Ausgabe 
4.2.1911 Drittes Blatt
 
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der ins Feld geführt, daß die Kinder des Kaisers nicht geimpft sind. Dem widerspricht eine im Jahre 1904 in Der Zeitschrift für ärztliche Fortbildung mit Genehmigung des Kaisers veröffentlichte Bescheinigung des Geheimen Medizinalrats Dr. Zunfer, nach welcher sowohl sämtliche Söhne als auch die Tochter des Kaisers geimpft und wie­dergeimpft sind. Jeder deutsche Arzt würde auch den Auf­enthalt unseres Kronprinzen in podengefährdeten Gegen­den mit Besorgnis begleiten, wenn er nicht das Bewußt­sein hätte, daß der Thronfolger durch vorausgegangene Impfung vor diesen Gefahren geschützt sei.

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Ein nachahmenswerter Anschauungsunterricht. In der Münchener Altstadt, so schreibt jemand im Kunstwart", fand ich im Schaufenster einer fleinen Buchhandlung fol gendes Plakat: Nur dumme Menschen lesen solche Schund­romane. Das Geld ist direkt auf die Straße geworfen. 100 Hefte zu 10 Pfennig 10 Mark. Was schafft sich ein denkender Mensch für 10 Mark an? Eine gute Klassiker­ausgabe 6 Mart, ein Band Dichtergedächtnisstiftung 55 Pfennig, zwei Wiesbadener Volksbücher 25 Pfennig, vier Hesses Boltsbücher 80 Pfennig, ein Fremdwörterbuch 1 Mark, ein Krankenversicherungsgesetz 80 Pfennig, eine In­validenversicherung 60 Pfennig. 10 Mart." Das Prinzip solcher Gegenüberstellung( nicht diese Liste) hat der Dürer­bund durch sein Heb mich auf!" verbreitet. Aber unser Buchhändler macht es anschaulich. Unter dem Plakat liegt links ein dices, verschnürtes, ziemlich schmieriges Paket, der Kolportageschund: Der Scharfrichter von Magdeburg oder die Opfer des Schafotts". Rechts stehen auf einem fleinen Bücherbrett, sauber gebunden, die bezeichneten Bü­cher, eine verlockende fleine Hausbibliothek. Man kann für eine andere Auswahl sprechen, durch die der Betrag noch günstiger für die Belehrung, Geschmackserziehung und Unterhaltung ausgenützt würde; aber ist dieser praktische Anschauungsunterricht nicht hoher Anerkennung wert? Zeugt es nicht von ausgezeichneter Menschenkenntnis, wie unser Buchhändler seinem Schaufensterpublikum den Un­terschied zwischen Wert und Ünwert vor Augen führt? Und ist ein solches Beispiel nicht nachahmenswert?

Eine Bostanweisung über einen Pfennig erhielt ein Kaufmann in Steglitz bei Berlin. Er hatte dieser Tage einem jungen Mädchen einen Anmeldeschein, der einen Pfennig kostet, verkauft. Das Mädchen gab ein 50 Pfen­nigstüd in Zahlung, das der Kaufmann nicht wechseln wollte. Andererseits wollte er natürlich seinen Pfennig für das Formular haben. Das Mädchen erklärte nun, gelegentlich den Pfennig mit heranbringen zu wollen, nannte seinen Namen und entfernte sich. Aus irgendwel= chen Gründen wollte das Mädchen dem Kaufmann den Pfennig aber nicht persönlich überbringen, es ging daher auf die Post, kaufte eine Postanweisung für 10 Pfennig und zahlte den schuldigen Pfennig nebst 5 Pfennig Bestell­geld ein. Auf diese Weise kostet dem Mädchen das For­mular 16 Pfennige.

Ueber einen mysteriösen Todesfall wird aus Kiel fol­gendes berichtet: Jm Hause Blodsberg 9 hörte eine Zim­mervermieterin nachts aus einem Zimmer, das sie erst am Nachmittage an zwei Marinemaaten vermietet hatte, ein flägliches Wimmern. Als es ihr endlich gelang, in das Zimmer einzudringen, fand sie im Bette ein junges Mädchen, das inzwischen gestorben war. Leere Seftfla­schen und andere Umstände deuteten darauf hin, daß in dem Zimmer ein Gelage stattgefunden hatte. Durch ge= richtliche Obduktion soll festgestellt werden, ob ein Ver­brechen vorliegt, oder ob das Mädchen infolge zu großen Genusses von Alkohol gestorben ist. Die Persönlichkeit der Toten konnte noch nicht festgestellt und die beiden Maaten noch nicht ermittelt werden.

Bei einer heroischen Rettungstat ertrant Donnerstag abend auf dem Mühlenteiche von Podgorz( Westpreußen) die 16jährige Czeslawa Baginski. Beim Schlittschuhlau­fen waren mehrere Kinder, darunter 6 Geschwister der Baginski, eingebrochen. Das junge Mädchen, das eben­falls eingebrochen war, konnte schwimmen und rettete drei seiner Brüder. Dann verließen sie jedoch die Kräfte und sie versant vor den Augen der umstehenden Menschen, fonnte auch erst nach einer Stunde aufgefunden werden. Alle Wiederbelebungsversuche waren vergeblich. Mehrere größere Knaben vermochten sich selbst zu retten. Ob die anderen Kinder alle gerettet sind, konnte noch nicht fest= gestellt werden. Bei den Rettungsversuchen haben sich insbesondere zwei evangelische barmherzige Schwestern ausgezeichnet.

Ein neues flugtechnisches Unternehmen hat sich in Cöln gebildet. Es will in den nächsten Tagen mit Flug­maschinen häufig Flüge unternehmen lassen, die Haupt­sächlich der Ausbildung von Schülern dienen sollen. Die Gesellschaft wird auch Passagierflüge unternehmen und den Bau weiterer Flugmaschinen betreiben, die besonders für militärische und Sportzwecke hergerichtet und in die­sem Frühjahr dem Kriegsministerium auf dem Uebungs­plaze in Döberitz vorgeführt werden sollen. Die Garni­sonverwaltung hat dem neuen Unternehmen eine große Halle, die Stadtverwaltung einen großen Flugplatz zur Verfügung gestellt.

Ein Gewaltmarsch der Tiroler Kaiserjäger. In Inns­brud herrscht große Aufregung über einen Gewaltmarsch, den die 12. Kompagnie des 1. Tiroler Kaiserjäger- Regi­ments und eine Maschinengewehrabteilung trotz der höchst ungünstigen Schneeverhältnisse unternommen haben. Der Marsch führte über den 2000 Meter hohen Kamm der Stu­baiergruppe, Salsi" genannt. Die Soldaten brachen teilweise Schritt für Schritt in dem Schnee bis über die Hüften ein. Als der Zug auf dem Joche anlangte, waren bereits 10 Soldaten beinahe total erfroren und mußten unter riesigen Schwierigkeiten zu Tal geschafft werden, von wo aus sie von der Rettungsabteilung nach dem Gar­nisonsspital überführt werden mußten. Am nächsten Tage meldeten sich weitere 22 Soldaten wegen schwerer Ver­legungen frant. Mehreren Soldaten müssen die Glied­maßen amputiert werden.

Ein Tier, das die Vereinigten Staaten fürchten. Dem amerikanischen Kongreß ist jüngst von dem biologischen Amt ein dringender Antrag zugegangen, die Einführung eines fleinen zu den Schleichkaken gehörenden Raubtieres mit allen Mitteln zu bekämpfen. Es handelt sich um den Mungo, ein in Südasien heimisches, als Giftschlangenver­tilger bekanntes Tier, das etwa die Größe eines Frett­chens hat. Seit den traurigen Erfahrungen mit dem Sperling sind die Vereinigten Staaten flug geworden, wenn es sich um die Einführung neuer Tiere handelt, and mit dem Ausschluß des Mungos scheinen sie durchaus praktisch zu verfahren. Erfahrungen mit der Einführung bes Mungos liegen aus Jamaika und Hawai vor. Jahre 1872 wurden in Jamaika neun Mungos in Frei­heit gesetzt, heute gibt es dort eine Riesenmenge davon, aber statt dessen sind nicht nur alle Schlangen vernichtet

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worden, sondern auch alle fleineren Vögel, und von Ha­wai, wo das blutdürftige Raubtier 1882 eingeführt wurde, lauten die Berichte ebenso ungünstig.

Herzogin und Rentier. Ein Reiseabenteuer der Her­zogin von Anhalt beschäftigte das Gericht in Darmstadt, wo sich der Rentier Rudolf Krause aus Bensheim wegen Rebertretung zu verantworten hatte. Im Sommer vorigen Jahres fuhr die Herzogin in threm Salonwagen von Süd­deutschland nach ihrer Heimat Dessau zurück. Der Wagen war einem fahrplanmäßigen D- 3uge Basel- Frankfurt an gehängt. Auf der Station Bensheim an der Bergstraße stieg der Angeklagte Krause mi teinem Billett zweiter Klasse zu und zwar öffnete er angesichts des furzen Aufenthaltes selbständig die Tür zu dem Salonwagen, den er für einen D- Wagen hielt. Der Aufforderung des Stationsbeamten, den Wagen zu verlassen, entsprach er nicht, auch der Zug­schaffner und ein Bedienter der Herzogin versuchten ver­geblich, ihn zu entfernen, und ebenso unterließ er es, auch auf der folgenden Station Darmstadt einen anderen Wagen zu besteigen. Inzwischen war die Herzogin auf den Zwischenfall aufmerksam geworden und lud in liebenswür diger Weise den aufgeregten Reisenden ein, in ihrem Ab­teil Platz zu nehmen. In Frankfurt am Main wurde dann Krause auf telegraphische Requisition aus dem Salonwagen entfernt und eine Anklage wegen Uebertretung gegen ihn erhoben, die zunächst vor dem Schöffengericht Bensheim zur Verhandlung gelangte. Hier wurde er freigesprochen, wogegen die Staatsanwaltschaft Berufung einlegte. Nach längerer Verhandlung sprach ihn jedoch auch die Straffam­mer fret mit der Brgründung, daß er durch das Abfahrts­signal des nur eine Minute in Bensheim haltenden Zuges verwirct worden set und man es auf der Station Darm­stadt mit Rücksicht auf die im Gespräch mit dem Angeklag­ten befindliche Herzogin unterlassen habe, ihn nochmals ausdrücklich zum Verlassen des Abteils aufzufordern.

Erde- Effer in Kamerun. Die Aerzte Külz und Zeller berichten im Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene über ihre interessanten Untersuchungen, die sie über das Erdver­zehren bei der Kameruner Bevölkerung angestellt haben. Eine Reihe von Eingeborenen nimmt die betreffende Erde bei vollem Wohlbefinden von Zeit z uzeit als ein Gewürz zu sich. Andere verzehren sie gewohnheitsmäßig. In die­sen Fällen fann von einem direkten Krankheitssymptom ge­sprochen werden. Etwas ähnliches dürfte wohl in der soge­nannten Ledsucht der Rinder vorliegen, welcher als tiefere Ursache die Armut der Futterkräuter an Mimeralsalzen zugrunde liegt. Die zum Essen benützten Kameruner Er­den enthalten Kalk, Phosphorsäure und Eisen und kommen so der Armut an Salt und anderen Mineralsalzen der vegetabilischen Nahrungsmittel der Eingeborenen zu Hilfe.

Die Doppelfenster. Die in Wien erscheinende Mus­fete" erzählt folgende wahre Geschichte": Sekretär Gru­binger schrieb an das Dekonomat:" Ich ersuche um Ersetz­ung einer zerbrochenen Scheibe am inneren Fenster mei­nes Bureaus." Es kam die Antwort: Laut Instruktion CLVIII,§ 78, Punft 81, Absatz 13, dürfen nur äußere Fen­sterscheiben auf ärarische Kosten ersetzt werden, da nur bei diesen ein Elementarschaden angenommen werden fann. Innere Fensterscheiben sind ausschließlich auf Kosten des Schuldtragenden zu ersetzen." Da rief Sekretär Grubinger den Amtsdiener und sagte lakonisch: Hängen S' die Fen­frer um!"

Nene Sitten im türkischen Offizierkorps. Die große Umwälzung im ottomanischen Reiche hat ihren sichtbarsten Erfolg in der Neugestaltung des Heeres gehabt. Vor allem bemüht man sich, in dem Offizierkorps den Korps­geist zu hegen und zu pflegen, der früher mit allen Mitteln unterdrückt wurde. Die Offiziere sollen die Ueberzeugung gewinnen, daß mit dem Tragen der schmucken Uniform es nicht getan set, sondern daß der Rock seinem Träger auch Pflichten auferlegt. Früher konnte man Auftritte beobach­ten, die bei aller Anerkennung der demokratsichen Grund­sätze des Islams doch Kopfschütetin hervorrufen mußten, besonders ftel auf, daß die Offiziere mit Vorliebe Wirtschaf­ten niederster Stufe besuchten. Das alte Regime sah darin nur ein erwünschtes Mittel, die Moral des Offizierkorps niederzuhalten, die junge Türket will aber Wandel schaffen. Zunächst wurden, wo es möglich war, in den Garnisonen Offizierklubs begründet und derart eingerichtet, daß jeder Offizier dort in anständiger Umgebung und bei mäßigen Preisen seine Erholung finden konnte. Dazu dienten auch Lesezimmer, in denen alle bedeutenden inländischen und auch ausländische Zeitungen aufliegen. In Uestüb z. B. sollen sich die Offiziere nun, wie man der Köln. 3tg." schreibt, von den niederen Wirtschaften fernhalten, da sie Gelegenheit haben, den Offizierklub zu besuchen. Der Korps­kommandeur General Dschawid Pascha Hat strenge Anord­nungen erlassen, und in der letzten Zeit sind auch einige belustigende Vorfälle zu verzeichnen gewesen. So kommen ein paar junge Offiziere in eine dieser Kneipen, richten sich dort häuslich ein und wollen sich dem eff" hingeben, der ruhigen Beschaulichkeit, die der Orientale über alles liebt, als plötzlich ein Offizier der Militärgendarmerie ein­tritt und einem der Leutnants ein Kärtchen überreicht. Der Leutnant liest, verfärbt sich, flüstert seinen Kameraden et­nige Wort zu, und die Gesellschaft zahlt und verschwindet. Auf dem Kärtchen stehen nur wenige Zeilen: Für einen Offizier in Uniform schickt es sich nicht, wirtschaften der Art zu besuchen, wo Sie sich jetzt befinden."

Heiteres. Gelungen. Bet Ihnen soll es ja um­gehn ,.... was könnt das nur für ein Geist sein?"" Das fann nur einer sein, der mal bei eimer Sekundärbahn Loko­motivführer war,.... der Kerl kommt immer erst um halb awei Uhr."

Verdächtiger Protest. Betrunken soll ich diese Nacht ge= wesen sein? Keine Idee; ich habe sogar im Hausgang noch die Handschuhe angezogen, weil die Treppe so schmutzig war!"

Zeitgemäß. Jest trag' ich mir a paar Schundromane heim. Wenn s' die bei der Haussuchung finden, frieg ich wenigstens mildernde Umständ'."

Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Ein bedeutsamer Fortschritt in der drahtlosen Tele­graphie. Prinz Heinrich von Preußen besichtigte am Don­-nerstag die der Aktiengesellschaft C. Lorenz gehörige radio­elektrische Station in Eberswalde. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm von dem Privatdozenten an der Technischen Hochschule in Darmstadt Dr. ing. Rudolf Goldschmidt seine neueste Erfindung vorgeführt, die die Verwendung von Kabeln überflüssig machen und den transozeanischen Nach­richtendienst in neue Bahnen lenken soll. Es handelt sich also um eine förmliche Umwälzung auf dem Gebiete der drahtlosen Telegraphie. Das Wesen der Goldschmidtschen Erfindung, deren Patent von der Firma C. Lorenz in Eberswalde bereits erworben worden ist. besteht darin, daß die bisher ziemlich beschränkte Reichweite der elektrischen Wellen durch die Erfindung fast ins Unbeschränkte geſtet­gert werden kann, weil zur Erzeugung der Wellen nicht mehr elektrische Lichtbogen, sondern große Dynamomaschi­nen verwendet werden, und der in diesen erzeugte starte Strom durch besondere Apparate direkt in elektrische Wellen umgewandelt wird. Diese Erfindung vermehrt die Trag­weite der Wellen derart, daß man theoretisch davon sprechen fönnte, eine drahtlose Verständigung über die ganze Erde hinweg von einer Station aus durchzuführen.

Dr. Günter Saalfeld, der bekannte Germanist, Mitbe­gründer des Deutschen Sprachvereins und eines seiner be­fanntesten Vorstandsmitglieder, ist am Donnerstag in Frie­denau bel Berlin gestorben.

Hermann Sudermann hat, dem B. T." zufolge, ein neues Bübnenwert vollendet. deien Titel noch nicht feststeht.

Vom Flickschuster zum Präfekten

so fiberschreibt der Ostastatische Lloyd folgendes chinesisches Kulturbild:

Vor etwa zehn Jahren wohnie in dem Orte Pitsewo, der unweit Port Arthurs liegt, ein Schuhmacher namene Tschang aus Schantung. Als er fah, daß er dort nicht vor­ankommen konnte, fehrte er mit seinem Weibe und zwei Kindern nach seiner Heimatprovinz zurück und ließ sich am Südtor der Kreisstadt Fuschan nieder. Dort wurde jede Woche Markt abgehalten. Anstatt seine Kunden zu bedie nen, nahm der Schuster selbst am Markttreiben teil, huldigte dem Glücksspiel und rauchte Opium. Da unter diesen Um ständen Tschang immer mehr verwahrloste, sagten sich seine Kunden und Freunde von ihm los; dazu saß er bis über die Ohren in Schulden. Bald nagte die Familie Tschang am Hungertuch. In seiner Not beschloß der selbstsüchtige Vater, seine Frau mit den beiden Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, zu verkaufen; ein Schweinemetzger sollte den Verkauf vermitteln. In dem nahen Dorf Ticht­hienstun fand sich in der Tat ein Liebhaber" für die Frau und die beiden Kinder. Mit der Summe, die ihm der Ver­fauf eingebracht hatte, zahlte der Schuster Tschang seine Schulden und verschwand bald aus Fuschan.

Eine Reihe von Jahren verging, ohne daß man von dem Schuster ein Lebenszeichen erhielt. Da fam eines Tages in Tschifu ein Präfekt aus Luanfu an, der einen Troß von Karren und Bedienten mit sich führte. Am Mor­gen nach der Ankunft schickte der Präfekt seinen Sekretär nach der Kreisstadt Fuschan mit der Anweisung, ihm den in der südlichen Vorstadt wohnenden Schweinemetzger vor­auführen. Dieser erschien noch an demselben Tage vor dem Präfekten; letzterer gab sich als den früheren Flickschuster Tichang zu erkennen und bat den Metzger, der seinerzeit den Verkauf von Frau und Kindern vermittelt hatte, ihm die Verkauften zurückzubringen. Denn, so führte der frü­here Schuster und jetzige Präfekt aus, die Frau ist mir in frühester Jugend angetraut worden; als ich in Not geriet, - mußte ich sie mit ihren Kindern verkaufen; nachdem ich nun reich geworden und zu Ehren gelangt bin, will ich sie nicht in threm Glend sitzen lassen, sondern wir wollen unser Le­ben weiterführen. Der Schweinemetzger spielte nun wie­der den Vermittler, und dank seinre Beredsamkeit gelang es ihm, die Schustersfrau von ihrem zweiten Manne Io8 zusprechen. Wenige Tage später reiste der Präfekt mit seiner Familie nach Peking.

Wie der frühere Schuster zu dem Range eines Präfet­ten gelangt ist. verschweigt leider die Geschichte. Sehr wahr. scheinlich ist er auf irgend eine Weise zu Geld gekommen und hat sich sein Amt gekauft. Solche Laufbahnen, wie die des Schusters, werden im goldenen China bald zu den Un möglichkeiten gehören.

Drabtnachrichten und neuestes.

Der neue Gouverneur von Kiantschou. Berlin, 4. Februar. Zum Nachfolger des Admirals Truppel als Gouverneur für Kiautschou ist nach dem Lok.-, Anz." der Kapitän zur See Meyer- Waldeck in Aussicht ge= nommen. Seine mehrjährige Tätigkeit als Chef des Sta­bes in Tsingtau sowie die Erfahrungen, die er als Stell vertreter des Gouverneurs während dessen Beurlaubung nach Europa in den letzten Jahren sammeln konnte, lassen ihn wohl für den Posten besonders geeignet erscheinen.

Die Bevölkerungszahl Preußens.

Berlin, 4. Februar. Nach dem vorläufigen Ergeb nis der Volkszählung ist die Bevölkerungszahl Preußens von 37 239 535 auf 40 157 573 gestiegen. Die Zunahme be trägt also 2864 038= 7,68%.

Eigenartiger Unfall im Berliner Wintergarten. Berlin, 4. Februar. Gestern war bei der Vorstellung im Wintergarten als zweite Nummer des Programms ein Taucherkunststück vorgesehen. Während der Vorführung der ersten Nummer platte das Wasserbassin und das Wasser ergoß sich über die Bühne, überschwemmte die Musikkapelle und floß auch in den Zuschauerraum. Die Scheiben hatten den Druck von 7500 Litern Wasser micht ausgehalten. Aus der rechten Scheibe war ein Stück herausgebrochen. Die Equilibristin Rose stand schon für ihre Nummer angeklei­det auf der Bühne, als das Bassin platte. Ein scharfer Glassplitter traf sie am Bein und verlebte sie. Im Or-. chester wurde ein Musifer getroffen. Die Vorstellung mußte abgebrochen werden. An der Kasse kam es zu tumultuart­schen Szenen, da die Besucher ihr Geld zurückverlangten. Eine Erholungsreise des Fürsten Eulenburg? Hannov.- Münden, 4. Februar. Fürst Eulenburg soll im Sanatorium des Dr. Lauenstein in Hedemünden zu längerem Kuraufenthalt eingetroffen sein.

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Darmstadt, 4. Februar.

Beabsichtigte Reise des Zarenpaares nach Deutschland. Wie bestimmt verlautet ,, wird das Barenpaar anfangs Mal in Friedberg eintreffen. Zur Zeit werden im Schloffe bauliche Veränderungen vor­genommen. Oberhofmarschall Freiherr von Ungern- Stern­berg weilte am Montag in Friedberg, um entsprechende, Vorbereitungen zu treffen.

Pockenfälle in Duisburg. Duisburg, 4. Februar. Der praktische Arzt Müller, der den vor einigen Tagen an schwarzen Boden verstorbenen Arbeiter Neyermann behandelt hatte, ist ebenfalls an schwarzen Pocken erfranft. Der Arzt hatte eine ausgezeich nete Praxis, die er bis zum letzten Augenblick ausgeübt hat. Dr. Müller und seine ganze Familie wurden sofort ins Isolierhaus geschafft.

Schwerer Einbruchsdiebstahl.

Düsseldorf, 4. Februar. In der Samengroßhand­lung von Peter Hümbs find Diebe in der vergangenen Nacht eingebrochen und haben einen 9 Zentner schweren Geldschrank gestohlen, in dem sich für 90 000 M Sypotheken­briefe, 10 000 M in Schuldverschreibungen und 4000 Min bar befanden, ferner 6 Sparkassenbücher, verschiedene goldene Uhren und sonstige Wertsachen. Von den Dieben fehlt bis­her jede Spur.

Auf dem Eise eingebrochen und ertrunken. Breslau, 4. Februar. In Herrnstadt vergnügten sich eine Anzahl Kinder auf dem Eise, als plöblich die Eis­decke nachgab und sämtliche Kinder in den Fluten versanten. Der sechsjährige Sohn eines Acerbürgers und die 10jäh­rige Tochter eines Landwirtes ertranfen. Die übrigen Kinder konnten gerettet werden.

Im Dampfkessel verbrüht.

Brüssel, 4. Februar. Ein furchtbares Unglück ereignete sich gestern in Mons. Drei Arbeiter waren bei den Gru­ben zu Dour damit beschäftigt, den Kesselstein aus einem Kessel herauszuhauen, als plötzlich aus unbekannter Ur­sache sich die Wasserhähne öffneten und das kochende Wasser einströmte. Die Hilferufe wurden bei dem Getöse der Werkstätten überhört. Die Arbeiter wurden nur dadurch auf die Katastrophe aufmerksam, daß die Hammerschläge im Kessel aufgehört hatten, worauf man die gräßlich ver­brühten Lente aus dem Kessel herausholte. Einer von ih­nen war bereits tot, die anderen gaben noch schwache Lebens­zeichen von sich.

Schwere Margarinevergiftung.

Bern, 4. Februar. In Dittingen, Kanton Bern, ist nach dem Genuß von Margarine eine Familte schwer erfranft. Ein Knabe und ein Mädchen sind bereits unter großen Schmerzen gestorben. Vier andere Kinder Itegen im Spital. Nach Aussage des Arztes besteht keine Hoff­nung, daß sie gerettet werden können.