Ausgabe 
1.11.1913 Zweites Blatt
 
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sterteljährlich 75 Pfg., vorauszahlbar, fret ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig ausgabestellen vierteljährlich 60 Pfg.- Erscheint Redaktion: Selters. Mittwochs und Samstags. Für Aufbewahrung oder Rücksendung weg 88. nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der.. Gießener Zeitung" G. m. b.

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Nr. 88.

2. Blatt.

Sensationsmeldungen

aus dem rheinisch- westfälischen Industriebezirk. Man schreibt uns:

Der mangelhafte Nachrichtendienst eines Teiles der Presse aus dem rheinisch- westfälischen Industriebezirk hat schon häufig zu Klagen Anlaß gegeben. Insbesondere sind es einzelne Berliner Blätter, die hinsichtlich der Berichterstattung über die Vorkommnisse auf den Ruhr­fohlenzechen und die Maßnahmen der Zechenbesitzer von jeher ein außerordentlich geringes Verantwortlichkeitsge­fühl an den Tag gelegt haben. Fast täglich kann man in der Presse Nachrichten aus dem Ruhrgebiet fin­den, die stark übertrieben, wenn nicht gan vollstän­dig aus der Luft gegriffen sind. In letzter Zeit ist dieser Uebelstand in der 3eitungsberichterstattung wieder besonders hervorgetreten. Aus den vielen un wahren Meldungen seien nur einige typische Fälle her­ausgegriffen.

Unlängst brachten das Berliner Tagebl." und einige andere Berliner Zeitungen die telegraphische Meldung von einem großen Brandunglück auf einer der Zeche Nordstern bei Gelsenkirchen gehörenden Leerfabrik. Sechs Arbeiter seien so plötzlich von der Gefahr überrascht worden, daß sie vor Qualm und Flammen den Weg ins Freie nicht hätten finden kön­nen, sondern elend verbrannt und erstickt seien. An der Meldung war fein wahres Wort. Die Zeche auch ist Nordstern besitzt überhaupt keine Teerfabrik, weder diese noch eine andere Zeche des Ruhrreviers in letzter Zeit von einem Brandunglück heimgesucht wor­den. Einige Tage später wurde, wiederum zuerst von Berliner Blättern, die sensationelle Mitteilung ver­

breitet, auf der Zeche Adolf von Hansemann bei Mengede sei ein großer Trupp Neger(!) angekommen, die als Bergleute beschäftigt werden soll­ten. Auch diese Nachricht war vollstän= dig aus der Luft gegriffen. Die Werksbe­sizer des Ruhrkohlenreviers haben nie an die Anwerb­ung von Schwarzen gedacht.

Expedition: Selters weg 83.

Samstag, den 1. November 1913.

den, der unserer Industrie durch die unwahre Berichter­stattung erwächst, nicht wieder gut gemacht. Tausende lesen die in gesperrter Schrift gedruckten sensationellen Nachrichten, während die meist in unauffälliger Form beröffentlichten Richtigstellungen vielfach unbeachtet blei­

ben.

Aber nicht nur das Ansehen unserer Industrie wird durch die Sensationsberichterstattung gewaltig geschädigt, sondern auch das Ansehen der Presse selbst. Die gute erkannt Presse hat die geschilderten Uebelstände wohl und sich schon häufig bemüht, Besserung herbeizuführen. An dieser Stelle seien nur die Auslassungen der Köl­nischen Volkszeitung" wiedergegeben, die vor längerer Zeit u. a. schrieb:

Nur der skrupellosen Auffassung ge­wisser Berliner Blätter ist es zuzuschrei= ben, daß Zeitungsberichterstatter im Großgewerbebe­zirk sich haben einnisten können, deren einziges Bestre ben es ist, durch die Verbreitung erdichteter oder auf­gebauschter Sensationsnachrichten möglichst viel Geld zu verdienen. Diese Gewissenlosigkeit, mit welcher diese Leute ihren Beruf ausüben, wird wohl schließ­lich den ehrenwerten Stand der Tagesschriftsteller des niederrheinisch- westfälischen Bezirkes in Verruf bringen."

Ebenso haben sich die Verbände im Zeitungsge­werbe, Redakteure und Verleger, in ihren Versammlun= gen und Fachblättern schon wiederholt mit der unzu= verlässigen Berichterstattung aus dem Ruhrgebiet be­faßt. Auch jetzt wieder nimmt der Zeitungs- Verlag", das Organ des Vereins deutscher Zeitungsverleger, die oben erwähnte unwahre Meldung über ein Brandun­glück auf Zeche Nordſtern zum Anlaß, mahnende Worte an die Sensationspresse zu richten. Es ist dringend zu wünschen, daß diese wohlgemeinten Bestrebungen der guten Presse endlich Erfolg haben.

Oberbeffische Friedhöfe.

Durch die eigenartige Kulturwelt der oberhessischen Obwohl durch das Wolff'sche Telegraphenbureaut Friedhöfe führte ein Vortrag, den dieser Tage Pfarrer sofort ein Dementi veröffentlicht wurde, gab die unrich­tige Meldung von Negern zu weiteren unwahren Be- Schulte- Großen- Linden im Frankfurter Vo­gelsberg- Höhenflub hielt. Die Bezeichnung Friedhof ist hauptungen und Angriffen auf die Zechenbesitzer Anlaß. erst in den letzten 50 Jahren entstanden. Sonst hießen Die sozialdemokratische Essener Arbeiter- Bei­die Stätten der Toten Kirchhöfe, da sie alle ursprüng­tung" schrieb, auf Zeche Adolf von Hansemann seien lich um die Kirche lagen; selbst die Filialgemeinden be­zwar noch keine Neger eingetroffen, aber Verhandlun­statteten ihre Toten auf dem Mutterkirchhof. Der Name gen zwecks Heranziehung von Schwarzen seien von den Friedhof bedeutet einen umfriedeten, zur Sicherung die­Bechenverwaltungen doch gepflogen worden. Vielleicht nenden Hof; das entspricht seinem jezigen Zweck eigent­habe die Regierung jetzt in der Zeit der Krise von ihrer fich nicht, wird aber von frommen Seelen als zutreffende Einstellung abgeraten. Nach einigen Tagen brachte auch die Germania" einen Artikel, der ähnliche Mitteil- Bezeichnung einer den Frieden bringenden Stätte auf­ungen enthielt; ja, es wurde sogar bestimmt behauptet, gefaßt. Friedhöfe wurden die Begräbnisstätten, als die die Zeche Adolf von Hansemann sei eine von den 3e- Regierung deren Entfernung aus hygienischen und räum­chen, die gemeinsam an die Regierung das Ersuchen lichen Gründen von der Kirche, dem Kirchhofe eben, for­gerichtet hätten, die Beschäftigung von Negern im Berg- derte. Heute gibt es nur noch wenige wirkliche Kirch­bau zu gestatten. Die Verwaltung der genannten Zeche höfe. Es ist das zu bedauern, da sonst jeder Kirchgang fie mit einem Grabbesuch verbunden war, bei den draußen forderte nun eine Berichtigung, in der sie erklärte, liegenden Friedhöfen ist das nicht der Fall. Die Kirch­habe niemals irgend welche Schritte getan, Neger zu be­schäftigen. Es ist recht bemerkenswert, daß die Ger- höfe waren oft Wunder des herrlichsten Blumenschmucks, mania" zu dieser Berichtigung nichts zu sagen wußte; besonders im Vogelsberg, wo die Fichte nie fehlte. Dem sie wurde ohne jede redaktionelle Erklärung und ohne Volke galt der Kirchhof als heiliger Ort, weil die Kirche in ihm steht. Was draußen ist, gehört dem Teufel, ein Wort des Bedauerns über die veröffentlichten Un­wahrheiten aufgenommen. Es wäre recht interessant, weshalb man Selbstmörder und Verbrecher bis vor 150 Jahren außerhalb der Kirchhofsmauern beerdigt hatte. zu erfahren, woher die Information der Germania" in diesem Falle stammt. Die Vermutung liegt nahe, Später kamen diese in die Kirchhofecke. Die Leichen daß sie lediglich die Behauptungen des sozialdemokra führte man aber nicht durchs Tor in den Hof, sondern tischen Blattes aufgegriffen und diese in etwas anderer warf sie über die Mauer. Das geschah in Bersrod vor Form als das Ergebnis eigener Information hingestellt 60 Jahren mit den Worten: Werft den Schuft- in die Gruft bis ihn der Teufel ruft!" In Kriegszei­hat. ten waren die Kirchhöfe Zufluchtsstätten und deshalb mit Mauern umschirmt. Großen Linden und Grebenhain zeigen sie heute noch in überraschen­Die Gräberstellen gehörten ehedem der Schönheit. den einzelnen Familien. Nur ein kleiner Teil blieb den Ortsfremden, zu denen man Zigeuner und Handwerks­burschen, aber auch die Lehrer rechnete. Auf dem To­tenkirchhof in Meiches ist dieses Prinzip heute noch durchgeführt. Oft trat Plazmangel ein. Dann sammelte man die ausgegrabenen Knochen und brachte sie in Beinhäusern unter, so ist Alsfeld und Be u- ern. Die Gräber liegen alle von Westen nach Osten, und zwar der Kopf im Westen, die Beine gen Osten. Das oberhessische Bauerngrab wird in rührender Pietät mit schönem Blumenschmuck versehen. Im Vogelsberg

Man sieht an diesen Beispielen, wie leichtfertig und mangelhaft die Deffentlichkeit von manchen Beitum­gen über die Vorgänge im Ruhrbezirk unterrichtet wird. Es ist daher auch nicht zu verwundern, wenn in wei­testen Kreisen inbezug auf die Verhältnisse im Ruhr fohlenbergbau irrige und oft recht unsinnige Anschau ungen verbreitet sind. Mit Berichtigungen ist der Scha­

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Telephon Nr. 362.

25. Jahrg.

an

bedeckt man das Grab einer Wöchnerin mit einem Bett­tuch, das des Säuglings mit einer Windel; in En­genrod und Rebgeshain stellt man eine Schüß­sel mit Wasser aufs Grab. Die Braut schmückt ihrem Hochzeitstag der verstorbenen Eltern Grab mit Kränzen. Sehr alt sind auch die Grabsteine auf den oberhessischen Friedhöfen. Die ältesten dürften in We­

nings sein, sie entstammen dem 17. Jahrhundert, auch

alte

im Lande Schlitz bergen die Friedhöfe schöne Steine. Von eigenartigem Reiz ist der Reitergrabstein von 1736 in Oberseibertenrod. Vornehme Leute fanden in den Kirchen ihre letzte Ruhestätte; diese deckte man mit Platten( Epithaphten) zu, die heute die Kir­chenwände schmüden. Später fam das Kreuz als Grab­schmuck auf die Kirchhöfe, zunächst das hölzerne, dann das eiserne, beide oft in kunstvoller Arbeit. Proben hiervon sind erhalten in Großen Bused, in Mei­ches, Helpershain und Eschenrod. Toten standen die Vorfahren näher als heute. In Mei­ches hält man heute noch am 2. Pfingsttage inmitten der Gräber einen Gottesdienst, um dann allerdings Kirmes zu feiern. Die neuen Friedhöfe, fernab der Dörfer, ha­ben in mancher Hinsicht die Zusammengehörigkeit zer­rissen, die zwischen den Gräbern und den Familienan­gehörigen obwalteten.

Kirchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinde in Giehen.

Den

Sonntag, den 2. November, 24. nach Trinitatis. Reformationsfest.

Kollekte für den Gustav- Adolfs- Verein. In der Stadtkirche.

Vorm. Uhr: Pfarrer Schwabe. Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Abends 5 Uhr: Pfarrer D. Schlosser.

Beichte u. hl. Abendmahl für die Matthäus- u. Mar­fusgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten.

Montag, den 3. November, abends 8 Uhr: Ver­einigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Mat­thäusgemeinde.

Dienstag, den 4. November, abends 6 Uhr: Fest­gottesdienst zur Feier des Jahresfestes des Oberhessisch. Vereins für innere Mission. Pfarrer Glock aus Stum­pertenrod. Donnerstag, den 6. November, abends 8 Uhr, im Markussaal: Bibelstunde( Brief des Jakobus). Pfarrer Schwabe.

In der Johanneskirche. Vorm. Uhr: Pfarrer Ausfeld. Pfarrer Ausfeld. Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Abends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.

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