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Schwüle über dem Reichstag.

Die parlamentarischen Osterferien nähern sich ihrem En­de, und aus dem blühenden Lenz heraus müssen die Reichs­boten wieder in die Kommissionszimmer und den großen Reichstagssaal, um die unvermeidlichen Entscheidungs­tämpfe zum Austrage zu bringen. Zwischen Ostern und Pfingsten, so hieß es jüngst in einer offiziösen Kundgebung, wird es sich entscheiden, wie die Regierung der Bundesstaa­ten sich zu der ferneren Tätigkeit des Reichstages und zu der Beendigung derselben stellen wird. Es wird immer wahrscheinlicher, daß noch vor dem Pfingstfest Entschließun­gen gefaßt werden, ob das Parlament nochmals zu einer Herbsttagung zusammentreten soll, oder ob nach der voraus­fichtlichen Ergebnislosigkeit der Beratungen auf eine Wet­tertagung verzichtet wird. Eine begreifliche Schwüle lastet auf der Regierung und der Volfsvertretung, denn auch nicht eine der Vorlagen, die noch auf die Tagesordnung ge­langen, bietet die Aussicht auf eine ganz sichere Mehrheit. Von einer Arbeitsfreudigkeit fann unter solchen Umständen keine Rede mehr sein, und Verdrossenhit über die eigene Tätigkeit vermag weder im Einzelleben noch in der Ge­famtheit Erfolge zu zeitigen.

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Rundschau vom Cage.

Politisches.

Doch eine Herbstsession des Reichstags? Die ,, Mün­chener Neuesten Nachrichten" kommen nochmals auf ihre Meldung zurück, daß der Plan bestehe, dem Reichstag auch noch das Budget für 1912 vorzulegen. Man täuscht sich" - so schreibt das Blatt, über den Ernst der Lage, wenn man glaubt, unsere Meldung, die aus vorzüglicher Quelle stammt, als unmöglich oder schlecht informiert abtun zu fönnen. Dasselbe hat man vor einigen Monaten auch mit der Ankündigung der Herbstsession getan, und daß der Wille hierzu sowohl bei der Regierung wie bei der Mehrheit jetzt besteht, darüber herrscht wohl kein Zweifel mehr. Etwas anderes ist es freilich, ob der Plan ausführbar sein wird."

Der Audeutsche Verband hat in seiner soeben in Ber­lin abgehaltenen Vorstandssitung bezüglich Marokkos eine Resolution gefaßt, in der es heißt: Für die Verhand­lungen mit Frankreich wiederholt der Vorstand die For­derung des Alldeutschen Verbandes, Marokko zwischen dem Deutschen Reiche und Frankreich zu teilen, wobei das ganze atlantische Marokko dem Reiche zufallen müßte, und er weist darauf hin, daß die Erkenntnis von der unbedingten Notwendigkeit der Gewinnung einer deutschen Siedelungs­folonie jetzt in weitesten Bevölkerungskreisen geteilt wird." In derselben Sigung wurde nach einer Rede des Generals v. Liebert eine Entschließung über die Fremdenlegion angenommen, die verlangt, daß 1. die Reichsregierung jede weitere Werbetätigkeit für den Eintritt in die Legion un­möglich macht, 2. daß, um die Rückkher solcher aus dem Reiche stammender Legionäre, die der Armenpflege zur Laft fallen würden oder sonst unerwünscht wären, unmög lich zu machen, in das Gesetz über den Erwerb und Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit eine Bestimmung auf­genommen wird, wonach die Verwaltungsbehörden befugt sind, nach ihrem Ermessen gewesenen Angehörigen der Fremdenlegion oder ähnlicher fremder Truppenkörper die Reichsangehörigkeit zu entziehen.

Sommertagungen stehen an und für sich schon unter dem Zeichen der Leere im Parlamentssaale, und die Ner­vosität pflegt dort zu wachsen, wenn unter Hochdruck ge= arbeitet werden soll. Ein Rückstand in der Erledigung gesetzgeberischer Arbeiten, wie er sich heute zeigt, ist wohl noch nie vorhanden gewesen. Da sich nicht einmal in den Kommissionen eine Einigung über die wichtigsten Gesetzes­vorlagen herbeiführen ließ und sogar zwischen der Regie­rung und den Mehrheitsparteten tiefe Selüfte gähnen, so ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß im Plenum trag­fähige Brücken zwischen den Parteien und dem Bundes­ratstisch gebaut werden können. Arbeitskammerge= set, Kurpfuschergeseß und Aenderung der Fern= sprechgebühren scheint man im Reichskanzleramt für den Rest der Reichstagsdauer gänzlich verloren gegeben zu haben. Um die Verfassungreform für Elsaß- Lothrin= gen steht es nicht gut und die Verabschiedung der Straf= prozeßreform würde eine Arbeitskraft erfordern, der dieser Reichstag nicht mehr gewachsen sein dürfte. Eine " Durchpeitschung" muß im Gesamtinteresse des deutschen Volkes gerade auf dem Gebiete der Rechtspflege, der wun­desten Stelle am ganzen Reichskörper, vermieden werden. Es bleibt nur eine große Vorlage bestehen, für die eine Mehrheit wahrscheinlich ist, nämlich die Reichsver= sicherungsordnung. Rechte, Zentrum und National­liberale haben den entschiedenen Willen bekundet, die Reichsversicherungsordnung zu schaffen. Bekanntlich droht die Sozialdemokratie mit der Obstruktion. Das Zentrum will zur Niederhaltung derselben die Geschäftsordnung ein­bringen, die Vorlage kapitelweise zu beraten, damit die 1754 Paragraphen nicht zur Einzelberatung gelangen und der Obstruktion die Gelegenheit zur Entwicklung geben. Ueberblickt man die bevorstehenden Entscheidungsfämpfe im Reichstage, so kann man nur sehen, daß das Bild kein sonderlich gutes ist.

Ein Jubiläumstag unserer Marine.

gen über den Ausgang dieser Politit. Sie fordert, daß zum mindesten vorher ein völliges Einvernehmen mit den Unterzeichnern der Algecirasakte herbeigeführt werde. Es heißt weiter, daß darüber Verhandlungen zwischen Paris und Berlin schweben. Englische Kreise warnen die Res gierung vor jeder Ueberstürzung in der Maroffofrage. Sie fordern insbesondere ein bestimmtes Versprechen der Res gierung, daß das Vordringen der Franzosen in das Innere von Marokko keine Annexion des Landes nach sich ziehe.

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Aus dem fernen Osten wird gemeldet, daß die Agk tation gegen die Russen in der Mandschurei stetig zunimmt. Der chinesische Kriegsminister soll die Bildung eines Fret willigenforps für einen eventuellen Krieg sehr fördern. Die chinesischen Lehrer wirken ebenfalls in diesem Sinne unter der Bevölkerung.

Kleine Nachrichten.

Der jüngste Gefreite der deutschen Armee ist augenblick­lich der Erbgroßherzog von Mecklenburg- Schwerin, der am 22. d. M. ein Jahr alt wurde. Der Großherzog empfing an diesem Tage den Kommandeur des Grenadierregiments Nr. 89, der die Gefreitenabzeichen für den kleinen Erbgroßher­zog überbrachte.

Zu dem Gesetzentwurf betr. die Errichtung von gewerb­lichen Pflichtfortbildungsschulen in Preußen, deren Bera­tung in der Kommission des Abgeordnetenhauses am 1. Mai beginnt, ist eine Reihe von Abänderungsvorschlägen aus Interessentenkreisen eingegangen. Der Verein der deutschen Kaufleute in Berlin wünscht die Errichtung die­ser Fortbildungsschulen in allen Gemeinden über 5000 Einwohner für die männliche und weibliche Jugend, die Handelskammer in Schweidnik tritt für eine Beibehaltung der Fortbildungsschulen als Fachschulen ein und will einen Sonntagsunterricht bis zu zwei Stunden zulassen. Eine Reihe von Frauenvereinen bittet, die gewerblichen Pflicht­fortbildungsschulen auf die weiblis Jugend auszudehnen. Der Verband katholischer kaufmännischer Vereinigungen in Essen bittet, den Religionsunterricht einzuführen, die Schulpflicht auf weibliche Personen unter 18 Jahren aus­zudehnen und Lehrlinge, die eine Fortbildungsschule nicht besucht haben, zur Ablegung einer Prüfung an einer solchen zuzulassen.

Wenn nach einem bekannten Ausspruch des Kaisers Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liegt, so ist die Grundlage für diese Zukunft zweifellos seinerzeit durch die Begründung des preußischen Marine­ministeriums gelegt worden. In diesen Tagen ist ge= rade ein halbes Jahrhundert vergangen, seit sich das be= deutungsvolle Ereignis vollzog. Bekanntlich hat die preu­ßische Marine ihren bescheidenen Ausgang genommen von dem Ankaufe einiger Kanonenboote bei der Versteigerung der so unrühmlich verkrachten deutschen Reichsmarine von 1848. Für die paar Fahrzeuge genügte in den fünfziger Jahren, wo Prinz Adalbert von Preußen als Oberbefehls­haber der Marine fungierte, eine Marine fommission unter seinem Vorsitz, die dem Kriegsministerium unterstand. Die fleine Flotte war in ihrem Entstehen dem Gespött der see­gewaltigen Nachbarvölfer, nicht nur der meerbeherrschenden Briten, sondern auch des spanischen Inselvolfes ausgesetzt. Aber sie bestand ihre Feuerprobe in Gefechten gegen die Rifpiraten von Marokko bet Tres Forcas und bildete ihre Offiziere und Mannschaften zu tüchtigen Seeleuten aus. So konnte denn im April 1861 ein besonderes Marine­ministertum gebildet werden, das zunächst dem Kriegsmi­nister von Roon unter gleichzeitiger Ernennung zum Ma­rineminister zur Leitung übertragen wurde. Welchen in der Geschichte der Völker unvergleichlichen Aufschwung sett­dem unsere Marine genommen hat, während und weil Deutschlands Welthandel sich gleichzeitig in ähnlichen Dt­mensionen entwickelte, ist allbekannt. Das halbe Jahrhun­dert hat Deutschlands gewaltigste Zeit gesehen, und nach dem Zeitalter Wilhelms I. und Bismarcks, das der Zu­kunft freie Bahn schaffte, ist die Entwicklung der deutschen Marine zu einer Seemacht ersten Ranges eins der erfreu­lichsten Hauptercignisse unserer Geschichte geworden.

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Des Rätsels Lösung.

Roman von Ludwig Blüm ck e. ( Nachdruck verboten.)

Das Festmahl der Berliner Fleischerinnung aus An­laß des 600jährigen Bestehens der Innung ist das größte Festessen, das Berlin seit langem gesehen hat. Es wurden bet den etwa 1700 Gedecken 160 Hühner zur Suppe, 15 3ent­ner Steinbutt, drei Zentner Krebsschwänze, 8 Zentner Kar­toffeln, 1% Zentner Champignons, 18 Zentner Prager Schinken, 3 Zentner Gemüse und gegen 400 Gänse ver­braucht. Zur nötigen Anfeuchtung dienten 380 Flaschen Rhein bezw. Moselwein, 190 Flaschen Burgunder, 200 Fla schen Champagner, Selter, Limonade usw.

60000 Pestopfer. In einem Edikt der chinesischen Re­gierung wird verkündet, daß die Pest erloschen set. Die Ge­samtzahl der Opfer wird auf 60 000 angegeben.

Infolge Genusses von verdorbenem Hackfleisch frankten in Hildesheim zirka 30 Personen zum Teil sehr schwer. In einer Bäckerfamilie Itegen sieben Personen schwerkrank darnieder. Die Erkrankten wurden dem Kran­kenhause zugeführt. Die Untersuchung ist eingeleitet.

Das gefährliche Spiel mit Schußwaffen. In Pitterlen entlud sich, wie aus Bern gemeldet wird, als ein Schüler des Technikums mit einem Revolver spielte, die Waffe. Ein 16jähriger Kamerad wurde getötet, einem zweiten der Arm durchbohrt. Der Besitzer des Revolvers ist entflohen und man vermutet, daß er sich ein Leid angetan hat.

Wo die französischen Staatsgelder geblieben find. In Paris ist, wie gemeldet, der Architekt Chedanne, der die Bauten des Ministeriums des Auswärtigen zu beaufsich­tigen hatte, verhaftet worden. Gegenüber dem Einspruch, der von vielen Künstlern, insbesondere Malern und Bild­hauern, gegen die Verhaftung erhoben wurde, erklärte ein Beamter des Ministeriums des Aeußern einem Berichter­statter: Die Urheber des Protests scheinen von dem Gefühl der Dankbarkeit beseelt zu sein. Chedanne ließ ihnen viele Bestellungen zukommen. Er hat in der tollsten Weise mit Staatsgeldern gewirtschaftet. Von allen Ausgaben sind fünf Prozent in seine Tasche geflossen. Es sind ganz un­glaubliche Fälle vorgekommen. So verlangte der franzö­sische Gesandte in Christiania Vorhänge und beantragte, diese in Norwegen zu kaufen. Chedanne berief sich auf die Pflichten des Patriotismus und kaufte die Vorhänge in Paris. Als sie in Christiania eintrafen, stellte der Ge­sandte fest, daß sie noch die deutsche Fabrikmarke trugen. Der Gesandte in Cetinje brauchte Bäume für seinen Gar­ten und wollte sie in Montenegro kaufen. Chedanne pro­testierte und kaufte für 6000 Franken Bäume in Frank­retch. Als sie in Cetinje ankamen, waren ste verdorben. Natürlich bezog Chedanne auch hier eine Kommissionsge= bühr von fünf Prozent.

,, Aber jetzt bin ich wieder ein freier Mann!" rief Hardi aus. Pomme, da ist Wein! Stoßen wir an, alter Hans. Es lebe das Leben und was wir lieben!"

,, Merkwürdiger Mensch! Man sollte wahrhaftig mei­nen, Du wärest schon wieder verschossen."

Schon wieder? Vielleicht noch immer. Aber lassen wir das jetzt! Später, später vielleicht mehr davon."

,, Nun, das finde ich nicht gerade freundschaftlich von Dir, mich so auf die Folter zu spannen."

Hardi lachte nur und schlug dem Neugierigen auf die Schulter, daß er ächzte, und wußte das Gespräch sehr ge­schicht von diesem Thema abzulenken. Unmöglich konnte er Hans ja doch heute schon sagen, was ihn so freudig mach­te, daß Ernas hehre Gestalt wieder vor seiner Seele stand und ihm zurief: Wir werden dennoch glücklich mit einan­der werden."

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Eine Falschmünzerbande wurde unweit der Grenze auf galizischem Boden verhaftet. Große Mengen gefälschter Fünfmárkstücke wurden beschlagnahmt. Aus den vorge­fundenen Korrespondenzen ging hervor, daß die Gauner im In- und Ausland lebhaften Verkehr unterhielten.

Die französischen Rüstungen für einen Marokkofeldzug werden so eifrig fortgesetzt, daß Frankreich in Marokko bald über 25-30 000 Mann verfügen wird. Die Ansich ten über die Notwendigkeit und den Nugen dieser Politik gehn sehr auseinander. Außer der nationalistischen Presse hegt die gesamte republikanische Presse starke Befürchtun­

Noch ehe der General zurückgekehrt war, hatte seine Schwiegertochter, die Gesandtenfrau", wie man diese über­aus vornehme Dame nur zu nennen pflegte, mit ihren bei­den Jungen und dem ganzen Hofstaat wieder, wie alljähr= lich, ihren Einzug in Schloß Wedelstein gehalten. Ihrer Nerven wegen pflegte sie die Sommermonate hier zu ver­bringen. Das gab denn immer ein Leben in dem stillen, grauen Schloß. Da wimmelte es von Dienern und Zofen, da rasselten die Equipagen und der Besuche und Festlich­feiten war kein Ende. Die Gattin des Gesandten stammte nämlich aus einer der vornehmsten und reichsten Adels­familien im Lande und galt gegen einfach bürgerliche Leute in ihrem maßlosen Stolze für unnahbar. Jm Grunde ihres Herzens sollte sie freilich recht gutmütig und mildtätig sein. Auch hing sie an ihren beiden Söhnen Siegfried und Eberhard, einem fidelen Zwillingspaar von etwa 10 Jah­

Ein großer Wolkenbruch hat zwischen Moosbach und Maiburg in Oberbayern 11 Ortschaften überschwemmt. Viel Vich ist ertrunken.

ren mit einer hingebenden, rührenden Liebe. Wer ihrer Jungen Freund war, durfte auch ihrer Gunst gewiß sein.

Schwere Ausschreitungen von Zigeunern fanden Mon­tag früh in einem Restaurant am Gesundbrunnen in Berlin einer Frau wegen statt, bei denen das Restaurant voll­ständig demoliert und viele Personen zum Teil schwer verlegt wurden.

Vermischtes.

Der Berliner Defraudant Wölfer im Sanatorium. Der Schatzmeister Wölfer, der bei dem Deutschen Frauen­verein für die Kolonien Unterschlagungen in Höhe von 271 000 begangen hat, leidet an einer so schweren Ge­hirnerkrankung, daß er im geschlossenen Teile der Anstalt Lankwitz untergebracht werden mußte. Er ist derzeitig wenigstens strafrechtlich nicht verantwortlich zu machen. Seine Erkrankung, die schon längere Zeit zurückliegt, wird in absehbarer Zeit nicht geheilt werden. Es erscheint des­halb ausgeschlossen, daß Wölfer verhaftet und wegen set­ner Defraudationen strafrechtlich zur Verantwortung ge­zogen werden könne. Eine andere Frage ist die, inwieweit der Schaden, den Wölfer dem Roten Kreuz zugefügt hat, wenigstens teilweise wird gutgemacht werden können. Bei seinem fostspieligen Leben dürfte Wölfer zumindest den größten Teil der defraudierten Summen verbraucht haben. Man hält aber immerhin die Möglichkeit nicht für aus­geschlossen, daß Wölfer einen Teil der Summe beiseite ge­bracht hat, um nach Entdeckung der Defraudationen noch über ein gewisses Kapital verfügen zu können.

Diese beiden Knaben waren in ihrer Wildheit der Schrecken aller Wedelsteiner. Jeglicher Etikette zum Trozz suchten sie die ärgsten Gassenbuben in tollen Streichen zu überbieten und lehrten dieselben jedes Jahr neue Schel­menstücke. Kam dann zum Herbst der gestrenge Papa, so wurde demselben gewöhnlich ein ganzes Sündenregister vorgelegt, und gar oft hielt er ein feineswegs mildes Strafgericht ab. Auch vor dem Großvater fürchteten sie sich, doch liebte dieser keine Angeberei und erfuhr darum weniger von seiner braven Enkel Streichen.

Der alte Raben war auf seinen abendlichen Spazier­gängen, die er mit ziemlicher Regelmäßigkeit in Ernas Begleitung zu machen pflegte, wiederholt von Siegfried und Eberhard belästigt worden, so daß jene sich erst ge= stern veranlaßt gesehn, den Burschen ein paar gehörige Ohrfeigen zu verabreichen, trotzdem sic Hardis Neffen

waren.

Ein herrlicher Juniabend war das heute. Die ganze Erde schien in einen lieblichen Blumengarten verwandelt, so dustete und prangte es in Gärten, in Wald und Flur. ,, Heute machen wir eine recht, recht weite Spazier­teur, Väterchen, nicht?" fragte Erna, dem alten Herrn tie Sorgenfalten mit ihrer zarten kleinen Hand von der Stirn streichend.

Papierschnigel statt 4000 art. Ein Bankinstitut in Mainz erhielt fürzlich einen Geldbrief, der laut Avis 4000,89 Mark enthalten sollte; als Absender war ein No­tar in Nieder- Olm( Rheinhessen) angegeben. Als man den Bries, dessen Siegel unverlegt waren, geöffnet hatte, fand man, daß statt der 4000 Mark Papierschnitzel einge­fügt und nur 89 Pfennig beigelegt waren. Der ,, Geld­brief" wurde der Polizei übergeben, die sofort eifrige Nach­forschungen anstellte, ohne indes bisher eine Aufklärung

,, Wenn nur nicht so viele Menschen Secußen sind," antwortete der Rentmeister mit einem tiefen Seufzer. Du weißt, daß ich den Leuten aus dem Wege gehe, denn ich bin ein Geächteter."

,, Wir treffen keine Seele, Herzensväterchen. Den Baldweg zum See werden wir einschlagen. Da muß es herrlich heute sein. Horch, dort die Nahtigall!"

Ich höre nur das Quaken der Fröschen", erwiderte er mit ironischem, bitterem Lächeln. Aber er gab den Bitten seiner Tochter nach und machte sich reisefertig.

So still und friedlich lag die Erde da im matten Mondenschein, als gäbe es auf ihren prangender Lenzes= gefilden keine Sorge, feinen Gram.

Vater und Tochter gingen ganz allein auf dem über Ackerland dem Walde zu führenden Pfad. Und dem eige nen Zauber des Abends vermochte sich auch des alten Man­nes Herz nicht zu verschließen. Tief Atem schöpfend, rief er aus:" Ja, heute ist es schön, wir wollen ein gutes Stüd gehen!"

Wie das märchenhaft und geheimnisvoll gligerte und funkelte auf den Wellen des Sees! Gold und Silber schie­nen Feenhände in unerschöpflicher Fülle hineinzustreuen in das tiefdunkelblaue Wasser.

Vater und Tochter blieben stehen und staunten dieses Wunder an, als hätten sie etwas ähnliches noch niemals gesehen. Und wie das geheimnisvoll rauschte in den Wip­feln der Erlen, die den See umfaßten!

Wir wollen hier auf dem Stein ein wenig ruhen und träumen," sagte der alte Herr, sich auf einem mäch­tigen Granitblock niederlassend.

Erna aber starrte hinein in die beginnende Nacht und ihre Phantasie umgaufelten Feengsiteiten der Kindheit, ihr liebliche Lieder singend vom Glück, das so tief ver­borgen liegt und das nur Sonntagskinder finden können,

9. Kapitel.

Tie Gesandtenfrau" hatte sich heftiger Kopfschmerzen wegen sehr früh in ihr Schlafgemach zurückgezogen. Das pakte ihren beiden Knaben recht gut, denn der heutige Abend schien ihnen so recht für ein neues Abenteuer ge­eignet. Der Herr Kandidat und die Zofe lustwandelten im Pari und dachten, da ihre Herzen von Lenz und Liebe träumten, an nichts weniger als an die beiden ihrer Für sorge anvertrauten Rangen. Schnell waren diese denn aus threm Schlafzimmer entwischt und suchten ihren treuesten Spielgefährten, des Schäfers Otto, auf, um mit demselben zu beratschlagen, was man vornehmen könnte. (&. f.)

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