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Gießener Zeitung

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Sonnabend, den 14. Mai 1927

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreise: die 30mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg. lotal 12 Pig., die 90mm breite Reflame Petitzeile 96 Pfg. Play porschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Rabatt. für Bollklischee- Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.

Nummer 20

tigten unterzeichnet sein, falls er von einer nicht bereits| halboffizielle amerikanische Erklärung, daß England

nahezu gedeckt. im Landtag vertretenen Partei ausgeht. Außerdem

Darmstdat, 11. Mai. Die heutige Sihung des Hessischen Landtages erhielt ihre besondere Bedeutung durch die Rede des Finanzministers zu dem Voranschlag für 1927. Der Finanz­minifter erklärte, daß für den Fehlbetrag von 7,5 Millionen Mart 2 Millionen Mart aus den Ueberschüssen früherer Jahre und 5 Millionen Mart von der erwarteten Reichshilfe als Dedung in Aussicht ständen. Seit Aufstellung des Etats habe fich manches geändert. Der neue Finanzausgleich bringe ein Mehr von 990 000 Mart,

die Erhöhung der Miete ein Mehr an Sondergebäudesteuern von nahezu 5 Millionen Mart. Insgesamt stehen den Mehreinnahmen von 6590 000 Mart Mehrausgaben in Höhe von 6340 000 Marf gegenüber( hiervon allein 5,6 Millionen Mark für Mehrlasten infolge der erhöhten Sondergebäudesteuer und 0,74 Millionen Mark Mehrbewilligun gen des Finanzausgleiches). Da sich aus dieser Gegenüber­stellung ein Mehr von% Million Mark ergibt, bleiben nach dem Voranschlag

nur noch Million Mark zu deden.

Der Minister hofft aber, daß von den Mehrbewilligungen des Ausschusses 400 000 Mart, die sachlich und finanzpolitisch nicht gerechtfertigt seien, nicht genehmigt würden, so daß also der Fehlbetrag gänzlich gededt wird. Der Minister wendet sich insbesondere gegen die Bewilligungen des Ausschusses und er­klärt, daß den Einsparungen des Landtages im Vorjahre, die insgesamt 2 Millionen Mark ausmachten nunmehr ein Mehr­faches an Mehrausgaben gegenübersteht. Die Differenz der laufenden Einnahmen und Ausgaben beträgt zurzeit 6-7 Mil­Itonen Mart. Ein Ausgleich sei bei Hebung der wirtschaft­lichen Lage und Stärkung der Steuerkraft des Landes zu er= warten. Dod) drohe die kommende Besoldungsreform

diese Aussichten zunichte zu machen und darüber hinaus den Fehlbetrag zu verdoppeln. Zu der wiederholt geforderten Sen fung der Realsteuern bemerkt der Minister, daß diese auf Grund der Mehrüberweisungen des Reiches nicht erzwungen werden. tönnte. Zur Frage des Einheitsstaates wiederholte der Mi­nister den im Vorjahre bereits bekanntgegebenen Standpunkt, daß die Aufgabe der hessischen Selbständigkeit der Aufgabe so­zialer und kultureller Einrichtungen vorzuziehen sei.

Werde Hessen hinter den fulturellen und sozialen Stand der Nachbargebiete zurückgedrängt, so ent­stehe von selbst die Frage der politischen Neu­ordnung.

Die Fortsetzung der Generaldebote. Abg. Lug( Soz.) wen­det sich stark polemijierend gegen das Vorgehen der Oppositions parteien. Es sei jetzt an den Amtsstellen, zu sparen. Abg. Blank( 3tr.) erklärt, daß Hessen für die landwirtschaftliche Siedlung mehr tun müsse. Redner fordert Förderung des Wein­baues, dessen Eristenzbedingungen durch die Handelsverträge außerordentlich eingeengt seien, Herabsehung der Zinssäge sei der Weg dazu. Abg. Glaser( BB.) erklärt, daß die Senkung der Realsteuern eine Verpflichtung sei, der sich Hessen nicht ent­ziehen könne. Der Drud der Steuern mache den hessischen Land­wirten eine Existenz unmöglich. Die Anträge des Bauern= bundes, die seit Jahren auf eine wirksame Sparpolitit hin zielten, seien immer wieder abgelehnt worden.

Preußen und Waldeck.

Anfang dieses Monats fand im preußischen Innenministe= rium eine Besprechung über die zukünftige staatsrechtliche Ge­Haltung Waldecks statt, bei der preußischerseits das Staats­ministerium, das Innen-, Finanz-, Kultus und Landwirt­schaftsministerium vertreten waren, während aus Waldeck der Landesdirektor mit zwei Dezernenten sowie die Mitglieder des Landes und Verfassungsausschusses erschienen waren. Nach eingehender Aussprache, in der besonders auch die Wünsche Wal­decks für den Fall eines späteren Anschlusses besprochen wur­den, erklärte der Sitzungsleiter, Ministerialdirektor Dr. Badt. daß Preußen bereit sein würde, mit Walded einen neuen lose­ren Staatsvertrag auf die Dauer von eins bis zwei Jahren ab­zuschließen, in dem auch die näheren Bedingungen für den spä teren Anschluß an Preußen festgelegt werden müßten. Voraus jetzung sei jedoch, daß gleichzeitig in diesem Vertrag festgelegt würde, daß nach Ablauf des Vertrages Walded bereit sei, sich an Preußen anzuschließen. Nachdem namens der waldedischen Vertretung Landtagspräsident Waldschmidt diese lettere Be­dingung als Novum bezeichnet hatte, über das eine Erklärung nicht abgegeben werden könne, einigte man sich dahin, daß zu= nächst diese Vorfrage durch Fühlungnahme mit dem waldeck­ischen Volk und den Parteien geklärt werden soll. Die erforder= -lichen Schritte hierfür sind bereits eingeleitet.

Interessantes aus Mecklenburg.

Auf Veranlassung der Demokraten haben alle Parteien des Mecklenburger Landtages einen Initia tingesetz- Entwurf eingebracht, der sich gegen die Spatt terparteien richtet. Denn nach diesem Antrag muß jeder Wahlvorschlag von mindestens 3000 Wahlbered

sind für jeden derartigen Wahlvorschlag 3000 Mart als Kaution bei dem Wahlleiter zu hinterlegen, die der Staatskasse verfallen, wenn auf die Liste kein Man dat entfällt. Die bisher vorhandenen Parteien brau chen für ihren Wahlvorschlag jedoch nur 20 Unter schriften.

Der Gesetzentwurf wurde natürlich einstimmig an­genommen. Auch in Sachsen galten bereits bei der letzten Wahl obige Bestimmungen.

Die Reichswohnungszählung vom 16. Mai 1927.

Am 16. Mai 1927 findet im Deutschen Reiche( ohne Saar­gebiet) eine umfassende Wohnungszählung statt, die zweite ihrer Art. Die Ergebnisse der ersten Reichswohnungszählung Dom Mai 1918 fönnen für die Neuregelung der Wohnungswirts schaft und für die Aufstellung eines Bauprogramms nicht mehr zugrunde gelegt werden, da erst die Folgezeit die starken Ver­änderungen auf dem Gebiete des Wohnungswesens gebracht hat, die heute so dringend nach Abhilfe verlangen.

Die Zählung erstreckt sich grundsätzlich jedoch unter Zu­lassung von Ausnahmen auf die Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern; die gleichzeitige Feststellung der Wohnungs­suchenden findet in sämtlichen Gemeinden statt.

Die große Bedeutung der Reichswohnungszählung braucht nicht weiter erläutert zu werden. Wer die gestellten Fragen der Wahrheit gemäß beantwortet, erfüllt nicht nur eine selbst­verständliche staatsbürgerliche Pflicht, sondern handelt auch in seinem eigenen wohlverstandenen Interesse. Das Zählungswerk kann nur dann ein wahres Bild von den deutschen Wohnungs­verhältnissen und neue Grundlagen für die Wohnungspolitit bringen, wenn jeder einzelne Auskunftspflichtige die Zählpapiere sergfältig und gewissenhaft ausfüllt.

Wochenrückblick.

Aus China kommen in den letzten Tagen spär­liche Meldungen. So weit steht aber fest, daß die Chinesen mit ihrer Einigkeit gegen das Ausland( trotz inneren Bürgerkrieges) einen Erfolg errungen haben, da die Staaten, die Truppen gelandet haben, im Be­griffe stehen, sie wieder zurückzuziehen. Die Taktik der Chinesen hat es fertiggebracht, daß die wegen der Vor­jälle in Nanting angesagten Sanktionen nicht statt­finden. Das wichtigste Ereignis der letzten Woche dürfte die Weltwirtschaftskonferenz sein. Alle großen und mittelgroßen Staaten sind vertreten. Als ein gutes Zeichen wurde die Erklärung der Russen betrach tet, daß Kommunismus und Kapital zusammenarbeiten müßten. Der größte Kapitalgegner Rußland bequemt sich anscheinend, um den Anschluß nicht zu verlieren, zu einer neuen Politit in handelspolitischer und wirtschaft: licher Hinsicht. Der führendste deutsche Vertreter bei der Konferenz ist der Präsident des Reichswirtschafts­rates, Herr von Siemens, der einen Stab trefflicher Mitarbeiter um sich hat. Unsere Delegierten haben schon verschiedentlich in die Unterhandlungen bedeu­tungsvoll eingegriffen. Zwischen England und Ame­rifa stiegen wieder einmal schwarze Wolken auf. Eine

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als Gläubiger mehr erhalte, als es an seinen Gläubi­ger Amerika weiter zahle, hat in England lebhafte Er­regung hervorgerufen. Man schreitet nun wieder zum beliebten Noten- Krieg, wobei man in die Noten nicht gerade höfliche Komplimente schreibt. Die deutsche Regierung hat in der Besagungsfrage wieder energische Schritte unternommen, die ihr das besetzte Gebiet zu danken weiß. Hoffentlich sind die berechtigten Forde rungen von Erfolg gekrönt. Mit Spannung sah man auf den Verlauf des Stahlhelmtages in Berlin, der 110 000 Stahlheimer versammelt haben soll. Infolge guter Organisation seitens der Berliner Polizei, sowie musterhafte Disziplin, ist er ohne nennenswerte Zwi­schenfälle verlaufen. Lächerlich allerdings ist eine Rechnung der Zentrumspresse, die den Stahlhelmern vorrechnet, was man mit dem an dem betr. Sonntag verbrauchten Gelde für wohltätige Zwede hätte tun tönnen. Man mag zu solchen Massenversammlungen stehen wie man will, sie werden nicht zu umgehen sein. Wie anders könnte man de mit den Rompilgerzügen im vorletzten Jahre eine Gegenrechnung aufmachen! Der Reichstag trat am Dienstag zu einer neuen Sitzungsperiode zusammen. Gewisse Schwierigkeiten brachte die Einführung der 24- Stunden- Uhr am 15 Mai in Deutschland. Jm gewöhnlichen Leben wird die 12- Stundenzeit zweifellos weiter bestehen bleiben, doch sollte die Unzahl der ärgerlich Widerstrebenden in Deutschland auch die Vorzüge der 24- Stunden- Uhr im öffentlichen Leben anerkennen. Der hessische Land­tag hat sich ebenfalls zu einer Sitzungsperiode zusam­mengefunden.

Bom Leben und Sterben des Bolkes. Eine Denkschrift über die Volksgesundheit 1925. Stillstand des Geburtenrüdganges.- Starke Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit.

Dem Reichstag ist eine Denkschrift über die gesund­heitlichen Verhältnisse des deutschen Voltes im Jahre 1925 zugegangen. Die Dents.hrift stellt fest, daß gegen­über 1924 im allgemeinen eine Besserung der Verhält nisse nicht zu verkennen ist. Die schlechte wirtschaftliche Lage ist zunächst ohne schwerere Rüdwirkungen auf den Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung geblieben. Die Zahl der Lebendgeborenen hat eine geringe Zu­❘nahme aufzuweisen, sodaß bereits von einem gewissen Stillstand des Geburtenrüdganges gesprochen werden kann. Die Zahl der Lebendgeborenen auf je 1000 der mittleren Bevölkerung betrug 20,6 gegenüber 20,5 im Jahre 1924. Nach dem Verhalten der großstädtischen Geburtenziffern im Jahre 1926 erscheint es jedoch frag lich, ob der Stillstand des Geburtenrüdganges von langer Dauer ist, da die großstädtische Lebendgeburten­ziffer für die drei ersten Vierteljahre 1926 15,6 gegen über 16,3 in der gleichen Zeit des Vorjahres betrug. Auch ein weiterer Rüdgang der Sterblichkeit im allge­meinen wie der Säuglingssterblichkeit im besonderen ist eingetreten. Die Sterblichkeit im Deutschen Reiche betrug im Jahre 1925 auf je 1000 der mittleren Be­völkerung 11,9. Damit ist die deutsche Sterblichkeits­ziffer bereits nahe an das derzeitige Sterblichkeits­minimum in Europa und in der Welt herangekommen. Nur die Säuglingssterblichkeit war in Deutschland noch immer wesentlich größer als in den Ländern mit der geringsten Sterblichkeit in Europa, die Niederlande und Dänemark.

Ein noch günstigeres Bild als bei der gesamten Reichsbevölkerung weisen die Sterblichkeitsverhältnisse bei der städtischen Bevölkerung auf. Hier zeigt sich die überraschende Erscheinung, daß trotz des anhaltenden Wohnungsmangels die Tuberkulosesterblichkeit von 1923 bis 1925 eine so intensive Abnahme erfahren hat, wie sie bisher während so kurzer Frist noch niemals be­obachtet worden ist, nämlich um 34 Prozent. Die Zahl der Sterbefälle an Tuberkulose auf je 10 000 der mitt­leren Bevölkerung betrug im Jahre 1925 nur noch 10,8. Die Gesamtsterbeziffer des Jahres 1925 war um 42,5 geringer als die entsprechende Ziffer für das Jahr 1901. Von häufigem Auftreten übertragbarer Krank­heiten ist das deutsche Volk, abgesehen von kleinen Epi­demien, wie sie in jedem Jahre beobachtet werden, ver­schont geblieben. Auch die sonstigen Krankheiten las­sen einen weiteren erfreulichen Rückgang erkennen. Be­sonders stark ist die Abnahme der Syphilis, Neuerkran­fungen sind selten geworden. Nur aus ländlichen Ver­hältnissen wird mancherorts eine Zunahme der Er­frankungen gemeldet.

Ein besonders trauriges Kapitel bleibt nach wie por die Abtreibung, die dem Vorjahre gegenüber eher zu als abzunehmen scheine. Hinsichtlich des Ernäh­

tungszustandes ergibt sich im allgemeinen ein günſtige­