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seit zehn Jahren unbenutzten und ungelüfteten Raum wurde in der Staatsstube des Kreuzhofes, in dem großen, das auf dem Gericht deponiert gewesene Testament des Kreuzhofbauern geöffnet, das allen, die den letzten Willen sollte. des Herrn geehrt hatten, den verheißenen Lohn bringen

Die städtischen Verwandten saßen würdig auf den ersten Stühlen vor dem Amtmann und den Gerichts­schreibern, der Hofmeister, die Mägde und Knechte standen in lautlosen Gruppen dahinter. Dem leisen und lauten Freuen, dem heimlichen und offenen Lachen war eine große erwartungsvolle Stille gefolgt.

Ueber die weißgescheuerte Diele streute die Frühlings­sonne goldenes Licht, und durch die endlich geöffneten den toten Raum. Fenster strömte mit dem Lenz neues, frisches Leben in

Der Herr Amtmann räusperte sich erst einige Minuten lang, indem er umständlich eine große, gelbe Papierrolle auseinanderfaltete.

Ein zitterndes Wohlbehagen, eine lächelnde Atem losigkeit teilte sich allen, die da zusahen, mit." Jetzt kommt's," dachten alle," jetzt endlich!"

Es kam auch.

Der Amtmann las selber, was der Kreuzhofbauer da vor Monatsfrist aufgeschrieben hatte. Las, und konnte schier kein Wörtlein recht verstehen von dem, Sprachen. was seine Augen selber sahen und seine Lippen selber

" Ich, der Kreuzhofbauer, der das Ende seiner Tage fühlt und den Ausgang aus einem mit Not und Tod denen, die meiner Not im Leben wie im Tode kein gezeichneten Leben segnet, sage das eine: Von allen Verstehen hatten, von allen denen, die heute auf mein Geld und Gut warten, wie ich auf die Barmherzigkeit des Allmächtigen gewartet habe, soll kein einziger auch nur ein Bruchteil meines Besitzes erhalten. Es müßte denn einer oder der andere unter ihnen sein, der meines Herzens große Leere, meiner geprüften Seele Menschen­haß begreifen lernte, und der mir, dem gefürchteten Kreuzhofbauern, anhing bis zum Grabe. Es müßte denn einer oder der andere sein, der meinen letzten, auf dem Sterbebette in Hohn und Verachtung gefaßten Willen recht verstand, der ihn mißachtete und überging aus purer Nächstenliebe um Christi Barmherzigkeit willen, der jedem das Seine gibt...! So dieser meinem

Sarge trotzdem nachging, so dieser dem Kreuzhof ange­hörte und seinem Herrn, bestimme ich ihn zum alleinigen Erben aller meiner irdischen Güter. Denn dieser, und sei er der Geringste, steht über aller Habgier und allem Bösen...! So aber keiner mir also zugetan war, falle das Geld und der Hof des Kreuzhofbauern an die Stadt zum Zwecke, der Armut und den Ausgestoßenen des Glückes zu helfen...

So geschrieben und beglaubigt am Tage der Sonnen­wende im Jahre 18. nach Jesu Chriſti

" Nach Jesu Christi," wiederholte der Amtmann bei­nahe flüsternd vor Grauen.

Ob ihn die Leute alle nicht verstanden hatten? Lautlos, mit weit vorgebogenen Köpfen starrten sie ihn an, keine Bewegung in den robusten Gestalten, nur ein einziges, fassungsloses Indieluftstarren

Die Margret und der Heiner."

Hatte es jemand ganz laut in die beängstigende Stille hinein gesagt?... Oder war es nur ein Gedanke gewesen, der in jedem Kopfe saß wie ein lästiges Insekt, das herauswollte, herausmußte?

Alle Köpfe sahen sich plötzlich um, und keiner fand, was er suchte.

Denn die zwei jungen Menschen, die sich gut waren von Kindesbeinen an, wußten noch gar nichts von ihrem Glück. Sie saßen Hand in Hand in irgend einem Winkel, der voll Lenzsonne war und junger Blüten. Und zwangen sich ein Lächeln auf die Lippen, wenn sie sich ansahen, damit einer dem andern nicht die Not im Herzen zeige, die an Meiden und Scheiden dachte, der eine hier, der andere da in schwerer

Arbeit

Und dann wußten sie alle beide nicht, wer plötzlich ihre Namen gerufen hatte. Sie fuhren erschreckt zu­sammen und gingen stockend und folgsam wie zwei Kinder diesem Rufe nach.

War die Welt verwandelt, die Menschen verzaubert mit einem Male?

Ein Händeschütteln gab's und ein Freundlichsein zu der namenlosen Magd und dem niedrigen Knecht, als wären beide gar die Herren von Kreuzhof.

Bis sies begriffen, was der Tote in seinem letzten Willen kund getan. Bis ihnen und allen das Ver­ständnis kam, daß nichts den Menschenhaß besiegt, denn Liebe.

Führst du einen Haushalt oder schaffst du ein Heim?

Sorin besteht wohl der große Unterschied zwischen diesen beiden Lebenszwecken? Die gute Haushälterin kennt keinen höheren Ehrgeiz, als ihre in Sauberkeit erstrahlende Häuslichkeit, ihr blinkendes Gerät. Schmutz und Staub fliehen vor ihr wie vor einem Wirbelwinde. Mann, Kinder und Dienst­boten wissen es zu ihrem stillen Kummer zur Genüge, daß ihr die Reinlichkeit über alles" geht. Ihre Mahlzeiten sind stets pünktlich mit dem Glockenschlage fertig gestellt; ihre Treppenecken werden mit einem Haarpinsel gereinigt; unter die Schränke fährt sie mit prüfenden in Handschuhe ge­steckten Fingern, um jedes fehlerhafte Fegen gleich dem Hausmädchen beweisen zu kön­nen; ihre Fenstervorhänge werden alle sechs Wochen gewaschen, und des Fensterputzens ist kein Ende. Sie opfert sich ganz ihrem Haushalte, und was ist ihr Lohn? Ein schmerzender Kopf und ein schmerzender der sie veranlaßt, über jede Kleinigkeit Rücken, ein Zustand von Ueberarbeitetsein, außer sich zu geraten. Einen Fleck auf der neuen Tapete betrachtet sie als ein Un­glück, ein mißratenes Gericht ist eine Prü fung, eine zerbrochene Schüssel als Anlaß zu endlosen Klagen. Die Reizbarkeit der Hausfrau lastet schwer auf allen Hausge nutlosen Bitten, sich zu schonen, aufgehört, nossen. Längst hat der Hausherr mit den

denn er weiß, wie eifersüchtig ste auf den Ruhm ihres tadellos geführten Haushaltes ist. Ihre Kinder wissen, daß Mutter nie Zeit für ihre kleinen Fragen und Klagen hat, und haben schon längst gelernt, bei anderen Teilnahme und Interesse dafür zu suchen. Ihre Dienstboten haben es er= fahren, daß sie der Herrin doch nie etwas recht machen können, und sind bereits in Gleichgültigkeit gegen jeden Tadel ver­sunken.

Wie anders die Hausfrau, deren Lebens­zweck ist, den Ihren ein Heim zu schaffen! Ihr Haus wird der Mittelpunkt, der Mann und Kinder stets wieder hineinzieht, selbst wenn letztere erwachsen sind und draußen im Kampfe des Lebens stehen. Die Frau, deren Herz voll Liebe gegen Mann und Kind ist, weiß überall ein Heimatsgefühl hervorzuzaubern. Wo solche reiche Liebe waltet, da schafft sie ein Heim, und die Achtung und Liebe der Ihrigen. Frau, die es vermag, verdient wahrlich die Ueberall kann man diese Stätten des Glückes finden, bei Armen und bei Reichen; denn weder Armut noch Reichtum vermögen eine Frau daran zu verhindern, ihr Heim mit jenem unbeschreiblicher Zauber des Friedens und der Ruhe zu erfüllen, den stande ist. nur sie ihrer Umgebung mitzuteilen im­

Solche gute Hausmutter weiß freilich, daß sie auch auf Ordnung im Hause zu halten hat, daß die Poesie des Lebens erst dann beginnt, wenn die Prosa ihr Recht geworden ist; aber ihre Augen sind die einer gütigen und gerechten Frau. Sie erwartet keine Wunder von staubgeborenen Menschen­kindern. Sie weiß, daß wir alle der Un­vollkommenheit des Jrdischen unterworfen sind, daß Dienflboten keine Maschinen und Kinder keine Engel sind. Sie hat vor allen Dingen stets vor Augen, daß das Haus da ist für die Menschen, und daß das Glück der Hausgenossen höher steht, als die Voll­kommenheit des Haushalts!

Soll die Frau die Sonne des Hauses sein, so muß sie sich frisch erhalten, damit ihr Lächeln alle trüben Wolken des Lebens zerstreuen kann Sie muß selbst zum Frie­den gekommen sein, wenn sie ihn andern mitteilen will. Sie muß sich so viel Zeit lassen, um mit der Welt fortleben zu kön­nen, das heißt, neu aufsteigende Fragen und Ideen kennen zu lernen, um ihre Kin­der in ihren Bestrebungen zu verstehen.

Und jene Frau, die ein Heim schafft, ste wird mit ihrem warmen, großen Herzen ihr Haus und Heim auch denen öffnen, die allein und einsam im Leben dastehen, denen das hohe Glück versagt ward, sich ein Heim schaffen zu dürfen.

Sein letzter Wille.

er Kreuzhofbauer war tot.

Skizze von Elfe Krafft.

Zuerst hatte im Dorf niemand daran glauben wollen. Zuerst schüttelten junge und alte Leute schier entrüstet die Köpfe. " Red Ihr kein dummes Zeugs, der Kreuzhofbauer sich hinlegen und sterben, der Kreuzhofbauer...

Es war, als ob dieses eine Wort etwas Urge­waltiges, Unverwüstliches verkörperte, als ob der Tag nimmer kommen könne, an dem ein so wetterfester Eisenkopf, wie der Herr vom Kreuzhof einer war, auf­gehört hätte, zu leben.

Und doch, es war so. Mit dem stillen Herzen da drin in dem festgefügten, großen Steinhause stand plötz­lich der ganze, große Betrieb still.

Der Hofmeister schalt nicht mehr, die Knechte arbeiteten nicht mehr, und die Mägde standen verstört beieinander und wußten zuerst kein lautes Wörtlein zu

reden.

Und doch war keine Trauer. Im Gegenteil, seit der Herr Neffe mit seiner vornehmen Frau, seit die beiden aufgeblasenen, städtischen Vettern des alten Bauern mit freudig erregten Mienen auf dem Hofe eingetroffen waren, seit man die nur schlecht verhehlte Freude der lachenden Erben gesehen hatte, machte es jeder den nunmehrigen Herren des Hofes nach. Wie befreiendes Erlöstsein ging es von Blick zu Blick, wie ein einziges, riesengroßes Aufatmen: Gott sei Dank, nun ist der wetternde Mund still, nun kann die harte Faust nicht mehr dreinschlagen!"

Und noch ein anderer Umstand kam zu dieser Freude hinzu. Eine sonderbare Bestimmung, die so recht den Grillen und Launen des Verstorbenen ähn­lich sah.

Auf dem Tisch, der vor dem Krankenlager des Bauern gestanden, hatte ein Schreiben gelegen. Ein ganz kurioses, regelrechtes Schreiben. Und die es lasen, konnten im ersten Staunen kaum ein Schmunzeln unterdrücken, gaben es kopfschüttelnd weiter, und bei nahe wie ein Lachen pflanzte es sich von Lippe zu Lippe.

" So ich denn fühl, daß ich nicht weiter kann, geh ich gern. So ich denn fühl, daß mein letztes Stündlein kommen ist, sag ich Euch, die um mich her waren wie stechende Wespen um den Honigtopf, meinen letzten Willen. Da wird keiner sein, der um mich klaget. Da wird keiner sein, der mich zurück haben will ins Leben. Denn die, die meinem Blute eins waren, hat der Herr vor mir gehen heißen.... Und also bestimme ich, daß auch keiner mich begleite auf meinem letzten Wege zum Gottesacker, daß keiner seine Freude über meinen Tod verstecken soll unter Flor und Trauerhut. Die Anver­wandten, der Hofmeister, die Mägde und Knechte des Kreuzhofbauern sind alle wohlbedacht in meinem Testa­ment beim Amtsgericht drin in der Stadt. So aber einer von allen diesen meinen letzten Willen nicht er­füllet, so er doch diesen meinen letzten Weg zum Gottes­acker mit dem Kreuzhofbauern geht, sei er ausgeschlossen von aller Erbschaft und allem Gelde. Ist der Kreuzhof­bauer sein halbes Leben lang einsam gewesen, will er auch einsam zu Grabe gehn.

So wars, so stands geschrieben, und so kannten ste bald alle das kuriose Schreiben auswendig auf dem Hofe, im Dorfe und drei Meilen rings herum. Und

කර Richard Flockenhaus

es war ein Aufsehen und Flüstern und Lachen dadurch entstanden, wie niemals vorher beim Tode irgend eines Ansässigen.

Und dieses Lachen, das in dem Sterbezimmer des Kreuzhofbauern aufgewacht war, pflanzte sich fort wie ein Samenkorn, das, vom losen Wind getragen, Wurzel schlägt, wohin es fällt,....." Der Alte soll seinen letzten Willen haben, der Alte soll seinen letzten Willen haben...."

Und hätte der Tote nicht noch mit hartem, wächser­nem Gesicht im besten Zimmer gelegen, hätten die lachenden Erben auf dem Kreuzhof tanzen und feiern mögen, hätten den beginnenden Frühling da draußen mit einem Freudenfeuer begrüßt, weil er jedem nun ein Stückchen Gold von den bisher so ängstlich ge­hüteten Schätzen des Kreuzhofbauern in den Schoß werfen wollte

Nur dort, wo man am meisten das Werden des Lenzes spüren konnte, im äußersten Winkel des wohl­bestellten Gartenlandes, jenseits der Hofmauer, standen zwei zwischen Baum und Busch und lachten nicht. Ein Bursch und ein Mädchen.

Sie war ein junges, blasses, scheues Ding mit Kinder­augen unter den hochgesteckten Zöpfen, sie trug das ärmliche Gewand einer Kuhmagd und war vor achtzehn Jahren als Kind einer Mäherin auf dem Kreuzhof ge­boren, die in jungen Jahren starb. Damals lebte die Kreuzhofbäuerin noch, die sich liebevoll der kleinen Waise annahm, sie spielen ließ mit den eignen Kindern, bis das große Sterben im Dorfe begann, bis der Kreuz­hofbauer sein Weib, seine beiden blühenden Kinder hinaustragen lassen mußte zum Friedhof, bis sein Herz hart wurde wie Stein.

Seitdem war alles Lachen stumm geworden in Haus und Hof bis heute.

Der Knecht, der neben dem Mädchen stand, hatte auch lachen wollen wie die andern, als er den letzten Willen des Kreuzhofbauern gelesen hatte. Die Margret aber hatte ihn so seltsam angeschaut, schier erdrückt von Traurigkeit und Aengsten, da konnte er's nicht. Denn er liebte die Margret, er schützte die Verwaiste vor dem Spott der andern Mägde, vor der Willkür der Knechte, er war dem scheuen, lieben Dinge gut, solange er denken konnte hier im Heimatdorf.

Und ehe die Sonne über dem Hoftor heute hernieder­sank, hatte er die schmale kleine Hand des Mädchens genommen und es heimlich das Gartenland entlang bis zur Weißdornhecke gezogen.

Die war voller Knospen und lichtgrüner Blättchen, und der Wind ging in weichen, warmen Wellen über die jungen Köpfe hin.

" Hörsts?" fragte Margret flüsternd, indem sie sich in die Arme des Burschen drückte. Sie sprechen so laut im Hause, daß man schier meint, sie könnten den Toten wecken."

,, Sollen sie das?" fragte der Knecht.

Der helle Mädchenkopf schüttelte sich.

" Nee, Heiner, seine Ruh soll er haben! Seine Freud am Wiedersehen mit der Frau und den toten Kindern!"

Sie schluchzte plötzlich auf, als sie das spöttische Ge sicht des Liebsten sah.

" Du sollst nicht lachen, Heiner, ich wills nicht, daß