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" Bist allein, he?"

,, Ganz allein," sagte der Kleine, und begann sogleich zu erzählen, wie das käme. Unser Knecht ist auch seit gestern weg," schloß er.

Der Fremde trank, nickte zu allem und sagte dann, daß er sich ein wenig auf den Hausboden legen wolle, um einen Schlaf zu tun.

Der Junge wunderte sich. Woher weißt denn, daß ein Boden da ist?"

Der andere lachte. Gibt's denn wohl ein Haus ohne Boden, du Tschapperl?"

,, Ist wahr. Denn geh und schlaf; aber nachher kommst noch mal hier ran, hörst?"

Nach einer Viertelstunde kam der Fremde mißmutig zurück. Da oben laufen die Mäus'. Is halt nicht zum Schlafen." Und er hockte sich auf die Ofenbank.

,, Gehen die Leut bei euch auch am Palmsonntag alle zur Kirch?", forschte er.

,, Alle miteinand. Nur die Großmutter Kelleich bleibt fern. Die richtet für alle das Essen."

Der auf der Bank lächelte sonderbar. Der Junge merkte es nicht, weil er sich schon wieder über die flüchtigen Wellchen grämte..

" Jetzt hörst mich mal ab, du!" bat er dringlich. " Was soll ich?"

Ich will vorbeten, was ich heut wissen muß. Den Taufbund zuerst."

In die breite Gestalt kam eine merkwürdige Unruhe. ,, Ich mag nicht abhören," sagte er beinahe trotzig; aber da hatte ihm der kleine Karl schon den Katechismus in die Hand gedrückt und begonnen.

Ich entsage dem Teufel und allen seinen Wer­ken, dann stockte er, besann sich und endete glücklich: ,,... im Glauben und Gehorsam dir treu zu sein bis an mein letztes Ende. Amen."

Der Fremde zitterte, als fröre ihn.

krank, ehe er sterben mußt. Darum sind wir jetzt auch so arm, weißt! Schon hundert Taler könnten uns helfen, sagt Mutter.. Bleib noch eine kurze Weil! Schnell mein Einsegnungssprüchlein: Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Der Geiſt iſt willig, aber das Fleisch ist schwach. Matthäus 26, 41."

Nun ließ sich der Fremde aber nicht länger zurück­halten. Als die Bäuerin kam, war er längst fort, und Karl vergaß, ihr von dem Besuche zu sagen. Die Wich­tigkeit seines Ehrentages machte ihm alles nicht dazu Gehörige unwichtig. Erst am nächsten Tage sprach er ihr davon. Ueber dem angstvollen Kämpfen um ihre Zukunft hatten sie es bald wieder vergessen, bis eines Tages der Geldbriefträger ins Haus kam. Er winkte der Frau schon von weitem entgegen und schrie es über den ganzen Hof:

,, Setzt Euch nieder, Bäuerin. dreitausend Mark bring ich an Eure Adresse."

Ja, wirklich, er hatte recht!

Die Anweisung trug einen ausländischen Stempel, dessen Buchstaben sich nicht entziffern ließen. Von einer fremden, gewandten Hand waren auf der Rückseite zwei Sätze niedergeschrieben:

,, 3000 Mark für den Stirnreifen. Matthäus 26, 41."

Rätsel und Unbegreiflichkeiten überall! Aber der alte Stirnreifen fehlte tatsächlich aus der Eichenlade. Mehr ließ sich nicht feststellen.

Daß Christian Resers ganz anders hieß, und einer der gefürchtetsten Einbrecher gewesen war, der, nachdem er alle Verhältnisse kennen gelernt, an jenem ſtillen Palmsonntag einen Raubzug durch sämtliche Behausun­gen geplant hatte, erfuhren sie niemals. Nur eine regel­mäßige Geldspende lief an jedem neuen Palmsonntage für Frau Doberhaas ein und einmal sogar ein kostbarer Kranz aus schwerduftenden, halbzerdrückten Blumen für

,, Was hast? Bist krank? Vater war auch viel das Grab des früheren Schulzenwirts.

Wenn

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fie wandern. Von Käte Damm.

ch war noch ein sehr kleines Mädchen, vielleicht eben erst schulpflichtig geworden, als ich, zum Besuch bei einer lieben Tante in einer nord­deutschen Kleinstadt, auf einem Spaziergang vor dem Tore sah, wie zwei junge Wander­burschen, jeder von der Mutter noch ein Stück Wegs geleitet, in die Fremde zogen.

Das hat sich meinem Gedächtnis so unauslöschlich eingeprägt, wie keine andere Begebenheit jener herrlichen Zeit, da dem Großstadtkinde zum ersten Male die Neu­heiten und Reize ländlichen Lebens und kleinstädtischer Verhältnisse nahe traten.

Die ungebundene Freiheit in Garten und Feld, die Möglichkeit, allein" in der Stadt eine Besorgung zu machen, das Fehlen fast jeden Wagenverkehrs, so daß die vierspännigen Kutschen, die die Landherrschaften ge­legentlich zur Stadt brachten, angestaunt wurden, das frohe Kinder- Vogelschießen", die unbekannte Freude eines wirklichen Jahrmarkts", das alles ist in meiner Erinnerung verblaßt.

Aber das Bild der beiden Mütter, die mit den jungen Söhnen, die Ränzel und Stecken trugen und jeder noch ein Paar Stiefel am Ränzel befestigt hatten, das ist mir geblieben, und jedes Jahr zu der Zeit, da so und so viele Tausende von Kindern ins Leben treten", steht dieses Bild wieder deutlich vor meiner Seele. Ein Wanderbursch! Ich hatte von ihm gehört und gelesen, aber gesehen hatte ich keinen. Das Warum" machte mir große Pein. Die alte Kinderwärterin der kleinen Rusine mußte die Fragen über sich ergehen lassen: Das ist doch schrecklich traurig, warum müssen denn die jungen Gesellen wandern?"

" Ja, Kind, die müssen, das ist nun mal so Hand­werksbrauch, sie müssen in andern Städten arbeiten und noch mehr lernen; was mein Bruder selig war, Gelbgießer auf Lampen, der war sogar bis nach Paris."

,, Aber nachher fahren sie doch mit der Bahn, Line, nicht wahr? Sie gehen doch nur bis zur Station, wo­hin wir mit der Post fahren?"

Ach, behüte Gott- die laufen auf ihren zwei Beinen."

,, Aber Line, da werden sie ja müde!" " Ja, müde werden sie wohl."

,, Und die Stiefel werden schlecht."

,, Aun, dafür haben sie ja noch welche mit!" ,, Und Geld haben sie nicht?"

,, Nein, viel Geld nicht, das sollen sie sich ver­dienen." Können sie nicht hier Geld verdienen?"

Unser Gespräch wäre wohl noch eine gute Weile ohne sichtbare Erfolge für mein Verständnis fortgesetzt worden, wenn nicht just am Kreuzwege, da, wo sich die beiden Chausseen nach Ost und West abzweigten die eine blieb in Mecklenburg, die andre, mit schwarz- weiß gestrichenem Pfahl, bezeichnete die preußische Grenze die Gruppe der beiden Mütter und Wanderburschen haltgemacht hätte.

Der Abschied dauerte nicht lange, die jungen Burschen schwenkten die Hüte und schlugen die preußische Chaussee ein, die beiden Mütter aber, beständig sich umschauend, kehrten den Weg zurück. Die Entfernung zwischen den Wanderern und den Müttern wurde

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Der neue Bund.

Eine Dalmsonntagsgeschichte von Käte Lubowski.

eim Schulzenwirt Doberhaas hatte es früher goldene Jahre gegeben. Der schwere, gutgepflegte Weizacker trug dreimal hinter einander gesegnete Frucht und schien auch danach noch kein Schonen und Brachliegen nötig zu haben. Als der Fremde, der sich Christian Resers nannte, beim Schulzenwirt Dienst nahm, ging es bereits bergab.

locker

Der Acker war zwar immer noch willig, warm und aber dem Wirt fehlte die alte Kraft und Energie. Eine Influenza mit darauf folgender Lungenentzündung hatte ihn matt gemacht. Dazu kam die zunehmende Not mit dem Gesinde, das sich, durch falsche Meldungen verlockt, der Großstadt zuwandte. Christian Resers erschien also wie gerufen, denn er war ein Riese an Ausdauer und Schaffenswilligkeit. Ob ihm seine Arbeit auch gleicherzeit Freude machte, wußte niemand. Sein Gesicht blieb andauernd ernst. Sein Mund stumm. Nur die Augen wanderten überall eifrig umher, schienen unter Tische und Schränke zu kriechen in beständig rastlosem Suchen.

Er war ein eigenartiger Mensch.

Niemals erhob er Anspruch auf einen Ruhetag. Ja, trieb ihn der Schulzenwirt einmal mit sanftem Tadel zum Hause hinaus:" Geh, ruh dich aus, mach dir einen Sonntag!" dann konnte man gewiß sein, daß er dem reichen Waldbauern oder dem noch reicheren Brunnen­melder einen Dienst leistete. Entweder, er brachte die streikende Häckselmaschine in Ordnung, oder er mauerte ein paar Steine sauber aus, hinter denen die Dörfler thr Erspartes versteckten. Denn von der Anschaffung von Papieren oder Sparkassenbüchern mochten sie hier noch nichts wissen.

Wie eine Bombe schlug deshalb die Nachricht ein, die der schmalbrüstige Karl Doberhaas, das einzige Kind seiner Eltern, eines Tages von Haus zu Haus trug.

" Weißt, unser Christian zieht. Er muß nach Haus." Nun hat zwar niemand bisher etwas davon gehört, daß der Christian überhaupt ein Zuhause" sein nannte, aber es würde schon stimmen.

Der Schulzenwirt verlegte sich sogar aufs Bitten. ,, Siehst, Christian, ich bin engbrüstig und müd! Der Karren bleibt gewiß stehen, wenn du gehst"..

Und die Bäuerin half ihm mit sanfter Bitte: " Tus uns nicht an!" Zuletzt kam der Karl. " Du sollst nicht. Ich wills nicht haben." Trotz allem war er gegangen und geschrieben hatte er.

nicht einmal

Zwei Monate später legte sich der Schulzenwirt zum Sterben nieder. Nun arbeitete seine Witwe allein.

Eine harte Arbeit, die scheinbar ohne Segen blieb. Wie konnte sie denn auch wissen, wie tief der Pflug die Ackerkrume herumzureißen hatte!

Nur auf den Viehstand konnte sie passen. Hierin hatte sie auch Glück, und das hielt sie über Wasser.

Dazu kam der neue Knecht.

Der konnte nichts als ein großes Wort reden, feine Zigarren paffen und von Neuerungen im landwirtschaft­lichen Betriebe phantasieren, die alle in dem großen Buche standen, das in seiner Lade lag.

Am Palmsonntag sollte zwar der Karl eingesegnet werden, aber das half auch nicht viel. Freilich hatte er den besten Willen. Aber wenn doch die Hand fehlt, die den richtigen Weg zeigt, dann währt das Suchen und Umherirren gar elend lange. Zudem war er ein schmächtiges Kerlchen, das, nach Ausspruch des Arztes, ja nicht mit schwerer Arbeit überlastet werden durfte. So wars gekommen, daß die Schulzenwirtin kein Bargeld mehr im Hause besaß, sondern sich zum Ein­fegnungsanzug ihres Einzigen das Nötige vom Bruder leihen mußte Denn es galt als Schande, wenn eins in unbezahltem Kleid vor den Altar schritt.

Ein Stück war freilich noch in ihrem Besitz, das ihr hundertmal mehr gegeben hätte, als sie dazu benötigte. Ein Stirnreifen mit einem großen, wasserhellen Stein, den eine hohe Frau zur Zeit der Freiheitskriege einem Urahn einst dafür geschenkt, daß er sie und ihr Kind aus gutem Herzen ein volles Jahr bei sich gehalten und ernährt hatte... Sie aber ahnte nichts von seinem wahren Wert, ja hatte wohl in aller Not und Alltags­sorge vergessen, daß er unter den gewebten Linnen in der auf dem Hausboden stehenden Lade ruhte. Der Christian, der frühere Knecht, hatte ihn oft hervorgesucht und spielend in der Hand gehalten

Der allein wußte auch um seine Kostbarkeit.

Die Schulzenwirtin, wie sie immer noch im Dorfe hieß, obschon längst ein anderer das Amt ihres Mannes ver­sah, hatte den Gang zum Bruder bis zur letzten Minute hinausgeschoben. Schließlich aber mußte sie ihn doch ausführen.

Schon um vier Uhr morgens am Palmsonntag war sie fortgelaufen, denn das brüderliche Anwesen lag eine Meile entfernt, und sie wollte pünktlich zum Kirchanfang zurück sein.

Der kleine Karl saß bereits in seinem Festkleid. Er hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und lernte das, was er heute zu wissen nötig hatte, noch einmal durch. Er hatte zu allem den besten Willen. Aber das Lernen kam ihn hart an. Die Worte waren wie lustige Wellen. Sie hüpften aus seinem Munde fort flohen seinen Wohl kamen andere, neue aber sie Kopf waren gleich behende und gleich treulos.

Gegen sieben Uhr am Morgen klinkte jemand vor­sichtig die Tür zu der Stube auf, in welcher er hockte. Ein breiter, starker Mensch stand vor ihm, der ihn an jemand erinnerte; aber nein er kannte ihn doch nicht! Dieser hier hatte ein bartloses Gesicht und einen dicken, roten Schopf.

Der Fremde näherte sich dem Jungen und bat ihn um einen Trunk. ( Fortsetzung auf Seite 6.)