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Zweites Blatt 75.

Gießener Zeitung

Die kommenden Reichstagswahlen.

Nach einer Meldung aus 3eipzig sollen die nächsten Reichstagswahlen erst im Januar 1911 ftat finden. In der Bundesratsordnung über die am 1. Dezember 1910 stattfindende allgemeine Volkszählung soll eine schleunige Fertigstellung des Zählungsergebnisses empfohlen sein, Damit es bei den für Januar 1912 bevorstehenden Wahlen zum Reichstag Verwendung finden könne. Im Gegensag hierzu steht eine Berliner Meldung, die be­sagt, das eine feste Entscheidung hierüber noch gar nicht vorliegt, und daß an den zuständigen Stellen bisher die Absicht dahin gegangen ist, die Reichstagswahlen aus naheliegenden Gründen im Herbst nächsten Jah es stattfinden zu lassen, denn der Januar ist der denkbar ungünstigste Monat für allgemeine Wahlen.

Erwerbung der heff. Staatsangehörigkeit.

Bei den letzten Landtagswahlen konnten viele Be wohner Hessens nicht wählen, weil sie es versäumt haben, die hessische Staatsangehörigkeit zu erwerben. Ebenso fönnen bei den Stadtverordnetenwahlen Bayern und Elsässer ihr Wahlrecht nicht ausüben, wenn sie nicht zuvor die hessische Staatsangehörigkeit erworben haben. Es ist darum dringend notwendig, daß alle Nichthessen jetzt die hessische Staatsangehörigkeit erwerben und nicht warten, bis wieder einmal eine Wahl vor der Tür steht. Es ist dies um so mehr anzuraten, weil die Er ledigung der notwendigen Eingaben manchmal einige Monate in Anspruch nimmt und wenn die neue Wahl rechtsvorlage in der Kammer angenommen wird, vor­aussichtlich nur derjenige bei der Landtagswahl' wahl berechtigt ist, der schon ein Jahr die Staatsangehörig feit besitzt. Die Stempelfoften usw. betragen etwa zwei Mark. Zuc Erwerbung der Staatsangehörigkeit ist not wendig: 1. Beschaffung eines Geburtsatteftes, 2. dieses Attest wird an dte zuständige Heimatsbehörde, an das Landratsamt, Oberamt oder Bezirksamt( je nach der Staatsangehörigkeit) mit dem Ersuchen um Ausstellung eines Staatsangehörigkeits- Ausweises eingesandt. Für Preußen wird auch die Einsendung des Militärpasses berlangt, und ist zur Ausstellung dasjenige Landrats­amt maßgebend, in dessen Bezirk man sich nach einge­tretener Bolljährigkeit zuletzt aufgehalten hat. Bei Weg­zug von Preußen vor eingetretener Volljährigkeit hat man sich an das Landratsamt zu wenden, in dessen Bezirk sich der Vater zuletzt aufgehalten hat. Das Ge­juch muß enthalten: Vor- und Zuname, Geburtsjahr und-Tag, wo geboren, Stand oder Gewerbe, und die Antwort auf nachstehende Fragen: Wo und wann hat Ihr Vater zuletzt in Preußen gewohnt? Bet anderen Bundesstaaten ist die Erledigung einfacher, da genügt, wie oben gesagt, die Einsendung der Geburtsurkunde an die Heimatsbehörde, mit dem Ecsuchen um Aus­tellung eines Staatsangehörigkeits- Ausweises 3. Ist man im Besitze des Staatsangehörigkeitsausweises, so wird dieser und der Geburtsschein mit dem Antrag um Aufnahme in den hessischen Staatsverband bet der Bürgermeisteret eingereicht. 4. Bei solchen Antragstellern, deren Kinder auswärts geboren find, müssen auch die Geburtsscheine dieser Kinder der Eingabe an die Bür­germeisteret b.tjefügt werden.

Vom Arbeitsmarkt.

Expedition: Gießen, Seltersweg 83.

arbeiteraussperrung die Lage des Arbeitsmarktes beeinflußt hat. Es ist zunächst festzustellen, daß die in anderen Städten außerhalb des Verbandsgebietes be obachtete erhebliche Steigerung des Andranges von Bau­arbeitern zu den Arbeitsnachweisen, speziell ta Frank furt a. M., in feiner Weise in die Erscheinung getreten ist. Insbesondere ist hier eine Meldung zu anderen Berufen nicht beobachtet worden. Das hat für Frank­furt a. M. seinen Grund darin, daß die Bauarbeiter ( Maurer, Zimmerer, Bauhilfsarbeiter) zum größten Teil aus hessischen Gebietsteilen, besonders aus der Vilbeler Gegend und aus der Wetterau, kommen und diese gleich­zeitig in ihrem Wohnorte über ein kleines landwirt­schaftliches Besittunt berfügen. Die Aussperrung kann deshalb nuc in geringen Umfange bon nachteiligem Ein­fluß auf die Betroffenen sein. Im allgemeinen darf festgestellt werden, daß die Bauarbeiteraussperrung in Hessen und den angrenzenden Gebieten den allgemeinen Einwirkung der Bauarbeiteraussperrung auf die günstige Entwicklung der Metallindustrie zurzeit in feiner Weise festzustellen. Im Buchbindergewerbe war der Geschäftsgang im allgemeiuen gegenüber dem Vor­fahre günstiger und zwar trifft diese Beobachtung sowohl auf Buchbindereien, als Buchbinderabteilungen in den Druckereien, als auch auf die Kartonnagenfabriken zu. Bereits in dem Vormonate konnte über die günstige Entwicklung der Lederindustrie berichtet werden; diese Entwicklung hat weiter angehalten. In der Holz­industrie war der Beschäftigungsgrad als sehr günstig zu bezeichnen. Speziell die Fabrikation befferer Möbel versprach ständig Arbeit. Auch bei dieser Industrie ist eine Einwirkung der Bauarbeiteraussperrung bis jetzt nicht in die Erscheinung getreten Die einzige Branche, die von einer ungünstigen Einwirkung dieser Aussperrung zu berichten weiß, ist die Nahrungs und Genuß mittelindustrie, und zwar speziell die Metzgereien. Der Bäckerstreick, über den im Vormonat berichtet wurde, wurde durch Wiederaufnahme der Arbei seitens der Gehilfen beendet. Der Streich im Schuhmacher gewerbe ist ebenfalls nach Bewilligung der Haupt­forderungen beigelegt worden. Nach Schneidern war ebenso wie im Vormonat eine rege Nachfrage. Die günstige Entwicklung, die das Baugewerbe zu nehmen schien, wurde durch die am 15. April erfolgte Aussperrung unterbrochen. Mit Rücksicht auf unsere Berichterstattungen erübrigt sich ein näheres Gingehen auf die Einzelheiteu im Rahmen dieses Berichtes. Im Gebiete des Mittel­deutschen Arbeitgeberverbandes, das denselben Umfang hat wie das des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisver bandes, sind nach Mitteilungen des erstgenannten Ver­bandes bis jetzt ausgesperrt worden 5600 Maurer, 785 Zimmerer und 1110 Bauhilfsarbeiter, das sind etwa zwei Drittel der in diesen Berufen beschäftigten Per­sonen. Im Buchdruckergewerbe war der Be­schäftigungsgang ein günstiger zu nennen. Die Setzer fonnten nahezu bis zum Schlusse des Monats unter gebracht werden. Auf das Gast- und Schankwirt schaftsgewerbe übte das kalte Wetter einen ungün­stigen Einfluß. Aushilfspersonen wurden von den Garten­geschäften nur sehr wenig verlangt; Nur an jungen Hotelfellnern unter 20 Jahren herrschte in Wiesbaden Mangel. In der Lanwirtschaftlichen Vermittlung ist gegenüber dem Vormonat, der Jahreszeit entsprochen ein größerer Rückgang zu verzeichnen, da die Landwirt­schaft bereits im Vormonat ihren Hauptbedarf an Ar­beitskräften gedeckt hat. Von den Organen des Mittel­deutschen Arbeitsnachweisverbandes wurden, soweit Mel­

Aufschwung nicht zu hemmen vermocht hat. So ist cine

Im Vordergrund des Interesses steht die Frage, in welcher Weise die am 15. April erfolgte Bau- dungen von den kommunalen, bezw. Kreisarbeitsnach­

52)

Die Freundinnen.

Originalroman von Frene v. Hellmuth. ( Nachdruck verboten.)

Du weißt nicht, was Du verlangst!" brüllte der Baron; der Bühne entsagen, das wird Hermann niemals. Es wäre auch schade um seine schöne Stimme. Habe ich mich mit seinem Beruf abgefunden, so wirst Du es auch können, - Du Du-"

Er fand anscheinend nicht das passende Wort. Dein Toben hilft Dir durchaus nichts," fiel Herr von Schmettwizz wieder ein. spare Deinen Zorn, er ist über­flüssig! Sylvia muß sich meiner Bedingung fügen."

Das wird sie nicht," rief der Baron aufgebracht. Da= für werde ich sorgen. Und mein Sohn ist nicht gesonnen, Dir nachzugeben. Er holt sich seine Braut, ob mit oder ohne Deinen Willen. Ich kenne ihn!"

Das werde ich zu verhindern wissen!" Ei, da wäre ich aber neugierig!" " Ich sperre das Mädel einfach ein."

Das wird nichts nüben. Wir befreien sie doch!" " Das wollen wir sehen." warf hier Leon ein. So leicht machen wir Ihnen die Sache nicht. Das Recht ist auf un­serer Seite. Und sollten Sie es wagen, Gewalt anzuwenden, so werden wir Sie verklagen wegen Hausfriedensbruch." ,, Den Teufel können Sie verklagen."

" Du bist aber merkwürdig schnell befehrt gewesen," spottete Sylvias Vater. Erst wolltest Du durchaus nichts von Deinem Sohne wissen, weil er sich der Bühne gewidmet hat und nun verteidigst Du ihn auf Leben und Tod! So schwach wie Du bin ich eben nicht! Meine Tochter soll kei­nen Komödianten heiraten! Ich bin es meiner Standesehre schuldig, dies zu verhindern. Wenn Du das nicht einsiehst, tut es mir leid; aber ändern kann ich es nicht! Nimmt Dein Sohn seinen Namen wieder an und kommt er als Ba­ron von Albersdorf zu mir, dann kann ich vielleicht ja" fagen, aber als Herr Walter" muß ich ihm immer" nein" zur Antwort geben!"

Mein Vater hat vollständig recht," mischte sich Leon wieder ein.

Ach was, die ganze Sache geht Sie gar nichts an," brauste der Baron zornig auf.

Herr, Sie vergessen, daß Sie in unserem Hause sind!" " In Eurem Hause? Ha, ha! Ihr müßtet erst eines haben! Vorläufig ist dieses noch nicht der Fall! Ihr Herren von Habenichts!"

sonst

Diese letzte Bemerkung schlug dem Faß den Boden aus. Herr, beleidigen lassen wir uns nicht! Gehen Sie, Leon schäumte vor Wut. Er wies nach der Türe. Zorn­bebend verließ der Baron das Gemach.

Sylvia lehnte an einem Pfeiler und weinte. Der Ba­ron trat zu ihr. Seine Hand zitterte, als er ihr weiches Haar streichelte.

So etwas von Starrsinn ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen," murmelte er. Mit dem da drinnen ist nichts zu machen. Arme Sylvia. Du tust mir leid, wie viel mußt Du dulden. Vorläufig heißt es, sich in Geduld fügen. Denn daß Du den Fluch Deines Vaters nicht auf Dich la= den willst, begreife ich ja vollkommen, obwohl sein ganzes Vetragen ungerechtfertigt ist! Ich hoffe aber, er besinnt sich noch."

Sylvia schüttelte traurig den Kopf.

Wenn Leon nicht wäre, dann vielleicht. Aber mein Bruder ist Hermanns erbittertster Feind; er hetzt den Vater fortwährend gegen ihn auf."

Ja, das bemerkte ich allerdings auch. Aber ich begreife nicht, was zwischen den beiden vorgefallen sein könnte!"

Sylvia antwortete nicht. Sie mochte den Bruder nicht anklagen.

Der Baron betrieb mit aller Eile die Uebersiedlung nach dem einzigen Wirtshause des Dorfs. Nicht eine Stunde länger mochte er die Gastfreundschaft dieses Mannes, den er einst Freund genannt, in Anspruch nehmen. Die Ba­ronin zeigte sich sehr bestürzt über diesen Ausgang, der ihr völlig unerwartet fam.

Die armen Kinder," jammerte sie. Was ist da zu machen?"

Der Baron zuckte die Achseln.

Wir müssen Geduld haben; vielelicht besinnt sich der alte Starrtopf noch!"

Samstag,

den 28. Mai 1910.

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Kirchliche Nachrichten für Gießen. Evangelische Gemeinde.

1. Sonntag nach Trinitatis, den 29. Mai. Gottesdienst.

In der Stadtkirche.

Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe.

Zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde.

Vormittags Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst.

Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer D. Schlosser.

In der Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Ausfeld.

Zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde.

Vormittags Uhr: Professor D. Schian. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtholzheimer. Batholische Gemeinde Samstag, den 28. Mai. Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit zur heiligen Beicht. Sonntag, den 29. Mai. 2. Sonntag nach Pfingsten. Vormittags Uhr: Gelegenheit zur hl. Beicht. Vormittags 7 Uhr: Die erste heil. Messe. Vormittags 8 Uhr: Austeilung der heiligen Kommunion. Vormittags 9 Uhr: Hochamt mit Predigt. Vormittags 11 Uhr: Heilg. Messe mit Predigt. Nachmittags 2 Uhr: Christenlehre; darauf Andacht mit Se­gen.

Montag, abends um Uhr, ist in der Kirche reli­

gionswissenschaftlicher Vortrag des Herrn Professor Schwarz über Glaubenspflicht und Glaubensschwierigkeiten".

Dienstag Abend Uhr ist Maiandacht. Freitag um 6 Uhr ist Segensmesse.

Methodisten- Gemeinde.

Wilhelmstraße 45. Sonntag, den 29. Mai.

Abends 8 Uhr: Predigt. Vormittags 11-12 Uhr: Sonntagsschule.

Vormittag ½ 10 Uhr: Predigt.

Dienstag, den 31. Mai.

Abends Uhr: Singstunde. Abends ½ 9 Uhr:" Jugendbund.

Mittwoch, den 1. Juni.

Donnerstag, den 2. Juni. Abends 9 Uhr: Bibel- und Gebetstunde.

Verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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XII.

Ein richtiges Schneetreiben hatte begonnen. Maja saß m Fenster und schaute dem lustigen Flockengewimmel zu. ( uf ihrem lieblichen Gesicht lag ein ungewöhnlicher Ernst. Sie hielt die Hände im Schoß gefaltet. Frib, der eben ein­trat, wunderte sich, daß seine junge Herrin so still dasaß und faum seinen Gruß erwiderte. Sie hatte sonst immer eine Neckerei oder ein freundliches Wort für den ehrlichen Alten bereit.

Haben gnädiges Fräulein Aufträge für mich? Ich gehe, verschiedene Besorgungen zu machen," sagte Friß.

,, Nein, ich wüßte nicht,- doch halt, da fällt mir eben ein, meine Freundin teilte mir mit, daß die kleine Lilly, Du weißt ja wohl heftig erkrankt sei. Ich werde heute hinausfahren, das Kind zu besuchen. Du kannst mir irgend­wo eine hübsche Puppe kaufen. Aber eine, die blonde Locken hat, verstehst Du? So eine wünscht die Kleine sich schon lange, und ich möchte ihr eine Freude machen."

Aber Fräulein, bei dem Wetter wollen Sie fort?" wandte der Alte besorgt ein.

,, Ach was, fürchtest Du Dich vor dem bißchen Schnee?" ch? nein!"

" Na also, beeile Dich, wenn Du zurückkommst, dann fahren wir!"

Maias Vater trat eben ein und das Gespräch wurde ab­gebrochen. Der elte Herr schien ebenfalls nicht in bester Laune zu sein. Er ging aufgeregt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer hin und her. Maja betrachtete ihn aufmerksam. st etwas vorgefallen, Papa?"

" Ja, leider. Mein alter, erprobter Inspektor Dörring, der seit dreißig Jahren draußen auf den Werfen getreu seine Pflicht getan, ist plötzlich einem Schlaganfalle erlegen. Ich muß selbst hinausfahren, um nach dem Rechten zu sehen. Denn wenn dort die leitende Hand fehlt, geht gleich alles drunter und drüber. Der Mann war zuverlässig wie feiner. Ich fürchte mich davor, eine neue Wahl treffen zu müssen. Ich habe zwar tüchtige Beamte, aber gerade dieser Posten ist schwer zu besetzen, denn es muß ein ehrlicher. tüchtiger Mensch sein, weil es ein Vertrauensposten ist. Und ich weiß noch nicht, wo ich wieder einen Mann hernehmen soll, wie mein alter Dörring war."

( Fortsetzung folgt.)