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Zweites Blatt № 48.
Lokales.
Gießener Zeitung
Gießen, den 27. März 1910. !! Versendung von Pateten während der Osterzeit. Die Versendung mehrerer Pakete mit einer Postpatetadresse ist für die Zeit vom 20. bis einschl. 27. März weder im inneren deutschen Verkehr, noch im Verlehr mit dem Ausland ausgenommen Argentinien geftattet. Nach Argentinien fönnen auch in dieser Zeit mehtere, jedoch höchstens drei Patete, mit einer Postpaketadresse versandt werden.
p Dienstbotenfrage. Um vielfach aufgetauchten Zweifeln zu begegnen, insbesondere um die weit verbreitete Unkenntnis der gesetzlichen Bestimmungen der Gefindeordnung zu beheben, erläßt das Großh. Polizeiamt in der heutigen Nummer eine Bekanntmachung, die für die Dienstboten und Herrschaften in gleicher Weise von hoher Wichtigkeit ist. Es handelt sich nämlich um die Auslegung der Art. 6 und 7 der Gesindeordnung, die, wie wenig befannt ist, durch ein Ortsstatut für Gießen abgeändert sind. An Stelle des gefeßlichen Dienstjahres und des gesetzlichen Dienstmonats ist hier nämlich statutarisch das Kalendervierteljahr mit vierwöchiger Kündigungsfrist gesetzt. Das Nähere ift aus der Bekanntmachung zu ersehen.
!! Datumzeile bei Brieftöpfen 2c. 2c Unter dieser Spißmarte las ich vor kurzem, daß es genügt, wenn auf Rechnungen, Briefen 2c., die kopiert werden sollen, 191 vorgebrudt ist und bloß die O 2c. hinzugefügt werden lann. Laut Reichsgerichtsbeschluß muß mit rechtlicher Wirkmindestens eine 10, 11 2c. auf der Kopie mit er= scheinen und nicht nur die oder 1.
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- Leichenfund. Mehrere Kinder fanden in der Schwarzlach den Körper eines totgeborenen Kindes, welcher feine besonderen Merkmale und Hüllen trug, so daß die Entdeckung der unnatürlichen Mutter sich schwierig ge= stalten dürfte.
Aus Hessen und Nachbargebiet.
* Schotten, 12. März. Nachdem das Lehrerheim Vogelsberg während der Wintermonate geschlossen war, hat es jetzt mit Eintritt des prächtigen Frühlingswetters seine Pforten wieder geöffnet. Der Verein, der sich die Erhaltung und Förderung des Heims zur Ehrenpflicht gemacht, hat in den letzten Monaten einen recht erfreulichen Aufschwung genommen, sodaß die Zahl der Mitglieder auf über 2000 angewachsen ist.
* Bad Nauheim, 14. März. Hier hat sich ein amerikanisches Konsortium gebildet. Dieses beatsichtigt in der Nähe des Kurhauses ein Riesen- Hotel zu erbauen. Das Hotel soll allem Lurus der Neuzeit entsprech end eingerichtet werden und Sammelplatz der vielen den hiesigen Platz besuchenden Amerikaner sein.
* Herbstein, 13. März. Seine 100jährige Zugehörigkeit zum Großherzogtum Hessen begeht in diesen TaMedizin. und techn. Drogen, Chemikalien, Materialwaren, Chemische Spezialitäten eigener Fabrikation.
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Samstag,
den 26. März 1910.
gen unser Städtchen. Herbstein hatte vorher zu Fulda gehört, als das Großherzogtum Frankfurt errichtet wurde, fam Herbstein zu Hessen. Aus der früheren Zugehörigkeit zu Fulda erklärt es sich, daß Herbstein fast ganz fatholisch ist, obwohl es inmitten rein evangelischem Gebiete liegt."
h Kiel, 17. März. Die gestrigen Nachmittagsstunden sind ruhig verlaufen. Für heute sind angesagt am Vormittag eine Protestversammlung der Ausgesperrten, zum Abend drei öffentliche Protestversammlungen gegen das vorgestrige Polizeivorgehen.
* Königstein i. T. Eine Rieseneiche, die stärkste wohl in Taunus, tam dieser Tage im Distrikt„ Mathel" zum Verthuf. Der Baum hatte 21 Kubikmeter und ein Alter von zirka 600 Jahren und wurde etwa zu der Zeit gepflanzt, als Königstein städtische Rechte( 1612) er= hielt. Der Baum brachte einen Ertrag von über 1700 Mt. Verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
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Die Freundinnen.
Originalroman von Irene v. Hellmuth. Nachdruck verbofen. Gedankenvoll ging Herr Ferdinand Reinau an dem Tage, als seine Tochter die Ausfahrt mit ihrem Bonnygespann machte, in seinem Zimmer auf und ab, als ein bescheidenes Klopfen an der Türe vernehmbar wurde. Geräuschlos trat ein Diener ber die Schwelle und überbrachte seinem Herrn auf filberner Schale zwei VisitenBarten. Kaum hatte Reinau einen Blick darauf gewor fen, als er auch schon lebhaft rief:
Herzlich willkommen, mein alter Freund!" Zwei Herren, offenbar Vater und Sohn, waren dem Diener auf dem Fuße gefolgt und schüttelten nun bem ihnen entgegeneifenden Hausherrn kräftig die Hand. Der Jüngere der Eingetretenen ließ seine Augen in ziemlich neugieriger Weise in dem vornehm eingerichte ten Raum umherschweifen, als suche er irgend etwas. E trug einen tadellosen Gesellschaftsanzug, war überhaupt fehr elegant, beinahe stuberhaft gekleidet und dennoch machte er auf den ersten Blick feinen günstigen Eindruck. Die von hellen Wimpern beschatteten Augen schaufen so nichtsfagend und ausdruckslos darein, daß man sofort die Ueberzeugung gewann, vieles Wissen war gewiß nicht seine Sache. Er drehte auch iezt mit linkischen, halb verlegenen Bewegungen den Hut zwischen den Fingern. Während die beiden älteren Herren sich lebhaft unterhielten, starrte er nur immer auf die Türe, als erwarte er jeden Augenblick dort jemand eintreten zu sehen. Endlich plazte er ganz unvermittelt mit der Frage heraus: Fräulein Mala ist wohl nicht zu Hause?"
Reinau, der den jungen Mann schon geraume Beit Berstohlen beobachtet hatte, lächelte ein wenig malittös: Leider nein, Herr Stolze, meine Tochter ist zu threr Freundin nach Neunlinden gefahren, und ich Meine fürchte, sie wird so bald nicht zurückkommen. Kleine wünschte sich nämlich zu ihrem Geburtstag ein Bonnhgespann mit dazugehörigem Wagen. Nun, gestern erhielt sie dasselbe und heute mußte es unter allen Umftänben der geliebten Freundin vorgeführt werden. Ich
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habe allerdings auf Ihren angekündigten Besuch hingewiesen, allein leider half das gar nichts!"
Der junge Herr fuhr mit allen Zeichen des Entseßens empor. ,, Und felbft?"
-
- Fräulein Maja kutschiert ,, Allerdings," lächelte Reinau belustigt.
womöglich
Sie hätten das unter feiner Bedingung zugeben dürfen!" rief der junge Mann ängstlich. Bedenken Sie doch wenn etwas passierte, so junge Tiere sind oft unberechenbar, das ist, das ist"
Er schien das rechte Wort nicht zu finden.
Leichtsinnig gehandelt, meinen Sie?" vollendete Reinau hell auflachend ,,, beruhigen Sie sich, ich sebe meine Maja feiner Gefahr aus, sie hat ihren getreuen alten Friz dabei und die Tiere sind lammfromm, wie mir glaubwürdig versichert wurde."
Du läßt, wie mir dünkt, deiner Tochter zu viel Freiheit," mischte sich jetzt der ältere Stolze, der bisher geschwiegen hatte, in strengem Tone ein ,,, ich würde dergleichen nicht gestatten."
Du kennst eben meine Maja nicht," entgegnete Reinau gleichmütig. Die fragt nicht viel, ob man etwas gestattet. Sie ließ einfach anspannen, und hui,- war sie wie der Wind zum Tore hinaus, daß alles nur so flog. Der alte närrische Friß unterstützt sie dabei nach Kräften. So war es schon immer."
Du kanntest aber doch ganz genau den Grund unferes Kommens," sagte Herr Stolze mit etwas gekränkter Miene. Es ist dir nicht unbekannt, daß mein Albert leidenschaftlich in deine Tochter verliebt ist, ich habe dir das deutlich genug zu verstehen gegeben. Leider ist mein Sohn zu schüchtern, um seine Sache allein zu führen, so mußte ich mich um ihn annehmen. Ich sagte dir auch schon, daß es mein höchster Wunsch wäre, wenn deine Maja sich entschließen würde; Alberts Frau zu werden. Sein Lebensglück hängt davon ab; es liegt mir sehr am Herzen. Der arme Junge ist ganz unglücklich, daß er wahr, Fräulein Maja nicht sprechen kann. Nicht Albert?"
Der Gefragte nickte melancholisch mit dem blonden Kopf
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sehr unglücklich." und seufzte: ,, Ach ja, Papa, Na, tröste dich, Junge, wir kommen wieder; hoffent lich paßt es dann besser und das gnädige Fräulein be quemt sich dann vielleicht, zu Hause zu bleiben."
Es flang eine unverkennbare Gereiztheit aus den Worten des älteren Herrn, aber Reinau schien durchaus nicht gewillt, diefelben ruhig hinzunehmen."
,, Es besteht wenig Aussicht, daß Maja deinen Sohn ie lieben wird," begann er in ruhigem Ton.
Weshalb?" fuhr Stolze wütend auf, während der junge Mann wie in heftigem Schrecken die Hand auf die Brust legte und ganz entfekt und ratlos seinen Vater anstarrte.
Du hättest deiner Tochter flar machen sollen," fuhr Stolze fort, daß mein Albert der beste Mensch von der Welt ist, daß sie weit und breit feinen sanfteren, nachgiebigeren Mann finden wird!"
,, Hab' ich ja getan," nickte Reinau seelenruhig; doch unterdrückte er nur mit Mühe ein spöttisches Lachen,- ,, alles ist umsonst! Das eigensinnige Mädet"-hter seufzte der Fabrikant recht tief und fuhr sich in fomischer Verzweiflung durch sein dichtes Haar,- ,, es stößt das Glück von sich, ich weiß es wohl, aber was will ich machen? Als ich ihr erklärte, daß sie heute unbedingt zu Hause bleiben müsse, weil nun, weil ein Freiersmann sich gemeldet habe, da lachte sie so übermütig, so recht lustig und rief mir zu: ,, Bitte, grüße mir meinen Freiersmann bestens und sage ihm, er möge sich das Warten nicht verdrießen lassen! Ich heirate noch nicht! Und Herrn Stolze schon gar nicht! Ich will bei meinem Vater bleiben!" Damit flog sie zum Tore hinaus und ließ mich stehen. Also es ist, wie du selbst einsehen wirst, wenig Aussicht vorhanden, daß Maja deinen Sohn erhören wird." Reinau sagte das alles mit einer halb spörtischen, halb überlegenen Miene; augenscheinlich Felustigte ihn die Sache. Stolze Vater und Sohn waren gleichzeitig von ihren Siben in die Höhe geschnellt.
( Fortseßung folgt.)


