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Sabbatglocken.

Von M. ferno.

( 10. Fortsetzung.)

ie Stellung habe ich, Frau Melchers." Ganz erschöpft sank Charlotte auf einen Stuhl in dem kleinen Korridor der neuen Wohnung, die sie in Char­

lottenburg bezogen hatte.

Und die treue Seele stand vor der ehemaligen Herrin mit dankbar gefalteten Händen. Seit sechs Wochen weilte Frau Melchers bei Charlotte. In ihrer neuen Stellung an Gichtanfällen erkrankt, hatte die Herrin sie in ein Krankenhaus bringen lassen. Dort hatte sie, zufällig eine Zeitung lesend, Holstens Tod erfahren. Nun hatte sie keine Ruh; sie hatte die junge, zarte, stille Frau mehr geliebt, als sie sich zugestehen wollte, und ihr Kondolenz­brief war ein Gemisch von Trostworten und Wünschen, von Charlotte und den Kindern zu hören.

Und als sie, aus dem Krankenhaus entlassen, sich noch zu schwach fühlte, einem großen länd­lichen Haushalte vorzustehen und sorgend der Kosten gedachte, die ein Leben ohne Stellung ihr aufbürden würde, da bot ihr Charlotte ihr Heim an, ganz selbstverständlich, ganz liebevoll: Kommen Sie zu mir, Frau Melchers, Sie wissen, ich ge­biete über geringe Mittel, aber vorläufig habe ich ein Heim, das ich mit Ihnen teilen kann men Sie, ich pflege Sie noch gesund!"

kom­

Nun war sie schon sechs Wochen bei Charlotte, und die Sorgen der jungen Frau um einen Er­werb teilend, hatte sie gesagt: Gnädige Frau, wenn Sie irgend etwas tun können außer dem Hause, nehmen Sie das an, ich bleibe_da vorläufig so ich hab ja mein Sparkassenbuch, von dem ich Zinsen bekomme und wenns geht, geben Sie mir Gehalt ich lieb Sie einmal, und liebe die Kinder- da sind Sie und die Kinder versorgt."

Heute früh hatte Charlotte gelesen, daß eine reiche, alte Dame, die an der Spitze großer Ver­eine stand, eine Sekretärin und Vorleserin suchte, und unter den vielen Bewerberinnen hatte ihr Charlotte am besten gefallen. Die junge Frau mit den leidvollen Zügen im Witwenkleide, die schlicht und selbstverständlich erklärte: Ich brauchte keine Fachbildung, weil ich als wohlhabendes Mädchen erzogen war ich muß nun mein Leben und das meiner Kinder durch eigene Arbeit fristen, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich diese Stellung bekäme ich werde mir Mühe geben, sie auszufüllen, das zu lernen, was mir fehlt hatte ihr imponiert, und so war Char­lotte angestellt worden. Früh um zehn Uhr hatte sie ihren Dienst anzutreten, nachmittags um vier Uhr war sie frei, und einhundertfünfzig Mark monatliches Gehalt.

Die Kommerzienrätin Kielwerder stand ganz allein, aber sie machte ein großes Haus. Alle Sonntagnachmittag war Tee- Empfang, und sie hatte, als Charlotte zwei Monate bei ihr war, gesagt:

,, Liebe Frau Holsten, ich würde mich so freuen, wenn Sie einmal auch zu dem Tee- Empfange kommen würden, aber ich habe im Hinblick auf Ihre Trauerzeit noch nicht den Mut gehabt, Sie einzuladen!"

" Ich bitte, Frau Geheimrat- lassen Sie mich daheim," sagte Charlotte flehend, ich selbst wenn ich nicht in Trauer wäre, bin so ent­wöhnt der Geselligkeit, daß ich mich schwer darein finden würde."

,, Aber vielleicht kommen Sie einmal zum Tee, wenn ich nur wenige Gäste habe. Darf ich Sie

dann einmal bitten? Sie sind doch noch so jung und müssen sich nicht so vergraben!"

Ich habe meine Kinder," sagte Charlotte, ,, und sie stockte

,, Ach ja, ich weiß," vollendete die Kommerzien­rätin," Sie haben die Erinnerung an das große Glück, das Ihnen nun zerstört ist."

Charlotte zuckte schmerzhaft zusammen. Glück" hatte sie im Leben nicht gekannt, und es erschien ihr, auch im Zurückdenken, kein Glück. Glück schien ihr nur, daß sie Treue gehalten hatte- mit Wort und Tat, Treue bis in den Tod. Und dieses Glück hielt sie aufrecht, und dieses Bewußt­sein zauberte jetzt, da sie durch ihre treue Arbeit der drückenden Sorgen überhoben war, all den mädchenhaften Liebreiz über ihr Antlitz und ihre zarte Gestalt, der ihr vor acht Jahren zu eigen gewesen, als sie neunzehn Jahre zählte.

Hin und wieder, ganz selten, dachte sie an Wellermann; sie wußte nicht, ob er von ihres Mannes Tod gehört hatte.

Damals, als sie fast verzweifelnd einen Aus­weg, einen Erwerb gesucht hatte, da war jene Stunde auf der Veranda in Rühlsdorff ihr wieder mit fast zauberhaftem Glanze vor die Seele ge­treten. Sie wußte es, sie hatte einen treuen Freund in ihm er hatte gebeten: rufen Sie mich, Charlotte, wenn Sie einen Freund brauchen";

jetzt hätte sie einen Freund gebraucht- aber sie rief ihn nicht. Ganz allein wollte sie ihr Schicksal tragen, ganz allein wollte sie sich durch­ringen, weil sie sich damals hatte halten lassen, als die Sabbatglocken klangen. Und nun sie einen festen Halt hatte in ihrer Stellung, nun sie wußte: du schaffst dir und den Kindern aus eigner Kraft ein Heim, ein sicheres Heim, so Gott es will, nun hatte sie kaum Zeit, des fernen Freundes zu gedenken. Vielleicht hatte inzwischen auch das Leben ihm ein anderes Frauenbild gezeigt, viel­leicht war ihm ein junges, eben erblühtes Mädchen entgegengetreten. Sie wünschte es für ihn.

Sie wußte es ja genauer hatte mit dem Blick der Liebe, die er noch für sie gefühlt, ge­sehen, daß sie nicht glücklich war. Und sie dankte ihm, daß er, trotzdem er sie damals geliebt hatte, geschieden war ohne ein Wort- ohne die Schwelle des Hauses zu entweihen, dessen Herrin sie war. In Eichwalde, dem Gute der Kommerzienrätin, wohin sie die alte Dame hatte begleiten müssen, hatte sie sich mit Frau Melchers und den Kindern für den Sommer niedergelassen. Im Lehrerhause bewohnte sie eine bescheidene, freundliche Wohnung, und im Gärtchen am Giebel hatte man ihr eine freundliche Sommerlaube eingeräumt. Und gegen Abend, wenn sie vom Schlosse kam, ging sie mit Luischen und Käthe spazieren auf langen, sonnigen Wegen, an Wiesen vorüber und Feldern. Wie glückselig die Kleinen hier waren, wie sie sich an die Mutter hingen, wenn sie heimkehrte!

Sonnabendabend! Sie hatte schon als Kind eine Vorliebe für die Sonnabende gehabt- wenn die Arbeit geschafft war und man zum Feier­tag rüstete. Und seit sie selbst mitten in Berufs­arbeit stand, waren ihr diese Sonntage noch lieber geworden. Darum hatte sie auch wohl den Spa­ziergang heute etwas weiter ausgedehnt. Jenseits der Eichwalder Felder waren sie durch eine kleine Kiefernschonung gegangen, nun nahm ein Weg längs des Waldes sie auf. Rechts der dunkel­schattende Wald, links ein Kornfeld, dessen Aehren den Silberschimmer abzustreifen und sich golden zu färben begannen, vor sich nicht allzu fern auftauchend, ein anderes freundliches Dorf, dessen Kirchturm herübergrüßte. Luischen und Käthe liefen voraus, ste hatten viel zu bewundern: bunte Schmetterlinge, die vor ihnen hingaukelten, Bittergras, hohes Farnkraut und bunte Feld­blumen. ( Schluß folgt.)

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und ste immer größer nur noch ein Stückchen waren verschwunden. Trotz ihres Schmerzes grüßten die Frauen die Line. Die eine hatte etwas Stolzes, Herbes und Kaltes, die andere, kleinere, hatte weichere Züge, ihre blauen, glanzlosen Augen standen voller Tränen.

" Na wohin sind sie?" fragte Line gleichmütig. Nach Süddeutschland über Stettin und Berlin, sie wollen durchaus bis Italien."

,, Gott schütze sie!" sagte Line andächtig, und das gefiel uns Kindern von der Line.

Die stolze, herbe Frau ging hochaufgerichtet neben Line die kleine aber schluchzte herzzerbrechend.

Was sie sprachen, konnte mein kindlicher Sinn nicht fassen, nur das eine ist mir im Gedächtnis geblieben; die große Frau sagte: Ich habe Heinrich gut vermahnt - er soll ehrlich und brav bleiben, wie sein Vater war, nur ehrlich und brav soll er mir wieder heimkommen." Die Stimme klang scharf und hell, und es war, trotz der Härte, die ich mehr instinktiv empfand, etwas im Wesen Ser Frau, das mir imponierte.

Die kleine aber sagte weich: Hartungsch, da versteh' ich Euch nicht. Ich meine und habe Claus gesagt: Bleib' brav und ehrlich widersteh' aller Versuchung zum Bösen und Schlechten aber das eine nimm mit in Gottes Welt, die weit ist, du weißt, wo du hinge hörst, und bei deiner Mutter ist immer Platz und Liebe für dich wie du auch kommst."

Die große Frau blickte die kleine an

,, und wenn

er in der Fremde nicht gut tut, auch dann?" Da hob die kleine Frau das weiche, verweinte Ge­sicht und sagte feierlich mit ihrer milden Stimme: Auch dann wo soll ein Kind bleiben, das in die Irre ging, wenn nicht bei der Mutter bei der Mutter ist immer des Kindes Platz- immer."

Ich habe, da ich nie wieder später in die Gegend kam, aus der die Verwandten bald fortzogen, niemals auch nur etwas von jenen Wanderburschen erfahren und das sind jetzt fünfunddreißig Jahre her. Nicht er­fahren, ob sie wiederkamen, und wie sie wiederkamen. Aber stets zu den Zeiten, wenn die Schulen ihre Tore öffnen, und die Jungen die Flügel heben für einen Beruf, der sie in der Heimat läßt oder in die Fremde führt gleichviel, mir steht immer das Bild der beiden Mütter vor Augen, von damals, als dem Kinde eine Ahnung aufging von andrer Mutterliebe und anderen Muttersorgen, als jenen, die ein zärtlich behütetes Kind im Familienkreise kennen lernt.

Wenn sie wandern. Für alle Mütter kommt diese Stunde einmal, auch wenn nicht gleich Meilen sich zwischen Mutter und Kind legen!

Wenn sie wandern. In diesem letzten Augenblick erst möchten viele Mütter alle Lehren, alle Ratschläge den Kindern nahelegen, sie beschwören: bleibt gut, bleibt brav - denkt an uns! Das alles ist gewiß verständlich, und der Erfolg solcher letzter Mutterwünsche tritt gewiß oft ein vielleicht ebenso oft tritt aber auch das Gegen­teil ein. Und wenn sie nicht gut wiederkehrten oder wenn sie im Strudel brandenden Lebens und branden der Jahre verloren gingen ganz verloren, dann denken die Mütter mit kummerschwerem Herzen, wie es nur kommen konnte, daß sie ihre Ermahnungen, ihre Bitte beim Scheiden so in den Wind spruchen.

Wer wollte sich darüber wundern?! Und noch mehr. Wer wollte rechten mit den Müttern, die vielleicht erst gerade für den letzten Augenblick des Scheidens sich die Ermahnungen aufsparten?! Wohl haben die Scheiden­den sie gehört und haben, ergriffen von dem großen, herben Gefühl des Abschieds, fest und heilig versprochen: Gewiß wir bleiben gut, treu, wahr. Und trotz alle­dem kam das Vergessen! Die neuen Eindrücke, die Selbständigkeit, all das, was vielleicht nach dem ersten, schnell überwundenen Heimweh dem jungen, dem Leben entgegenreifenden Menschen begegnet, zulächelt, ihn schließlich an sich reißt, überwältigt sie. Und wenn dann ach da gibt stillere Stunden der Einkehr kommen,

es dann Tausende von Gegengründen, Tausende von Abhaltungen.

Das Elternhaus taucht oft nur vorübergehend gleich einer Fata morgana vor dem geistigen Auge auf. Und wenn man zum Besuch" kommt, dann kommt man als Gast ins Elternhaus, nicht mehr als Kind zur Mutter. Es wird heutzutage noch vielfach den Müttern zum Vorwurf gemacht, daß sie auch ihre erwachsenen Kinder zu sehr als Kinder" behandeln, die sie gängeln und leiten möchten. Nun eine frühere Zeit, die Zeit des Gehorsams und der Kinderzucht, von der man heute kaum etwas wissen will, hat uns dennoch große, gute, tatkräftige und stolze Persönlichkeiten gegeben.

Die meisten Mütter finden sich heute sehr früh und sehr klug mit dem Gedanken ab, daß ihr's Kind nicht das" Kind bleibt. Die rechte Mutter will gar nicht, daß ihr Kind das Kind bleibt, eine rechte Mutter er­freut sich an der eigenartig entwickelten Persönlichkeit ihrer Kinder, gleichviel, ob diese Persönlichkeit der ihrigen ähnlich oder entgegengesetzt geartet ist. Und die echte und rechte Mutter es kann die schlichteste Frau die lernt, manchmal unter aus dem Volke sein lichteren Lebensphasen, daß man Elternhaus und Mutter­herz zum Abschied nicht mit wenig Worten in der Er­innerung der Kinder festmachen kann. Dazu gehört, daß die Kinder fest und sicher wissen: Hier gehörst du hin! Das ist ein Hafen, worin du immer geborgen bist. Hier ist Frieden für dich nach Sturm, und Liebe für dich nach Hader. Und selbst wenn du straucheltest, und selbst wenn du stürztest auch dann ist da jemand, der dich liebt. Und wenn selbst die Mutter arm ist und nicht einmal genug hat für sich-, sie hat immer noch Liebe und immer noch Erbarmen auch für die Kinder, die irrten und fehlten.

Ein Stern, ein goldglänzender, ein leuchtender Stern in der Dunkelheit der Nacht soll das Eltern­haus, sollen Vatertreue und Mutterliebe den jungen Menschen sein, als Stern soll die Erinnerung sie ge­leiten: Ich weiß, wo ich hingehöre.

Ermahnungen und Warnungen nützen nicht viel, wenn nicht mit denjenigen, die wandern, das Bild des warmen, wohlig- trauliches Hauses zieht. Ob es denn wirklich so schwach damit bestellt ist in unserer Zeit? Ob wirklich das Elternhaus so oft, anstatt Freude und Wärme zu spenden, kühl bleibt und leer?

Und neben dem Bilde des Vaterhauses die Gewiß­auch heit: Allezeit ist dort ein Platz für dich, allezeit wenn du als Schiffbrüchiger wiederkehrst.

Und noch ein anderes Bild: das Bild des Feier­abends im Familienkreise! Auch die Erinnerung dieser traulichen Feierabende kann sie unbewußt schützen vor dem Straucheln, sie, die da wandern.

Der Kampf ums Dasein spannt ja alle Kräfte an, und die meisten Menschen suchen die not­wendige Freude des Feierabends in stetem Genuß, im Theater, Konzert, in großer, anstrengender Ge­selligkeit. Da veröden die Feierabende der Familie, die oft die herrlichste Erinnerung der Kinder an das Elternhaus bilden. Und wenn schon das moderne Ge­triebe nicht auf die Feier des Feierabends außer dem Hause verzichten kann sollten doch die Frauen und Familienmütter wieder versuchen, wenigstens zwei bis drei Abende der Woche für die Familie zu retten.

Das Elternhaus, wenn's noch so ärmlich ist, soll der Erinnerung der erwachsenen Kinder lieb bleiben. Lieb aber machen es uns Muttertreue und Mutterliebe, sorgende Liebe, die nicht empfindlich ist, wenn die jungen Herzen eine Zeitlang ,, andere Götter" haben, die sie nur immer lieben und immer zärtlicher lieben, wenn die Zeit kommt, wo sie sie nicht mehr leiten können.

Nicht erst beim Scheiden sagt es ihnen, jede Stunde, die ihr mit ihnen zusammen seid, von ihrer Geburt an durch die Kinderjahre und in der heranwachsenden stürmenden Zeit, zeigt es ihnen: Ihr wißt, wo ihr hin­gehört und bei der Mutter ist immer Platz, und- immer Liebe für euch, wie ihr auch kommt."