Deutscher Reichstag.
Die Weiterberatung des Militäretats bei den Militärwerkstätten nahm am Freitag mehr den Charakter einer Auseinandersetzung zwischen einzelnen Abgeordneten, insbesondere Arbeiterführern an, bei der die Rücksichten auf die Geschäftslage und den eigentlichen Zweck der Einzelberatung des Etats recht sehr aus den Augen verloren wurden und mehrfach Redner von seiten des Präsidiums auf das Thema hingewiesen werden mußten. Vorübergehend drohte sogar die Besprechung infolge einer voraufgegangenen Bemerkung des Abg. Potthoff( fortschr. Vp.), das Zentrum sei staatsfeindlicher als die Sozialdemofratie, in eine parteipolitische Auseinandersetzung über das voraussichtliche Ergebnis der bevorstehenden Reichstagswahlen zwischen der Linken und dem Zentrum auszuarten, denn der Abg. Mommsen nahm die Bemerkung setnes Parteifreundes auf, freilich mit einiger Vorsicht, so daß man nicht recht erkennen fonnte, ob er persönlich der gleichen Auffassung huldigt. Jm ganzen läßt sich über die Debatte, in der Vertreter der großen Arbeiterorganisati= onen mit Rednern abwechselten, die Wahlkreisinteressen zu vertreten hatten, nichts neues berichten. Das Problem der Koalitionsfreiheit staatlicher Arbeiter, die Lohn- und Aufrückungsverhältnisse, die Beschaffung von Arbeiterwohnungen und ähnliche Fragen wurden eingehend in ge wohnter Weise besprochen. Generalmajor Wandel gab namens der Heeresverwaltung Aufschluß. Eine Resolu tion des Zentrums, die einen Ausbau der Pensions- und der Witwen- und Waisenkasse fordert, wurde angenommen, ebenso eine Resolution der Budgetkommission, daß bei Waffen- und Munitionslieferungen die billiger liefernde Privatindustrie mehr herangezogen werden solle. Nach furzer weiterer Debatte wurde die Beratung auf Diens tag vertagt.
Rundschau vom Cage.
Politisches.
Ueber Kaiser Wilhelm und den Sturz Delcassés berichtet der„ Hamburgische Korrespondent": Am 17. Juni 1906 befand sich in Berlin der französische General de la Croix als Leiter der Deputation, die zur Hochzeit des Kronprinzen vom Präsidenten Fallieres nach Berlin entsandt worden war. In Döberitz bei einer Parade, zeigte Kaiser Wilhelm dem General das Telegramm, in welchem der Rücktritt Delcassés gemeldet wurde. General de la Croix soll darauf zum Kaiser gesagt haben:„ Ich beglückwünsche Eure Majestät, ich beglückwünsche Frankreich, ich beglückwünsche ganz Europa."
Vereinfachung des gregorianischen Kalenders zu beteilis gen. Die schweizerischen Handelskreise drängen darauf, daß der Bundesrat die Sache beschleunige und gemäß den Beschlüssen des Londoner internationalen Handelskammerfongresses vom Juni 1910 in die Hand nehme.
Deutsche Schiffsingenieure für die Türkei. Die der türkischen Regierung verkauften Dampfer des Norddeutschen Lloyd, Oldenburg",„ Darmstadt“ und„ Roland" sind fürzlich in Konstantinopel eingetroffen. Der türkische Marineminister äußerte sich bei der Besichtigung der Schiffe äußerst befriedigt über ihren Zustand, und drückte den Wunsch aus, zum Einererzieren der türkischen Besagung einige Kapitäne des Norddeutschen Lloyd engagieren zu dürfen. Der Norddeutsche Lloyd stimmte zu. Infolgedessen sind ein Kapitän, ein erster Offizier und zwei Maschinisten, vorläufig auf ein halbes Jahr in türtische Dienste getreten.
Der Layerische Zentrumsführer Prälat Dr. v. Daller ist nach längerem Leiden Freitag mittag in Freising geflorben. von Dalier, im bayerischen Volksmund kurzweg Papa Daller" genannt, war mit seinen sechsundsiebzig Jahren der Senior der Zentrumsfraktion des bayerischen Landtags und, was sein parlamentarisches Dienstalter an( Tangte, zugleich auch der Nestor des Abgeordnetenhauses. Er gehörte der Kammer der Abgeordneten mehr als vierzig Jahre ununterbrochen an.
Um die Durchführung des Reichszuwachssteuergefetes tunlichst zu erleichtern, beabsichtigt nach der„ Neuen Pol. Korr." die Reichsfinanzverwaltung, amtliche Mitteilungen über die Zuwachssteuer in zwanglosen Heften zu veröffentlichen, in denen fortlaufend Entscheidungen und Erörterungen der bei der Anwendung hervorgetretenen Zweifelsfragen bekannt gegeben werden sollen. Diese Mitteilungen sollen von der Reichsdruckerei verlegt werden und zu einem mäßigen Preise durch die Postanstalten zu beziehen sein.
Der ungarische Parlamentsausschuß bewilligte das Heeresbudget und die außerordentlichen Heereskredite. Im Laufe der Debatte erklärte Feldmarschall- Leutnant Soffmann, die Rückständigkeit des Heeres habe einen Grad erreicht, der, wenn er noch länger andauere, die Monarchie aus dem Wettbewerb mit anderen Staaten aus= schließen könnte.
Ein neuer Rogeraufstand? Der„ Nationalzeitung" wird aus Moskau gemeldet: Wie man hiesigen Zeitungen aus Charbin telegraphiert, steht China am Vorabend eines allgemeinen Voreraufstandes. Die Bewegung richte sich nicht allein gegen die Dynastie. Die Vertretungen der auswärtigen Mächte haben besondere Schutzmaßregeln für ihre Staatsangehörigen verlangt.
Bei der Beratung des Postetats in der Budgetkommission des Reichstags hat die Sozialdemokratie einen Antrag auf Erhöhung der Gehälter für die Unterbeamten eingereicht. Der Schazsekretär erklärte im Laufe der Beratung: Die verbündeten Regierungen seien fest entschlos= sen, für die nächste Zeit Aenderungen an der Besoldungsordnung nicht vorzunehmen. Eine Zentrumsresolution auf Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses an einzelnen Orten wurde angenommen. Der Schatzsekretär erinnerte daran, daß der Reichsanzeiger" bereits die Mitteilung gebracht habe, daß der Bundesrat die Grundsätze beschlos= sen habe, nach denen eine anderweite Klassifizierung der einzelnen Orte erfolgen solle. Das Reichsschazamt bearbeite jetzt die zahlreichen Petitionen nach diesen Grundsätzen.
Kleine Nachrichten.
Die Pest in der Mandschurei ist weiter im Rückgang begriffen. In Schantung ist die Lage infolge zu spät ergrif= fener Maßnahmen noch bedrohlich. Peking und Tientsin find pestfret. In Charbin wurde gestern zum ersten Male feine Pesterkrankung festgestellt.
Die Festlegung des Osterfestes. Der Schweizer Bundesrat hat beschlossen, bei den Großstaaten Informationen einzuziehen, ob sie bereit wären, sich an einer diplomatischen Konferenz zur Festlegung des Osterfestes und zur
7)
Das Familiengeheimnis.
Roman von L. Walter. ( Nachdruck verboten.)
Die Hebammen in ganz Bayern sind übereingekommen, den Vätern in Bayern, denen am 12. März, dem 90. Geburtstage des Prinzregenten Luitpold ein Knabe geboren wird, zu empfehlen, diefen, dem Prinzregenten zu Ehren, den Namen Luitpold zu geben.
Für 80 000 M Wertsachen sind gestern in der Wohnung eines Schankwirts in Alt- Berlin ermittelt worden, wo sie ein vielbestrafter Verbrecher, der angebliche Viehhändler Stamberger, untergebracht hatte. Die Sachen stammen zum größten Teil aus einem Einbruchsdiebstahl, der vor eini= ger Zeit bei einem Edelsteinhändler in der Grünstraße verübt worden war.
Absturz eines Omnibusses. Bei Röttgen in der Nähe von Bonn stürzte ein Omnibus infolge des Scheuens des Pferdes eine zehn Meter tiefe Böschung hinab. Der Kutscher wurde getötet. Zum Glück war der Omnibus unbesetzt.
tors in seinem Sommeraufenthaltsort in blaz verfügte. Er war ursprünglich gegen eine Raution von 10 000 Mart auf freiem Fuß belassen worden, seine Verhaftung wurde aber verfügt, da man Grund zu der Annahme zu haben glaubte, daß er danach trachtete, über die österreichische Grenze zu entfltehen. Zur Anklage stand eine ganze Reihe von Fällen, in denen, wie behauptet wird, an Mädchen im Alter von dreizehn bis fünfzehn Jahren schwere Verfehlungen vorgekommen sein sollen. Bock sitzt seit dem 30. Juli v. J. in Untersuchungshaft. Die Sache hat sich dadurch verzögert, daß Bock, wie bekannt, in der Haft schwer erkrankt war und sich einer Operation hatte unterziehen müssen. Bock ist 49 Jahre alt, verheiratet und Vater eines sechzehnjährigen Sohnes und zweier Töchter. Die Verhandlung, die drei Sizungstage in Anspruch nehmen dürfte, wird unter vollem Ausschluß der Deffentlichkeit stattfinden. Wir werden das Urteil mitteilen.
Der Revolver im Klassenzimmer. Als während der Frühstückspause im Gymnasium zu Beuthen( D.- Schl.) ein Tertianer den Mechanismus einer mitgebrachten Browningpistole erklären wollte, ging plößlich ein Schuß los und traf den 16jährigen Sohn des Oberbürgermeisters Brüning, der schwer verletzt wurde.
Auf eigenartige Weise Selbstmord verübt hat die vierzigjährige Emilie Petit im kleinen Juradorfe Charneren. In der Nacht holte sie eine Leiter und trug sie zur nahegelegenen elektrischen Zentrale. dort stieg sie auf das Dach und warf sich gegen die Drähte der elektrischen Leitung. Der durch Brandwunden entstellte Leichnam fiel vom Dache herunter und wurde am Morgen aufgefunden.
Vermischtes.
In Sachen des Mordes an der Witwe Hoffmann in Berlin ist der in demselben Hause wohnende Privatfran fenpfleger Griehl festgenommen worden, der, wie erst jetzt ein Hausbewohner befundete, zu der Zeit, wo der Mörder die Wohnung der Frau Hoffmann verlassen haben muß, die Hintertreppe herunterkam und, wie die Kriminalpolizei annimmt, das Haus unbemerkt verlassen wollte, aber wetl die Haustür verschlossen war, die Vordertreppe wieder hinaufgehen mußte. Frau Hoffmann pflegte, bevor sie auf Reisen ging, Grieht die Aufsicht ihrer Wohnung zu übertragen, und wird so viel Vertrauen zu ihm gehabt haben, daß ihm auf sein Klopfen ohne weiteres geöffnet wurde.
Ermordet aufgefunden wurde am Freitag im Essener Stadtwalde der 20 Jahre alte Techniker Reid aus Rüttenscheid. Der Tod ist durch einen Schlag mit einem schweren Gegenstand an die rechte Schläfe herbeigeführt worden. Ein Geldbetrag von 50 bis 60 M, Taschenuhr und Ringe fehlen. Zwischen dem Täter und seinem Opfer hat ein erbitterter Kampf stattgefunden.
Aus den Gerichtssälen.
Eine Erbschaft von vier Millionen Mark fiel, so wird aus London berichtet, zwet alten Leuten zu, die seit kurzem in den Genuß der staatlichen Alterspension gelangt sind. Es sind dies zwei in den dürftigsten Verhältnissen lebende Greise, von denen der eine in Blaby bei Leicester, und der andere in Leicester wohnt. Die Erbschaft ist die richtige traditionelle Hinterlassenschaft eines amerikanischen Erbonkels. Vor mehr als 30 Jahren war nämlich ein Onkel der beiden Alten nach Amerika ausgewandert und hatte sich in Salt Lake City unter den Mormonen niedergelassen. Es vergingen Jahrzehnte, und nichts wurde von dem Europamüden gehört. Er galt als verschollen. Inzwischen hatte aber der Auswanderer seine Zeit in der besten Weise verwertet, und durch Viehhandel und außerordentlich glückliche Spekulationen ein großes Vermögen erworben. Die Ueberraschung der beiden Greise läßt sich lebhaft denken, als sie jetzt erfuhren, daß sie plötzlich zu Millionären geworden seien. Sie hätten an alles andere eher, als an eine Mormonen- Millionen- Erbschaft gedacht.
Das Verfahren gegen Rektor Bock. Reftor Bock, der vielgenannte ehemalige Leiter der 40. Berliner Gemeindeschule hat sich jetzt wegen Sittlichkeitsverbrechens und Beleidigung vor der 1. Straffammer des Landgerichts Berlin II zu veranworten. Mit ihm ist der Lehrer Anton Knösel angeklagt. Der Angeklagte Bock, über dessen Verhalten seinen Schülerinnen gegenüber schon seit längerer Zeit allerlei Gerüchte verbreitet waren, war schon anfangs vorigen Jahres einmal von der Kriminalpolizet verhaftet worden, weil von einer Schülerin Beschuldigungen gegen ihn erhoben worden waren. Bock wurde aber nach vter Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt, weil das Mädchen die Beschuldigungen widerrufen hatte. Die Kriminalpolizei stellte jedoch weitere Ermittlungen an, und es kamen über das Verhalten des Rektors Bock und auch des Mitange= klagten zu den Schülerinnen so absonderliche Dinge zutage, daß die Staatsanwaltschaft die Verhaftung des Rek
Die Unterredung war zu Ende. Der junge Mann erreichte bald das nahe Tor, verfolgte einen mit Akazien besetzten Fußweg und schritt rasch einer Häusergruppe zu, die von lebendigen Hecken umgeben war. Die Häuser, vier an der Zahl, bestanden alle nur aus einem Erdgeschosse. Sie bildeten eine Reihe, hinter der sich Gärten und Felder ausdehnten. Der Fußweg führte an den Türen vorüber. Der Auguſtabend war wunderbar schön; in voller Majestät schwebte der Mond am Himmel, goldenes Licht auf die Stadt herabsendend, in der Angst, Schrecken und Trauer herrschten. Die Häuser aber lagen so friedlich, so still, als ob der böse. Geist, der die Straßen der Stadt durchzog, sie vergessen hätte oder keine Gewalt über sie habe. In den Linden flüsterte ganz leise der Abendwind und an den Obstbäumen unterschied man die reifenden Früchte, deren Last die Zweige herabbog. Hier und dort schimmerte Licht aus den Fenstern, die der frischen Abendluft geöffnet waren. Man hörte die Worte der Bewohner, die sich unterhielten. Karl achtete nicht darauf, er ging an den ersten drei Häusern vorüber; an dem vierten, dem letzten, blieb er stehen. Die Türe und die Läden der Fenster waren geschlossen. Es schien, als ob das freundliche Häuschen nicht bewohnt fet. Kein Laut, kein Geräusch regte sich in dem Innern. Was ist das?" dachte Karl bestürzt.
Er trat zu der Tür, deren gelbes Messingschloß hell erglänzte und erfaßte den Griff der Glocke. Ihm fehlte der Mut, ein Zeichen zu geben, das ihm vielleicht eine Schreckliche Gewißheit verschaffte. Die Geliebte wohnte hier mit der Mutter. Die schöne und brave Auguste, an der sein Herz in schwärmerischer Leidenschaft hing. Frau Bauer war die Witwe eines Lehrers, der vor drei Jahren gestorben. Das Häuschen und der Garten war ihr eige=
nes Besitztum; ein kleiner Witwengehalt machte es ihr möglich, mit dem einzigen Kinde in stiller Abgeschieden= heit sorglos zu leben.
Giftige Spinnen als Landylage. Von einer sonder baren Landplage wird aus Uruguay berichtet. An verschie denen Punkten der Republik sind massenhaft kleine schwarze, äußerst giftige Spinnen aufgetaucht. Ihr Biß soll, wenn nicht sofort ärztlicher Beistand geleistet wird, unfehlbar in wenigen Minuten den Tod bringen. Zahlreiche Personen sollen den Spinnenbtssen bereits erlegen sein.
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Noch immer Grünenthaler Scheine. Der soeben erschtenene Rechenschaftsbericht der Reichsbank hat sich wiederum wie seit einigen Jahren, mit den Veruntreuungen des früheren Oberfaktors der Reichsdruckeret, Grünenthal beschäf tigt. Wie noch bekannt sein dürfte, hat Grünenthal, der die Anfertigung der Tausendmarkscheine in der Reichsdruckeret zu überwachen hatte, viele Hunderttausende von Mark in folchen Scheinen für sich angefertigt. Diese„ Grünenthaler" waren feine eigentlichen Fälschungen im Sinne des Wortes, sondern Grünenthal nahm die in seiner Verwahrung befindlichen Scheine, die bis zum Aufdruck der Nummern fertiggestellt waren, und versah sie eigenhändig mit Nummern. Die so in den Verkehr gekommenen Scheine waren demnach durchaus echt, und nur durch das Anhalten der Scheine und die Kontrolle dre Nummern konnten nach und nach die„ Grünenthaler" festgestellt werden. Nachdem schon 1909 für 258 000 M dieser Scheine entdeckt wurden, teilte die Reichsbank mit, daß im abgelaufenen Geschäftsjahr wieder für 220 000 M Tausendmarkscheine mit doppelten Num mern angehalten wurden. Im Jahre 1908 waren es 316 000, 1907 344 000 und 1906 740 000 M, die Grünenthal für sich angefertigt hatte. Zu einem Prozeß kam es seinerzeit nicht, da Grünenthal sich im Untersuchungsgefängnis erhängte. In den Waldes tiefsten Gründen hauste eine Einbrecherbande, die jetzt aus der Untersuchungshaft der 1. Straffammer des Landgerichts Berlin vorgeführt wurde. Im Sommer v. J. wurde der Norden von Groß- Berlin von einer Einbrecherbande heimgesucht, die nachts auf Raubzüge ausging. So wurden u. a. bei einem Ingenieur zu Frohnau Kupfer- und Messinghähne im Werte von 500 Mark gestohlen. Einige Tage darauf wurden bei einem Kaufmann 40 Flaschen Wein und bei einem Restaurateur 30 Flaschen Liför gestohlen. Schließlich gelang es zwei Genbarmen eine Spur zu entdecken, die zu der Festnahme der Diebesbande führte. Ein Mitglied der Bande gestand, daß sich die Diebe in einer Schonung an der Tegeler Grenze eine regelrechte Räuberhöhle eingerichtet hätten. Als sich darauf Gendarmen dem Diebesversteck näherten, bemerkten sie dort einen der Angeklagten, der mit dem geladenen Revolver in der Hand schlief. Er wurde, ehe er von der Waffe Gebrauch machen konnte, überrumpelt und gefesselt. Die
Karl lauschte an dem Fenster: Nichts regte sich. In diesem Zimmer stand das Klavier, das Auguste meisterhaft Ipielte. Wie oft hatte er in diesem traulichen Gemache auf die Lieder gelauscht, die die Geliebte zwar nicht kunstvoll, aber glockenzein und innig vortrug. Er wußte auch, daß das junge Mädchen sich um diese Zeit durch Musik zu unterhalten pflegte, dann hatte er sie sonst oft durch den plöglichen Eintritt überrascht und ihr leicht die Wange gefüßt, ehe er den Abendgruß ausgesprochen. Die Mutter, die im Sopha saß, hatte stets der Szene lächelnd zugesehen, und sich an dem Glück der beiden erfreut. So war es noch vor vier Wochen gewesen. Wie anders war es heute! Der junge Mann fühlte eine Herzbeklemmung, die ihm fast die Besinnung raubte.
„ Ich muß Gewißheit haben!" flüsterte er.
Nun stand er wieder an der Tür. Seine Hand zitterte, als er an dem Griffe zog. Die Glocke tönte laut in dem Innern, aber kein Geräusch, teine Stimme antwor= tete. Er wiederholte noch zweimal das Läuten, das man in allen Räumen des Hauses hören mußte; aber es blieb still wie zuvor.
"
„ Es ist ein Unglück geschehen!" dachte bestürzt der arme Karl.„ O, mein Gott, wird denn das Schicksal nicht müde, mich zu verfolgen? Den Vater hat das Grab schon verschlungen, soll ich denn auch noch die Geliebte verlieren!"
Das verödete Haus fam ihm wie ein Sarg vor, der den Inbegriff all seines Glückes barg. Die Bewohnerinnen die keinen Umgang mit den Nachbarn hatten konnten sie nicht plöklich, ohne daß ihnen Hilfe geworden, ven dem Würgengel hingerafft sein? Wer hatte sich denn um die Einsamen gefümmert, die oft tagelang keinen Besuch empfingen und wochenlang nicht zur Stadt kamen?
Karl verfiel auf die gräßlichsten Vermutungen. er der erste sein, der den Jammer entdeckte?
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Er ging zu dem Nachbarhause und trat an das offene Fenster. Die Bewohner, arme Gärtnersleute, hatten soeben das Abendessen vollendet. Fünf oder sechs Kinder verließen tumultartig den Tisch, auf dem eine große Zimmerlampe brannte.
„ Guten Abend!" grüßte Karl mit vor Angst erstickter Stimme.
Die Frau, eine rüstige Bäuerin, trat zu dem Fenster. Was wollen Sie denn?" fragte sie überrascht.
"
" Ich möchte mir Auskunft von Ihnen erbitten." Worüber denn?"
"
" Das Haus der Witwe Bauer ist verschlossen, ich habe die Glocke mehr als einmal gezogen, aber niemand öffnete. Wissen Sie, ob Frau Bauer ausgegangen ist?"
,, Nein, nein! Wir haben den ganzen Tag im Felde zu tun, gehen morgens aus und kommen abends heim. Frau Bauer und ihre Tochter leben so still, daß wir sie die ganze Woche nicht sehen. Wir wissen nicht, ob sie au Hause oder ausgegangen sind. Aber ich kann mir nicht denken.
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Was?" fragte Karl hastig.
,, Daß Frau Bauer so spät noch in der Stadt sein soll
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fe. Wenn sie nur nicht frank ist. He, ihr Kinder," rief
die Gärtnerin,„ hat eins von euch Frau Bauer gesehen?" ,, Nein," war die Antwort.
,, Da weiß ich keinen Rat, lieber Herr."
Karl dankte und ging nach dem Hause zurück. Der Gärtner, der ängstlich geworden war, gesellte sich zu ihm. Er flopfte an einen Fensterladen und zog heftig die Gloce. Alle Bemühungen blieben erfolglos.
, Was beginnen wir?" fragte der junge Mann, dem vor Ängst das Herz zerspringen wollte.
( Fortsetzung folgt.)
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