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Staatssekretär Dr. August Müller

über die Wohnungszwangswirtschaft.

Der ehemalige Staatssekretär Dr. August Müller veröffent­licht im 8- Uhr- Abendblatt" vom 8. September 1923 seine Stellungnahme zur Wohnungszwangswirtschaft, die wir aus­zugsweise wiedergeben. Er schreibt wörtlich:

,, Die heutige Wohnungszwangswirtschaft ist unvereinbar mit dem Streben nach Sanierung des Staatshaushalts, Schaffung einer aktiven Wirtschaftsbilanz und Herbeiführung gesunder Wer den Mietern wohl will, Währungsverhältnisse. muß daher wünschen, daß das Verständnis hierfür erweckt und rechtzeitig eine Form des Abbaues der Wohnungszwangswirt­schaft gefunden wird, die uns davor bewahrt, daß zu all den Schwierigkeiten, vor denen wir stehen, auch noch eine Woh= nungskrise in einem ganz anderen Sinne, wie sie jetzt besteht, hinzutritt.

In den Schätzungen des Voltsvermögens der Vorkriegszeit wurde der Wert. des städtischen Geländes auf 50-60 Milliarden Goldmark geschätzt. Dazu tritt noch der Wert der Häuser, der Dieser Teil unseres nicht geringer ist als der des Bodens. Volksvermögens liegt noch heute brach. Der Staat bezieht aus ihm keine Steuern, weil die Hausbesitzer durch die Zwangs­mieten unfähig zur Steuerzahlung gemacht worden sind. Der Wert dieses Teiles unseres Volksvermögens geht ständig zurück, weil infolge der geringen Mieten keine Reparaturen vorge­nommen werden können und die Häuser daher allmählich ver= fallen. Nicht genug damit: Seit Jahren werden öffentliche Mittel aufgewandt, um den Häuserbau zu fördern, was nichts anderes bedeutet, als die Uebernahme einer Funktion, die früher der private Hausbesiz erfüllte, auf den Staat. Wie denkt man fich wohl die Sanierung des Staatshaushalts und der Volks­wirtschaft bei Fortdauer dieses Zustandes?

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Die Mieterschutzgesetzgebung hat zuerst die Hypothekengläu­biger ruiniert, deren in Goldmark gegebene Darlehen in ent= werteter Papiermark von den Hausbesitzern zurückbezahlt wurden. Sie hat aber bisher die Hausbesitzer dieses Vorteils nicht froh werden lassen, weil auch deren gerechtfertigte Ansprüche aus dem Mietertrag nicht gedeckt werden konnten. Der größte Teil der Mieter in alten Miethäusern wohnt nahezu umsonst, und natür­lich entstehen aus dieser Tatsache starke direkte und indirekte Belastungen des Reiches. Immerhin darf nicht außer Acht gelassen werden, daß von einer Seite her immer stärker auch ein Die Angehörigen der Angebot an Wohnräumen erfolgt ist. Mittelschichten, deren Existenzgrundlage so erbármungslos durch die Entwicklung der letzten Jahre zerstört worden ist, hatten früher Neigung zu einem gewissen Wohnungskomfort. legte sich lieber Entbehrungen anderer Art auf, um dadurch die Diese Mittel für eine anständige Wohnung zu erübrigen. Schichten haben von allen Bevölkerungsklassen am häufigsten Gelegenheit gehabt, die Schönheiten unserer Wohnungsgesetz­gebung kennen zu lernen, die bekanntlich eine etwas merkwürdige Illustration zum Artikel 115 der Reichsverfassung bildet, in dem geschrieben steht: Die Wohnung jedes Deutschen ist für ihn eine Freistätte und unverleglich. Später lernten diese Schichten aber gewisse Vorteile aus ihrer Situation ziehen, weil der Wohn­raum zu einem begehrten Gut wurde und die Zerstörung ihrer Existenzgrundlage neue Einkommensquellen erforderlich machte. Der Mittelstand lebt heute zum guten Teil vom Vermieten von Zimmern. Umgekehrt vollzog sich die Entwicklung bei den Arbeitern. Sieht man ab von dem allerschlechtest gestellten Teil der Arbeiterschaft, so haben diese durchweg in der Kriegs- und Nachkriegszeit ihre Wohnverhältnisse ganz außerordentlich ver­bessert. Es ist ein öffentlicher Standal, daß die Wohnungsbau­behörden allerhand Kriegsgewinnlern gestatten, durch die Er­richtung unzeitgemäßer Wohnluxusgebäude, wie man sie in reichlicher Fülle in den westlichen Vororten Berlins sehen kann, den Staat um einen Teil der Steuern zu bringen, die ihm ge= bührten. Mit den Summen, die hier verbaut wurden, um eine verhältnismäßig kleine Zahl von Luruswohnungen zu errichten, hätte man viele Tausende von Wohnungen für kleine Leute her­stellen können, wenn man die Wohnungsansprüche so bescheiden gehalten hätte, wie es unserer Verarmung entspricht.

Es ist

aber natürlich auch ganz unmöglich, die Voraussetzungen aufrecht zu erhalten, die es den Arbeitern ermöglichten, ihren Wohn­raum ganz erheblich zu vermehren. Die Erscheinung ist nämlich nur darauf zurückzuführen, daß die Miete einen ganz lächerlich geringen Bestandteil des Arbeitseinkommens ausmacht.

Literarisches.

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