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Nr. 47.

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Samstag, den 9. Juni 1928.

Lokales.

Sonntagsgedanken.

Bleich und müde geht heute durch die Straßen manch Alter und manch altes Mütterlein, die einst in der Vollkraft ihres Lebens für das Alter sorgten. Fleiß und Redlichkeit mehrten die Spargroschen und Gottes Segen lag über ihrem Werke.

Da kam der Krieg, die Not, das Elend. Die goldenen Spargroschen wurden weniger und verloren den Wert der alten Zeit. Wir sehen heute in unserer Mitte, vor unseren Augen Brüder und Schwestern hungern und darben, deren Hände müd geworden sind in Arbeit und zu müde sind für neues Schaffen. Wer Augen für diese traurige Gegenwart hat, der kennt jene Alten, denen heute das Leben gleichbedeutend ist mit dem Lei­den. Man sieht sie mit hohlen Wangen, mit gramgefurchtem Ge­sicht, mit kummersprechenden Augen, im alten Gewande, gebückt von der Jahre Last und der Zeiten Not einhergehen. Man sicht sie, aber man hört sie nicht.- Denn sie dulden still. Sie murren nicht, sie klagen nicht. In ihre vier Wände, die vielleicht schon tahl geworden sind, das Letzte, das Beste, haben sie für wenige Groschen verkauft, um Brot fürs Leben zu haben, bergen sie ihren Schmerz und Jammer. Ihr Sehnen ist nur mehr der Tod.

Hinter ihnen liegt ein arbeitssames, tüchtiges Leben. Soll bitterste Armut der Lohn hierfür sein? Sollen Greise heute in Deutschland zum Bettelstab greifen? Soll das gebeugte arme Mütterlein Treppen hinauffeuchen, an allen Türen läuten und Brot betteln?

Mag auch dir dieses traurige Bild der Zeit an diesem Sonntag vor Augen stehen.

50 Jahre Pilgermission in Hessen. Vom 10. bis 16. Juni begeht hier der Gemeinschaftsverband der Pilgermission in Hessen aus Anlaß seines 50jährigen Be­stehens in Hessen eine größere Jubiläumstagung. In der Mitte des 19. Jahrhundert begannen mehrere Pfarrer in Oberhessen im Sinne der heutigen Pilgermission zu arbeiten. Im Jahre 1878 wandte man sich an das Komitee tee der Pilgermission St. Chrischona in der Schweiz, die dann den ersten Pilgermissionar nach Lich entsandte. Seitdem hat diese Bewegung, die auf der tiefsten Auslegung des Evangeliums beruht, in ganz Hessen, insbesondere aber in Oberhessen und in den Kreisen Biedenkopf, Marburg und im Vogelsberg, sich außerordentlich ausgebreitet und segensreich gewirkt. Heute sind in Hessen und Hessen- Nassau auf 20 Hauptstationen mit 141 Außenorten, 24 Evangelisten und 4 Missionsschwestern tätig. 25 eigene Vereinshäuser und Säle fonnten gebaut werden.

* Von der Landesuniversität. Der ordentliche Professor der Archäologie an unserer Landesuniversität, Dr. Rich. Del­brück, hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Bonn zum 1. Oktober d. J. angenommen.

* Straßensperre. Wegen Vornahme von Kanalanschluß­arbeiten ist die Ludwigstraße zwischen Riegelpfad und Alice­straße ab Montag, den 11. Juni 1928 auf etwa 8 Tage für allen Fahrverkehr polizeilich gesperrt.

* Gefundene Sachen. Das Verzeichnis über die im Monat Mai 1928 gefundenen bezw. abgelieferten Gegenstände tann an der Anschlagtafel im Flur des Polizeiamts, Weidengasse Nr. 5, eingesehen werden. Die Empfangsberechtigten werden werden aufgefordert, ihre etwaigen Rechte innerhalb 2 Monaten beim Fundbüro während der Dienststunden gelten zu machen.

Der

* Warnung vor einem falschen Kriminalbeamten. Polizeibericht teilt mit: Am 5. Juni ist in Hanau, sowie in den letzten Tagen in Bad Homburg ein falscher Kriminalbeamter mit Erfolg aufgetreten, der sich dabei Geldbeträge anzueignen verstand. Der Mann ist etwa 30 Jahre alt, 1,65 Meter groß, fräftig, hat rundes, volles Gesicht, ist glatt rasiert, hat volles, nach hinten gefämmtes Haar, trug grauen Anzug, grauen Hut, weißen Kragen mit bunter Krawatte, hat einen dicken, hellen Rohrstock bei sich und spricht hochdeutsch. Sollte diese Person, stadt, ergreift nach dem Chor ,, Sei getreu bis in den Tod" das Wort. Er umreißt die Jdeen, denen ein gesundes Volk und eine gesunde Jugend einst, heute und in Zukunft folgen müsse, wenn es seinen Bestand nicht aufgeben wolle, und mahnt die Jugend, Träger der Einigkeit zu werden. Das weite Rund singt dann Großer Gott, wir loben dich". Ergreifend klangen im Munde der vielen Tausenden die Schlußworte: Auf dich hoffen wir allein, laß uns nicht verloren sein." Der Vorsitzende weihte nun verschiedene Banner und gab das Telegramm des deutschen Reichspräsidenten bekannt. Unter den Klängen des Wimpel­liedes wurden sodann die Gmundener Fahnenbänder an die Wimpel geheftet und in endlosem Zuge rückten die Wimpel­gruppen ab. Die große Menge der übrigen aber sang das Deutschlandlied, und nun wogte der Strom der deutschen Ju­gend wieder talwärts, ergoß sich über Seeufer, Straßen und Plätze, die Erwachsenen fast verschlingend.

Der Nachmittag brachte den Festzug, nach außen hin die machtvollste Kundgebung des großdeutschen Gedankens. Sein erster Teil zeigte die Vielgestaltigkeit österreichischen Volkstums und stand auf hoher künstlerischer Stufe: Geschichte und Be­rufsleben des Traunsees zogen in prächtigen Gruppen an un­serem Auge vorüber, kein Mummenschanz, sondern wahres Volks­Leben. Wir sahen da den eisengepanzerten Stadtherold mit seinem Gefolge, die Pfahlbauer am Traunsee, Pappenheims Ein­zug mit Roß und Reisigen im österreichischen Bauernkrieg, die Gemundener Ratsherren, Bürger und Bauern in herrlichen Trachten die Bauern, Hirten, Fischer, Jäger, Schiffer, Salz= bergleute, Vogelfänger, Wilddiebe, Holzknechte, alle wurden in ihrer charakteristischen Arbeit in trefflichen Gruppen vorgeführt. Germania und Austria, einträchtlich vereint, zogen vorüber und Gmundener Jugend auf einem Riesenschwan, dem Symbol des Traunsees, streute Blumen. Und die Musik! Ein Dutzend Ka­pellen in schmucker Bergknappen- oder Gebirgstracht waren in Dem Zuge verstreut und spielten unermüdlich und schneidig. Der zweite Teil bestand aus den Wimpelabordnungen der ge­jamten deutschen Jugend, geordnet nach Landesverbänden. Zu ben Klängen ihrer zahlreichen Schülerkapellen( 14 haben wir pgezählt) zogen da Tausende von jungen Deutschen, oft in heimi­

,, Gießener Zeitung"

die sich Friedrich nannte, in unserer Stadt auftreten, so wird ersucht, das Polizeiamt rechtzeitig zu verständigen, damit der Gauner unschädlich gemacht werden kann. Bei dieser Gelegen­heit sei darauf hingewiesen, daß jeder Polizeibeamte in unserer Stadt einen vom Polizeiamt ausgestellten Dienstausweis mit Lichtbild besitzen muß. Auswärtige Kriminalbeamte dürfen ohne Hinzuziehung eines hiesigen Kriminalbeamten keinerlei Amtshandlungen hier selbständig vornehmen.

* Allen Schwerhörenden ist Gelegenheit gegeben, die neuen Konstruktionen der Original Akustik- Hörapparate am Montag, den 11. Juni, hierselbst im Hotel Viktoria auszuprobieren. Ein Spezialist, ebenfalls schwerhörig, ist in der Zeit von 10-1 und 3-5 Uhr zu sprechen.

Aus Nah und Fern.

Lich. Jubiläums- Sängerfest. Am morgigen Sonntag feiert der Gesangverein, Cäcilia" sein 90jähriges Jubelfest und ver­bindet damit einen großen Gesangswettstreit, zu dem 58 Män­nergesangvereine mit rund 3000 Teilnehmern gemeldet haben.

Utphe. Ein Landwirt war Mittwoch an seiner Kreissäge mit dem Schneiden von Knüppelhoz beschäftigt. Dabei flog dem Mann durch Anprallen ein Holzknüppel so star in das Gesicht, daß ein Auge schwer verletzt wurde. Die ärztliche Un­tersuchung ergab die Notwendigkeit, den Mann nach Gießen in die Klinik zu bringen.

Lauterbach. Wie der, Lauterbacher Anzeiger" mitteilt, will der Landtagsabgeordnete Maurer- Lauterbach durch den Hessischen Landtag bei der Reichsbahndirektion Frankfurt die Einlegung eines Eilzugspaares für die Strecke Gießen- Fulda beantragen. Diese Anregung wird von den beteiligten größeren Gemeinden und Städten freudig begrüßt werden. Als wich­tige Verbindungsstrecke für den Durchgangsverkehr zwischen Thüringen und Westfalen ist die Wiedereinlegung eines Eil­zugspaares auf der Strecke Gießen- Fulda ein dringendes Be­dürfnis.

Darmstadt. Die Stadt begeht im Juli 1930 ihr 600jähri­ges Jubiläum. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten soll eine hessische Gewerbeschau in der Zeit vom 15. Mai bis 30.

September stattfinden.

Dillenburg. Im staatlichen Landgestüt wird am Samstag Nachmittag die große Gewerbeausstellung für den Dillkreis in Verbindung mit einer Schau von Westerwälder und Vogels= berger Vieh ihren Anfang nehmen. Die Gewerbeausstellung, aus allen Teilen des Dillkreises reicht beschickt, dauert bis zum 17. Juni. Den Abschluß der bevorstehenden Dillenburger Ge­werbe- und Festtage bildet ein Jugendherbergs- und Burgen­tag am Sonntag, den 17. Juni, bei welcher Gelegenheit die Jugendherberge auf dem Schloßberg eingeweiht werden soll.

Limburg. In einem Tunnel stürzte ein Zugführer aus dem fahrenden Zug. Er erlitt leichte Arm- und Beinverletzun­

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Frankfurt a. M. Hier sind falsche Reichsbanknoten über 10 und 20 Mark im Umlauf, die von einem etwa 25 bis 28 Jahre alten Mann in guter Kleidung verbreitet werden. Auf

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scher Tracht, vorbei, leidenschaftlich umjubelt von den Massen der Desterreicher, die zusammen mit der andern deutschen Jugend die Straßen dicht besetzt hielten. Brausende Heilrufe ertönten allerorten. Das prächtige Bild der Farben wurde durch den tiefblauen See mit seinem schneeschimmernden Höhenkranz wir­fungsvoll abgeschlossen. In den Vorbeimarsch, der über eine Stunde währte, war eine Gefallengedenkfeier eingeschoben. Auf Böllerschüsse hin stand der Zug, die Häupter entblößten, die Fahnen senkten sich, alle Kapellen spielten leise zum Klang der Glocken das Lied vom guten Kameraden, eine Heldenehrung, die in ihrer schlichten Einfachheit überwältigend wirkte.

Nach dem Festzug wurde das Gewoge der Massen im Städt­chen zeitweise beängstigend. Erst gegen Abend gab es etwas Luft, die Masse der Seelenwohner war heimgekehrt. Einer wirkungsvollen Abschluß des Tages bildete ein großes Feuer­werk auf dem See. Weithin sichtbar fauchten die Raketen in den Nachthimmel, rauschten Wasserfälle und Feuerräder.

Am dritten Pfingsttag, während noch interne Besprechungen ( Bauertagung, an denen u. a. Schleswig- Holsteiner teilnahmen, Besprechungen mit Auslandsdeutschen) in Gmunden stattfan­den, zog die Jugend hinaus zu frohen Wanderungen durchs Salzkammergut.

Wolfgang, Atter-, Mondsee, Schafsberg, Traunstein, Jschl, Salzburg, Königssee, die Eishöhlen im Tannengebirge bilden Glanzpunkte im Erleben der jugendlichen Scharen. Am Frei­tag aber wird nach einem mehrstündigen Aufenthalt in München ein Sonderzug die bereits in Salzburg sich sammelnden Hessen zurückbringen. Sie werden heimkehren mit übervollem Herzen, erfüllt von den erhebenden Eindrücken schönster Landschaften und von dem Erlebnis des großdeutschen Volksgedankens, von dem tiefen Eindruck, daß deutsches Volkstum in der ganzen Welt eine unauslösliche Schicksalsgemeinschaft bilden soll und muß.

Der schlaue Rabe.

Der Fuchs ist für uns das Sinnbild des Schlaumeiers" unter den Tieren: in vielen Variationen wissen uns alte Fa­beln und Märchen zu erzählen, wie er durch allerhand Tücken und Schleichwege es versteht, andere Tiere zu überlisten und

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seine Ergreifung und die Aufdeckung seiner Falschmünzerwerk­statt hat die Reichsbank eine Belohnung von 3000 Mark aus= gesetzt.

Wimpfen a. N. Der Verbandstag der Kriegerkamerad­schaft Hassia finder heute und morgen hier statt. Nach dem Jahresbericht beträgt die Mitgliederzahl für 1927 rund 51 000 in 38 Bezirken mit 753 Vereinen.

Königstein. Das kleine Dorf Oberems wurde in der Nacht zum Mittwoch von einem Großfeuer heimgesucht. Ein Wohn­haus und zwei Scheunen gingen in Flammen auf. Die Ursache des Brandes konnte noch nicht ermittelt werden.

Wiesbaden. Die Ausstellung Das Deutsche Porzellan" ist bis zum 1. Juli verlängert worden.

Millionen- Schäden

werden, so schreibt die Lehranstalt für Obstbau und Landwirt­schaft in Friedberg, jährlich durch Schädlinge und Krankheiten im Obstbau verursacht. Die Obstmade allein ruft einen Scha­den von fast 100 000 Millionen Mark hervor. Einschränkung dieser Ausfälle erscheint im Interesse jedes einzelnen Obst­bauers sowie der Allgemeinheit dringend geboten. Zur Be­kämpfung der Obstbaumschädlinge und Beratung in allen ein­schlägigen Fragen hat deshalb die Regierung an der Lehranstalt für Obstbau und Landwirtschaft zu Friedberg eine Bekämpfungs­und Beratungsstelle für Krankheiten und Schädlinge unserer Obstbäume eingerichtet. Zweck und Aufgabe dieser Einrichtung ist es, alle Obstbauer der Provinz Oberhessen in dieser Hinsicht zu beraten und aufzuklären, Bekämpfungsmittel zu erproben und unbekannte Schädlinge zu bestimmen. Es liegt im Inter­esse aller Obstzüchter, von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen und besonders die Lehranstalt zu benachrichtigen, wo einzelne Schädlinge in größerem Maßstabe auftreten. Jede Auskunft erfolgt kostenlos. Besonders viel zu schaffen machen die Blutlaus und die verschiedenen Blattlausarten. Man wende gegen sie Berührungsgifte an, durch deren Berührung der zarte Körper sozusagen aufgelöst wird. Gegen die Blutlaus z. B. Lanigan, verdünntes Obstbaumfarbolineum usw. Gegen die Blattlaus z. B. Quassiaschmierseifenbrühe, Aphisan u. a. Bekommen wir ein trockeneres Klima?

Man kann oft von älteren Leuten die Behauptung hören, daß das Klima sich im Laufe ihres Lebens beträchtlich verän­dert habe. In ihrer Jugend hätte es doch noch vernünftige Sommer mit viel Sonne und tüchtiger Hitze gegeben und regel­rechte Winter mit monatelanger Kälte und hohem Schnee. Es ist aber anzunehmen, daß diese Behauptung aus dem Optimis­mus der Erinnerung stammt. Wenn man an seine Jugend­zeit zurückdenkt, so pflegt man das Unangenehme zu vergessen und nur das Schöne im Gedächtnis zu behalten. Von einer Klimaänderung in wenigen Dezennien kann keine Rede sein; um eine solche feststellen zu können, muß man schon andere Zeit­maßstäbe anlegen. Ein bekannter Meteorologe, H. Gams, hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlicht, die sich auf das Klima bezogen, wie es in der Zeit von der jüngeren Stein­zeit bis zur sogenannten Hallstattzeit, also etwa 3500 bis 900 v. Chr. geherrscht haben mag. Er hat zu diesem Zwede die Moore der postglazialen Zeit und prähistorische Fundstellen ei­ner gründlichen Durchforschung unterzogen und kommt zu dem Schluße, daß damals bei uns ein wärmeres und trockeneres Klima gewesen sein muß, als heute. Wahrscheinlich muß diese Feststellung aber noch dahin ergänzt werden, daß den heißeren trodeneren Sommerzeiten jener Periode auch längere und käl= tere Winter entsprochen haben. Was die neuere Zeit anbetrifft, so glaubt Gams im Gegensatz zu der allgemein herrschenden Mei­nung eine Tendenz zu trockenerem Klima feststellen zu können auf Grund der Entwicklung der Witterungsverhältnisse in denk letzten zwei Jahrhunderten. Für diese Theorie spricht auch die fortschreitende Austrocknung der Moore bei uns, der Rückgang der Gletscher und das Verschwinden gewisser Pflanzenarten, die ein feuchteres Klima benötigen. Die Befürchtung, daß wir also sozusagen einer Dauerregenzeit entgegengehen, ist demnach un­begründet.

sich einen Vorteil über sie zu verschaffen. Daß aber auch der Rabe, der von der Fabel so stiefmütterlich" behandelte Vogel, in Wirklichkeit unter Umständen ein erstaunliches Maß von Schlauheit und List aufbringen kann, davon wissen aufmerksame Tierbeobachter auch manches Geschichtchen zu erzählen. Eine hübsche Begebenheit, die die Schlauheit des Raben gut beleuch­tet, erlebte vor einiger Zeit ein Gefängniswärter in einer eng­lischen Stadt. Auf seinem einsamen Posten war es ihm ein Vergnügen in den Mußestunden den Hund, der im Hofe an der Kette lag, und die Vögel, die gelegentlich, besonders in der Winterszeit, kamen, um nach Futter zu suchen, zu beobachten. An einem Wintertage nun hatte er dem Hund einen Knochen hingeworfen, den dieser sofort zu beknabbern begann. Kurz darauf bemerkte der Wächter einen Raben, der sich in der Nähe des Hundes niederließ und offenbar großen Appetit hatte, sich an der Beute zu beteiligen. Doch der Hund, dem altruistische Gefühle fern genug sein mochten, zeigte gar keine Neigung, etwas von dem schmackhaften Bissen abzugeben, und wachte eifrig darüber. Es war ein amüsantes Schauspiel, zu sehen, wie der Rabe durch allerhand Kniffe versuchte, die Aufmerksamkeit des Hundes abzulenken, um sich dann des Knochens zu bemächtigen, doch der Hund schien durch trübe frühere Erfahrung gewißigt, und alle Versuche des Raben blieben umsonst. Schließlich flog dieser denn auch unverrichteter Sache davon. Doch wer meinte, er hätte nun sein Spiel aufgegeben, der irrte sich. Es dauerte nämlich gar nicht lange, bis er wiederkam, diesmal noch mit einem zweiten Raben. Und was taten nun die beiden Schlau­meier? Der eine Bogel flog von hinten an den Hund heran und biß ihn recht energisch am Schwanz, eine Frechheit, die natür­lich der Hund sich nicht gefallen lassen konnte: ob einer solchen Kränkung seiner Hundeehre vergaß er selbst seinen Leckerbissen und drehte sich um, um dem Frechling die gebührende Strafe zukommen zu lassen. Diesen Moment benutte nun der andere Rabe um den Knochen zu entführen. Offenbar war dieses ganze Manöver unter ihnen verabredet worden und es ist wohl anzunehmen, daß der Helfershelfer seinen wohlverdienten Lohn in einem entsprechenden Anteil am Knochen erhalten hat. Der Hund aber hatte das Nachsehen, und konnte über die Schlech= tigkeit der Welt trübe Betrachtungen anstellen.