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4.10.1913 Zweites Blatt
 
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Gießener Zeitung

( Reueste Nachrichten)

Bezugspreis 25 Pfg. monatlich vierteljährlich 75 Pig., vorauszahlbar, fret ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig ausgabeftellen vierteljährlich 60 Pig.- Erscheint Redaktion: Selters. Mittwoche und Samstags. weg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Berlaa ber Biekener Reituna" G. m. b. G.

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Nr. 80.

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2. Blatt.

Expedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 4. Oftober 1913.

Das gesamte Handwerk hat es daher jenen

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Gießener Tageblatt)

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ble 44 mm breite Petitzeile für Auswärts 20 Pig Die 90 mm breite Reflame- 3eile 50 Biennia Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Habatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs. zieles( Bu ages, bei gerichtlicher Beireibung oder sc Konkurs in Wegfall. Vlapvorschriften ohne Verbindlichfeit. Druck der Gießener Verlagsdruckerei. Albin Klein

Telephon Nr. 862.

25. Jahrg.

Ueberreichung der Meisterbriefe 1913 jichtsvollen gesetzgebenden Männern zu verdanken, daß Kenntnisse so gerüstet sein, daß er von den Schwank­

am 28. September.

Am vergangenen Sonntag Vormittag sind 169 Handwerker und 12 Handwerkerinnen, welche sich in den letzten Monaten vor der Meisterprüfungskommission für die P" qvinz Oberhessen der praktischen und theoretischen Meisterprüfung unterzogen hatten und bestanden haben, Der in feierlicher Weise zu Meistern ernannt worden. Festakt fand in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste im Saal des Cafe Leib statt. Der Vorsitzende der Prüf­ungsfommission, Baumeister Traber eröffnete die Feier durch folgende Ansprache:

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Das 13. Mal seit Einführung der gesetzlichen Mei­sterprüfungen wiederholt sich die Feier der Ueberreichung von Meisterbriefen im Handwerk. Gestatten Sie mir, Sie zu dieser Feier herzlich zu begrüßen und für Ihre Teilnahme zu danken. Vor allem aber sage ich herz­lichen Dank für die Ehre, die der Prüfungskommission und den Kandidaten zuteil geworden ist, durch die Ge­genwart der Herren Ehrengäste. Besonders begrüße ich aber den Vertreter Großh. Staatsregierung, Herrn Ober­Regierungsraf Graefe.

Die hier versammelten Kandidatinnen und Kandi­daten, die in diesem Jahre die Meisterprüfung abge­legt und bestanden haben, werden die Ehre zu schätzen wissen, die ihnen durch die Gegenwart der Herren Eh­rengäste widerfahren ist, und sich später gewiß des Tages erinnern, der ihnen gezeigt hat, welches Jn teresse man an ihren Geschicken allgemein nimmt.

gern

man

M. D. u. H.! Die Meister prüfungen im Handwerk sind durch die Bestimmungen und Vorschrif= ien in der Reichsgewerbeordnung gesetzliche Prüf­ungen geworden. Fragt man sich nun, warum ge­rade für das Handwerk eine solche reichsgesetzliche Fest legung notwendig war, da doch alle anderen Arten von Reife- u. Befähigungsprüfungen nur auf dem 3 wang­Iosen ministeriellen Verordnungswege angeordnet worden sind oder werden!, so muß zweifellos zu der Interpretation gelangen, daß die maß­gebenden Personen und Behörden s. 31. befürchtet ha­ben mögen: im Handwerk würden nach der vorausge= gangenen zügellosen Freiheit in den Gewerbebetrieben, und der geringen Neigung: der Allgemeinheit zu zeigen, niemals was der Einzelne zu leisten vermag freiwillig weder Gesellen noch Meisterprüfungen abgelegt werden, wenn eben nicht durch Einschränkung der bodenlosen Zustände ein bestimmter 3wang zur Ab­legung der Prüfungen gegeben sei. Wie sah es 3. B. in jener Zeit mit der Aus- und Weiterbildung des Nach­wuchses im Handwerk aus, was hatten sich durch den einfachen Gewerbeschein für Existenzen im Hand­werf aufgetan und breit gemacht! Viele davon wollten auch wohl alles wissen und verstehen, aber leisten konn­ten nur Wenige etwas Tüchtiges.

der

M. D. u. H.! Ueberblickt man dagegen die Zeit feit 1901, seit Durchführung der Bestimmungen Reichsgewerbeordnung, so muß man zu der Ueberzeug= ung gelangen, daß doch sehr vieles besser geworden ist, wenn auch die Vorschriften dieses Gesetzes hie und da noch eine bessere Anpassung an die wirklichen Lebens­bedingungen im Handwerk erfordern. Betrachten zu allererst nur das Eine, das wichtigste Gebiet Handwerk, die Erziehung des Nachwuchses, so muß sich auch der hartnäckigste Gegner der neuen Verhältnisse doch sagen: es ist entschieden besser geworden.

wir

im

es seine in früheren Zeiten doch so hoch entwickelte Kul­und tur und Anerkennung nicht vollends ganz verlor nicht zur Kaste der einfachen Handlanger herabsank.

Ich freue mich, heute konstatieren zu können, daß ich bei der Durchführung der Prüfungen sehr häufig bei den alien tüchtigen Meistern einer Befriedigung begegne. Ganz besonders möchte ich heute den Frauen und Her­ren Prüfungsmeistern den verdienten Dank nicht sagen, daß sie mit Lust und Liebe an der Neuordnung der Verhältnisse mit arbeiten und bemüht sind, nur gute Arbeiten bei den Prüfungen anzuerkennen.

ver=

behaupten will, der muß durch sachliche und allgemeine ungen im Geschäftsverkehr nicht sogleich in die Tiefe ge= zogen werden kann.

Neben diesen Notwendigkeiten ist aber auch in Handwerkskreisen durch gegenseitige Auf= flärung dahin zu wirken, daß die Neidwirtschaft Einzelner, gegenüber den Berufskollegen tunlichst unter­bunden wird. Einer kann doch nicht Alles" haben! Die Anderen wollen doch auch leben! Der Grund= satz: Leben und leben lassen" muß für die Beteilig= ten zu einem Evangelium werden. Ich will nicht in Abrede stellen, daß es Schwierigkeiten machen mag, aber die ehrlich denkenden und ehrlich handelnden Hand= werksmeister müssen versuchen, solche schädliche Elemente nach und nach doch zur Vernunft zu bringen. Am be=

Wenn schon diese Prüfungen keine Sicherheit dafür bieten können, daß nunmehr keinerlei Auswüchse oder Benachteiligungen im handwerklichen Geschäftsverkehr vorsten wird es wohl zu erreichen sein, wenn die gleichen kommen möchten, so beachte man, daß es immer und allerwege Menschen mit wenig entwickelten Ehrbegriffen geben wird. Solche Glieder aber zu erziehen, ist eben zunächst Sache des betreffenden Standes selbst.

Die abgelegte Prüfung hat aber vor allem anderen doch den Nachweis erbracht, daß der in die Reihen sei­ner Kollegen eintretende Nachwuchs als gleichwertig an­gesehen wird, und ihm daraus die Vorteile der Gesetz­gebung die immerhin beachtenswert sind 2c. zugute kommen.

Berufskollegen sich fest zusammenschließen. Die in Gie­hen gebildete Handwerker- Zentrale müßte eben zu die­sem 3wede eifriger benutzt werden.

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All diese Mahnungen und Hinweise, deren man noch weit mehr aufstellen könnte, möchte ich heute insbesondere an sie liebe Kandidatinnen und Kan­didaten gerichtet wissen, damit sie als junger Meister= nachwuchs in Ihren Kreisen mit dazu beitragen können, die angedeuteten Schäden im Handwerk tunlichst zu be= seitigen. Der junge Anfänger ist wie mir nicht sel­sehr oft bestrebt, um jeden Preis nur Arbeit zu bekommen, selbst auf die Gefahr hin, daß er nichts verdient. Er bedenkt dabei aber nicht, daß er dadurch nicht allein seine Berufskollegen schädigt, son­dern sich selbst, durch ein solches Gebahren dem Ruine naheführt. Weiter bestärkt er in Laienkreisen und wohl auch an anderen Stellen die Ansicht: der Meister mit höheren, aber reellen und sachgemäßen Forderungen be­ansprucht zu viel für seine Leistungen. Daran, daß

Eine jede Prüfung mag eine solche ablegen werten mitgeteilt wird und aus welchem Stande ist und bleibt doch in er­ster Linie eine rein persönliche Angelegenheit; eine Be­friedigung darüber, in die Reihen seiner Kollegen sich eingestellt zu wissen. Daß dadurch in gewissen Richt­ungen auch ein Vorsprung gegenüber dem Nichtgeprüf­ten erwachsen kann, ist selbstredend ganz natürlich. Die Gegner dieser Prüfungen sind nicht ernst zu nehmen; sie befürchten vielleicht eine solche Prüfung nicht bestehen zu können, oder sie möchten den Meisterbrief als soge- Schleuderpreise keine gute Arbeit bringen können, wird nannten Blankowechsel angesehen wissen, mit dem ihnen alle wirtschaftlichen Vorteile von selbst zufließen müß­ten. Diese Gegner vergessen aber, daß allein die Intel­ligenz und eine gute Schulung die Gefährnisse im ge­schäftlichen Leben ohne wesentlichen Schaden zu Schiffen vermag. Diese Intelligenz und gute Schulung soll eben die Prüfung erbringen.

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Dieses erforderliche Wissen verweist uns aber auf ein anderes Gebiet, dessen Notwendigkeit das Handwerk endlich rest I os anzuerkennen sich mehr und mehr bemühen muß. Es ist dies das Gebiet der han d- werks theoretischen Ausbildung des Nachwuch ses.

Die Handwerksmeister insbesondere die Eltern der Lehrlinge müssen stets darauf bedacht sein, daß schon dem Lehrling Gelegenheit gegeben werden muß, sich durch eine gründliche systematische Ausbildung mit dem nötigen fa ch technischen und kaufmänni schen Wissen vertraut machen zu können. Eine kurz vor der Prüfung etwa auf wenige Wochen ausgedehnte trillartige Vorbereitung, ich meine hier speziell den rein handwerkstechnischen Teil, halte ich nur für einen Not­behelf, nicht aber für ein genügendes Fundament, auf dem weiter gebaut, weiter gearbeitet werden könnte. Eine furze Auffrischung alles vorher sachgemäß Erlernten vor der Prüfung will ich natürlich nicht verwerfen, denn da­durch wird selbstredend Frage und Antwort in einer für die Beteiligten ungewohnten Prüfung erleichtert.

Der junge hessische Handwerker kann aber nicht Klage darüber führen, daß ihm zu einer guten und gründlichen Fachausbildung die Gelegenheit fehle. Wir haben in Hessen eine große Zahl von gewerblich- techni­scher Lehranstalten, die alle ihre Aufgabe in der gründ­liche Ausbildung des Handwerks suchen. An diesen Lehranstalten, die unter der Kontrolle der Großherzogl. des Innern stehen, wird der junge Handwerker nach 3entralſtelle für die Gewerbe und dem Gr. Ministerium in Verbindung mit der jeder Richtung theoretisch praktischen Lehre für seine spätere Zukunft sachge­

Viele der Lehrlinge in jener freiheitlichen Zeit, das heißt: wo man die Freiheit nicht zu meistern, nicht zu würdigen verstand, machten sich einfach zu Ge­fellen, ohne oftmals eine ordnungsgemäße Lebrzeit hin­ter sich zu haben; sie liefen eben ihren Lehrmeistern fort, weil sie genau wußten, daß dieser keine Zwangsmittel gegen sie anwenden konnte. Dann gab es auch strup­pellose andere Handwerker, die einen solchen Menschen in Arbeit nahmen. Heute sind natürlich solche Erschein- mäß ausgebildet. ungen vollständig ausgeschlossen. Was aber durch jene Zustände damals für die Idealisierung; für die Heb­ung der Handwerkskunst und des Standes selbst her­auskam, war herzlich wenig, denn dem Handwerker= stande drohte damals sogar der Verlust des allgemeinen Ansehens.

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in Laienkreisen meist nicht gedacht.

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Unsere Staatsregierung und ihre ausführenden Be­amten sind seit Jahren hemüht, auf dem wichtigsten Ge­biete des Handwerks der Arbeitsvergebung den gerechten Wünschen des Handwerks entgegen zu kommen. Wenn dabei manche Wünsche unerfüllt bleiben, so liegt dies daran, daß es immer noch skrupellose Handwerker gibt, die durch schlechte und falsche Berechnungen Preis­forderungen stellen, die das Ansehen und das Vertrauen zu den ehrlich und richtig handelnden Meister graben. Den arbeitsvergebenden Behörden mag es bei solchen Erscheinungen oft recht schwer ums Herz sein, das Richtige zu treffen.

unter­

Auch unser erhabener kunstsinniger Landesfürst be­müht sich um die Hebung der Handwerkskunst, und zeigt immer neue Wege, oder sucht durch allerlei Anregungen und Aufträge dem Wiederaufblühn des Handwerkes zu nüßen. Ihm muß in Hessen das Handwerk ganz be= sonders dankbar sein.

Lassen Sie uns deshalb die heutige Feier dazu benutzen, den Gefühlen der Dankbarkeit und hohen Ver­ehrung Ausdruck zu geben in dem Ruſe:

Sr. Kgl. Hoheit, unser allverehrter Großherzog Ernst Ludwig Hoch, Hoch, Hoch!

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M. D. u. H.! Aus dem geschäftlichen Teile der diesmaligen Meisterprüfungen möchte ich Ihnen nur furz folgendes noch mitteilen:

Zur Prüfung hatten sich 182 Kandidaten aus 35 verschiedenen Handwerksberufen gemeldet. Ihr Wohnsiz verteilt sich auf 68 Orte in Oberhessen.

Die Prüfung haben bestanden 168 Kandida­ten. Die Hauptanzahl stellte diesmal Gießen mit 49 und Vilbel mit 21 Kandidaten; wohingegen Alsfeld, Nidda, Büdingen sehr schwach, und Friedberg gar nicht vertreten ist.

Außerdem will ich noch bemerken, daß sich bereits für die nächste Prüfung eine größere Anzahl Kandida­ten angemeldet haben, um die Zulassung zur Prüfung noch ohne den Nachweis der abgelegten Gesellenprüfung

zu erlangen. Leider werden diese Gelegenheiten immer noch nicht allgemein gewürdigt; man kann sich sehr oft zu einer gediegenen theoretischen Ausbildung nicht aufschwingen; man meint wohl auch: es genüge, wenn man nur prat­tisch etwas Tüchtiges leiste. Die Einsicht kommt dann leider oft erst zu spät. Wer heute seinen Standpunkt

Und nun Sie meine werten Kandidatinnen und Kandidaten wenn wir Ihnen heute durch Ueber= reichung des Meisterbriefes den Meistertitel in Ihren Handwerken zusprechen, so möchte ich vorher im Namen der Prüfungskommission dem Wunsche Ausdruck geben: