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Gießener Zeitung

Bezugspreis 25 Pfg. monatlich

( Neueste Nachrichten)

vierteljährlich 75 Pfg., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig. ausgabestellen vierteljährlich 60 Bfg. Erscheint Mittwoche und Samstags. weg 83.

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Redaktion: Selters. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der., Gießener Zeitung" G. m. b. 8.

Nr. 48.

Telephon: Nr. 362.

25 Jahre Kaiser!

As in dem deutschen Trauerjahr vor 25 Jahren am 15. Juni der edle Kaiser Friedrich die Augen zu­tat, da lag über der alten Preußenstadt Potsdam ein schwerer, fast unheimlicher Druck. Tiefe Trauer und bange Sorge umfing die Gemüter, und jeder, der es er­lebt hat, wird es nicht vergessen fönnen, wie das Ant­liz des jungen Kaisers sich in diesen Wochen gewan­belt hatte seit dem März, als er an des alten Helden­faisers Totenbett gestanden hatte. Düsterer Ernst und willens starke Verschlossenheit lag in seinen Zügen, und mit Besorgnis blickte das Volk zu ihm auf: was wird werden?

25 Jahre sind seitdem vergangen. Was man da­mals am meisten fürchtete, daß der Kaiser nach den Lor­beeren des Siegers und dem Kriegsruhm des Feldherrn treben würde, ist nicht eingetroffen. Er hat dem Lande und Volke den Frieden erhalten durch ein Vierteljahr= hundert, zwar allezeit das Schwert scharf gehalten, aber es nie mutwillig gezogen. Gewiß, er ist in diesen 25 Jahren auch durch viel Wirrnisse gegangen, viele Miß­verständnisse zwischen dem Kaiser und seinem Volke sind vorgefallen aber wo wäre es im Leben nicht so! Wenn wir heut auf das verflossene Vierteljahrhundert zurückblicken, so sollen die Fahnen flattern und die Lie­

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an

enberg( Bergsi ber flingen, und der Kaiser soll ein treues und dank­I in Frembenzim bares Volk finden. Stark steht das Reich da, innerlich modern, kraftvoll sich entfaltend und nach außen ge­chützt durch Heer und starke Flotte diese unseres Raisers eigenstes Werk. Deutschland 1813 und Deutsch­and 1913, diefer Vergleich zeigt den ganzen Segen des . Holtz beutfchen Kaisertums von heute. Gott erhalte es! Starke Charaktere wie der Kaiser zeigen auch starke Hals-, Nasen Wesenseigentümlichkeiten. So hat er von Anfang Ohrenleiden einen starken, fortreißenden Idealismus offenbart. kfurt am Ma Bon jenen ersten Tagen an, da er seinen Brandenbur gern zurief: Herrlichen Tagen führe ich euch entgegen bis heut hat er aus diesem Jdealismus Kraft geschöpft End oft das Wort treffend gefunden, das des Volkes Empfinden traf. Man hat wohl gesagt, er schösse über Zimmas Das Ziel hinaus. Aber liegt das nicht im Wesen jedes Schottit. Idealismus? Gut, wenn sich damit, wie bei unserem Raiser, ein starkes Verantwortungsgefühl berbindet. Oft hat er es ausgesprochen, daß er sich dem höchsten König und Herrn aller Herren verantwortlich Deiß. Sein Gottesgnadentum ist ihm nicht ein Vor­recht, sondern eine Pflicht. Das ist doppelt wertvoll in tiner Zeit, wo eine neue, verderbliche Moral alle Be= griffe zu erweichen sucht. Und neben diesen kaiser lichen Zügen echt menschliche, die das Herz des Volkes

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Die Nachbarn vom Heideland. Roman von Ludwig Blümde.

30) ( Nachdruck verboten.) Mutter und Tochter waren sich vollkommen einig darin, daß Hermine wahnsinnig wäre, wenn sie ihren Bräutigam unter solchen Umständen nicht laufen ließe. Einen Krüppel zu heiraten, das könnte niemand von hr verlangen. Hätte er sie wirklich lieb gehabt, so wäre er nicht aus purer Abenteuerlust ins Feld gezogen, wo er durch Reklamation zweifellos fret werden konnte. Daß er es mit der Treue nicht genau nähme, zeigte sein Berhalten zu Stine Lorenzen am deutlichsten. An die tönnte er selber einen Gruß schreiben, an die Braut aber nicht.

Nach alledem handelte Hermine nach ihrer und ih­ter Mutter Ueberzeugung vollkommen forreft, wenn fie die Verlobung für aufgehoben betrachtete. Natür­ich brauchte das vorläufig niemand zu wissen. Viel­leicht brachte der nächste Brief ja überhaupt schon die Todesanzeige, und da wäre es überflüssig, jetzt schon den alten Hinrichsen merken zu lassen, was man be= Hohloffen.

Niemand war über diese Wendung glücklicher als Shorö. Während er mit schönen Worten Hinrichsen ein Beileid ausdrückte, hätte er vor Vergnügen laub auflachen mögen.

Der erste Oktober rückte immer näher, aber von Sem Major Ahlborn kam betreffs der Hypothek teine Nachricht. Er hatte fest versprochen, das Geld, da er es gerade daltegen hätte, schon vor dem ersten an Nathan abschicken und von einem dortigen Notar alles regeln fen werde. Der Nathan hatte noch nichts erhalten and war sehr mißtrauisch. Die beiden Briefe, die Hin­fen an den noblen Herrn geschrieben, tamen als un­Weftellbar wieder zurück, weil es in Hamburg keinen ator Ahlborn gab. Da machte sich der Eichhofer auf

Expedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 14. Juni 1913.

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unwillkürlich anziehen! Vor allem zwei: deutsche Frömmigkeit und deutscher Familien sinn. Des Kaisers Jdealismus und sein Verantwor tungsgefühl- wir wissen es stammen aus seinem evangelischen Glauben, zu dem er sich oft und deutlich bekannt. Und es hieße des Kaisers Jubiläum und Fest nicht in seinem Sinne und recht gefeiert, wenn wir nicht gelegt gerade in seinem Hause. Ohne die edle Gestalt mit ihm Gott dankten für allen Segen, den er auf ihn der Fürstin, die als Gattin, echte deutsche Frau und Mutter ihm zur Seite steht, ohne die stolze, stattliche Schar der Kinder, denen sich nun schon die Enkelfinder zugefellen, wäre das Bild dieses neuen deutschen Kaiser­tums nicht wirklich und echt gezeichnet.

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Je tiefer all diese Züge im deutschen Volksgemüt ihren Widerhall finden und sie finden ihn umso tiefer wurzelt die Idee des Kaisertums im Herzen des Volkes. Möge es so sein und bleiben auch im zweiten Vierteljahrhundert und für immer!

Gott schütze und segne der deutschen Kaiser und sein Haus!

Politische Rundschau.

Deutschland.

beider

Berlin, 12. Juni. Zur Eröffnung Häuser des Landtages verlas der Ministerpräsident von Bethmann- Hollweg eine Thronrede, in der er die Ver­sammelten zunächst willkommen hieß und dann darauf hinwies, daß der Eintritt in einen neuen Abschnitt der parlamentarischen Tätigkeit sich in einer Zeit vollziehe, die großen Erinnerungen geweiht ist. Die Thronrede weist auch auf das bevorstehende Regierungsjubiläum des Kaisers hin.

Berlin. Der Reichstag setzte am Mittwoch Reichskanzler eine Rede hielt, in der er die rechtzeitige die zweite Lesung der Wehrvorlage fort, wobei der Verabschiedung der Vorlage als eine nationale Notwen digkeit bezeichnete.

Jena. Prinz Heinrich 26. von Reuß j. L. ist gestorbe m.

Bei der Reichstags- Ersatzwahl im Wahlkreis Walded- Pyrmont wurden abgegeben für Viet­meŋer( W. Vgg.) 5648, für Naumann( F. Vpt.) 4937 und für Wedding( S03.) 1017, zersplittert waren 10 Stimmen. Es ist also Stichwahl zwischen Vietmeyer und Naumann erforderlich.

s Darmstadt, 13. Juni. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer setzte heute in Gegenwart der drei Minister und zahlreicher anderer Regierungsvertre­ter die Beratung über die Besoldungsreform fort. Es

und schritt, von bangen Ahnungen erfüllt, zur Mühle. Die Dame mit der auffallenden Haarfrisur öffnete ihm mit einer schnippigen Bemerkung die Tür und behan­delte ihn mit eisiger Kälte. Sie mochte sich eben nicht verstellen. Ganz anders Thorö. Seien Sie mir herz­lich willkommen, Herr Nachbar. Freut mich außeror­dentlich, Sie auch endlich einmal bei mir zu sehen. Bitte, treten Sie hier ein." So komplimentierte der Heuchler Hinrichsen in den eleganten Salon, bot ihm eine Zigarre an und bestellte eine Flasche Wein.

" Ich bin in großer Sorge," sprach der Eichhofer, den soeben zurückerhaltenen Brief aus der Tasche zie= hend. Vielleicht wissen Sie näheres über den Herrn Ahlborn, Sie kannten ihn doch bereits früher."

Thorö tat so bestürzt, trotzdem er wußte, daß es so kommen würde, denn Ahlborn war ja nur ein Hel­fershelfer gewesen. Derselbe hieß in Wirklichkeit Klein­schmidt, stand als berüchtigter Gauner bei der Polizei in üblem Ruf und war seit Jahren des Müllers ge= treuer Kumpan bei Schwindelgeschäften gewesen. Das ist mir ein Rätsel!!" rief Thorö aus und machte ein langes Gesicht. Ich kenne den Herrn nicht weiter. Ich machte auf Sylt im Mai dieses Jahres zufällig seine Bekanntschaft. Er hatte sich in die Kurliste als Major Ahlborn eingetragen. Vielleicht hat er nur vor­übergehend in Hamburg gewohnt und sich gar nicht bei der Polizet gemeldet. Haben Sie denn irgend et= was betreffs der Hypothek schriftlich mit ihm ab= gemacht?"

Das muß der Eichhofer vernetnen.

ade. Der

Ja, dann ist das eine höchst fatale Sache. Mann tann ja, was ich eigentlich vermute, plötzlich ge= storben sein. Da bleibt nichts anderes übrig, als daß Sie sich mit Nathan auf gütlichem Wege vereinigen."

" Das tst aussichtslos!" stöhnte Hinrichsen. Der fann mir das Geld nicht länger laffen, sagte er mir schon, wenn ich ihm auch 10 Prozent gäbe. Es ist be­

( Gießener Tageblatt)

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Telephon Nr. 862. 25. Jahrg.

wurde heute besonders die Gehaltsskala erörtert und einer eingehenden Diskussion unterzogen.

Oesterreich.

wurde verhaftet, weil er dem Generalstabs obersten Redl * Der Marine- Unteroffizier Birkhofer in Pola verüben, wurde jedoch daran verhindert. wichtige Mitteilungen über die Kriegsmarine übermit­telte. Birkhofer versuchte im Gefängnis Selbstmord zu

*

Der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza hat dem Grafen Hadik eine Duellforderung geschickt, weil der Graf am Donnerstag im Abgeordne tenhause während der Rede Tiszas den Zuruf gebraucht hatte: Es ist nicht wahr."

Frankreich.

* Paris, 13. Jnni. Heute Nachmittag hat die Regierung das Wahlgesez, wie es vom Senat vo­tiert worden ist, in der Deputiertenkammer eingebracht.

Rußland.

* Die Nachricht, daß der 3 ar den Grafen Witte in Audienz empfangen hat, hat in politischen Kreisen große Sensation hervorgerufen.

*

Türkei.

Konstantinopel, 11. Juni. Auf den Großwesir Mahmud Schewket Pascha und dessen Adju­tanten wurde heute von 4 Türken, die dem alttürkischen Bund angehören, ein Revolverattentat verübt, wobei er getötet wurde.

Die Polizei stellte fest, daß einer der Mörder des Großwesirs Mahmud Scheffet Pascha sich in Pera, un­weit des deutschen Generalkonsulats, in einem übel be­rüchtigten Haus eines englischen Untertanen aufhält. Bei dem Versuche, ihn zu verhaften, entspann sich nach= mittags nach 3 Uhr ein Feuergefecht. Mehrere Personen wurden verwundet. Der englische Botschafter hat der Polizei erlaubt, einzudringen. Das ganze Stadtviertel ist abgesperrt. Das Haus, in dem sich die vermutlichen Mörder Mehmud Scheffets versteckt hatten, ist dann von der Polizei um 4.30 Uhr eingenommen worden. Acht Personen wurden verhaftet. Dem Tanin" zufolge wurden Attentate noch geplant gegen Enver Bey, den früheren Minister des Aeußeren Tallaad Ben und zwei andere höhere Abgeordnete des jungtürkischen Komitees.

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Pera, 13. Juni. Im Laufe des gestrigen Ta­ges sind bereits über 200 Verhaftungen erfolgt und zwar besonders unter den Anhängern der liberalen Vereinig­

reits darüber anderweitig verfügt worden. Da size ich ja fest. Wer beleiht so einem Heidehof in dieser Kriegs­zeit mit einer Hypothek? Nathan wird triumphie­ren und ich fann betteln gehen."

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Herr Hinrichsen, Ihre Notlage bedauere ich wirk­lich aufrichtig. Haben Sie denn gar keine Beziehungen zu anderen Geldleuten? Ich würde Ihnen meine Hilfe ja anbieten, wenn ich mir nicht geschworen hätte, niemals mehr Geld auszuleihen. Denn es heißt: Borgst Du Geld einem Freund, erhälst Du leicht einen Feind. Sie wissen, wie es mir mit dem Moorhof ging." Hinrichsen schlug die Stirn in finstere Falten und saß ratlos da. Sofort nach Flensburg zu fahren, schien ihm das Richtigste. Vielleicht konnte Nathan dennoch umgestimmt werden.

Diese Hoffnung erwies sich als eitel. Der Makler zeigte seinem armen Schuldopfer mit groben Worten die Tür und spielte sich ganz als dessen Herr und Ge­bieter auf.

Wohin Hinrichsen sich auch wandte, überall dasselbe. Wenn also der Major nicht noch in letter Stunde sein Wort einlöste, dann war Nathan in drei Tagen Besizer des Eichhofes.

Nicht einmal, drei-, viermal sah man an diesen Ta­gen den Eichhofer auf der Mühle. Er bettelte nicht um Thorös Hilfe, es trieb ihn immer nur seine eigene un­ruhe hierher und die Hoffnung, der Müller könnte viel­leicht irgend etwas über Ahlborn erfahren haben. Am Abend des leßten September traf Nathan bereits auf dem Eichhof ein. In seiner Verzweiflung eilte Hin richsen zum Krug und versuchte Frau Mathiesens Hilfe zu erflehen. Aber hart wie sie schon bet Lorenzens un­glück gewesen, zeigte fie fich auch hier. Als der Eich hofer thr all die nichtigen Gründe, die sie bei der Hand hatte, widerlegte, da geriet fie in Wut, vergaß sich und beleidigte ihn durch ihre spöttischen Bemerkungen schwer. ( Fortsetzung folgt.),