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Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

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Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Bostschedionto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Samstag, den 22. Dezember 1928

1928

( Gießener Tageblatt)

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Mir ist das Herz so froh erschrocken, Das ist die liebe Weihnachtszeit! Jch höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich heimatlich verlocken In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder, Unbetend, staunend muß ich stehn; Es sinkt auf meine Augenlider Ein goldner Kindertraum hernieder, Jch fühl's, ein Wunder ist geschehn. Theodor Storm

geisterung das Verlangen nach einem höheren Leben: das fromme, andächtige Suchen nach einem höheren Einn unseres Lebens. Und nur diese Menschen, deren Seele das Fliegen noch nicht per: lernt hat, werden doch immer die ganzen und echten Menschen sein Nur sie werden sich in der Mas schinenwelt nicht selbst verlieren, nicht selbst ein Stüd Maschine in dieser Welt werden.

Aber trotz alledem: den Weihnachtsbaum wird| mehr hat. Und es gibt unter den allermodernsten auch sie nicht vergessen! Die liebevolle finnige Großstadtmenschen neben all ihrer technischen Be­Stimmung des heiligen Abends wird auch fie nicht von sich abtun. Denn was auch immer die Technik an Wundern uns beschert. höchstes und legtes Wunder bleibt doch stets das Leben selbst. Lebens­träfte fann die Technik beherrschen lernen und uns dienstbar machen. Aber schaffen tann fie selbst diese Lebenskräfte nicht. Wir fönnen uns herzlich freuen alles dessen, was die Technit uns an Er­leichterungen und Bereicherungen des Lebens schenkt. Aber die Gabe. uns freuen zu tönnen, stammt aus anderen Zusammenhängen als den jenigen, die sich technisch berechnen und fonstruieren lassen. Die Sehnsucht der Menschenseele geht immer noch über alle Technik hinaus, und die Technik selbst mit all den Anstrengungen und Opfern, die sie von der Menschheit verlangt hat und stets wieder verlangen wird, entstammt legten Endes der Sehnsucht der Menschenseele. den schaffenden Kräfien in uns, die uns Gott, dem Schöpfer, der wandt machen. Denn Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde.

Ein Stüd Romantik, dieser grüne Tannenbaum mit seinen strahlenden Lichtern! Paßt diese Ro­mantik eigentlich noch in unsere Zeit der Technit? Wenn diese Technik sich auch des Lichterglanzes am Weihnachtsbaum bemächtigt und die alten, duftenden Wachskerzen durch elektrische Lämpchen ersetzt: wirkt das nicht schon wie eine Ernüch­terung? Wie eine Beeinträchtigung dieser ro­mantischen Poesie, die den Weihnachtsbaum feit Jahrtausenden mit ahnungsvollen Träumen und mystischen Stimmungen umwob? Gewiß, die Kinder werden sich keine Gedanken über solche Wider­sprüche machen. Sie fehen nur den Glanz und den bunten Schmud und den Tisch mit Geschenken. Für sie ist das alles noch wie im Märchen, und rückhaltlos geben sie ihr fleines Gemüt dem holden Eindruck gefangen Aber wie lange sind die jungen Menschen von heute noch Kinder? Wachsen sie nicht so viel früher als wir einst in dieses Zeit­alter der Technit mit all feinen Berechnungen, mit all seinen greifbaren und unerklärbaren Wunderleistungen mit hinein? Als wir Kinder waren, da hoben wir noch nicht die Augen zum Simmel, um surrende Flugmaschinen durch den blauen Aether streifen zu sehen; da stellten wir noch nicht den Radioapparat ein, um aus dem schwei genden Aether plötzlich menschliche Stimmen und weither flingende Melodien hervorzuzaubern: da war uns eine Eisenbahnfahrt noch Ereignis, und Wagen, die ohne Vorspann mit 70 Kilometer Ge­schwindigkeit die Landstraße entlang fegen, hatten wir noch nicht zu Gesicht bekommen. Heute sehen die Kinder das alles auf Schritt und Tritt um fich herum, heute bekommen sie das alles frühzeitig in der Schule erklärt, heute sind fie in solchen Dingen häufig wissender als selbst die Eltern. Wer will ihnen da vom Weihnachtsbaum noch Wunder­dinge erzählen und mit Bildern von fliegenden Engeln und von himmlischen Lichtern Eindruck auf| sie machen? Ja, es ist eine veränderte Welt, in die unsere Jugend hineinwächst, und sie wird mit anderen seelischen und geistigen Voraussetzungen an die Aufgaben ihres Lebens herantreten als wir

Die Hirten auf dem Felde sehen noch heute wie vor Jahrtausenden die ewigen Lichter des Himmels Der Großstädter fann über den engen über sich Straßen höchstens noch einen Streifen des Himmels erwischen, und im Scheine der elektrischen Bogen­lampen wird für ihn das Sternenlicht ertrinfen. Wenn er einen Glanz über den Himmel huichen sieht oder wenn hoch über allen Häusern ein rotes Licht aufblikt, dann wird er an die Scheinwerfer denken und an die Blinklichter, die den nächtlichen Flieaern den Weg zeigen sollen. Jener einfache. ländliche Mensch fonnte nur mit seiner Seele zum Simmel emporfliegen. Der moderne Geschäfts­mann erhebt sich körperlich in die Lüfte. während vielleicht seine Seele das Fliegen längst ver­lernt hat.

Aber doch: es muß nicht immer so sein und es wird auch nicht immer so sein. Es gibt auch unter den Menschen, die den weiten Himmel über fich haben, gar manche, deren Seele teine Flügel

Und weil diese Sehnsucht so zum innersten Wesen der Menschlichkeit gehört, weil erst die Liebe und Güte den wahren Menschen macht, und weil der Mensch aus allem äußeren Erleben immer wieder zu einem innerlichen Erleben fommen will. zu einer Verbindung des Göttlichen in ihm selbst mit der Gottheit im Weltall deshalb werden auch die ewigen Symbole der Religion niemals ihren Wert einbüßen. Und immer wird das Licht Eymbol der Soffnung bleiben

Aus dem düstern Winter sehnt sich der Mensch nach der goldenen Sonne des Som mers; aus dem Dunkel der Nacht wünscht er sich heraus in das flare Licht des Tages Und so hat er mitten in der Winternacht die Lichter des Weih­nachtsbaumes entzündet, um sich ein Unterpfand zu schaffen für den Glauben an die Wiederkehr des Tages und an die Wiederkehr des Sommers. Und zugleich soll ihm dieses liebliche Unterpfand Sinn­bild eines himmlischen Tages und eines ewigen Sommers fein Hoffnungen und Wünsche, die über das irdische eng begrenzte Leben hinausgehen. lassen sich niemals anders als durch Symbole zum Aus drud bringen. Und le älter diese Symbole find, je mehr Gefühle und Gedanken von Hunderten von Geschlechtern sich mit ihnen unlöslich verknüpften, um so mehr haben sie uns zu fagen. So gewinnt der Weihnachtsbaum feinen Wunderglanz, von dem es gleichgültig ist, ob ihn Wachskerzen oder elet trische Glühlämpchen verfinnbildlichen. So gewinnt er jenen Glanz, der in unserer Seele aufleuchtet und nachleuchtet über das ganze Jahr hin und den auch keine Scheinwerfer und Blinkfeuer in unserer Seele jemals übertrumpfen tönnen.

Kultusminister a. D. Dr. Reinhold Stredez,