Deutscher Reichstag.
weichung von den alten Gewohnheiten. Es bestimmt, daß von jetzt an von den Gerichtshöfen der Sonntag als Ruhetag betrachtet werden soll und alle Regierungsämter gleichs falls geschlossen bleiben, sofern nicht ganz dringende Ge schäfte vorliegen.
Kleine Nachrichten.
Die Feier des 50jährigen Jubiläums des dent chen Hans destages wurde gestern in Heidelberg mit einem Begrüt Bungsabend eröffnet. Es waren 150 deutsche und elf ausländische Handelskammern vertreten.
Oberbefehl des Generals der Kavallerie v. Manteuffel in Frankreich zurück. Es waren noch verhältnismäßig große Truppenmassen, die hier laut Abmachung bis zur Zahlung der zweiten Rate bleiben sollten, nämlich von der ersten Armee das erste Armeekorps, von der zweiten Armee die 4., 6., 19. und 24. Division und von der dritten Armee die 11., 22. und 2. bayerische Division. Die zweite Ratenzahlung erfolgte am 5. Mat 1873. Nun begann am 5. August 1873 der größte Teil der deutschen Truppen, die in Frankreich zurückgeblieben waren, den Abmarsch in die Heimat. Es blieb jetzt nur noch die Zahlung der fünften Milliarde der festgesetzten Kriegskostenentschädigung übrig. Bis zu ihrer völligen Bezahlung sollte auf der Festung Verdun eine 1000 Mann starke Besatzung zurückbleiben. Die 5. Milliarde wurde nach den Abmachungen, die zwischen Deutschland und Frankreich getroffen waren, in vier Raten gezahlt, alle vier Raten in Abständen von einem Monat und die erste Rate einen Monat nach der Bezah= lung der 4. Milliarde. Wie wir oben schon erwähnt haben, erfolgte diese Zahlung am 5. Mai 1873. Die ersten 250 Millionen von der übrigbleibenden fünften Milliarde mußten also am 5. Junt 1873 bezahlt werden. Das Geld traf auch pünktlich ein; die zweite Rate von wiederum 250 MilItonen war am 5. Juli fällig, am 5. August die dritte Rate und am 5. September 1873 die vierte Rate. So war die Vorbedingung dafür gegeben, daß der letzte deutsche Soldat Frankreich verließ. 8 Tage, nachdem die letzten 250 MilItonen an Deutschland abbezahlt worden waren, verließen Ste 1000 Mann Besatzung von Verdun das besiegte Land und am 16. September, also wiederum 3 Tage später als die Truppen, fehrte General v. Manteuffel nach Deutschland zurück. Damit war die Rückkehr der siegreichen Truppen aus Frankreich endgültig abgeschlossen.
Eine Woche ist nun gerade vergangen, die gewissermaBen als Probezeit beweisen sollte, ob es möglich ist, das große Werk der Reichsversicherungsordnung ohne Gewaltmaßregeln durchzubringen. Der Versuch ist bisher nicht schlecht geglückt. Man muß den Sozialdemokraten zugeben, daß sie sich streng an die Grenzen einer sachlichen Debatte gehalten und die Zeit des Hauses nicht übermäßig in Anspruch genommen haben. Wenn sie es für gut und zweckmäßig halten, thre bereits in der Kommission abgelehnten Anträge im Plenum wörtlich noch einmal vorzubringen, so mag das überflüssig sein, aber parlamentarisch ist es ihr gutes Recht. Ebenso ist es aber auch das Recht der Mehrheit, daß sie nicht gezwungen werden kann, sich in eine Debatte über diese bereits dreimal verhandelten Gegenstände einzulassen. Ste läßt die Sozialdemokraten reden und lehnt deren Anträge ab. Das ist ein völlig einwandfreies Verhalten; aber auf der anderen Seite ist nicht zu vergessen, daß die wichtigsten Stellen, diejenigen Abschnitte, die eine starte Opposition bringen werden, noch vor uns liegen, so daß irgend ein abschließendes Urtell über das Schicksal der Reichsversicherungsordnung sich immer noch nicht abgeben läßt. Jetzt ist die Beratung bis zu einer Frage vorgeschrit ten, die bei dem ganzen Werk einen Hauptdifferenzpunkt bildet,
die Verwaltung der Krankenkassen.
Rundschau vom Cage. Politisches.
Eine Hutrechnung der Prinzessin Luise von Belgien. Eine französische Modistin hat die Prinzessin Luise von Belgien für gelieferte Damenhüte im Betrage von 77 000 Francs verklagt. Die Prinzessin fand die Rechnung zu hoch und verweigerte die Zahlung. Vor Gericht wurde der Modistin voll Recht gegeben und die Prinzessin zur Zahlung des eingeklagten Betrages verurteilt.
Fleischnot in Bayern. Aus München meldet der Draht: Die Fleischnot in Bayern ist jetzt bis zu einem Stadium gelangt, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann. Zum erstenmal ist der Fall eingetreten, daß der Münchener Viehmarkt ohne jeden Ochsenauftrieb war.
Roosevelt geht auf die Eisbärenjagd. Der. bekannte amerikanische Polarforscher Kapitän Barklett kündet an, daß Roosevelt eine längere Jagdreise durch das grönländische Polargebiet plant, um dort Eisbären zu schießen. Die Vorbereitungen sind bereits im Gange. Die Abreise Roosevelts kann schon in wenigen Wochen erfolgen.
Die dritte Lesung der elsaß- lothringischen Verfassungsvorlage in der Kommission hat wider Erwarten mit der Ablehnung des Gesetzes im ganzen geendet. Da dieser Beschluß indessen mit 13 gegen 12 Stimmen gefaßt wurde, so besteht noch einige Aussicht, daß sich im Plenum ein positives Ergebnis herbeiführen läßt. Für das Gesetz stimmten die vier Fortschrittler, der Abg. Gregoire, das elsässische Mitglied der Reichspartei und sechs Zentrumsmitglieder. Dagegen stimmten die vier Sozialdemokraten, der Pole, zwei Zentrumselsässer, der Vertreter der Wirtschaftlichen Vereinigung, die vier Konservativen und das andere Mitglied der Reichspartei. Die drei Vertreter der Nationalliberalen enthielten sich der Abstimmung.
Es war von vornherein zu erwarten, daß die sozialdemofratischen Vertreter hier mit besonderer Zähigkeit und selbst bet threm nicht alltäglichen Temperament eine scharfe Klinge führen würden. Der konservative Abg. Graf Westarp, einer der gewandtesten Debatter der Rechten, vielleicht des ganzen Reichstags, verlangte, daß der Mißbrauch der Krankenkas= fen zu parteipolitischen Zwecken beseitigt werden müsse. Als er behauptete, daß die Sozialdemokraten in„ zynischer und frivoler Weise" dem Gesetz ins Gesicht geschlagen hät= ten, da entstand ein fürchterlicher Lärm unter den Sozialdemokraten. Die Zwischenrufe frecher Junker", Ste bellen wie ein Hund" und ähnliche Schmeicheleien fielen so hageldicht, daß der arme Präsident gar nicht wußte, wem er zuerst einen Ordnungsruf erteilen sollte, und der Lärm ging immer weiter. Die Sozialdemokraten umlagerten die Tribüne und suchten den Redner durch fortwährende Zwischenrufe zu unterbrechen, wobei es nicht ohne weitere Ordnungsrufe abging. Zum Schlusse richtete Graf Westarp einen Appell an die Behörden, nicht schlapp zu sein gegenüber dem Kassenmißbrauch. Abg. Eichhorn( Soz.) wandte sich in langen Ausführungen gegen die Angriffe des Vorredners und betonte, daß die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter mit den Krankenkassen gar nichts zu tun haben. Auch Eichhorn erhielt für eine Bemerkung über die Moral der Junker" einen Ordnungsruf. Hiernach ergriff Staatssekretär Delbrück das Wort zu längerer Rede, in der er die Frage untersuchte, ob von einer„ Entrechtung der Arbeiter" schon allein dadurch, daß der Gesetzgeber die Verwaltungnormen ändere, gesprochen werden könne. Er legte dar, daß die inzwischen eingetretene Entwickelung die Bestimmungen über die Selbstverwaltung der Kassen, wie sie seinerzeit durch das Krankenversicherungsgesetz geschaffen seien, nach den allgemeinen langbewährten Verwaltungsgrundsäzen nicht mehr rechtfertige. Korporationen, die sich des Schutzes des Gesetzge bers erfreuten, bedürften auch seiner Aufsicht, sollte nicht die Gefahr eintreten, daß sie zu Zwecken gebraucht würden, die mit dem öffentlichen Interesse und den Zielen des Staa= tes nicht vereinbar seien und die in keinem Zusammenhange ständen mit den Aufgaben, die diesen Korporationen sonst gestellt sind. Der Direktor im Reichsamt des Innern Caspar ging auf die Ausführungen des Abg. Eichhorn näher ein und betonte, daß vielen national gesinnten Männern, die an den Krankenkassen beschäftigt waren, gekündigt wurde, weil sie Sozialdemokraten Platz machen mußten. Redner verlas Aeußerungen von verschiedenen Aufsichtsbehörden, die den Kassenverwaltungen vorwerfen, daß sie Parteiangehörige bevorzugen. Nach weiteren Ausführungen des Abg. Becker- Arnsberg( Zentrum), der verlangte, daß die Kassen neutralisiert werden, damit sie ihrem gefeßlichen Zweck wieder zugeführt würden, vertagte sich das Haus auf Freitag.
Die Rückkehr unserer Truppen 1871
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Einen Gattenmord verübte der Gelegenheitsarbeiter Stroinski in Beuthen( Oberschlesien). Hausbewohner ver. mißten seine 28jährige Frau und erbrachen die Wohnung. Hier fanden sie die Leiche in einer Blutlache liegen. Der Mann, ein arbeitsscheuer Mensch, der erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, wurde unter dem Verdacht der Tat verhaftet und gestand den Mord auch ein.
Die Agrarfommission des preußischen Abgeordnetenhauses hat sich am Donnerstag in mehrstündigen Verhandlungen mit der Frage der Errichtung eines staatlichen Naturschutzparkes in der Lüneburger Heide beschäftigt. Es wurde beschlossen, und zwar mit allen gegen eine Stimme, die Staatsregierung zu ersuchen, fährlich 40 000 Mark für diesen Zweck die nächsten 10 Jahre hindurch in den Etat einzustellen.
Große Unterschlagungen in einem Postamt. Auf einem Charlottenburger Postamt ist man großen Unterschlagungen auf die Spur gekommen. Es handelt sich um die Veruntreuungen von mehreren tausend Mark, die ein Gelöbrief= träger begangen hat.
Vom Blizz erschlagen. Ein Ackerbürger aus Müncheberg bei Berlin war gestern mit seinem 16jährigen Sohn auf das Feld gefahren, als ein furchtbares Gewitter losbrach. Der Bliz schlug in den Wagen ein. Die beiden Pferde waren sofort tot. Der Sohn wurde auf beiden Setten gelähmt, während der Vater unverletzt blieb.
Tödlicher Automobilunfall. In Schnelsen in Holstein stieß das Automobil eines Arztes gegen einen Baum. Die Insassen wurden herausgeschleudert. Die Tochter des Arztes war sofort tot, seine Frau und seine andere Tochter wurden leicht, er selbst und der Chauffeur schwer verletzt.
In der Frage der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart ist eine überraschende Wendung eingetreten. Der Führer der Fortschrittlichen Volkspartei richtete in einer öffentlichen Wählerversammlung im Interesse der Einigung der bürgerlichen Parteien die Aufforderung an seine Partei, die gänzlich aussichtslose fortschrittliche Kandidatur zurückzuziehen und für die nationalliberale Kandidatur des Regierungsrats Lautenschläger einzutreten, die die meisten bürgerlichen Stimmen auf sich vereinige, weil sie von Konservativen und Zentrum unterstützt werde. Wenn dieser Aufforderung des volksparteilichen Führers Folge geleistet würde, ist die Möglichkeit eines Sieges des sozialdemokratischen Kandidaten beseitigt.
Nach dem Friedensschluß am 10. Mai 1871, dessen 40fähriger Gedenktag soeben gefeiert wurde, begann der Rücktransport der siegreichen Truppen in die Heimat, wo die Rückkehr zu einem wahren Triumphzuge durch deutsche Lande wurde. 3um großen Teil begann die Rückkehr der riesigen Truppenmassen schon früher, da es Monate bedurfte, um die Rückkehr der Hunderttausende zu regeln. In den ersten Tagen des März wurden die ersten Transporte in die Wege geleitet und am 16. März kehrte Katser Wilhelm nach Berlin zurück, um am 17. Juni den Einzug ber Truppen in Berlin zu sehen. Damit war aber die Rückkehr der ganzen Truppen noch nicht abgeschlossen. Der Friedensschluß vom 10. Mai hatte bekanntlich den Franzosen die Zahlung einer Kriegsentschädigung von 5 MilItarden auferlegt. Bis zur restlosen Zahlung dieser 5 MilItarden blieb ein Teil der Offupationsarmee unter dem
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3wei Kirschen an einem Stengel.
Roman von A. von Liliencron. Nachdruck verboten.
30 Hänser eingestürzt. Ueber die Stadt Alexandrowo ging ein Wolkenbruch von großer Heftigkeit nieder. Die ganze Stadt ist überschwemmt. Unter dem Andrang der angestauten Wassermassen stürzten 30 Häuser ein. Der Schaden ist enorm.
Ein französisch- spanischer Geheimvertrag über Marokko soll nach der Meldung eines Pariser Blattes im Jahre 1902 abgeschlossen worden sein. Nach den Bestimmungen des Artikels 7 soll die spanische Regierung sich verpflichten, in Anbetracht der beträchtlichen Handelsinteressen der Untertanen des deutschen Kaisers in Marokko dem Deutschen Reiche für einen noch zu bestimmenden Zeitraum einen Hafen an der atlantischen Küste zu verpachten, der Casablanca oder Rabat sein könnte.
Aus den Gerichtssälen.
Das Döberitzer Wildererdrama vor Gericht. Vor dem Schwurgericht des Berliner Landgerichts III begann am Donnerstag die Verhandlung wegen der Bluttat, der im Februar d. J. der Gefreite vom Gardeschützen- Bataillon Brandt zum Opfer gefallen ist. Die Anlage richtet sich gegen den 51 Jahre alten verheirateten Gärtner Bunde und den Arbeiter Arndt und lautet gegen Bunde auf Mord und gewerbsmäßiger Wilddieberei, gegen Arndt auf Beaünsti gung und gewerbsmäßiger Hehleret. Bunde gibt an, daß er am Abend des 17. Februar auf der Döberizer Heide in der Nähe des Weinberges gesessen habe, fein zusammenleg bares Gewehr hatte er bei sich. Plötzlich set in seinem Rüffen ein Soldat aufgetaucht, der auf eine Entfernung von 2 bis drei Metern, ohne ein Wort zu sagen, auf ihn geschossen habe; die Schüsse seien aber fehlgegangen. Darauf habe er sein Gewehr genommen und habe auf den Soldaten zweimal geschossen. Der erste Schuß set auch fehlgegangen, der zweite habe den Soldaten leicht am Ohr oder an der Wange verletzt. Der Soldat sei dann nach dem Fliegerschuppen zu gegangen, und er, Bunde, habe sich zu dem mitangeklag ien Arndt begeben und dort sein Gewehr versteckt. Damit war die Vernehmung der Angeklagten beendet und wurde in die Beweisaufnahme eingetreten. Es sind im ganzen 58 3engen und zehn Sachverständige geladen.
Ueber die chinesische Aufstandsbewegung in der Mandschurei tommen aus Petersburg beunruhigende Nachrichten. Eine Feuersbrunst zerstörte in der Hauptstadt der Provinz Kirin über 3000 Häuser. Das Feuer wurde von Chunchusen angelegt. Der Gouverneur flüchtete, die Europäer bezogen Notquartiere am jenseitigen Sungariufer unter dem Schutz des russischen Konsulats. Hunderttausend Chinesen wurden obdachlos. Die Chunchusen zünden planmäßig die Ortschaften längs der Ostchinabahn an. Der Schaden ist gewaltig.
Frau Amrum wehrte ihr ungeduldig ab.„ Bist wohl närrsch, Kindel! Das bissel Schaden tut nichts; ob solch a Bröckel fehlt oder nit, is egal, schön blewis doch, und die Rösel werd mirs danke, daß ichs herausgeframt hätt! Wißt, Kindel, a Sträußel fehlt noch im Stübel, das fünnst noch hole; droben beim Bruch blüht die Heide, und Schöneres gibts halt nit."
Sonntagsruhe in China. Ein soeben herausgegebenes kaiserliches Edikt bringt eine neue bemerkenswerte Ab
Kathi war einverstanden. Die rote Erika sammeln und zum Bruche gehen, das fam ihr recht gelegen, und mit einem Lächeln, das die Grübchen im Kinn und Wange zeigte, meinte sie:„ Mutterle, wennst wir zwei nun heute so vill Früd habe, dann wüllen wir se allweil of andern günne. Wann ich von uns Striezel a Stüdel abschneiden und dem Hans Ruland zum Frühstücke bringen tät, dann hätt er sin Pläsir dran, wenn er's aufschnabliert, und ich min Spaß, weilst ich ihm dabi zusehen tät."
Frau Amrum nichte. Schon recht so, aber feder dich, daß du bald zurück bist."
gleich das rechte Wort, um fortzufahren, und sah ihm, der thre Hand gefaßt hatte, fragend in die Augen. ,, Bist noch grantig?" suchte sie zu ergründen. ,, Bist noch de Trotztopf?" fragte er statt aller Antwort zurück.
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Ein Engelmachervaar stand in der Person des Händlers Boer aus Mondorf und seiner 22jährigen Frau vor der Cölner Straffammer. Ste zogen durch Dorf und Stadt, indem sie sich als ein wohlhabendes Gutsbesitzerpaar ausgaben, das ein Kind adoptieren wolle. Auf diese Weise erhielten sie zahlreiche Kinder, zumteil im zartesten Alter. Das Geld verbrachten sie. Die Kinder legten sie nackend in irgend einem gemieteten Zimmer nieder, um sie auf diese Weise an Entbehrungen zugrunde gehen zu lassen. Die Frau nahm die Kinder auch bei Regen und Wind ungenügend bekleidet mit, sie hoffte, die armen Würmchen auf diese Weise schneller beseitigen zu können. Der Mann wurde zu zwei Jahren Zuchthaus, die Frau zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.
Da lachte sie ihr sorgloses Vogelgezwitscher, und er stimmte in fräftigem Tone mit ein. Jetzt war auf einmal alles Aergerliche wie fortgewischt, und vergessen, daß sie sich gestern erzürnt hatten. Sie holte ihren Striezel heraus, und es fam, wie sie erwartet hatte, er verzehrte ihn voll Wohlbehagen, und sie freute sich daran.
Wozu dast de grot Strug pflückt?" fragte er, mit vollen Baden kauend.
Da drohte die Geschichte schon wieder in ein gefährliches Fahrwasser hinüberzugleiten. Kathi erfaßte das aber zu rechter Zeit und antwortete, einer eifersüchtigen Regung vorbeugend, die Mutter hat michs geheiße, ich süllt die Blümle uf de Tisch stelle, wenn de..."
Eine halbe Stunde später stand Kathi, einen dicken Busch blühender Heide in der Hand, unter dem alten Eichbaume dicht am Basaltbruche. Sie wußte, das war der Frühstücksplatz des alten Spielkameraden, denn von dort fonnte er das rote Dach ihres Hauses sehen. Nun hatte sie sich so beeilt, um zur rechten Zeit hier zu sein, daß ihre Wangen glühten vom hastigen Blumenpflücken und von der Freude, den Hans wieder zu versöhnen. Das mochte wohl noch mehr der Grund sein, daß ihr so heiß war, warme Freude leuchtete aus ihren Augen. Sie hatte es gut abgepaßt, denn in dem Augneblick, als sie den Eichbaum erreicht hatte, kam der Bursch aus dem Bruche. Mit einem Sage war er an ihrer Seite. ,, Da bist ja, Mädel!"
„ Ja, da bin ich", sagte sie zögernd und fand nicht
er. ,, Nun ist sie mir aber wiederkomme die unbändige Lust, Dir a Freud zu mache, und da süllst Du es auch glir uf den Fled habe.' S is a silbernes Kruzel, tätst Di ja mal so ins wünsche, und nu mußt Dus auch morge zur Kirmes trage und allemal, wenn Du so recht vergnügt bist." Er drückte ihr das Päckchen in die Hand.
,, de Großstädter fümme", schnitt er ihr das Wort ab. Er sagte es nicht ärgerlich, sondern nur neckend, aber das Mädchen war doch besorgt, es könne wieder zu einem Wortwechsel kommen wie gestern. Sie zog das schönste Büschel des Heidekrautes aus ihrem Strauße, griff nach seinem Hute, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, und steckte die Blumen daran.
Gelt, so is fein?" lachte sie ihn an und hielt ihm den Hut hin.
Sie war ganz rot geworden und ganz benommen vor Freude. Langsam, fast feierlich wickelte sie es auf, und als sie nun das kleine silberne Kreuz herausnahm, strahlte sie über und über. ,, Wie guat Du bist, Hans, lieber Hans. Wat soll ich Di nur dafür gebe!"
Sein frisches Gesicht strahlte. ,, Mädel, kumm, rück mal heran! Jch häb Dir was zu vertelle, ich wull dir was gebe." Gehorsam tat sie nach seinem Willen, sie war doch neugierig, zu wissen, was er vorhabe, und drängte:„ Mach zu, Hans, de Mutter zanft, wenn ich nit rasch wieder dahem bin."
Er hatte schon die Antwort bereit, aber die grelle Pfeife am Bruche, die zur Arbeit rief, und die Kameraden, die seitwärts gelagert hatten und jetzt vorbeikamen, das alles zusammengenommen hinderte ihn an der Aussprache. Es war ja etwas recht zärtliches gewesen, das er hatte sagen wollen, und dazu erschien ihm jezt der Augenblick nicht geeignet. Er griff nach seinem Hute, schwang sich auf und rief ihr nur noch zu: ,, Uf an ander Mal, Kathi, uf an ander Mal!"
Er suchte in seiner Westentasche und holte einen fleinen in rotes Seidenpapier gemidelten Gegenstand heraus. ,, Gestern schon wüllt ich Di das Ding gebe, aber hernach war mir die Lust vergange Du weßt schon", sagte
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Sie nickte ihm flüchtig zu, aber es war doch gar so herzig gewesen, dachte er bei sich und ging frohgemut an die Arbeit.
Sein blondes Schätzchen wanderte mit leerem Körbchen denn das hatte er ausgefuttert doch mit einem Herzen voll Jubel, leichten Schrittes heim. Sie sang dabei fröhlich wie eine Lerche, nur hin und wieder unterbrach sie sich und drückte ihr kostbares Geschenk an die Lippen. Unter allerhand eifrigen Vorbereitungen für den Be such tam der Nachmittag schnell heran. Der Kaffee brodelte auf dem Herd, auf dem sauber gedecken Tische prangten Striezel und Napftuchen und in der Mitte der Heideblumenstrauß, der, so hatte Kathi es sich ausgedacht, die braune Kanne etwas verdecken sollte, die ihr nun doch einmal ein Dorn im Auge war.
( Fortsetzung folat.)
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