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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

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oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Erscheint Mittags 3 Uhr. Die Illuftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 96.

Telephon: Nr. 362.

Geisterkampf gegen die Sozialdemokratie.

Von Prof. D. F. Mahling- Berlin.

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Auf dem Boden der christlichen Weltanschauung ste­hend, haben wir in wirtschaftlichen Fragen nur seren Standpunkt hinsichtlich der Prinzipien zu wahren und als Prinzip festzustellen, daß das Gebot der christ­lichen Liebe es durchaus nicht zuläßt, daß einer in der menschlichen Gesellschaft auf Kosten des andern unter Anwendung von Betrug, Aussaugen der Arbeitskraft seines Nebenmenschen und dergleichen, seinen eigenen Vorteil, seinen Gewinn und Genuß sucht. Wir haben deshalb solche Einrichtungen zu bekämpfen, die zur Aus­beutung des einen durch den anderen führen und un­sern Einfluß dahin aufzubieten, daß Gesetze gegeben werden ,, welche die Versuchung reich zu werden Kosten des andern ohne redliche Arbeit durch bloße un­auf sinnige Spekulation nicht nur aufs möglichste beschrän­fen, sondern im öffentlichen Leben ganz abzuschneiden suchen. Wir haben ferner darauf zu achten, wie besten Mittel und Wege gefunden werden könnten, um einen Ausgleich des Besitzes im gesellschaftlichen Leben herbeizuführen, Wege der Produktion und Konsumtion, auf welchen jedem Mitglied der Gesellschaft nach Mög­lichkeit ein auskömmliches Dasein geschaffen würde, so daß es im letzten Grunde nur noch eine selbstverschul­dete durch Leichtsinn oder Verschwendung oder Genuß­sucht herbeigeführte Armut gäbe, aber nicht mehr eine Armut, die zum großen Teile ohne Verschulden immer weitere Kreise des Mittelstandes in ihren Bereich hin­einzieht.

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Die Sozialdemokratie will nichts vom Christentum und christlicher Weltanschauung wissen, und wenn et­was in ihrem Zukunftsstaat außer Kraft gesetzt werden soll, dann ist es der Glaube an einen allmächtigen, barmherzigen Gott, dann ist es der Glaube an Jesum Christum als der Welt Heiland. Und so sehen wir so­fort wieder die Frage, die uns hier bewegt, ist keine bloß wirtschaftliche, sondern eine Frage des Kampfes zweier Weltanschauungen, der christlichen und wider­christlichen, welch letztere von Gott und Christo absieht und einem nackten Materialismus und Naturalismus huldigt.

In der Sozialdemokratie hat diese widerchristliche Weltanschauung in starrer Konsequenz ihren schärfsten Ausdruck gefunden, und das ist es, was wir an ihr be­fämpfen. Aber gerade darüber wollen wir uns nicht täuschen, dieser widerchristliche Naturalismus und Ma­terialismus findet sich wahrhaftig nicht allein in der So­zialdemokratie, sondern er hat allenthalben in unserem Volksleben in wahrhaft erschreckender Weise um sich ge­fressen, und ist gerade in den Kreisen so verbreitet, wel­che sich die Herrschaft in unserem Volksleben anmaßen, welche in der Presse und an der Börse die öffentliche Meinung in unserem Volke zu bilden suchen und dabei sie mißbilden. In unseren streng christlichen, erweckten Kreisen hat sich ein gewisser Quietismus eingebürgert, der mit dem persönlichen Christenleben zufrieden, zu we­nig Energie entfaltet, dasselbe auch im öffentlichen Leben durchzusetzen; man ist froh und glücklich über die innere Freude, die das persönliche Glaubensleben gewährt, man man gibt dem Glauben an den Heiland auch für sein eigenes Leben alle Macht und jeglichen Einfluß, aber man denkt zu wenig daran, daß, wie das Christentum auf das Herz des einzelnen, so auch auf das Herz eines ganzen Volkes einen bestimmten Einfluß hat und haben muß. Gewiß ist das Christentum vor allen Dingen et­was persönliches, eine lebendige Gemeinschaft mit dem persönlichen Heiland der Seele, Jesus Christus; für den einzelnen Christen ist diese persönliche Herzensstellung die Hauptsache; aber wir dürfen dabei nicht stehen blei­ben; wir müssen verlangen, daß wir auch an unser Volksleben den Maßstab des christlichen Glaubens an­legen dürfen, und müssen darauf hinarbeiten mit aller Entschiedenheit, daß auch unser öffentliches Leben durch drungen ist von dem Geiste christlichen Glaubens christlicher Liebe. Aus der Selbstgenügsamkeit des ein zelnen christlichen Glaubenslebens heraus nicht energisch genug die Durchdringung des öffentlichen Lebens mit christlichem Geist durchwirkt zu haben, ist eine Schuld streng christlicher Kreise. Die andere Schuld liegt auf Seiten der Namenchristen, die selbst von dem Hauch christlichen Geistes wenig berührt, demselben den Ein gang in das öffentliche Leben möglichst erschweren und vermehren. Möchten wir doch einmal wirklich Ernst da­mit machen, in die Oeffentlichkeit hineinzurufen, daß alle Einrichtungen unseres Wolfslebens, jeder Verkehr, Han­

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der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei- Amfes Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

sowie vieler anderer

Dienstag den 25. April 1911

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del und Wandel, unsere Gerichtsbarkeit, unsere Presse, unsere tägliche Arbeit, unser ganzes politisches und so­ziales Leben durchwirkt und durchzogen sein soll von dem Geist des Evangeliums, und daß auch die Besitz­und Erwerbsverhältnisse durchaus unter den Gesetzen des christlichen Glaubens und der christlichen Liebe stehen und wir werden erleben, wie wir von vielen Namen= christen mit unseren Bestrebungen ausgelacht, verspottet, verurteilt werden. Auf diese Weise wird denn der Ein­fluß des christlichen Glaubens auf unser Volksleben im mer mehr zurückgedrängt, von dem einen vernachlässigt, von dem andern verwehrt: und wie hat sich das in der ganzen liberalen Gesetzgebung, im Börsenspiel, in der Lotterie, in der Prostitution gezeigt; man hat auf allen diesen Gebieten unser Volksleben mehr oder weniger einem unchristlichen, heidnischen Geist ausgeliefert! Wenn einzusetzen haben, so heißt das nichts anderes, als mit wir hier im Kampfe um die christliche Weltanschauung lauter, volltönender Stimme die dringende, unbedingte Forderung erheben, den Gesetzen christlichen Glaubens und christlicher Liebe bis in die letzten Tiefen unseres Verkehrslebens hinein eine unbedingte Geltung, einen absoluten, durch nichts geschwächten Einfluß zu verleihen.

Reichstagswahlvorbereitungen.

Mittelschlesien, 22. April. Für den Wahl­freis Ohlau- Strehlen, der nach dem liberalen Wahlab­kommen den Nationalliberalen zugefallen ist, haben diese jetzt den Pastor Kröpelin aus Kroitsch, Kreis Liegnitz, als Kandidaten aufgestellt.

Fortschrittlichen Volkspartei im Wahlkreis Duisburg- Duisburg, 24. April. Der Parteitag der Oberhausen- Mülheim beschloß, da das Entgegenkommen der Nationalliberalen ungenügend sei, ein selbständiges Vorgehen und die Kandidatur des Dr. Potthoff.

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Wetzlar, 25. April. Die Meldung der Frank­furter Zeitung, daß die konservative Kandidatur Freiherrn v. Eichel zurückgezogen sei, entspricht uns mitgeteilt wird nicht den Tatsachen.

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Aus Stadt und Land.

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Gießen, den 25. April 1911.

Gießen, 25. April. Samstag, den 29. April 1911, vormittags 9 Uhr, findet eine Sitzung des Pro­vinzialausschusses mit folgender Tages- Ordnung statt: 1. Rekurs gegen einen Polizeibefehl Gr. Kreisamts Gie­Ben bezüglich des Hofguts Utphe; 2. Gemeinderatswahl zu Ober- Erlenbach und 3. Klage des Ortsarmenverban­des Gießen gegen den Ortsarmenverband Griedel we­gen Unterstützung des A. Schaum.

-r= Gießen 25. April. Der kommandierende Ge­neral des 18. Armeekorps v. Eichhorn ist zur Be­sichtigung des Regiments hier eingetroffen.

Gießen, 24. April.( Divisionskommandeur.) Zum Divisionsfommandeur der 25. Hess. Division wurde der Brigadekommandeur der 1. Garde- Inf.- Brigade Ge­neralmajor v. Plüskow, Berlin, ernannt.

Gießen, 24. April. Der hiesige S. C. hielt am Samstag abend in den Räumen der Vereinigten Gesellschaft in Darmstadt seinen Jahrestommers ab, der, von Sanitätsrat Dr. Habicht geleitet, sehr gut be­sucht war und einen äußerst solennen Verlauf nahm.

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Alsfeld, 24. April. Im Frühjahr ds. Js. sind im Kreise Alsfeld eine Anzahl schwerer Vergiftun­gen ganzer Familien durch Blei vorgekommen, die nach den angestellten Untersuchungen auf den Genuß von Mus aus glasiertem Topfgeschirr zurückzuführen waren. Die chemische Untersuchung hat ergeben, daß die Ab gabe von Blei an den Inhalt der Töpfe von einer un­geeigneten Herstellung der Topfglasur herrührte.

Darmstadt, 24. April. Es darf nunmehr als feststehend gelten, daß Geheimerat v. Biegeleben als Nachfolger v. Gagerns den Berliner Posten anfangs Mai übernehmen und bis dahin in die Reichshauptstadt über­siedeln wird. Das Einverständnis des Kaisers ist in­zwischen eingetroffen und die übrigen Formalitäten dürf ten bis dahin erledigt sein. Oberregierungsrat Dr. We­ber, welcher gemeinsam mit Geh. Staatsrat von Krug seit dem Tode Gagerns die Berliner Geschäfte interimi­stisch leitete und seit einiger Zeit seinen Urlaub hier zu­bringt, wird zunächst ebenfalls wieder nach Berlin zu­rückkehren und einen Teil der dortigen Geschäfte über­nehmen. Herr v. Krug wird nicht mehr nach Berlin reisen.

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( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 pfg.

die 44 mm breite Inseratenzeile. Stellen­gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pfg.- Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Darmstadt, 23. April. Der Hessische Lan­deslehrerinnen- Verein hat gestern hier seine erste Haupt­versammlung abgehalten. Frl. Schmidt- Mainz hielt einen Vortrag über die Frage einer Reorganisation der Mädchen- Fortbildungsschule. Die Vortragende fordert, daß sich an den für Knaben und Mädchen gleich ver­bindlichen Volksschulunterricht ein mindestens dreijähri­ger, den gesteigerten Bildungsbedürfnissen entsprechender Fortbildungsschulunterricht für beide Geschlechter anschlie­Ben soll. Unterricht müsse theoretisch und praktisch aus­gestaltet werden, letzteres durch Handfertigkeitsarbeiten und Tätigkeiten für die Hausfrau und Mutter in der Familie. Im Anschluß an die Hauptversammlung fand am Nachmittag noch eine öffentliche Versammlung statt, in welcher die Leiterin des hiesigen Hofmännischen In­stituts, Frl. von Szcepanski, einen Vortrag über das Thema Staatsbürgerliche Erziehung" hielt.

Offenbach, 24. April. Ein Zigeuner war dem hiesigen Infanterie- Regiment zugeteilt worden. Als Trö­ster in den schweren Stunden strenger, ungewohnter Disziplin hatte er seine Geige mit in die Kaserne ge­nommen. Vor mehreren Tagen fam nun einer seiner Stammesbrüder zu ihm und erbat sich die Geige für einen Abend, die ihm der Soldat denn auch überließ. Dem Genossen gefiel jedoch die Geige so gut, daß er an ein Wiederbringen nicht mehr dachte. Auf die da= raufhin gemachte Anzeige ging der uniformierte Bußta­sohn mit einigen Polizeibeamten auf die Suche. Er be­trieb die Verfolgung so gründlich, daß ihn die Beamten zurückkehrte. Da er schon als Heeresunsicherer eingestellt bald aus den Augen verloren und er zur Kaserne nicht war, so befürchtete man, der Hang zur Freiheit hätte ihn zur Deſertation verleitet. Unerwartet stellte er sich jedoch heute morgen wieder in der Kaserne ein, ohne allerdings seine geliebte Geige zurückerobert zu haben.

Bad Wildungen, 24. April. Die Bahn­strecke Buhlen- Waldeck wurde gestern in An­wesenheit verschiedener höherer Direktionsbeamten amt­lich abgenommen. Die Eröffnung selbst wird am 1. Mai erfolgen.

Eingesandt.

Also in acht Tagen beratschlagt der Bund der Land­wirte im Kreis Friedberg über die Kandidatenfrage zur nächsten Reichstagswahl. Es herrscht Gott sei dank eine versöhnliche Stimmung. Man will den Nationallibe­ralen möglichst entgegenkommen, will einen Mann un­terstützen, der national zuverlässig ist und als solcher sich der nationalliberalen Partei als Hospitant anschließt. Ein bestimmter Kandidat ist noch nicht aufgestellt. Man nennt die Herren Vogt, Gisevius und unseren Kreisrat Herrn Schliephate. Drei ganz tüchtige Männer, aber so merkwürdig das klingt- die Tüch­tigkeit allein gibt in solchen Lagen niemals den Aus­schlag, da spricht die Stimmung, die Neigung der Wähler mit und wer damit nicht rechnet, ist von vorn­herein verloren. Wie es Herrn Gisevius in Gießen er­ging, ist bekannt und nach aller Kenntnis der Wähler­meinungen wird ihm in Friedberg ein gleiches Schicksal beschieden sein. Mag sich's der Mittelsmann des Bun­des Herr v. A. merken.

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Nicht besser stehen leider die Aussichten des Herrn Vogt. Er und Herr Gisevius sind beide theoretisch ganz geeignete Persönlichkeiten praktisch, d. h. nach dem Wunsche und Willen der Wähler beurteilt, aber nicht durchschlagend, nicht genehm, nicht brauch­

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Es bleibt der Herr Kreisrat Schliephake. Er besitzt allenthalben das größte Vertrauen. Mit ihm ha­ben schon Führer der nationalliberalen Partei verhan­delt; aber er ist wohl noch zur Zeit unentschlossen. Wir sind der festen Ueberzeugung, wenn ihm zunächst Bund, die Nationalen und das Zentrum die Kandida­tur anbieten, dann schließt sich der national zuverlässige Teil der Volkspartei von selbst und gegen den Willen ihrer Führer an, dann wird Herr Schliephake nicht Nein sagen können.

Der Bund der Landwirte aber, der das vorige Mal einen besonderen Kandidaten in Friedberg aufgestellt und die meisten bürgerlichen Stimmen auf sich vereinigt hatte, bringt durch sein Entgegenkommen ein Opfer und dies muß die 3. 3. leider der völligsten Verwirrung durch eigenes Verschulden verfallene- Nationalliberale Partei zu würdigen wissen. Sie muß im Kreis G i e- en ihrerseits auf eine Sonderkandidatur ver­zichten und gleichzeitig auch jedes Paktieren daselbst mit der nicht nur im Kreis, sondern im ganzen deutschen Reich mißliebigsten Partei, der sogenannten Freisinnigen, aufgeben.