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Samstag, den 17

Samstag, den 17. März 1928.

Die Betätigung der öffentlichen Hand

in der Privatwirtschaft.

Seit dem Kriege versuchen die öffentlichen Körperschaften immer und immer wieder, Gebiete, die ihrem Wesen nach der Privatwirtschaft vorbehalten bleiben sollten, an sich zu reißen. Dieses Bestreben der Kommunen hat erst vor kurzem dem Re­parationsagenten Parker Gilbert Veranlassung gegeben, sich in unsere internsten Angelegenheiten hineinzumischen und von ,, kurzsichtiger und ungesunder innerer Politik" zu sprechen. Diese abfällige Kritik des Reparationsagenten hätte sicher ver­mieden werden können, wenn insbesondere die Kommunen nicht den kostspieligen Ehrgeiz hätten, sich auf Kosten der steuer­zahlenden Bevölkerung auf allen möglichen Gebieten der pri­vaten Wirtschaft zu betätigen.

Diese Sozialisierungsbestrebungen machen sich in erster Linie auf dem Gebiete des Wohnungswesens bemerkbar. Seit einigen Jahren besteht in Leipzig ebenso wie in anderen Groß­städten, eine städtische( Regie-) Baugesellschaft, die sich dank der sozialistischen Mehrheit im Stadtverordneten- Kollegium be­hauptet. Diese städtische( Regie-) Baugesellschaft entfaltet gerade in der letzten Zeit wieder eine besonders rege Tätigkeit, da ihr von der Stadt Leipzig aus wesentlich günstigere Existenz­bedingungen verschafft werden, als sie für den einzelnen Pri­patbetrieb möglich sind. Ihr werden nämlich sämtliche Arbeiten an alten und neuen Grundstücken der Stadt Leipzig übertragen, die nicht ausgeschrieben werden. Soweit aber tatsächlich Aus­schreibungen erfolgen, sind ihr nach einem Beschluß des Stadt­verordneten- Kollegiums drei Fünftel der zur Vergebung gelan­genden Arbeiten zu übertragen, und zwar zum Durchschnitts­preise der eingegangenen Kostenanschläge privater Firmen.

Die übrigen zwei Fünftel der Bauarbeiten werden dann den privaten Firmen zur Ausführung überlassen, und zwar selbstverständlich denen, die die auszuführenden Bauarbeiten am billigsten veranschlagt haben.

,, Gießener Zeitung"

Betriebe werden Unsummen gebraucht und dafür Auslands= anleihen aufgenommen, die eine absolut unproduktive Anlage finden. In Wirklichkeit würden solche kommunalen Unterneh­mungen recht bald einen auch nach außen hin sichtbaren kläg­lichen Zusammenbruch erleiden, wenn ihnen nicht durch Steuer­freiheit und laufende finanzielle Zuschüsse aus dem Gemeinde­säckel die Möglichkeit gegeven wäre, eine Prosperität vorzu­täuschen, die ihnen ihrer inneren Struktur entsprechend wohl ausnahmslos versagt bleiben muß.

Durch dieses Vorgehen der Leipziger Stadtverwaltung wird nicht nur der Privatwirtschaft und gerade dem gewerblichen Mittelstande schärfste Konkurrenz auf Kosten der steuerzahlen­den Bürger gemacht und die Privatwirtschaft durch zwecklose Ausarbeitung von Kostenanschlägen ihrer überaus wertvollen Arbeitszeit beraubt, sondern auf diese Weise werden auch Steuergelder sinnlos verwirtschaftet, da doch die städtische ( Regie-) Baugesellschaft die Bauarbeiten nicht nach dem billig­sten Kostenanschlag, sondern nur zum Durchschnittspreise der ein­gegangenen Kostenanschläge privater Firmen auszuführen braucht.

Nr. 23.

mann, Dr. Johannes Frenkel, in der Zeitschrift des Preußischen Statistischen Landesamtes 1926 einen Fehlbedarf von 1,7 Mill. errechnet." Aehnliche kleine Verschiedenheiten" weisen auch die von den einzelnen Städten aufgemachten Fehlbedarfsstati­stiken auf. Die von Dr. Frenkel errechnete" Ziffer ist also das Dreifache des vom Reichsarbeitsministeriums errechneten Fehlbedarfs an Wohnungen.

Wie hoch ist der wahre Wohnungsbedarf? bei der Durchführung dieser Zählung angewandt hat, nie besei­

Die Frage der Wohnungswirtschaft und des Wohnungs­baues stehen naturgemäß immer noch im Mittelpunkt des all­gemeinen Interesses. Vielfach hatte man gehofft, durch die auf Grund des Gesetzes vom 2. März 1927 am 16. Mai 1927 in 8052 Gemeinden des Deutschen Reichs( ohne Saargebiet) durchgeführte Reichswohnungszählung einen einigermaßen kla­ren Ueberblick über den tatsächlichen Wohnungsbedarf zu ge= winnen. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Aber es war vorauszusehen, daß die Reichswohnungszählung den in weiten Kreisen gehegten Wunsch, Klarheit über den wahren Fehlbedarf an Wohnungen zu gewinnen, nicht erfüllen würde, da diese Statistik durch die Art ihrer Durchführung von vorn­herein zum Mißlingen verurteilt war.

Dieses rühmliche" Beispiel hat bereits in anderen Groß­städten Nachahmung gefunden und selbstverständlich will auch die Stadt Berlin in der planmäßigen Vernichtung ihrer Steuer­zahler nicht hintanstehen. Auch sie sägt daher fleißig an dem Ast, auf dem sie sitzt. Obwohl die Einkaufsgesellschaft der Woh­nungsfürsorgegesellschaft vielfach bekämpft wird, beabsichtigt der Magistrat Berlin die Gründung einer Baustoffeinkaufsge­sellschaft. Die neu zu schaffende Baustoffeinkaufsgesellschaft, gegen deren Gründung bereits die Industrie­- und Handels­tammer zu Berlin in einer Eingabe an den Magistrat Berlin schärfsten Widerspruch erhoben hat, soll nicht nur die Bauten, die die Stadt als Bauherrin herstellt, sondern auch die Bauten, die aus Hauszinssteuerhypotheken von privater Seite errichtet werden, mit Baumaterialien versorgen.

Vor der Durchführung der Reichswohnungszählung wurden bekanntlich die unglaublichsten Ziffern über den Fehlbedarf an Wohnungen genannt, die lediglich geeignet waren, die Un­ruhe weiter Volkskreise zu steigern. So schreibt der Oberbür­germeister von Berlin, Dr. Böß, seinerzeit den Fehlbedarf auf ungefähr 2 Millionen Wohnungen. Die gleiche Urteils- und Hemmungslosigkeit macht sich auf diesem Gebiete auch heute noch % Jahr nach der Reichswohnungszählung, zum Nachteil einer ruhigen und sachlichen Beurteilung der Lage auf dem Woh­nungsmarkt bemerkbar.

Niemand wird es einer Stadtverwaltung verargen, daß sie versucht, Instandsetzungsarbeiten an ihren Grundstücken gut und preiswert ausführen zu lassen und auch für ihre Bauten Bau­stoffe vorteilhaft einzukaufen. Damit erfüllt sie nur ihre Pflicht und Schuldigkeit den Steuerzahlern gegenüber, aber die Errich­tung von städtischen Monopolbetrieben unter Schaffung foſt­spieliger Verwaltungsapparate auf Kosten der Steuerzahler ist vom wirtschaftlichen und sozialen Standpunkt unbedingt zu ver­werfen.

Es ist selbstverständlich, daß die Pläne auf Schaffung von städtischen Monopolbetrieben, insbesondere auf dem Gebiete des Wohnungswesens, voll und ganz dem Bestreben und den Zielen der Linksparteien entsprechen und daß mit der Gründung von Baugeſellſchaften und Bauſtoff- Einkaufsgesellschaften eine ver­schleierte Ausdehnung der Sozialisierung auf dem Gebiete des Wohnungswesens bezweckt wird.

Zur Gründung und Aufrechterhaltung solcher städtischer

Grüner Rasen Blaue Wellen.

Roman von Otto von Gottberg. 39. Fortsetzung.

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Diese Unklarheit über den tatsächlichen Wohnungsbedarf, die allenthalben noch trotz der Reichswohnungszählung besteht, wird sich in Anbetracht der merkwürdigen Methoden, die man tigen lassen. Die Reichswohnungszählung ist also im wahrsten Sinne des Worts ergebnislos verlaufen, denn was man viel fach von ihr erhofft hat, hat sie bis jetzt nicht erfüllt und wird sie auch niemals erfüllen können. Der einzige Erfolg", den. die Reichswohnungszählung gezeitigt hat, ist der, daß sie die Unklarheit über den wahren Fehlbedarf an Wohnungen anstatt verringert nur noch vergrößert hat.

Das Statistische Reichsamt kommt bei der Reichswoh­nungszählung bekanntlich zu einer Gesamtzahl von 1 Million Familien ohne selbständige Wohnung. Interessant ist hierbei, daß es auch in seiner Untersuchung nach einer dreifachen ver­schiedenen Berechnung zu ähnlichen Ergebnissen gelangt. Die Mindestergebnisse dieser drei Berechnungen sind: 1. Schäzung 930 00 bis 1020 000; 2 Schäßung 990 000 bis 1 060 000; 3. Schätzung 980 000. Bei der ersten Schätzung ist der Zugang an Haushaltungen mit dem Zugang an Wohnungen verglichen. Dabei ist der Zugang an Haushaltungen unter Verwertung der Volkszählungsergebnisse von 1910 und 1925 berechnet. Bei der 2. Schätzung ist die Statistik der Bevölkerungsbewegung und der Bautätigkeit von 1919 und 1925 zu Grunde gelegt. Die dritte Schäzung geht von der Wohnungszählung deutscher Städte im Frühjahr 1925 aus.

Gerda gab das Zureden nicht auf, obwohl Elisabeth in Schmerzen mit bleichen Lippen müde lächelte: Laß, Gerdchen. Es mußte so kommen und es ist gut so!"

Im Interesse der Gesamtheit wäre es wirklich besser, wenn die Regierungsstellen von ihren theoretischen Erwägungen endlich ablassen und sich der bestimmt mehr Erfolg verspre­chenden Praxis, der Lockerung des Ausnahmezustandes auf dem Gebiete des Wohnungswesens, zuwenden würden.

Um die Sozialen Hauptwahlen.

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Der Antrag der Reichstagsabgeordneten Lambach und Ge­nossen vom 19. Oktober v. J. ersuchte bekanntlich die Reichs­regierung, einen Gesetzentwurf über soziale Hauptwahlen ein­zubringen, die durch den Reichswahlleiter durchgeführt werden sollten. Das Gesetz sollte die Entscheidung über die Zusammen­setzung der in sämtlichen sozialen Körperschaften zu entsendenden Vertretungen der Arbeitgeber, der Arbeiter und Angestellten in je einen einzigen Wahlgang legen und an Stelle der jetzigen Berufung der Arbeitsrichter deren Wahl durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorsehen. Das bei diesen Sozialen Hauptwahlen erzielte Stimmenverhältnis sollte jeweils bis zur nächsten So zialen Hauptwahl den Schlüssel für die Verteilung der Site bei den in Frage kommenden Körperschaften( Angestellten-, Inva liden, Knappschafts-, Unfall-, Kranken- und Arbeitslosenver­ſicherung) abgeben. In der gleichen Richtung forderte eine Entschließung der Abgeordneten Thiel und Genossen vom 13. Fe bruar d. J. durch Soziale Hauptwahlen, die in Abständen von vier zu vier Jahren stattzufinden haben, das Stärteverhältnis aller für die verschiedenen Körperschaften vorschlagsberechtigten Gruppen festzustellen.

Im Gegensatz zum Statistischen Reichsamt hat das Reichs­arbeitsministerium, wie es in seiner Denkschrift über Woh­nungsnot und ihre Bekämpfung bekannt gibt, einen Fehlbe­darf von ungefähr 600 000 Wohnungen errechnet, eine Ziffer, deren Richtigkeit von ihm schon seit Jahr und Tag behauptet wird. Im Grunde genommen, ist anzunehmen, daß der Fehl­bedarf an Wohnungen bei weitem weniger als 600 000 Woh­nungen beträgt, denn es wäre irrig, zu glauben, daß jede Haushaltung und Familie, die sich bei der Reichswohnungs­zählung als selbständige Haushaltung aufgeführt hat, tatsäch= lich eine eigene Wohnung beansprucht. Wenn man das Ergeb= nis der Reichswohnungszählung richtig erfassen und verwer­ten will, wuß man von dem Gesamtergebnis der Reichswoh­nungszählung einen weit größeren Abzug für Haushaltungen und Familien machen, die keine selbständige Wohnung bean= spruchen, als dies das Reichsarbeitsministerium getan hat. Bekanntlich wohnten nämlich bereits vor dem Kriege unzäh­lige Familien bezw. Haushaltungen mit anderen in einer Wohnung zusammen, sei es nun mit Rücksicht auf ihre wirt­schaftliche Lage oder aus freiem Entschluß, familiären Rüd­ten usw.

Gegen Abend konnte sie sich aufrichten und nach einem Hustenanfall stöhnen: Gerdchen, auf dem alten Kirchhof will ich liegen, weil dort im Frühjahr die ersten Schneeglöckchen und dann die Veilchen und Maiblumen so wild und wirr über alle Gräber wuchern. Maiglöckchen gib mir auch in den Sarg! Große, große Sträuße von meinen Lieblingsblumen will ich mit beiden Armen an die Brust drücken, und Musik soll kommen und der Kirchenchor muß fingen: Schlaf, Kindchen, schlaf! Schla­

fen will ich, Gerda, denn ich bin müde. Wenn sie mich dann nach der Trauerrede aus dem Hause tragen, dann wundre dich nicht, Gerda- dann sollen sie das Flaggenlied spielen. Du summit leise den letzten Vers mit... vom sterbenden Pi­loten, der noch die Fahne schwarz- weiß- rot hebt. Das ist für ihn, zu dem ich gehen will und dem sie nichts über seinen Stahl= farg auf dem Meeresgrund gesungen haben. Vielleicht hören wir oben das Lied schon zusammen. Dann habe ich ihm doch eine Freude mitgebracht!"

Daß über den tatsächlichen Wohnbedarf nicht allein in amtlichen Kreisen größte Unklarheit herrscht, geht daraus her­vor, daß der allgemein bekannte Staatssekretär a. D. Auguſt Müller in seinen Ausführungen in der Deutschen Wirtschafts­zeitung", dem Organ des Deutschen Industrie- und Handels­tages, zu dem Ergebnis gelangt, daß sich der Wohnungsman­gel unter einer halben Million hält, während ein anderer Fach­

Schluchzend sank Gerda am Bettrand auf die Knie. Da flang fast scheltend die Stimme der Kranken: ,, Weine nicht, Gerdchen! Du tust, als ob dir das Herz bräche und ich zu bedauern wäre, Nein, es ist gut zu wissen, daß ich ihn wieder­sehen soll. Und dir, liebes, liebstes Schwesterchen, bitte ich ab. Ich war oft schlecht und glaube, es fam alles so, weil ich Strafe verdiene. Nur daß Kurt mitleiden mußte, tut mir weh, und darum mag ich nicht wollen, wie der Geheimrat wünscht." Ihr sagiet immer, mich werfe nichts um. Aber daß Kurt mitbüßen muß, ist zuviel. Deswegen mag ich nicht mehr. Ich aber habe alles verdient. Wenn ich nur an Werner dente..."

,, Versteck' dein Gesicht nicht, Gerdchen, und laß das Weinen! Er wollte mich überhaupt nicht füssen, und wenn er mit mir sprach, schielte er ewig nach dir, weil du ihm lieber warst. Das ärgerte mich, und darum handelte ich schlecht an euch beiden. Ihm darfst du nichts vorwerfen und sollst ihn wieder liebhaben. Das tatest du, Gerdchen, aber vor seiner Abreise müßt ihr euch

gestritten haben, und ich denke, meinetwegen. Das tut weh, Gerdchen. Sei wieder gut, damit du glücklich wirst!"/

Der Husten erschütterte ihre Brust, und Gerda zwang sich mit aller Kraft, einen Löffel aus der vom Hausarzt geschicten Flasche zu füllen. Als Elisabeth eingenommen hatte, fiel sie in den Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwachte.. Schon am nächsten Morgen hielten ihre Hände die Blumen, die ihr die liebsten gewesen waren. Schlaf, Kindchen, schlaf!" sang drei Tage später der Kirchenchor.

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Der Antrag Lambach und Genossen und die Entschließung Thiel und Genossen sind dem Sozialpolitischen Ausschuß des Reichstags überwiesen worden. Wie wir erfahren, tann aber mit ihrer Erledigung in dem derzeitigen Ausschuß nicht mehr gerechnet werden. Beide Anträge fallen durch die bevorstehende Auflösung des Reichstags unter den Tisch und müssen im neuen Reichstag erneut eingebracht werden, wenn sie nochmals zur parlamentarischen Behandlung kommen sollen.,

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Um das Berufsausbildungsgesetz und das Arbeitsschutzgeseh.

Der Sozialpolitische Ausschuß und der Arbeitsausschuß zur Beratung des Entwurfs eines Berufsausbildungsgesetzes haben in der gemeinsamen Sigung am 14. Februar 1928 mit 29 Stim­men ohne Gegenstimme beschlossen, den Gesetzentwurf an einen neu zu bildenden Arbeitsausschuß zur nochmaligen Vorberatung zurückzuverweisen, da der Vorschlag des Arbeitsausschusses, den Gesetzentwurf auf die Beschäftigung gewerblicher Lehrlinge zn beschränken, in der Minderheit blieb. Infolge dieses Abstimmungs= ergebnisses und da auch ein Antrag vorlag, den Beschluß des Arbeitsausschusses, die Vorschriften dieses Gesetzes auch auf die Berufsausbildung in der Hauswirtschaft anzuwenden, wieder auf­

Sie lag schon unter dem blumenbunten grünen Rasen des alten Kirchhofs, als Werner von ihrem Tode hörte Wehmütig dachte er des nun wohl stillen alten Hauses in Priedelsdorf, aber doch weckten ein biiteres Lächeln Gerdas Worte: Wir beide werden ihrer immer nur in Liebe gedenken!" Versuchen wollte er es. Doch hatte die Erinnerung an die Kusinen wäh= rend der letzten Wochen nur Zorn gebracht. Elisabeth hatte ihn gefüßt und er sich ihr versprochen geglaubt. Sie aber ver­lobte sich mit dem Vetter Kurt. Wie tief und warm sah Gerda ihm einst in die Augen! Dann aber schickte sie ihn mit höh­nenden Stolz von sich. Mit der Toten mußte er Frieden schlies­sen. Der Lebenden zürnte er noch, obwohl das Sehnen nach ihr nie schlummerte. Darum hatte sie ihm die Freude am Leben verleidet. Oft kam der Wunsch, der Krieg möge ewig währen. Das Wüten und Morden draußen war immer noch besser als das Lügen und Heucheln daheim, und Kanonenmäuler sprachen ehrlicher als Frauenlippen, die nur lockten, um dann zu höh­nen. Im Felde wußte der Mann, woran er war. Drüben stand der Gegner, ein oft teuflisch gemeiner Halunke, aber doch ein ehrlicher Feind. Hier lagen Kameraden, gute, liebe Freunde, die einer für den andern den letzten Bissen und Blutstropfen gaben. Berlaß war auf beide, auf Feind wie Freund, und der treueste von allen Wernsheim. Die Laune des Krieges hatte den Kriegsschulkameraden aus Engers zum Führer der Nach­barkompagnie gemacht. Gegen Mittag trat er in Werners unterstand und sang scherzend:

In des Waldes tiefsten Gründen, In der Höhle tief versteckt,

Sigt der Räuber allerkühnster,

Bis ihn seine Rosa weckt."

Immer brachte er gute Laune und den Wunsch, aufzuhei­tern, mit. Doch heute blieb Werner verdrießlich. Wernsheim wußte, warum er auf den letzten Urlaub verzichtet hatte, schalt

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auf das, verfluchte Grübeln" und fragte: Was hast du nun wieder ausgebrütet?"

,, Will ich dir sagen, Wernsheim! Ich dachte, wie elend und verlogen das Leben in der Heimat und wie ehrlich und männ­lich es hier draußen ist. Es wundert mich nicht mehr, daß heut­zutage die Heere nicht nur gegen Heere streiten, sondern den Kampf auf Luftschiffen und Flugzeugen auch unter die Bevöl­ferung des Gegners tragen. Die Leute hinter der Front ver­dienen keine Schonung."

Wernsheim lachte: Willst wohl dem Namen Barbaren" Ehre machen?"

Drewiß warf die Zigarette ärgerlich in den lichten Mund der Höhle: Die Barbaren waren wie die Wilden des Gedichts bessere Menschen als wir, weil sie unsere Heuchelei nicht tann­ten. Wenn sie liebten, haßten oder zürnten, war ihr Empfinden nicht mißzudeuten. Sie lebten wie die Tiere, aber immer ehr­lich, und gingen nicht wie die Kaze um den heißen Brei. Wenn die Frau einen Mann liebte, wich sie ihm nicht aus, sondern ließ sich greifen. Wenn sie ihn nicht mochte, sagte sie offen, er sei ihr widerwärtig, und wenn ihn das ärgerte, verprügelte er fie Das war roh, aber beide wußten, woran sie waren. gab keine Enttäuschungen."

Es

Wernsheim zuckte die Achseln und griff nach dem Korkzieher an der rohen Bohlenwand. Immer wieder hörte er den Kame raden ähnlich sprechen. Ob er während des nächsten Urlaubs einen Besuch in Priedelsdorf wagte und mit seinem Onkel Sprach? Litt Drewiß doch bis zur Lebensmüdigkeit unter seiner Enttäuschung. Er entkorkte die mitgebrachte Flasche. Da hall­ten im Vorfeld Schüsse. Werner sprang aus dem Unterstand in den Graben. Wernsheim blickte nach und sah ihn ans Sche­renfernrohr treten. Wahrscheinlich war das Vorfeld nicht zu überschauen, denn Drewig recte den Hals und hob den Kopf sorglos über die Brustwehr. Wernsheim ging dem Freunde nach, um ihn zu warnen. Er war dicht bei Drewiz, als den ein Schlag ins Gesicht traf. Tschud!" tlang es dumpf und weich, als ob ein Hund vom Hausdach zur Erde falle, und ein Zuden ging durch Werners Körper. Seine Hand fuhr zur Stirn. Er fant in die Knie. Der Kopf fiel nach vorn. ,, Stirn schuß", sagte traurig der zuspringende Unteroffizier.

Am späten Abend hörte Wernsheim aus dem Lazarett, daß Soffnung auf Rettung des Freundes sei. Da fand er Mut, dem Onkel des Verwundeten zu schreiben: Fortsetzung folgt

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