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ANDRESS

Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr.- Für Aufbewahrung oder Rüd­endung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

41. Jahrg.

Politische Tagesschau.

Die Einberujung des Reichstages wird voraussichtlich erst

etwa Mitte November erfolgen. Dieser späte Termin geht zwei­fellos auf einen Wunsch von Zentrumsseite zurück, da das Zen­trum seinen Parteitag zwischen dem 6. und 7. November ab: hält.

Der Generalrat des Weltverbandes der Völkerbundbunds­ligen, dessen Prager Tagung gestern abgeschlossen wurde, wählte als Borsigenden für das nächste Jahr den Vertreter Deutsch­lands, Grafen Bernstorff, zum Präsidenten.

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Die umfangreichen Vorbereitungen der staatlichen, mili: tärischen und städtischen Behörden für den Empfang des deut­fehen Luftschiffes ,, Graf Zeppelin" im Luftschiffhafen von Lake­hurst find so gut wie beendet. Los Angeles" wird anfangs der nächsten Woche nach dem Luftschiffhafen Sankt Antonio fliegen und so dem deutschen Gast Plaz machen.

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Der in Wien verhaftete Kaufmann Bela Groß, der in der Wiener Filiale der Kriegsanleiheschieber führend tätig gewesen ift und die Verbindung aufrecht erhielt, wurde verhaftet. Be­reits Freitag vormittag hat der Untersuchungsrichter in Gegen­wart des Staatsanwaltschaftsrates Dr. Berliner ihn eingehend verhört.

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Die Reichspressestelle des Stahlhelms teilt u. a. mit: In der Deffentlichkeit ist die Auffassung verbreitet worden als ob der Stahlhelm bei der Vorbereitung und Durchführung seines Borhabens eine besondere Bindung mit der Deutschnationalen Boltspartei eingegangen sei Diese Annahme ist irrig.

Dankerlaß des Reichspräsidenten.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Bostschedionto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Samstag, den 6. Oftober 1928

Bericht über die wirtschaftliche Lage des deutsch. Handwerks im Monat September 1928.

Vom Reichsverband des deutschen Handwerks wird uns ge­schrieben:

In der wirtschaftlichen Lage des Handwerks ist gegenüber den Vormonaten eine wesentliche Verbesserung nicht einge­treten. Die Gesamtlage des Handwerks war nach wie vor un­einheitlich. Erfreulicherweise hat im allgemeinen trotz der vor­gerüdten Jahreszeit eine fühlbare Verschlechterung nicht Platz gegriffen, wenn auch der Höhepunkt in der Beschäftigung der meisten Handwerksberufe überschritten war. Für einzelne Hand­werkszweige ist allerdings der Beschäftigungsgrad sogar teil­weise besser geworden. Dies gilt vor allem für Berufe, deren Geschäftslage von der Saison abhängig ist und durch den be­vorstehenden Beginn des Winters und das kommende Weih­nachtsgeschäft bereits einen Antrieb erfahren hat. So zeigen sich vor allem in den Bekleidungs- und Nahrungsmittelhand­werken( Schlächter und Müller) verschiedentlich Ansätze zu einer Besserung des Beschäftigungsgrades.

Die außergewöhnlich günstige Witterung während des gan­zen Berichtsmonat trug sehr dazu bei, daß die Beschäftigungs­lage im Baugewerbe im allgemeinen noch gut blieb. Von nach teiligem Einfluß war die ständig zunehmende Geldverknap­pung. Die Beschäftigung der Baunebengewerbe war im allge­meinen besser als die des Bauhauptgewerbes, da die inzwischen im Rohbau fertigen Bauten den Handwerksberufen des Bau­nebengewerbes viel Arbeit gaben.

In ländlichen Bezirken war die Geschäftslage bedeutend ungünstiger als in den Städten. Die Hoffnung, daß durch die gute Ernte die Landwirtschaft in erhöhtem Maße Aufträge er­teilen würde, hat sich bis zum Schluß der Berichtszeit nur in wenigen Fällen erfüllt. Ueberwiegend wird berichtet, daß die Landwirtschaft auch weiterhin starke Zurückhaltung in der Auf­tragserteilung übte. Die trodene Witterung zeitigte hier je nach der Eigenart einzelner Berufe hemmende oder störende

Berlin. Das Büro des Reichspräsidenten gibt folgenden Wirkungen auf den Geschäftsgang. Erlaß des Reichspräsidenten bekannt:

,, Auch in diesem Jahre sind mir zu meinem Geburts­tage aus allen Teilen des Reiches und von vielen Deutschen aus dem Ausland Glückwünsche in großer Zahl zugegangen. Ihre Einzelbeantwortung ist mir leider nicht möglich. Allen, die freundlich meiner gedacht haben spreche ich daher auf diesem Wege meinen herzlichen Dank aus und bitte sie zugleich, die mir bezeigte Zuneigung und Treue dadurch zu bestätigen, daß sie, ein jeder an seiner Stelle, mithelfen, unserem Volke inneren Frieden und Einigkeit zu geben. v. Hindenburg, Reichspräsident."

Dr. Effener über die Amerifafahrt.

Dr. Eckener machte Pressevertretern gegenüber einige Mit­teilungen über die geplante Amerikafahrt des Luftschiffes und hat dafür als frühesten Termin den Mittwoch nächster Woche bezeichnet. Ueber die Fahrtroute erklärte Dr. Eckener, sie sei noch nicht endgültig bestimmt und hänge vom Wetter ab. Am liebsten nehme er die kürzeste Route über Holland, Mitteleng­land, Nordirland und Neufundland. Diese Strede sei aber we­gen der Wetterlage nur selten möglich. Es könne übrigens leicht vorkommen, daß man eine Zeit lang nichts vom Luft­Schiff höre. Das liege dann an atmosphärischen Störungen.

Borbereitung für die Räumung der 2. Zone?

Wie aus Diedenhofen gemeldet wird, hat die französische Militärverwaltung den Gemeindebehörden mitgeteilt, daß be­schlossen worden sei, die Garnison in Diegenhofen demnächst durch ein neues Artillerieregiment zu verstärken. Dieses Regi­ment wird voraussichtlich den Truppenteilen entnommen werden, bie die zweite Rheinlandzone räumen werden.

Außenpolitif und Wirtschaftspartei.

Der Reichsausschuß der Reichspartei des Deutschen Mittel­Standes( Wirtschaftspartei) trat in Gemeinschaft mit den Ab­geordneten des Reiches und der Länder im Preußischen Landtag zu einer Tagung vom 5. bis 7. Oftober in Berlin zusammen. Nach einleitenden Referaten der Reichstagsabgeordneten Dre­wig und Professor Dr. Bredt wurde die nachstehende Entschlie= Bung angenommen:

,, Die Reichspartei des Deutschen Mittelstandes steht grundsätzlich auf dem Boden einer Verständigungspolitik auf nationaler Grundlage, erachtet es aber für notwendig, daß gerade mit Rücksicht auf solche Ziele eine größere Zu­rückhaltung in der auswärtigen Politik beachtet wird. Die Partei hat niemals die großen Erwartungen auf Rüd­wirkungen von Locarno geteilt.. Sie hat deshalb auch den Eintritt in den Völkerbund als verfrüht angesehen und seinerzeit abgelehnt. Die Partei erklärt die Daweslaften in ihrer heutigen Höhe als untragbar und verlangt in er­ster Linie eine baldige, endgültige und annehmbare Lö­sung der gesamten Reparationsfrage."

Die Zahlungsfähigkeit und auch Zahlungswilligkeit der Kunden des Handwerks hat sich in der Berichtszeit bedauer­licherweise nicht verbessert. Nach wie vor wird aus fast allen Gewerben über den schlechten Geldeingang und das ständige An­wachsen der Außenstände geklagt. Besonders schädigend wirkte sich die Erhöhung der Pfändungsgrenze im Handwerk aus. Unerfreulicherweise zeigten auch die Preise für Rohstoffe und Materialien vielfach steigende Tendenz, ohne daß es dem Hand­werk bei der starken Konkurrenz möglich war, seine Preise der Steigerung der Gestehungskosten entsprechend zu erhöhen. Le= diglich die Preise für Mehl haben sich gesenkt und zum Teil auch eine gleiche Senkung für Bäckereiprodukte hervorgerufen. Die Beschaffung der erforderlichen Hilfsstoffe stieß nirgends auf Schwierigkeiten.

Eine Entlastung des handwerkerlichen Arbeitsmarktes trat in der Berichtszeit nicht ein. Eine neue Lohnbewegung hat zum Teil auch wieder eingesetzt. In einigen Baunebengewerben, wie beispielsweise den Maurern, Zimmerern, Glasern, Malern, Pflasterern, Tischlern etc. ist bereits eine Erhöhung der Löhne eingetreten. Es ist zu befürchten, daß durch die Lohnerhöhung eine weitere Erschwerung der Lage des Handwerks eintreten wird, da die Absatzmöglichkeiten hierdurch verringert werden.

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Nummer 79

..Femeprozesse.

,, Wahrheit und Recht sind die Grundlagen auch eines republikanischen Staatswesens", mit dieser bitteren Mahnung schließt der bekannte Verteidiger Rechts­anwalt Dr. Luetgebrune seine ausgezeichnete Streitschrift gegen die Femelüge

Wahrheit und Recht diesen Zielen gilt zu= nächst der Kampf gegen die Femelüge, der Kampf um die Freiheit der Fememörder".

Die Wahrheit, es ist schwer, sie in kurzen Zügen vollständig darzulegen; zuviele einzelne Lügen müßten wider­legt werden. Doch fällt das Lügengebäude schon mit einigen Grundpfeilern. An sie soll die Art gelegt werden.

Die Schwarze Reichswehr": Es steht heute fest, daß die Arbeitskommandos"( richtiger Erfassungsabteilun­gen") von der Reichsregierung in Umgehung des Versailler Diktats geschaffene, der Reichswehr unterstellte Truppenteile waren. Wir dürfen uns für diese Feststellung auf den ehe­maligen Reichskanzler Dr. Josef Wirth berufen, der in seiner Reichstagsrede vom 16. 12. 1926 ausführte:

,, Wir spürten den Druck Frankreichs am Rhein, wir sahen die separatistischen Bewegungen wachsen-- Wir spür ten den wachsenden Druck an unserer Ostgrenze, wir spür­ten und sahen in der Entwicklung, daß nicht irgendeine Bande, Herr Kollege Scheidemann! daß nicht irgend= eine kleine Gruppe in Oberschlesien einem Schiedsspruch des Völkerbundes zuvorkommen wollte, sondern wir spürten, daß es offizielle polnische Kräfte waren. In dieser Stunde der Entwicklung hat die damalige Reichsregierung und

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ich persönlich hatte die Verantwortung in Händen und hat auch Herr Reichspräsident Ebert das getan, was zur Sicherung der Ostgrenze nötig war. Wir wußten, was da­mals auf dem Spiele stand. In dieser Not des Reiches haben wir damals an der Ostgrenze zur Abwehr die Vor­bereitungen getroffen, die zu treffen unsere vaterländische Pflicht gewesen ist. Wir haben die Abwehr organisiert und haben einen Grenzschutz aufgezogen, der feiner Partei Werk

war

Wir haben dieser Darstellung nur hinzuzufügen, daß die Maßnahmen der Reichsregierung zwar die Fesseln von Ver­sailles umgingen, aber durch völkerrechtlichen Not­st and durchaus gerechtfertigt waren: man weiß, wie Polen in den Fällen Oberschlesien und Wilna gehandelt hat( und offen­sichtlich gegen Rumpf- Litauen und Ostpreußen handeln will).

und man weiß, daß der Völkerbund Polens Rechtsbrüche sanktioniert, solange Polens und Frankreichs Bajonette zusam­menstehen. Wir haben also abgesehen davon, daß die Ver­räter schon längst ihr Werk getan haben feinen Grund, mit Rücksicht auf das Ausland zu schweigen. Briand traut uns

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ja doch jede militärische Leistung zu, solange wir 20 Millionen Menschen mehr haben, als Frankreich! Daß die Reichs= wehrdienst stellen im Gegensatz zu dem politisch ver­antwortlichen Dr. Wirth die Schwarze Reichswehr" fonse= quent verleugnen, können wir nur( wir setzen damit zunächst die anständigsten Motive voraus) damit begreifen, daß sie weitere Schädigungen der ständig bedrohten Rumpf- Wehrmacht befürch ten. Immerhin hat Dr. Geßler von dem ,, vorsichtig auf= gebauten Verteidigungssystem des Ostens" gesprochen, das den Einfall der Haller- Armee aufhalten sollte.

Für die Verlogenheit der Femeheze sei ein Bei­spiel statt vieler angeführt, das dadurch ausgezeichnet ist, daß nicht nur die linksparteiliche Journaille die wir später kurz fennzeichnen werden sondern auch eine neupreußische ,, Be­hörde" beteiligt ist. Die illustrierte Presse brachte seinerzeit eine als Geheimsizung eines Femegerichts bezeichnete Photo­graphie mit der Bemerkung, daß diese aus dem Berliner Po­lizeipräsidium stamme, das sie beschlagnahmt hätte. Das Bild stellt eine Anzahl Männer in Ku Klux Klan Uniform an einem Hakenkreuzaltar dar: für so idiotisch dumm durfte die fragliche Presse und zwar anscheinend mit Recht ihre Leser halten! Das Tollste aber ist, daß dieses Bild im Berliner Polizeipräsidium gestellt und von dort der Presse übergeben wurde. Wenn diese Fest­stellung im ganzen Umfange zutrifft, und eine Widerlegung ist bisher nicht bekannt geworden, muß man doch sagen, daß diese ,, Behörde" sich von anderen politischen Fälscherkreisen die Namen, mit Förster Mertens beginnend, liegen auf der Zunge doch nur dadurch unterscheidet, daß jene aus dem Reptilienfonds des Quai d'Orsay, diese Behörde" aber von den Steuern der preußischen Staatsbürger bezahlt wird.

Schließlich muß die Wahrheit an den Tag in der Wür= digung der konkreten Tatbestände der einzelnen Femeprozesse, besonders im Falle des Oberleutnants Schulz. Wir wollen hier dem eingeleiteten Wiederaufnahme­

preiswert Derfahren nicht vorgreifen und nur darauf hinweisen, daß den

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urteilenden Berufsrichtern offensichtlich die ausreichende Kennt­nis der schwierigen militärischen Fragen mangelte und daß vor allem die Laienrichter( Geschworenen) zweifellos unter dem Eindruck der mit großen( wie wir sahen, auch staatlichen!) Mit­teln aufgezogenen Femeheze standen, der(- aus Mangel an Geld, wie immer, wenn es sich um nationale Dinge handelt!-) nicht rechtzeitig die nötige Aufklärung entgegengesetzt werden fonnte.

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