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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 6, mk. monatlich vierteljährlich 18,- Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig. ausgabestellen vierteljährlich 15,- Mr. Erscheint Redaktionsschluß Dienstag, Donnerstag u. Samstag. früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdsen­dung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Druck der Gießener Verlagsdruckerci, Albin Klein.

Jr. 32.

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Telephon Nr. 1362.

Die Pfalz und Bayern.

Aus der Pfaiz wird uns geschrieben: Als im November 1918 durch die Revolution die dynastischen Bande gelöst wurden, die 1777 durch den Pfälzischen Aurfu ften Karl Theodor, dem Kur- Boyern durch& bschaft zugefallen war, zwischen Pfalz und Bay ern verknüpft worden war, wurde die Frage akut, ob dte Pfalz auch fürderhin bei Bayern bliebe, von dem sie geographisch bon icher getrennt war, odec ob sie sich mit einem der benachbarten deutschen Bundesstaaten zu sammenschließen solle. Weitblickende Politiker warnten schon damals mit Rücksicht auf die bevorstehende fran zösische Besetzung vor einer Aufrollung der Pfalzfrage. Die Tatsachen haben ihnen recht gegeben. Denn Frant­retch fuchte sofort nach der Besetzung die Pfalzfrage für feine Zwede ouszubeuten und die Pfalz mit Gewalt und mit Versprechungen aus dem Verbande nicht nur Bayerns, sondern auch des Deutschen Reiches loszuret­Ben. Dieser Versuch scheiterte an dem entschlossenen Widerstand aller pfälzischen Voltstreise, die mit uncr­schütterlicher Treue zum Deutschen Reich hielten und die Bestrebungen eines fleinen häufl- ins, mit französischem Geld bezahlter Verräter am 1. 7. 1919 endgültig zum Scheitern brachten. Es bestand die Gefahr, daß die Pfalzfrage wegen des zwischen Bayern und dem Reich & 4 ausgebrochenen Konflikts neu aufgerollt würde. bieße die Bints parteten in ihcer Ehre fiänken, wenn man annehmen wolle, daß fie, die damaligen Verteidiger deutscher Ehre, fie heute in den Schmug ziehen, daß sie ben geschichtlichen Ruhm, mit dem sie sich damals bei der Bekämpfung der sog. freien Pfälzer bedeckt haben, jezt in Schmutz und Schande versinken lassen wollen Aber es muß gesagt werden, daß es ein gefährliches Spiel mit dem Feuer ist, wenn i zt die Pfalzfrage auf­gerollt wird. Die Situation hot sich seit 1919 in der Pfalz nicht im geringsten geändert. Noch ist die fran­zösische Besaßungsbehörde im Lande und wartet auf jede Gelegenheit, um die Pfalz F. ankreich anzugliedern. Auf alle Fälle ist die Wiederaufrollung der Pfalzfrage eine ungeheure Gefahr nicht allein für die Pfalz, son­dern für das ganze besetzte Gebiet. Es handelt sich in der Tat wieder um das Schicksal des besetzten Gebietes und damit um die Einheit und den Bestand des Deutschen Reiches.

Wie die Lage in der Pfalz aufgefaßt wird, zeigt besonders, daß sogar die pfälzischen Abgeordneten der Volkspartet im bayrischen Landtag sich der Abstimmung enthielten und erklärten, eine solche Politik nicht mit­machen zu fönner. Es mögen noch einige charakterist­ische Stimmen der Pfalzpreffe hter folgen: Das Organ der pfälzischen Sozialdemokratie, die Pfälzische Post", weist zunächst darauf hin, daß die Sozialdemokratie wiederholt auf die Gefahr oufmerksam gemacht habe, die der Pfalz durch die Politik der bayrischen Regterung drohe und daß sie sich bemüht habe, die anderen Par­teten auf ihre Seite zu bringen, um die beytische Re gierung im Intereffe der Pfalz zu einer anderen Politit zu bringen. Damals sei übersehen worden, daß nicht die Sozialdemokratie, sondern die Regierung Lerchenfeld eine dem französischen Imperialismus angenehme Po itif trieb, die im Begriffe stehe, it thre Krönung zu erhal­ten. Das Blatt schließt:" Die Machthaber in München müssen erkennen, daß sie auf falschem Wege sind, es muß ihnen durch Kundgebungen auch in der Pfalz zum Bc. wußtsein gebracht werden, daß ihre Politik das Reich in Gefahr bringt und dem französischen Imperialismuß in die Hände arbeitet". Das Organ des Zentrums, die Neue Pfälzische Landeszeitung", schreibt: Wir möchten den dringenden Wunsch aussprechen, daß sowohl in München wie in Berlin alles getan werde, um zu ver­hüten, daß dieser Konflikt auf die Spitze getrieben wird.

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Expedition: Gießen, Südanlage 21.

Samstag, den 12. August 1922.

Wir in der Pfalz können jedenfalls keinen Konflikt zwifchen Bayern und dem Reich brauchen." Der Rheinpfälzer", ein Blatt der Payrischen Volkspartei, betont ausdrück lich, daß die Boyrische Volkspartet der Pfalz keine Se­paration vom Reiche wünsche und feine Feindschaft zum Reich und daß sie nie und nimmer aus dem Reich heraus. wolle und feine Hintergedanken des Verrates deutschen Landes an fremde Mächte und monarchistische Beftre bungen hege. Die der Deutschen Volkspartet der Pfalz nabestehende Pfälzische Rundschau" schreibt:" Gerade auch für unsere Pfalz kann der Konflikt zwischen Bayern und dem Reich schwere Folgen zeitigen. Wir können hier angesichts der Schwere der bevorstehenden Entschei. dungen, deren Tragweite weit über die Grenzen eines berfaffungsrechtlichen Konfliktes hinausgreifen, nur wün­scher, daß man auf beiden Seiten Kaltblut bewahre und sich nicht zu Entschlüssen verleiten läßt, die innere Unruhen hervorrufen fönnten."

* Das erste Jugendtreffen der Deutschen Curnerschaft.

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In Weimar versammelte die Deutsche Turnerschaft in den Tagen vom 4. bis 6. Auguft zum ersten Male die Turnerjugend zu einem Jugendtreffen. Man hatte mit einer Beteiligung von 5000 bis 6000 Jungen und Mädel gerechnet und rund 10 000 trafen in Weimar ein. Aus den Rheinland allein brachte ein Sonderzug ihrer fast 1000 zum Festo t, nnd die übrigen entstammten allen Teilen des Vaterlandes, dem äußersten Ost preußen, der Wasserkante, Schlesien ebenso sehr wie den süblichen Staaten bis zum Bodensee und dem Weften. Dieses Jugendtreffen, das eine so starke Anziehungskraft auszuüben vermochte, war feine turnertsche Veranstal tung herkömmlicher Art. Kein Turnfest, sondern ein Zusammentreffen junger Menschen, die durch das Bewußtsein geeint wurden, daß Jahne Turnfunft ebenso sehr eine geistige Bewegung mit höchsten vaterländi­schen Zielen darstellt, als sie in Verkennung dieses Grund­zuges ihres Wesens vielfach lediglich als ein Mittel zur Pflege der Leib sübungen angesehen wurde. In der heu­tigen Zeit vaterländischer Not, in der die Augen jedes von Vaterlandsliebe erfüllten Menschen mehr denn je auf die Jugend gerichtet sind, erwies die deutsche Turner­jugend sich i ht beim ersten Aufruf nach Weimar als eine sta: fe Zukunfte hoffnung. In allen Veranstaltungen, die die Weimarer Tage füllten und die vom Jugend. wait der Deutschen Turnerschaft, Oberstudien direktor Dr. E. Neuendorff( Mühlheim Ruh:) erdacht waren, be schwington B geisterung und vaterländisches Pflichtbe wußtsein, aber auch das Eikennen der Notwendigkeit, durch Arbeit an sich selbst und am deutschen Volke die Tugenden der nächstenliebe, reiner Gesinnung, Zubec lässigkeit, Einfachheit der Lebensführung usw. zu wecken und zu stärken, die jugendlichen Herzen. Immer wieder fam das zu lebhaftem Ausdruck: im fleinen bei den Fegegnungen der einzelnen Gruppen auf den Straßen, im großen zum ersten Male bei der Begrüßungsfeier, die Samstag Abend auf dem Weimarer Marktplag statt fand. Viele tausend Jungen und Mädel hatten sich ein­gefunden. Etwa 250 Wimpel flatterten über ihren Köp fen. Der Vorsigende der Deutschen Turnerschaft, Prof. Dr. Berger( Aschoffenburg) sprach ernste, bon vater ländischen Sorgen, aber auch von starkem Vertrauen zur Turnerjugend getragene Worte, die stürmischen Wider. ball fanden. Immer wieder brauften Heilrufe aus den Jugendkehlen über den Plaz. Lurch Eilboten fetten wut den von der Wartburg, dem Kyffhäuser, vom Jahnhause in Freyburg und der Leuchtenburg Eichenlaub und Uc funden überbracht, jubelnd begrüßt. In das gemeinsam gesungene Lied Ich hab' mich ergeben" flang der Abend aus. Den Höhepunkt des Jugendtreffens bildete am Sonntag die Wimpelweihe in der von Jungen und

( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite Petitzeile, für Auswärts 6,00 Mr. Die 90 mm breite Reklame 3eile 12,00 Mart. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs. zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Plasvorschriften ohne Verbindlichkeit. Berlag der ,, Gießener Zeitung" in Gieken.

Telephon Nr. 1 162.

35. Jahrg.

wurde auch die Weihe der Wimpel, die sich zur Erde senkter, durch Dr. Neuendorff zu einem unvergeßlichen Augenblick! Der gemeinsame Gesang des Liedes Wir treten zum Beten" beschloß die feterliche Stunde.- In geschlossenem Zuge wurde nun mit wehenden Wimp In zum Goethe Schiller Denkmal marschiert, wo die deutsche Turner jugend, nachdem ein Jugendturner aus ihren Reihen eine Ansprache gehalten hatte, den Dichtern ihre Huldigung darbrachte.- Gleich darauf bewegte der Bug, in dem man jet rund 10 000 Jungen und Mädel zählt, sich durch die Stadt nach dem Schloß Belvedere", in dessen Park sich alles lagerte. Eine Eingangsfeier vertiefte noch einmal die ernsten Empfindungen, die sich in den vorhergehenden Stunden mit immer stärferer Kraft durchgesezt hatten. Ein Jugendturner sprach Ernst Moriz Arndts Worte über das Vaterland, eine Jugend, turnerin Jahns Worte über Friesen, der 2. Voisißende der Deutschen Turnerschaft, Prof. Lachenmeter( Stutt gart) über Geist von Weimar und die Turnerjugend". Dann wurde der Fröhlichkeit Raum gegeben und Unters haltungen aller Art aus den Gebieten von Turnen und Spiel, Musik und Gesang verkürzten die Stunden bis zum gemeinsamen Rüdmarsch zur Stadt, in deren Nähe man sich bei Einbruch der Dunkelheit um ein hoch zum Himmel loderndes Feuer lagerte. Prof. Dr. Bender ( Frankfurt a. M.) htelt eine von glühender Vaterlands. liebe eingegebene Feuerrede. Gemeinsame Lieder schwan. gen sich zum Abendhimmel auf, weitere Reden alter wie jugendlicher Turner entfesselten immer neu aufwal­lende Wogen vaterländischer Begeisterung, die erst ver­ebbten, als das Feuer erlosch.- Von unvergeßlichen Eindrücken erfüllt, zogen die Teilnehmer in die Quar­there.

Ausgedehnte Wanderungen der Jungen und Mädel durch Thüringen schlossen sich an das erste Jugendtref fen der Deutschen Turnerschaft in Weima an. W. F.

Frankreichs Entvölkerung.

Auf das Leiden der Entvölkerung, das seit Jah:- zehnten an dem Marke Frankreichs nagt", werfen folgende 3ahlen, die wir der Deutschen Medizinischen Wochen­schrift" vom 30. Dezember 1921 entnehmen, grelle Schlag­lichter: 1800 Frankreichs Bevölkerungsanteil in Europa 14 b. H., 1900 nur noch 9 v. H. 1871 Frankreich 38 Mil­lionen Einwohner, Deutschland 41. 1913 Frankreich 39,6 Millionen Einwohner, Deutschland 67,8. 1900 noch 30 G.burten auf 1000 Stöpfe, 1914 nur noch 19. 1913 noch 745 000.burten, 1918 nur noch 450 000. 1914-1918 in den 77 unbesezten Departements 1 200 000 Sterbefälle( ohne die im Kriege gefallenen oder an ihren Wunden verstorbenen Heeresangehörigen) mehr als Geburten.

Kirchliche Anzeigen.

Sonntag, den 13. August, 9. n. Trinitatis. Stadtkirche: Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markus­Vormittags 92 Uhr: gemeinde: Pfarrer Becker. Pfacrassistent Becker.

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Johannestiche: Vormittags 8 Uhr, zugleich Chciftenlehre für die Neufonfirmierten aus der Johannes­gemeinde: Pfarrer Ausfeld.- Vormittags 9 Uhr: farrassistent Müller.

Berantwortlich: Albin Alein, Gießen.

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betraten die Wimpelträger und trägerinnen die Kirche und nahmen in der Apsis Aufstellung. Das farben­rauschende Bild der Wimpel, die mit frischem Eichen­grün geschmückt waren, hat sich allen, die es saben, zweifellos unvergeßlich eingeprägt. Dr. Neuendorff faßte in ciner eindrucksvollen Ansprache alles zusammen, was heute deutsche Herzen an Sorgen und Hoffnungen bewegt, und dann ermahnte er die Jugend zu echter Religiosität, zur Selbsterziehung, zur Enthaltsamkeit gegen Nikotin und Alkohol, zur Vertiefung des Gemüts lebens, zu edlem Menschen- und Brudertum. Jeden az, den der R.dner sprach, durchklang ein unerschütterlicher Glaube an die deutsche Zukunft, gestaltet von einer durch Arbeit an sich selbst erneuerten deutschen Jugend. So!

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