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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

oierteljährlich 1,50 Mr., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint Mittags 3 Uhr. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.... Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. 6. H.

Nr 173.

Telephon: Nr. 362.

Schulretormfragen.

Während der großen Ferien ist das Interesse an der Schule, wenigstens soweit die lernende Jugend in Frage fommt, begreiflicherweise stark abgeschwächt. Es gibt in diesen Ferienwochen so vieles, was weit wichtiger und anziehender ist als das angestrengte Lernen und Auf­merken, daß man es Jung- Deutschland wahrlich nicht übelnehmen kann, wenn es jetzt Schule Schule sein läßt. Die wenigsten gehen ja in ihren Gedanken so weit, daß sie nur den einen Wunsch hegen, ihr Schulhaus möchte niederbrennen, damit die großen Ferien sich dann noch um einige Wochen verlängern. Haben unsere Jungen und Mädchen fröhlich und frei in der goldenen Ferienzeit ausgetollt, dann lehren sie ganz gern zu ihren Büchern zurück; denn mit frischem Geist und Körper lernt es sich noch einmal so gut. Die berufenen Leiter unseres Schulwesens trachten dagegen unablässig danach, die vorhandenen Einrichtungen immer vollkommener zu gestalten und Deutschlands Schulen, die uns kein Staat des Auslandes nachmacht, und um die uns jeder be= neidet, zu Jdealanstalten auszubilden. Es wird beinahe zu viel als zu wenig reformiert; die vorhandenen Be­strebungen beweisen aber das hohe Interesse, das un­ferm Schulwesen von den berufenen Instanzen entge­gengebracht wird.

Es

Der Zug der Zeit geht dahin, die Realschulen im­mer reicher auszubauen und den Abiturienten dieser Schulen die gleichen Berechtigungen zuteil werden zu lassen wie denen der humanistischen Anstalten. Daß diese Bestrebungen zum Teil auf Kosten der alten Gym­nasien in die Tat umgesetzt werden, ist nicht zu leug­nen. Die Zahl der gymnasialen Anstalten wächst nicht entfernt in dem Maße wie die der realen, und Real- schüler gibt es heute ganz unverhältnismäßig mehr als Gymnasiasten. So wenig der hohe Wert der Pflege ide­aler Güter durch das Studium des klassischen Altertums in unserm Volke unterschätzt wird, so gewiß ist es an­dererseits doch auch, daß die Glanzperiode des humani stischen Gymnasiums unwiederbringlich dahin ist. hat gewissermaßen seine Mission erfüllt, es hat der Ge­genwart den ganzen Reichtum der griechischen und rö­mischen Kultur so vollkommen vermittelt, daß die junge Generation sich jene Geistes schätze zum innersten Besize aneignen kann, ohne die Sprachen der Alten in bezw. sechs Jahreskursen mühsam zu erlernen. Infolge der adäquaten Uebertragungen sind die Werke Homers und Sophokles', Horaz' und Ovids und auch die der klassischen Prosaschriftsteller deutsche Bücher geworden. Wer sie in seiner Muttersprache studiert, kann sich nahe­zu in dem gleichen Maße mit hellenischem Geiste erfül­len, als wenn er die Werke im Original läse. Die for­male Bildung, die aus dem Studium der alten Spra­chen quillt und auf einem anderen Wege faum erreich bar ist, steht in unseren Tagen nicht allzu hoch im Werte. Der Gehalt ist die Hauptsache, auf die Form kommt es erst in zweiter Linie an.

neun

Das sind im wesentlichen die Gesichtspunkte, welche für die fortschreitende Schulreform maßgebend sind. Die Wandlungen, die sich im Laufe weniger Jahrzehnte auf diesem Gebiete vollzogen haben, sind recht einschneiden­der Art. In den achtziger Jahren war es noch eine heiß umstrittene Frage, ob den Abiturienten der Real= gymnasien das Studium der Medizin freigegeben wer­den könnte; heute fordert man mit der sicheren Aussicht auf Erfolg in absehbarer Zeit die Freigabe des theolo gischen Studiums an Abiturienten der Oberrealschulen, obwohl der Theologe auf die Kenntnis der griechischen Sprache, in der das neue Testament geschrieben ist, eben­so angewiesen ist wie der Altphilologe. Dem griechischen Unterricht, der auf den Schulen ja niemals auch nur zu einer leidlichen Beherrschung der griechischen Sprache führen kann, macht der wahlfreie englische Unterricht die schärfste Konkurrenz, und die moderne, im praktischen Leben der Gegenwart kaum noch entbehrliche Sprache ringt der alten schrittweise ein Stück ihres Herrschafts= gebietes nach dem andern ab. Dazu kommt, daß sich das humanistische Gymnasium auch dem Ansturm der Mathematik, der Naturwissenschaften und des Zeichnens nicht verschließen konnte. Wir lernen nicht für die Schu­le, sondern für das Leben", und weil das Leben mit ganz neuen Anforderungen hervorgetreten ist, hat auch die Schule andere Pflichten erhalten und eine veränderte Gestalt annehmen müssen.

In welcher Gestalt aber die Bildungsstätten unserer deutschen Jugend erscheinen mögen, sie dienen und wer­den in alle Ewigkeit dienen dem Guten, Wahren und Schönen. Sie werden immer nur reine Geistesübungen

der Großherzoglichen des Großherzoglichen Bürgermeisterei Polizei Amfes sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Bräder Schmidt.)

Mittwoch, den 26. Juli 1911.

| in ihren Mittelpunkt stellen, und unsere Schüler werden in des Wortes bester Bedeutung Gymnasiasten, Rin­gende, bleiben. Daher können wir die Bemühungen um tigen Pädagogen schon zu unruhig und sprunghaft er­die Reformen unseres Schulwesens, die manchem tüch­scheinen, auch mit der vollen Zuversicht verfolgen, gebaut ist, nichts geändert werden, sondern daß auch an dem Grunde, auf dem das deutsche Geistesleben auf wird: Für die Jugend ist nur das Beste gut genug. in aller Zukunft der Grundsatz in Geltung bleiben

Aus Stadt und Cand.

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Gießen, den 26. Juli.

* Ernannt wurde der Reallehrer an der Real­schule zu Butzbach Ludwig Felsing zum Real­lehrer an der neuen Oberrealschule zu Darmstadt, mit Wirkung vom 1. Oktober 1911, ferner der Lehrer an der Ernst Ludwigsschule zu Bad Nauheim Otto Weide zum Reallehrer an der Realschule zu Butzbach, mit Wirkung vom 1. Oktober 1911 an, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer.

* Uebertragen wurde dem Lehrer Valentin Löwenhaupt zu Steinfurt, Kr. Lauterbach, die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Petterweil, Kr. Friedberg.

( Gießener Tageblatt)

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

den mit leichter Mühe eine Beute der heimtückischen Netze und totbringenden Angeln. Man fand bald die Ursache des absonderlichen Verhaltens der Schuppenträ­ger. Zwei Mühlenbesitzer von hier haben vor einiger Zeit eine Mühle in Kazenfurt in eine Hefen­fabrik umgewandelt. Die Fabrikanten stehen nun außerhalb des Hefen- Ringes und verkaufen billiger. Um aber die billigen Preise behaupten zu können, müssen sie die auf dem Spiritus( einem Mitprodukt der Hefenfabrikation) lastende erhebliche Steuer zu ver­meiden suchen: sie lassen daher den Spiritus einfach in die Fluten des vorüberfließenden Dillflusses laufen. Die Folgen davon sind: Billige Hefe, aber betrunkene Fische.

-

Auch in Gießen wurde ein eigenartiger Fall be­obachtet. Etwa 80 3entner tote Fische wur­den hier von der Lahn angetrieben. Der Feldhüter Loh hat allein gegen 15 Zentner geländet. Darunter waren Barben von 6-7 Pfund, Mänen von 5-6 Pfund, sowie viele andere große Fische. Auch Tausende von sterben auf die große Hitze und den dadurch hervorge kleinen Fischen werden dahingetrieben. Ob dieses Fisch­rufenen niederen Wasserstand zurückzuführen ist, oder ob es mit den oben erwähnten Abwässern im Zusammen­hang steht, bedarf noch der Aufklärung.

Der Ballon Marburg" des Kurhessischen Vereins für Luftschiffahrt mußte am Sonntag bei Hof­geismar nach 5stündiger Fahrt landen, da infolge der großen Hitze das Luftfahrzeug nicht von der Stelle

fam.

Nach einer Bekanntmachung der Großh. Prüfungskommission für Einjährig Freiwil­lige werden diejenigen jungen Leute, die beabsichti­gen, sich der im Herbst 1911 stattfindenden rubr. Prü­Limburg, 26. Juli. Große Wassernot herrscht fung zu unterziehen, aufgefordert, ihre Gesuche um 3u- auf dem Westerwald, namentlich auf Bahnhof Altenkir lassung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Brüchen, wo Wasser zur Speisung der Eisenbahnlokomoti fung spätestens bis zum 1. August 1911 der Kommis- ven nicht mehr vorhanden ist. Seit einigen Tagen sind sion einzureichen. daher besondere Wasserzüge eingelegt worden, mit denen das in Tender gefüllte Wasser nach dem Oberwester wald von hier aus befördert wird.

Die hessische Regierung gegen die Abonnenten- Versicherung. Die hessischen Kreisämter haben soeben die ihnen unterstehenden Bür­germeistereien aufgefordert, bis 15. August d. Js. nach entsprechenden Erhebungen zu berichten, ob und welche Zeitungen und Zeitschriften in den betreffenden Gemein­den verlegt werden, die ihren Lesern nach den be­kannten Mustern eine sogenannte Abonnentenversiche­rung gewähren. Die Berichte sollen sich auch auf die auswärts verlegten Zeitschriften ausdehnen, die im Be­zirk verbreitet werden.

Das Zentralkomitee des Preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz veranstaltet in diesem Jahre eine Geldlotterie, um die für die Zwecke seiner Vereinstätigkeit erforderlichen Mittel zu er­langen. Der Vertrieb der Lose ist durch besonderen al­lerhöchsten Erlaß den königl. Lotterieeinnehmern gestat tet, denen auch, wie uns mitgeteilt wird, die überwie­gende Mehrzahl der Lose zugeteilt worden ist. Daneben ist versuchsweise einzelnen Privatloshändlern ein kleiner Teil überlassen worden.

Der evangelische Arbeiterverein veranstaltet am 13. August auf der Liebigshöhe ein Gartenfest, mit dem gleichzeitig ein Trachtenfest ver bunden werden soll. Neben den hessischen Orten Gro­Ben- Linden, Langgöns, Leihgestern, Hochweisel und Pohlgöns werden die Trachten von Bottenhorn, Brei­denbach, Eisenhausen und Selbach vertreten sein. Auch wird bei dieser Gelegenheit die von früheren Veranstal­tungen in bester Erinnerung stehende Cberhessische Bau­ernfirmes zur Aufführung kommen. Um auch den Haus­frauen etwas besonderes zu bieten, wird im Saale eine Ausstellung hauswirtschaftlicher Neuheiten 2c. arrangiert werden. Auch der Kinderchor des Vereins wird eine Reihe Ueberraschungen bieten.

):( Sungen, 26. Juli. Dem Briefträger Vogler wurde für seine Erfindung Motor- Straßenpflaster- Ma­schine vom Kaiserl. Patentamte Musterschutz erteilt.

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-e Friedberg, 26. Juli. Wie verlautet, soll die 3arenfamilie Ende August hier eintreffen. -t Schotten, 26. Juli. Gestern vormittag stand in einem Nebengebäude des Bahnhofs Feuer. Als man verschiedene in dem Hause lagernde Petroleumton­nen in Sicherheit bringen wollte, entstand eine Explo­sion. Mehrere Männer erlitten dabei schwere Brand= wunden. Drei liegen lebensgefährlich verletzt im Kran­fenhaus.

)( Dorlar, 26. Juli. Ein seltsames Phänomen wird aus der Dill- und Lahngegend gemeldet, und zwar unweit von Wetzlar. Die Fische zeigten an manchen Stel­len ein eigentümliches Benehmen: sie schwammen rüd­lings, machten die wunderlichsten Capriolen und wur­

*) Heidelberg, 25. Juli. Wie wir bereits gestern mitteilten, wurden hier bei der Ankunft eines größeren Schweinetransportes aus Norddeutschland beim Ausladen der Tiere eine größere Anzahl verendet auf­gefunden. Weitere Verluste von Schweinen durch die große Size beim Transport aus Norddeutschland wer­den aus allen süddeutschen Städten gemeldet: Heil­bronn, Stuttgart, Würzburg 2c. Man kann also ins­gesamt mit dem Verluste von 1000 Schweinen in Süd­deutschland rechnen, die durch die große Hizze am Sonn­tag auf dem Transport umgekommen sind. Diese 1000 Schweine repräsentieren einen Wert von 100 000 m., die natürlich, da die Transporte auf Rechnung und Ge­fahr des Absenders gehen, dieser verliert. Die größten Transporte kommen aus Pommern und Schleswig- Hol­stein. Die Absender sind zum größten Teile, bedauer­licherweise, nicht versichert. Die toten Tiere, die hier bei der Ankunft des Transportzuges im Schlachthofe in den Eisenbahnwagen gefunden wurden, waren teilweise schon in Verwesung übergegangen.

Literarisches.

von

* West- Marokko deutsch! Von Heinrich Claß, München, J. F. Lehmanns Verlag. Preis 50 Pfennig. Für jeden Deutschen ist es zur Zeit größtem Interesse zu erfahren, wie die Verhältnisse in Marokko liegen, was dort für Deutschland auf dem Spiel steht und wie man den drohenden Gefahren er­folgreich entgegentreten kann. Der Verfasser, der seit einem Jahrzehnt der energischste Vorkämpfer einer ziel­bewußten Marokko- Politik ist, hat es meisterhaft ver­standen, die Gründe darzulegen, die das deutsche Volk zwingen, von der Regierung zu verlangen, nachdem die Algeciras- Akte von Frankreich und Spanien gebrochen sind, auch ihrerseits die Hand auf einen Teil des Lan­des zu legen. Die Notwendigkeit der Schaffung einer großen deutschen Volkssiedelungstolonie wird überzeu­gend dargetan, und im Anschluß daran die wirtschaft­lichen und militärischen Fragen erörtert. Es wird ge­zeigt, was geschehen muß, wenn Frankreich und Spa­nien sich auch fernerhin nicht mehr an die Algecirasafte halten und wir zweifeln nicht, daß das deutsche Volk wie ein Mann zu der Regierung steht, wenn sie die Schlußfolgerungen zieht und dem deutschen Volke ein Siedelungsgebiet schafft, das seinen Bevölkerungsüber­schuß jahrzehntelang aufnehmen kann und das in der Lage ist, unsern Bedarf an Baumwolle und Erzen für lange zu decken. Die Nachfrage nach der Broschüre ist so stark, daß der Verleger gezwungen war, der ersten Auflage von 10 000 Exemplaren sofort zwei weitere Auflagen in derselben Höhe folgen zu lassen.