere Schwierigkeiten, weil die Bezeichnung auf den Wahl­vorschlagslisten oft sehr wünschen übrig läßt. Immerhin läßt der Vergleich doch erkennen, daß die Nationalsozialisten bei der letzten Kommunalwahl überhaupt erstmalig in die tommunalen Körperschaften Hessens eingezogen sind sie haben jetzt ins­gesamt 94 Gemeinde- und Stadtratsmitglieder in Hessen- und daß auch die Kommunisten in diesen Körperschaften fühlbar an Boden gewonnen haben. Eine Einbuße ist bei den Deutschna­tionalen und den übrigen bürgerlichen Parteien. Die parteilo­sen Gemeinderatsmitglieder finden sich vor allem in den kleinen und den kleinsten Gemeinden. Die agrarischen Standeslisten haben mit steigender Gemeindegröße geringere Bedeutung, weil die Landwirtschaft eben nur auf dem flachen Lande eine über­vagende Bedeutung hat. Im Alter der Gemeinderatsmitglieder ist gegenüber 1922 bis 1925 teine erhebliche Verschiebung ein­getreten. Das mittlere Lebensalter der Gemeinderatsmitglieder der verschiedenen Parteien schwankt zwischen 37 Jahren( Kom­munisten) die also in der Mehrzahl jüngere Gemeinderäte haben und 64 Jahren( Volfsrechtpartei).

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Die Berufsangaben der Gemeinderatsmitglieder sind häufig ungenau. Zwei Drittel aller Gemeinderatsmitglieder sind selb­

Handwerks im Monat April 1930.

Die bereits im Vormonat gemachte Feststellung, daß die Belebung der Handwerkswirtschaft hinter der des Vorjahres zurückbleibt, gilt auch für den Monat April. Von der saison­üblichen Belebung durch das Frühjahr ist naturgemäß auch eine Anzahl Handwerksberufe berührt, doch wird übereinstimmend berichtet, daß diese Belebung sich in ungewöhnlich zögernder Form fortsetzt. Am günstigsten beeinflußt durch die Jahres­zeit waren die Bekleidungshandwerke; namentlich das Schnei­derhandwerk wies trotz eines 14tägigen Streiks befriedigende Beschäftigung auf. Auch im Puzmacherhandwerk, Friseur­handwerk und zum Teil Schuhmacherhandwerk, war unter dem Einfluß des Wetters und des Dsterfestes, sowie der Konfirma­tionen die Geschäftstätigkeit vorübergehend lebhafter. Das Satt­ler, Tapezierer, Uhrmacher-, sowie Gold- und Silberschmiede­handwerk zeigten sich dagegen weniger befriedigt von dem Auf­schwung ihrer Umsätze infolge der Konfirmationen und der Ostertage. Die allgemeine geringe Kaufkraft der Kundschaft wirkte hier der sonst üblichen Belebung entgegen. Mit Repa­raturarbeiten für die Landwirtschaft noch leidlich beschäftigt wa­ren Betriebe der Stellmacher und Schmiede in ländlichen Ge­genden. Besonders bemerkenswert und für die Gestaltung der Handwerkswirtschaft nachteilig ist die Tatsache, daß in diesem Jahre bislang die Bautätigkeit außerordentlich gering ist. Vor Beseitigung der Finanzierungsschwierigkeiten ist auch nicht mit einer durchgreifenden Besserung zu rechnen. Entsprechend der geringen Beschäftigung im Bauhauptgewerbe ließ auch die Be­schäftigung der Baunebengewerbe zu wünschen übrig. Mit Ausnahme des Malerhandwerks, das vor Dstern durch die üb­lichen Frühjahrsreparaturarbeiten zahlreiche Aufträge zu ver­zeichnen hatte, war in allen Baunebengewerben der Geschäfts­gang außerordentlich ruhig.

Der Rückgang der Erwerbslosigkeit der Arbeitnehmer machte nur geringe Fortschritte. Fast sämtliche Handwerks­berufe berichten, daß die Zahl der erwerbslosen Arbeitskräfte für die Jahreszeit ungewöhnlich hoch war. Neueinstellungen von Arbeitskräften sind in größerem Maße nur im Schneider­handwerk erfolgt, sowie vereinzelt im Malerhandwerk. Im letzteren wurden jedoch nach den Ostertagen bereits wieder Ent­lassungen vorgenommen. Die Löhne haben sich nach 14tägigem Streik im Schneiderhandwerk um 3 Pfg. die Stunde erhöht. Im Baugewerbe ist Verlängerung der Löhne bis zum 31. März 1931 beschlossen worden.

Die Materialbeschaffung bereitete keine Schwierigkeiten. Wesentliche Preisänderungen werden nicht verzeichnet. Die Schweinepreise sind weiter etwas abgeschwächt. Die Mehl­preise hab dagegen bereits etwas angezogen. Aus dem In­| stallateur- und dem Elektroinstallateurhandwerk wird berichtet,

Aus der Zeit der Zigeunerverfolgungen. Aufnahme aller herumvagierenden Zigeuner und herrenlosen

Im Jahre 1417 tauchten in Deutschland erstmals merk­würdige Gesellen auf, die phantastische Kleidung trugen und als ihre Heimat Kleinägypten" bezeichneten. Es waren Zi­geuner, Söhne jenes Volkes, über deren ursprüngliche Heimat sich die Gelehrten noch nicht völlig einig sind, obwohl Indien von den meisten Forschern als das Land der Abstammung be­zeichnet wird. Die fremden Wanderer, die sich zu größeren und kleineren Scharen vereinigt hatten und häufig unter dem Be­fehl sogenannter Herzöge" standen, wußten sich die Sympathie der naiven Bevölkerung anfänglich zu gewinnen. Sie ver­breiteten die Mär, daß sie sich auf einer selbstauferlegten from­men Bußfahrt befänden, späterhin tischten sie die Erzählung auf, daß die Türken, die Erzfeinde der Christenheit, sie aus ihrer Heimat vertrieben hätten. Ihre Erfahrung in der Kräuter­Heilkunde, ihre geheimnisvolle Wahrsagerei verschafften den Fremdlingen einiges Ansehen.

Doch die Zigeuner wußten sich die Gunst des Volkes nicht allzulange zu erhalten. Sie nahmen lichtscheues Gesindel in ihren Reihen auf, verübten Betrügereien und Diebstähle und wurden zu einer Gefahr für vereinzelte Gehöfte und Ortschaften. Schließlich tauchte sogar der Argwohn auf, daß sie Spione der Türken seien.

So brach denn in ganz Europa die Verfolgung der unsteten braunen Gesellen los und Galgen und Scheiterhaufen empfin­gen reichliche Opfer. Durch Reichstagsbeschlüsse von 1497, 1498, 1500 ward ihnen der Aufenthalt in Deutschland verboten. Nur in Ungarn erging es den Zigeunern erträglicher. Dort gelang­ten sie auch nach und nach zu einiger Seßhaftigkeit. Sie nahmen häufig einen Beruf als Musiker, Kesselschmiede usw.- an, doch blieb ihre Lebensweise auch dann zwanglos. Die Zigeuner legten sich auf ihren Wanderungen oft bürgerliche Namen bei, zur Erlangung von Pässen. Unter sich redeten die Zigeuner sich mit Namen aus ihrer eigenen Sprache an.

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Aller Verfolgungen ungeachtet tauchten überall in Europa immer wieder wandernde Zigeunerscharen mit ihrem Anhang auf. Sie wurden mehr und mehr eine wahre Landplage. Bei der Buntscheckigkeit des alten Deutschen Reiches und bei der daraus resultierenden Schwerfälligkeit der Rechtspflege war es verfolgten Banden nicht allzuschwer, sich über die nächste, nahe Grenze in Sicherheit zu bringen.

Kaiser Leopold I. bestimmte 1701, daß die Zigeuner in Böhmen und Mähren für vogelfrei erklärt wurden. Kaiser Karl VI. erließ 1726 ein Gesetz, daß jeder erwachsene Zigeuner, ver in Mähren ergriffen wurde, gehängt, jeder Bursche unter 18 Jahren und jede Weibsperson gestäupt, eines Ohres be­raubt und aus dem Lande verwiesen werden sollte.

Landgraf Ernst Ludwig von Hessen schritt ebenfalls scharf gegen die sein Land mit Diebstahl und Raub heimsuchenden Banden ein. In den Jahren 1708 und 1709 verbot er die

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daß unter dem Einfluß der Wirtschaftsdepression die Preise für Kupfer, Zink, Bleche etc. zum Teil zurückgegangen sind.

Die Zahlungsweise der Kundschaft ist weiter ständig schlechter. Es müssen niedrigste Ratenzahlungen zugestanden werden und in vielen Fällen werden nicht einmal diese Zah­lungstermine innegehalten.

Gesindels im Hessenland. Als aber das Verbot nicht fruchtete und ständig wieder Klagen einliefen, da griff man in Hessen zur größten Strenge. 1734 wurden auch hier die Zi­geuner für vogelfrei erklärt, jeder Zigeuner über 14 Jahren durfte ungestraft totgeschossen oder eingesperrt werden. Wer einen einer Untat beschuldigten Zigeuner tötete, erhielt sechs Reichstaler Prämie ausgezahlt. Am 16. August 1727 wurden in Darmstadt drei Zigeuner gehängt, zwei geföpft, mehrere an= dere gepeitscht und gebrandmarkt. Unter den Hingerichteten befand sich der berüchtigte Raubgeselle Breitfuß, der wiederholt aus den Gefängnissen ausgebrochen war. Auch in Gießen er­ging es den Zigeunern nicht anders, so im Jahre 1726, wie es heißt: die ,, famose Zigeuner, Diebs-, Mord- und Räuber­Bande, welche den 14. und 15. Wintermonat( November) 1726 zu Gießen seyn hingethan worden". Bei den Hingerichteten, von denen einige lebend von oben herab gerädert wurden, fin­den wir einige Raubgesellen, deren Taten lange den Schrecken des ganzen Landes bildeten, z. B. Anton Alexander, der kleine Galant genannt( der große Galant wurde in Darmstadt ge= rädert), Johann la Fortun usw.

Verlängerung des 4. Hessischen Landtages. Darmstadt, 2. 5. Der Gesetzgebungsausschuß des Landtages ist für Donnerstag, den 8. Mai, nachmittags 3,30 Uhr, einbe= rufen. Als wichtigsten Punkt sieht die Tagesordnung die Be­ratung einer Regierungsvorlage vor, die den Entwurf eines Gesetzes über Verlängerung der Wahldauer des 4. Landtags enthält.

Kommunisten- Verhaftungen in Newyork.

Newport, 1. Mai. Jn Newyork sind bei zwei Kundgebun gen bisher 45 Kommunisten verhaftet worden. Die öffentlichen Gebäude, sowie die Wohnungen einiger Finanzmagnaten, wie Morgan und Rockefeller, sind unter polizeilichen Schuh gestellt worden. Die für den Nachmittag angesetzten Rundgebungen auf dem Union- Sqare sind in voller Ruhe verlaufen. Zunächst versammelten sich 20 000 Mitglieder von Kriegsteilnehmer- und anderen patriotischen Organisationen zu einer antikommunisti­schen Kundgebung, bei der der Newyorker Abgeordnete Fish unter dem Beifall seiner Zuhörerschaft die Ausweisung der Eine Kommunisten aus den Vereinigten Staaten forderte. Stunde, nachdem die Teilnehmer dieser Demonstration den Platz geräumt hatten, rückten die Kommunisten an. Polizeibeamte sorgten für die Aufrechterhaltung der Ordnung.

,, Auf dem richtplay", erzählt Der Lauffende Reichs- Bott" von 1728 ,,, baten die meinsten mit klägl. geberden um gnade, absonderlich wiederhohlten Reinhold und Gottfried la Fortun ihr bitten, daß man sie doch aufhängen lassen möchte. Inson­derheit hat der Hemperla unter allen sich am herzhafftesten er­wiesen und nach verrichtetem gebät, von dem stuhl, worauf die Zigeuner hingerichtet worden, überlaut geruffen: wenn gut Catholische unter den Zuschauern wären, möchten sie etliche Seel- messen vor ihm lesen lassen, und daß sie solches thun woll­ten, mit dem Huth ein zeichen geben, nachdem nun solches von etlichen geschehen, er auch wohl in acht genommen, hat er zu denen Scharff- Richtern gesagt: Nun: ihr Brüder, tragt mich hin, worauf er von ihnen auf die breche gelegt, und solchem nach so wol an ihm, als seinen übrigen mord- und raub- gesellen das urtheil vollzogen wurde... sodann des gehendten Fried­richs und der enthaupten Ließ bende cörper in die Anatomie zu Gießen gebracht." Den Zigeunerinnen wurden die Kinder bei der Verurteilung weggenommen, wobei sie in großes Jammern ausbrachen.

15 000

Zur Aufhebung des Stahlhelmverbots in Rheinland Westfalen.

Die vom Reichskanzler Brüning angeregte Besprechung zwischen den zuständigen Ressorts des Reiches und dem preußi­schen Innenministerium über eine Aufhebung des Stahlhelm­verbots für Rheinland- Westfalen ist zum 9. Mai einberufen worden.

Dr. Edener

verhandelte bekanntlich in London mit den Regierungsstellen um die Schaffung eines Luftfahrtverkehrs zwischen dem Konti­nent, Indien, England und Kanada. An dieses englisch- deutsche Luftfahrtabkommen, das noch nicht endgültig ist, soll sich ein anderes Abkommen mit Spanien und Frankreich anschließen. Der Zentralpunkt des künftigen internationalen Luftfahrtver­kehrs soll Friedrichshafen sein.

Interessant ist ein Abenteuer mit Zigeunern, das dem Landgrafen Ludwig VIII. von Hessen zugeschrieben wird. Land­graf Ludwig suchte gleichfalls die Sicherheit im Lande aufrecht zu erhalten. Die herumstromernden, arbeitsscheuen Diebs- und Zigeunerbanden waren ihm verhaßt. Als nun gar eine solche kecke Gesellschaft dicht bei seinem Jagdschlosse Kranichstein das Lager aufschlug und deren Hauptmann einen Taschendiebstahl verübte, da ließ er das würdige Oberhaupt der Bande auf­hängen. Nun schwur ihm die große Sippschaft Rache und be­schloß, den Fürsten, sobald er abends mit seiner Kutsche von Kranichstein nach Darmstadt führe, zu erschießen. Ein junger

Amerikas Zollschuhmauer.

Die neue amerikanische Zolltarifsnovelle ist dem Unterhaus zugegangen und wird, aller Voraussicht nach dort lebhafte De­batten hervorrufen, denn sie stellt eine Reford- Bollschuhmawer dar. Noch nie in der Geschichte Amerikas wurden derart hohe Zölle zum Gegenstand der Erörterungen gemacht.

Entfettungsfuren im Frühling.

sind besonders empfehlenswert. Nehmen Sie dreimal täg­lich 2-3 Toluba- Kerne, die fettzehrende Stoffe enthalten. Die echten Toluba Kerne erhalten Sie in Apotheken.

An­

Zigeuner empfand Abscheu vor dem ruchlosen Plane. Er eilte heimlich nach Kranichstein, den Landgrafen zu warnen. fangs glaubte man dem braunen Gesellen nicht, doch seine ein­dringliche Rede fand endlich Gehör. Alsbald beschloß der Land­graf, im Stillen Vorsorge zu treffen. Insgeheim wurden von Darmstadt aus Soldaten zur Umzingelung des Waldes, in dem die Bande lagerte, aufgeboten. Des abends fuhr eine leere Kutsche von Kranichstein ab. In einiger Entfernung aber folgte eine zweite, in der bewaffnet der Landgraf mit drei Be­gleitern saß. In weiterem Abstand folgte möglichst geräuschlos eine Anzahl berittener Soldaten.

Plötzlich brachen aus dem dunkeln Wald vier Zigeuner hervor und feuerten auf die leere Kutsche, deren Wände mit Kugeln durchbohrend. Aber jetzt eilten Landgraf Ludwig und seine Begleiter heran, sie drangen in den Wald, und bald ward von allen Seiten die Verfolgung der Zigeunerschar aufgenom men. Die ergriffenen Bösewichter traf die Todesstrafe. Ein kleines, hübsches Zigeunerkind jedoch, das arglos im Walde

und soll demselben den Namen Nievergelter" gegeben haben, da er an dem unschuldigen Wesen keine Wiedervergeltung aus­üben wollte. Seinem Retter, dem jungen Zigeuner, kaufte der Landgraf bei Gernsheim Hof und Haus und der Beschenkte soll ein tüchtiger Mensch geworden sein.

So also erzählt der Volksschriftsteller W. O. von Horn in seiner ,, Spinnstube" eine romantische Geschichte aus dieser rau­hen Zeit der Zigeunerverfolgung und der Kämpfe mit Räuber­banden.

Totenfest.

Hinterm Dorf an der Landstraß'.

Hinterm Dorf an der Landstraß' im Mondenschein, Da steht ein Wirtshaus mutterseelen allein.

Alle fahrenden Leute, die fuhren reich durch die Welt, Kommen arm in das Wirtshaus, ohne Ränzel und ohne Geld. Sie fommen wohl beim Hahnenschrei u. auch beim Wachtelschlag, Früh einer, spät der andere, den ganzen langen Tag. Die einen jung wie Rosen, verweht vom Wind, Die andern wie Tannen im Walde, die gefallen sind. Ihr Tannen hoch und grün, ihr Rosen rot und reich, Hinterm Dorf im Wirtshaus sind alle arm und gleich! Jeder bekommt ein Kämmerlein und jeder ein hartes Bett, Die Kammer iſt vier Schuh breit, das Lager ist ein Brett. Da liegen sie und schlafen viel lange Jahre hin; Die Gräser zu ihren Häupten werden welk und werden grün. Zuletzt mit Engelscharen, wenn der jüngste Tag anbricht, Kommt Jesus Christ gefahren, zum Weltgericht. Kamerad, der Weg läuft( chnelle, Kamerad, wie wird's dann sein? Hab Acht, hab Acht, Geselle, auf das Wirtshaus im Monden­schein.

F. V.

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