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Giessener Zeitung

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( Giessener Cageblatt)

Amts- u. Vereinsnachrichten

Bezugspreis:

60 Goldpfennig monatlich fret Haus, bei obligatorisch. Bezug durch Vereine 30 Goldpf. Telephon Nr. 1362.

38. Jahrg.

Expedition: Sfidanlage 21.

Redaktion, Druck und Verlag:

Albin Klein in Gießen. Verlagsbruckerei, vorm. Keller, gegr. 1783.

Anzeigenpreise:

30 mm brette Petitzeile, Auswärts 30 Goldpfg.

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Dienstag, den 12. Mat 1925.

Wirtschaftliche Rundschau

( Zusammenfassende Uebersicht über die deutsche Wirtschaftslage.) ( Nachdruck verboten.)

Allgemeine Lage. Nach den heute vorliegenden Berichten hat sich die Lage der deutschen Wirtschaft im allgemeinen wenig verändert. Der Ausgang der Präsidentenwahl hat gezeigt, daß die Befürchtung ungünstiger wirtschaftlicher Rückwirkungen doch unbegründet war. Das hervorstechendste Merkmal der Lage bleibt das Moment der Unsicherheit. Die Mißstände im Zah­lungswesen konnten nicht behoben werden. Die Kreditnot ist in der letzten Zeit durch erhöhte Zurückhaltung der Banken hier und dort fast verschärft worden.

Staatswirtschaft. Die Einnahmen und Ausgaben der Reichshauptkasse wiesen auch im April wieder einen 30prozen­tigen Ueberschuß der Einnahmen gegenüber den Ausgaben auf. bei dieser günstigen Finanzlage des Reiches muß jedoch berück­sichtigt werden, daß die schwerste Belastung, die Reparations­aufgabe, nicht in den ordentlichen Reichsausgaben aufgeführt ist.

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Geldmarkt. Am 5. Juni sind alle Billionenscheine zu 5, 10, 20, 50, 100 Billionen, ferner alle Milliardenscheine ungültig, außerdem kommen alle 50- Rentenmarkscheine außer Kurs. Unmittelbar nach der Präsidentenwahl trat zwar an den deut­schen Börsen ein vorübergehender Kursrückschlag ein, der aber schon am nächsten Tage wieder behoben war.

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Handel, Gewerbe, Industrie. Der deutsche Export liegt immer noch sehr darnieder. Kleine Ansätze der Besserung wer­den anderwärts durch neuen Rückgang wieder aufgehoben. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, reichen die eingehenden Aufträge jeweils nur auf kurze Zeiträume. Auf dem Außen­handel lastet immer noch die Ungewißheit über den endgültigen Inhalt der Handelsverträge. Die Wareneinfuhr im März zeigt gegenüber dem Vormonat eine Abnahme von 34 Mill. Mark, während die reine Warenausfuhr gleichzeitig eine Zu­nahme von 79 Mill. Mark aufweist. Jm April wurden 664 Konkurse eröffnet gegen 705 im März und 701 im Februar. Der deutsche Anteil an der Welteisenerzeugung, der im Jahre 1923 23 Prozent betragen hatte, hat 1924 12 Prozent ausge­macht. Der April brachte für die Kalfindustrie kein besonderes Geschäft. Der Geldmangel der Landwirtschaft ist hier bestim­mend gewesen. Die Lage der Pirmasenser Schuhindustrie hat sich fortschreitend gebessert. Der Stromabsatz in Deutschland konnte sich nicht in der Weise entwickeln, wie dies im Ausland geschehen ist. Während im Jahre 1923 auf den Kopf der Be­völkerung in Deutschland ein Verbrauch von 141 KW. fam, be­trug er in Amerika 472, in der Schweiz 700. Deutschland hat gegenwärtig 7000 Zeitungen, Italien 2500, England 5000, Frank­reich 10 000 und die Vereinigten Staaten 30 000.

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Kohlen. Die Absatzmöglichkeiten im Ruhrgebiet werden immer geringer und eine große Krise scheint bevorzustehen. In

Nr. 56.

der Hauptsache sind die Zechen des Rhein- Elbe- Konzerns be­troffen. In den letzten Tagen wurde etwa 6000 Bergarbeitern gekündigt. Auch auf den Halden der Saargruben häufen sich infolge Absatzschwierigkeiten die Berge der aufgestapelten Koh­len. Die deutsche Kohleneinfuhr nach Italien zeigt seit dem Vorjahre eine starke Zunahme.

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Holzmarkt. Ruhe kennzeichnete auch in der jüngsten Zeit den Nadelstammholzmarkt. Die Stimmung am Markte für Nadelschnittholzholz blieb im allgemeinen fest. Die Versuche der Sägewerke, höhere Preise zu erzielen, hatten in den meisten Fällen keinen Erfolg.

Warenmarkt. Der Verband deutscher Papierfabrikanten hat die Papierpreise vom 1. Mai an um 0,50 auf 33,50M für 100 Kg. heraufgesetzt. Der Verein deutscher Eisengießereien hat die Preise vom 1. Mai an für Maschinenguß um 3 Prozent und für Bau- und Handelsguß um 5 Prozent erhöht. Die Gerüchte über eine bevorstehende Preisermäßigung für Brikets im ost­elbischen Braunkohlensyndikat werden als unbegründet bezeich= net. Statt einer Preisermäßigung wird voraussichtlich am 1. August eine Erhöhung der Preise einsetzen.

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Ausstellungen und Messen. Anläßlich der Eröffnung der neuen Rheinhafen- Anlagen wird vom 1. Juli bis 19. Septem­ber eine Internationale Ausstellung für Binnenschiffahrt und Wasserkraftnutzung in Basel stattfinden. Die Leipziger Mustermesse wird vom 30. August bis 5. September, die Textil­messe vom 30. August bis 3. September und die Technische Messe vom 30. August bis 9. September abgehalten.

Landwirtschaft. Nach den heutigen Berichten ist der Stand der Wintersaaten nach wie vor günstig zu beurteilen. Die Sommersaaten berechtigen gleichfalls zu guten Hoffnungen. Klee und Wiesen haben kräftig angesetzt und brauchen warme Witte­rung.

Produktenmarkt. Die Stimmung an den deutschen Märkten war fest, was insbesondere für Weizen gilt. Das Geschäft war zum Teil recht lebhaft.

Verkehr. Die Ergebnisse des Postscheckverkehrs im Vorjahre werden als sehr günstig bezeichnet. Die Zahl der Postscheckkunden ist im Laufe des Jahres von 626 103 auf 808798 gestiegen. Der gesamte Umsatz hat 407,5 mill. Buchungen über 78 501 Mill. M betragen.

Bichmarkt. Die Lage auf den Schlachtviehmärkten ist im großen und ganzen unverändert.

Arbeitsmarkt. Die heutigen Berichte lassen einen größeren Rückgang der Erwerbslosenziffer für ganz Deutschland erkennen. Lohnfragen. Größte Aufmerksamkeit verdient gegenwärtig die starke Lohnwelle, die nun schon seit Wochen fast alle deut­schen Industriezweige durchläuft und sich zu einer Gefahr, wenn nicht für die Währung, so doch für die Produktion auszuwachsen droht.

Ausland. Seit Anfang dieses Jahres ist es der französischen Industrie gelungen, mehr Waren nach Rußland zu verkaufen.