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14.1.1911 Zweites Blatt
 
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Gießener Zeitung

Bezugspreis 50 pfg. monatlich

( Neueste Nachrichten)

vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­Erscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 wk. jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung

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nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

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in Gießen.

( 2. Blatt)

Was wir Wollen!

Von Direktor Pastor Stuhrmann

ist in der ersten diesjährigen Nummer der Wochenschrift Die Arbeit ein Artikel mit der Ueberschrift Was wir dem wollen" veröffentlicht, der weitesten Kreisen aus Herzen geschrieben ist. Er lautet u. a.:

Das Neujahrslied für Männer hat schon vor Jahr

tausenden der fromme Sänger des alten Bundes vor­

gesungen, und es lautet: Mit Gott wollen wir

Taten tun!"( Psalm 60, 14). Taten tun wollen

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das ist Kraftbewußtsein. Aeußerung männlicher Energie. Wer nichts mehr tun kann, ist schwach und frank; wer nichts mehr tun will, der ist entweder eben­falls frank oder aber ein Feigling oder ein Tagedieb; jedenfalls aber ist er überflüssig in der Gesellschaft von Menschen, in der er lebt oder vielmehr vegetiert. Denn zum bloßen Genießen sind wir nicht in der Welt, son­dern wir sind arbeitspflichtige Geschöpfe. Christen gehö= wenn sie anders als das sind, was sie sein sollen ren weder zu dieser noch zu jener Menschenklasse. Ar­beitslosigkeit wie Tatlosigkeit gibt es für sie nicht. Sie fühlen und haben das Zeug und den Mut, die Kraft und den Willen in sich, zu Taten nicht bloß zu reden. Reden, den Mund auftun für Ueberzeugungen und Le­Das goldene bensanschauungen ist etwas Großes. Schweigen ist nur zu oft ein bequemer Deckmantel für charakterlose Gesinnungsfeigheit.

die

Mit Gott Taten tun wollen- das ist die höchste und tiefste Lebensaufgabe einer christlichen Per= sönlichkeit. Es ist auch das Lebensprogramm einer politischen Partei, welche die christlich- sittlichen Lebensgrundsätze zu ausschlaggebenden Faktoren im Staats- und Volksleben machen will. Das neue Jahr steht in einem rot aufflammenden Zeichen. Auf der einen Seite die geschlossene Phalanx der Partei, welche die Todfeindin nicht bloß der bürgerlichen Gesellschafts­ordnung, nicht nur unseres bestehenden Staatswesens, sondern vor allem auch der christlich- sittlichen Weltan­schauung und Lebensauffassung und Lebensbetätigung ist, und ihre geschlossene Feuerlinie verstärkt durch bürgerliche Schutztruppe jenes Liberalismus, der schließ­lich nur noch in der Klangfarbe sich von der roten Pro­paganda unterscheidet! Und auf der anderen Seite eine Zersplitterung der Kräfte, die einem das Herz zerreißen fönnte! Jch beneide alle die um ihr gutes Gewissen, zu welche die Verantwortung für den Luxus tragen und fönnen meinen, parteipolitischen Subjektivismus Partikularismus als höchste Weisheit taktischer Partei­diplomatie treiben zu dürfen. Daß solche Taktik einer bodenlosen Zielverschwommenheit und politischen Knochenerweichung nach dem natürlichen Gesetz der Ent­zu ſein. widlung führen muß, scheint ihnen nicht klar Durch solche Taktik muß man Augenblickserfolge erzie len; aber die innere sittliche Kraft geht zum Teufel und damit die Garantie für die Zukunft. Die vom Man­datshunger diftierte Umschmeichlung der Masse wird sich bitter rächen: die Frucht reift rot aus! Die Entwick­lung schreitet über alle solche Mischmaschpolitik mit eher­nem Fußtritt hinweg. Die Scheidung der Geister wird durch kein Paktieren und kein Kompromiß aufgehalten. Eine Scheidung in links und rechts politisch ge= sprochen oder in widerchristlich und christlich bib­lisch gesprochen- bahnt sich mit Naturnotwendigkeit

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an. Was hier neutral bleiben will, muß zugrunde gehen und wird weggefegt werden. Da tut uns Christlich- so zialen doppelt flare Zielstrebigkeit not! Unsere Partei ist eine sittliche ich spreche es immer wieder aus Notwendigkeit; und gerade im Blick auf die Versuche der letzten Zeit, uns in der alten konservativen Partei auf gehen zu lassen, muß das immer wieder betont werden. Ich bin konservativ bis in die Knochen, aber ich auch christlich- sozial bis ins Mark. Eine Verschmelzung beider Parteien unter dem altkonservativen Banner würde eine Verneinung des Kraftbewußtseins bedeuten, welche in dem christlichen Sozialismus wirkt und sich seine eigene Form zur Betätigung geschaffen hat und, wenn diese Form heute nicht vorhanden wäre, sich schaffen müßte. Es ist wahrhaftig fein parteipolitischer Partiku larismus, der diese seine Lebensform festhalten will; es ist der Ueberzeugungsausdruck der Gewißheit, diese eigene Form das notwendige Sammelbassin und die nötige Arbeitsstätte für viele christliche Elemente ist, die sonst mit ihrer Kraft gebunden bleiben würden. Da­rum feine Legierung von Konservativ und Christlich- so­

daß

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amfes

=

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag den 14. Januar 1911

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solcher Prozeß führt zu keiner neuen Kraftaus­lösung wohl aber eine ehrliche Allianz zu gemein ist samem Kampf wider gemeinsame Feinde! Möglich sie. Wird sie nicht gewollt wir wollen sie- dann geht der christliche Sozialismus auch allein seinen Weg zielbewußt, tatenfroh, sieges gewiß. Der Kampf wird in diesem Jahre toben, wie nie zuvor. Die Säulen wan­fen, und der Boden zittert. Wir aber stehen fest- flar

( Gießener Tageblatt)

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

fratischen Reichstagskandidaten wurde dann von Reichs­tagsabgeordneten Behrens schlagfertig auf ihren wahren Wert zurückgeführt und die unrichtigen Darlegungen des Sozialdemokraten widerlegt. Abgeord­neter Behrens frug den Sozialdemokraten zu dessen sicht­lichen Verlegenheit, weshalb er denn den Landwirten die programmatischen Beschlüsse und Reden auf dem Breslauer sozialdemokratischen Parteitage zur Bauern=

den Blick, sicher das Auge, getrost das Herz, fampfbe- frage verschweige? Ob es denn nicht wahr sei, daß

reit, friegsgerüstet: wir wissen, was wir wollen, und darum wollen und können wir, was wir wissen! Wenn wir nicht wüßten, daß uns dennoch, dennoch, dennoch die Zukunft gehört, dann freilich täten wir besser, die Waffen aus der Faust und die Arbeitsgeräte aus der Hand zu legen. Aber noch tragen wir auf dem Helm des Heils die Schrift: Mit Gott!" Und weil wir sie tragen, darum fennen wir kein Grauen und keinen Kleinmut. Arbeiten wir weiter an dem Ausbau unserer Organisation! Kämpfen wir weiter in der Stille und in der Deffentlichkeit um die Seele unseres Volkes!

Ernst Moritz Arndt's Schlachtgesang vor hundert Jah­ren soll unser Neujahrslied sein:

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Zu den Waffen! Zu den Waffen! Als Männer hat uns Gott geschaffen! Auf, Männer, auf und schlaget drein! Laßt Hörner und Trompeten klingen, Laßt Sturm von allen Türmen ringen! Die Freiheit soll die Losung sein!" Ja, die Freiheit, die Gott will nicht jene Kari­die Frei fatur, welche der soziale rote Haß zeichnet heit, welche Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Treue, Kraft und Leben ist! Dann mag kommen, was will- sei's trüber Tag, sei's heit'rer Sonnenschein, sei es das jink ende Abendrot zusammenbrechender Verhältnisse, sei es das aufflammende Morgenrot einer neuen Welt ser Siegeslied, das Lied von Männern, jauchzt: Wer es mit Gott herzhaftig wagt, Wird nimmer aus dem Feld gejagt!"

der wissenschaftliche Führer der Sozialdemo fraten Karl Kautzky u. a. ausführte: Für die Erhaltung des Bauernstandes einzu= treten haben wir keinen Grund, denn das könnte nur geschehen, indem wir sie in ihrem Besiz befestigen, also ganz entgegenge= ezt verfahren, wie sonst". Der Beschluß dieses Par­teitages war denn auch wörtlich: Der vorgelegte Ent­wurf eines Agrarprogrammes ist zu verwerfen, denn dieses Programm stellt der Bauernschaft die Hebung ihrer Lage, also die Stärt­ung ihres Privateigentums in Aussicht." Also trotz aller schönen Reden sind und bleiben die So­zialdemokraten Feinde der deutschen Landbevölkerung.

Ein interessantes Geständnis.

In der Hochelheimer Versammlung am 7..Jan. machte der Abgeordnete Behrens in seiner Rede auf die son­derbare Tatsache aufmerksam, daß die Freisinnigen seiner 3eit, als die Liberalen im preußischen Landtag die Mehrheit hatten, keine Versuche gemacht hätten, ein besseres Wahlrecht einzuführen. Der Füh= rer der Fortschrittlichen Volkspartei im Kreise Wetzlar, Fabrikant Pfeiffer, antwortete darauf mit der bezeich= nenden Behauptung, d a ß damals, als die Li­beralen die Mehrheit im Landtage hat­ten, seien die Wähler auch noch rückständig gewesen." Unter allgemeiner Heiterkeit der Versamm­lung stellte darauf Abg. Behrens fest, daß nach Ansicht des Herrn Pfeiffer also nur eine rückständige Wähler­Aus dem Wablkreis Wetzlar- Altenkirchen.schaft liberal wähle. Er stimme in dieser Ansicht Herrn

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In den letzten Tagen hat sich hier schon ein recht interessanter Wahlkampf entwickelt, in dem unser Abg. Behrens gut abgeschnitten hat. Man lohnt ihm seine gute Arbeit im Reichstag jetzt durch großen Beifall, den er in den einzelnen Versammlungen bekommt. Es wird uns darüber geschrieben:

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Hochelheim, 7. Jan. Die christlich- soziale Versammlung, in der unser Reichstagsabge= ordneter Behrens redete, war so stark besucht, ja überfüllt, daß keine Nadel zur Erde fallen konnte. Das war ein neuer Beweis dafür, welcher großen Be­liebtheit sich der Abg. Behrens in der hiesigen Gemeinde mit erfreut. Der Vortrag des Abgeordneten wurde großem Beifall aufgenommen. Der freisinnige Agitator Pfeiffer aus Wetzlar versuchte seine bekannten Verdreh­ungen an den Mann zu bringen, hatte jedoch bei der Versammlung kein Glück, denn die hiesigen Wähler sind politisch so geschult, daß sie über die freisinnigen Fase leien nur lächeln. Der sozialdemokratische Redner trug, abgesehen von einer die versammelten Landleute belei­digenden Aeußerung, die großen Unwillen hervorrief, seine Sache ruhig vor, ohne jedoch die geringste 3u­

ſtimmung zu finden. Im Schlußwort widerlegte Abg. Behrens die beiden Gegner. Mit frischem Humor wies er das Törichte der freisinnigen und sozialdemokratischen Setzpolitik nach. Die Versammlung war ein rechter Be­weis, daß in unserer und den Nachbargemeinden Christ­lich- sozial guten Klang hat.

Die Bauern mit den dicken Bäuchen füßen auf der ersten Bank in der Kirche", das war der prägnante Satz, mit dem der sozial­demokratische Reichstagskandidat Kremser für Kreis Wetzlar- Altenkirchen, seine Darlegungen in der Ver­sammlung der christlich- sozialen Partei in Hochel­heim einleitete. Im übrigen sprach er dann aber nicht über die Stellung seiner Partei zur Religion, sondern über das Vermieten der Kirchenstühle in seiner Heimat". Die für die Landwirte so verlegenden Sätze wurden von der Versammlung mit heftigen Unwillen zurückgewiesen. Im übrigen erging sich der sozialdemokratische Redner in einer Preispolitik für landwirtschaftliche Produkte, die zu töricht war, um auf Landwirte Eindruck zu machen. Die sonderbare Landwirtschaftspolitik" des sozialdemo­

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Pfeiffer, der es als liberaler Führer ja wissen müsse, vollkommen zu. Da heute die Wähler aufgeklärter seien, deshalb könnten die Liberalen keine Geschäfte mehr ma­chen.

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von

-e= Ulm. Die hier stattgefundene christlich- so= 3 i ale Versammlung, in der unser Reichstags­abgeordneter Behrens sprach, war überaus stark be­sucht. Der eineinhalbstündige Bericht unseres Abgeord= neten wurde mit großem Beifall aufgenommen. Aus Wetzlar war der Allerweltsredner Pfeiffer gekommen, um die bekannten freisinnigen Steuerredensarten Stapel zu lassen. Da er sich gewissermaßen als der Vor­mund der ländlichen Wähler aufspielte, so wurde ihm unter lebhafter Zustimmung der Versammlung vom Ab­geordneten Behrens bedeutet, daß er die liberalen Her­ren aus Wetzlar keineswegs als Vormünder der Wähler im Landkreise anerkennen könne. Die Wähler in den Landorten seien politisch geschult genug, um ihre Sache selbst zu führen, dazu seien die Wetzlarer liber­alen Herren nicht nötig. Wichtig war folgende& e st­stellung. Abg. Behrens erklärte, es sei ihm mehr­

verbreitet würde, er habe für die Tabaksteuer, für die Kaffeesteuer, für die Zündholzsteuer gestimmt. Das sei unwahr. Um diesen Verläumdungen ein Ende zu machen, erkläre er jeden, der ihm diesen unw a h- ren Vorwurf mache für einen groben Lüg­ner. Da der Vorwurf grober Lügner" eine Beleidig= ung sei, so fordere er diejenigen, die dieser Vorwurf trifft, auf, ihn zu verklagen, damit an Gerichtsstelle fest. gestellt werden könne, ob er für Tabak-, Kaffee- und Zündholzsteuer gestimmt habe. Nach dieser Erklärung sprang Herr Pfeiffer erregt auf und erklärte, daß Herrn Behrens den Vorwurf nicht gemacht habe. Herr Behrens nahm darauf von dieser Erklärung des Herrn Pfeiffer Kenntnis und stellte fest, daß Herr Pfeif­erabstimmungen vollkommen forrekt gehandelt habe. Da fer damit anerkenne, daß Abg. Behrens in diesen Steu­Herr Pfeiffer anscheinend für die Freisinnigen fein reines Gewissen hatte, so wehrte sich Herr Pfeiffer gegen diese logische Schlußfolgerung. Die Versammlung, die von Herrn Behrens angerufen wurde, stimmte den Ausführ­ungen des Abg. Behrens zu.

fach mitgeteilt, daß von liberaler Seite im Wahlkreise

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