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Gericht ging noch über diesen Antrag hinaus und erkannte auf vier Jahre Zuchthaus.

Aus dem Reiche der Technit.

Eine Bremse für Kriegsschiffe. Auf dem amerika­nischen Panzerschifff Indiana" werden gegenwärtig Ver­suche mit einer Art Bremse gemacht, die von dem vor furzem verstorbenen Ingenieur La Coste erfunden worden ist. Der Ingenieur betrachtete eines Tages, als er gerade bon einem verhängnisvollen Schiffszusammenstoß gelesen hatte, kleine Goldfische in einem Aquarium, und er war überrascht, wie plötzlich sie nach einer fleinen Vorwärts­bewegung der Brustflossen Halt machen konnten, auch wenn sie mit großer Schnelligkeit dahingeschossen waren. Das Prinzip der Schiffsbremse war für ihn damit gefunden. Die ,, Indiana" ist nun nach seinem System mit zwei Flossen ausgerüstet, die etwa vier Meter lang und zwei Meter breit sind; sie sind an den Seiten des Schiffes unter der Wasser­linie angebracht und werden mit Hilfe eines einfachen Ap­parates von der Schiffsbrücke aus bedient. Wenn man das Schiff in einem Augenblick zum Halten bringen will, so braucht man nur einen Hebel zu bewegen; die Flossen, die längs des Kiels liegen, schnellen heraus, und das Schiff fommt auf eine halbe Länge zum Stillstande, auch wenn es mit voller Geschwindegkeit fuhr. Wenn die Experimente, die mit dem Apparat auf der Indiana" gemacht werden, erfolgreich sein sollten, so werden, wie die Daily Mail be­richtet, alle amerikanischen Kriegsschiffe mit dieser Bremse bersehen werden.

Vermischtes.

Eine Hundertjährige. In München vollendete die Ge=" richtsfunktionärswitwe Cordula Burger am 11. Januar ihr 100. Lebensjahr. Ihr Gesicht und Gehör haben zwar nachgelassen, aber ihr Gedächtnis ist noch erstaunlich scharf, und die Greisin, die wacker im Haushalt mithilft, ist so munter und guter Dinge, daß sie noch lustige Lieder zum Besten gibt und überhaupt einen beneidenswerten Humor zu entfalten weiß. Zwei Töchter im Alter von 70 und 57 Jahren, die sie ihre Dirndln nennt, pflegen die Hundert­fährige, der die Stadt ein Ehrengeschenk von 100 M über­Leichen ließ.

Die Gläubiger der Prinzessin Luise. Die Advokaten der Prinzessin Luise hatten gestern im Brüsseler Justizpalast eine Konferenz mit den Rechtsanwälten der Gläubiger ihrer Mandantin einberufen, die einem kleinen Brüsseler Advokatenkongreß glich. Die Vertreter der Prinzessin bo­ten den Gläubigern auf ihre zusammen 4 Millionen über­steigende Forderung eine ansehnliche Abschlagszahlung an, verbehaltlich einer Prüfung und Reduktion der vielfach überspannten Forderungen. Beispielsweise wurde von ei= rem Hotel der Prinzessin eine Rechnung von 2000 Francs liberreicht für Reinigung eines von dem Hunde der Prin= zessin verunreinigten Salons. Die Testamentsvollstrecker des verstorbenen Königs werden in den nächsten Tagen be­reits die Teilung der im Testament den Töchtern ausge= worfenen 18 Millionen Francs vornehmen, wovon die Prinzessin Luise also 6 Millionen zur Verfügung erhält. Man beziffert heute das Erbteil jeder der Prinzessinnen auf annähernd 20 Millionen. Die Gläubiger verließen die Versammlung mit sehr vergnügten Gesichtern.

Die Rache des Verschmähten. In dem holländischen Orte Beetgummermolen ist die 30jährige Andringa von dem 19fährigen Bäckergesellen van der Stark ermordet worden. Die Andringa erhielt wie gewöhnlich ihr Brot durch den Bäckergesellen, der ihr Anträge machte. Als das Mädchen fich weigerte, durchschnitt der Bursche thr die Kehle und entfloh. Der Mörder konnte kurz nach der Tat verhaftet werden.

Ein empfehlenswertes Regiment. Anläßlich der Er­mordung der Frau Gouin durch Soldaten des 81. franzö= sischen Infanterieregiments wird daran erinnert, daß der Direktor des Gefängnisses von Melun Lantin schon vor sechs Monaten bei der Militärbehörde den Antrag gestellt, hatte, daß fortab keine Soldaten des in Melun garniso­nierenden Bataillons des 31. Infanterieregiments mehr als Wachtposten in die Gefängnishöfe gestellt würden, da dies den Bock zum Gärtner machen hieße. Anstatt die Straf­gefangenen zu bewachen und ihre event. Flucht zu ver­hindern, fraternisierten die Soldaten mit den Zuchthäus­lern, gaben ihnen heimlich Tabak und Lebensmittel und wechselten skandalöse Reden mit ihnen. Der Gefängnis­direktor fügte hinzu, er ziehe es bei weitem vor, gar keine Soldaten als Wächter des Gefängnisses zu haben, als die des 31. Regiments. Auf eigene Kräfte angewiesen, werde er viel ruhiger sein. Die Bitte wurde in der Tat gewährt, und seither ziehen die Soldaten vor dem Gefängnisse nicht mehr auf Wache.

Ein reniger Sünder. Der Oberst des in Verdun gar­nisonierenden Husarenregiments verlas vor versammelter Mannschaft ein Schreiben, das der Brigadier Faraco, der die Leute seiner Schwadron mit Blausäure hatte vergiften wollen, an den Regimentschef richtete. Der noch im Unter­suchungsgefängnis befindliche Brigadier gesteht darin un­umwunden seine Tat ein. Er beging sie, um sich eines unbequemen Gläubigers, des Husaren Thomas, zu entle= digen. Er habe versucht, die Giftmorde in Desterreich, von denen er gelesen habe, nachzuahmen, ohne zu überlegen, daß das Verschwinden des Thomas zugleich den Tod der anderen Leute der Eskadron zur Folge haben könne.

Eine Zeitgenossin Napoleons. Aus Großwardein wird dem Wiener Extrablatt vom 7. ds. berichtet: Eine inter­effante Zeugin des Napoleonischen Zeitalters ist gestern im Alter von 115 Jahren in Görbesd im Komitat Bihar ge= storben. Es ist dies die Witwe Maria Papp. Sie war im Jahre 1795 geboren und suchte im Jahre 1809 zusammen mit ihrer Mutter in Raab die Insurrektionsarmee auf, wo ihr Vater in der Adeligengruppe des Komitates Szat­mar diente. Die ganze Familie, Vater, Mutter und das damals 14jährige Mädchen, gerieten in die Gefangenschaft der Franzosen, aus der sie später wieder befreit wurden. Nach Beendigung des Krieges ließ sich die Familie im Biharer Komitat nieder. Die jetzt verstorbene Frau, welche zeitlebens viele interessante Dinge über die Kriegstaten der Franzosen zu erzählen wußte, war bis zum Ende ihres Lebens ferngesund. Sie hinterläßt zwei Söhne, die sich, ob­wohl über neunzig Jahre alt, vollster Rüstigkeit erfreuen. Das zweite Gramm Radium. Soeben ist, wie der Inf." aus Wien geschrieben wird, bet der Wiener staatlichen Ver­faufsstelle für Radium aus Joachimstal eine sehr bedeut­fame Nachricht eingetroffen, die nicht weniger besagt, als daß in der böhmischen Hauptfundstelle dieses kostbaren Pro­duktes das zweite Gramm Radium gewonnen worden ist. Für die österreichische Staatskaffe bedeutet die systematische Ausbeutung des radiumhaltigen Bodens immerhin einen beträchtlichen Gewinn, da ste jedes Gramm Radium mit 880 000 kronen bewertet. Es find auch genügend Abnehmer vorhanden, die einen solch hohen Preis rechtfertigen. Ja es sind mehr Abnehmer vorhanden, als Radium geliefert werden kann, trotzdem jedes Milligramm mit 380 Kronen berechnet wird. Die österreichische staatliche Radiumver­kaufsstelle hat bisher mit dem Versand des Radiums noch nicht beginnen können, weil erst eine Methode ausprobiert werden mußte, wie dieses Metall zu verpacken ist. Bekannt­Itch find die Gefahren der Ausstrahlung des Radiums nicht geringe, darum muß ein sicherer Schuß dagegen gefunden werden. Die Erforschung dieses geheimnisvollen Produk­tes wird in Wien in dem neuerbauten Radiuminstitut ge= pflegt werden, das in ganz einzigartiger Weise gebaut wer= den mußte, damit nicht die elektrischen Meßapparate durch des Radium in ihrer Wirksamkeit gestört werden. Vor

allen Dingen legt die Regierung Wert darauf, den radium­haltigen Boden von Joachimstal genügend auszubeuten und die günstige Wirkung des Radiums durch Ausbau Joachimstals zu einem Radiun.badeort den Kranken zugute kommen zu lassen. In den Gruben von Joachimstal wird darum auch noch man anderes radioaktive Produft er­zeugt, wie Aftinium und Solomima. Auch diesen beiden Produften wohnen sehr viele Heilwirkungen inne, die das Radium selbst besitzt. Sie zeichnen sich im Gegensatz zum Radium aber dadurch aus, daß sie häufiger vorkommen, und daß ihre Gewinnung nicht so ungeheure Schwierig­feiten macht. Außerdem ist in mancher Hinsicht ihr Strah­lungsvermögen noch kräftiger als beim Radium selbst. Den größeren Wert besitzt aber natürlich das Radium. Die Nachricht, daß nun das zweite Gramm gewonnen worden ist, und daß darum sehr viele ein tausendstel Gramm er­halten können, die sich bisher vergebens darum bemühten, wird unter den Gelehrten aller Länder das größte Inter­effe hervorrufen.

Pariser Theaterpreise. Ein Pariser Mitarbeiter des " Messagero" in Rom spricht von der wachsenden Unzufrie denheit der Pariser Bevölkerung über das Anschwellen der Kosten des Theaterbesuches. In der Tat haben die Billett­preise in Paris bereits eine Höhe erreicht, die den Besuch auf besseren Pläßen zu einem Vorrechte der Reichen macht und die auch den Kauf der mittleren oder selbst der ge= ringsten Pläße minder begüterten Personen sehr erschwert. In den großen Varieteetheatern an den Boulevards, dem Olympia und den Folies Bergeres, fostet ein Parkettplat nicht weniger als 12 Franken, wozu noch die von den Thea­terkarten erhobene Armenabgabe in Höhe von 1,50 Franken fommt. In gewöhnlichert Theatern betragen die Preise für einen Parkettplatz zwischen 9 und 13 Franken, während man für einen solchen in der Großen oder in der Komi­schen Oper 16 und 15 Fr. zahlen muß. Im Apollotheater, wo man seit Monaten ununterbrochen die unvermeidliche Lustige Witwe" spielt, muß man für einen Parkettfit 12 Franken, für einen Parterreplaß oder einen Rangplatz in der zweiten Reihe 10 bis 9 Franken zahlen, und wer sich mit der obersten Galerie begnügen will, muß doch noch im= mer drei Franken anlegen.

Die Teuerung in Amerika. Aus Neuvork wird berich­tet: Den bilderreichen Berichten über den wachsenden Wohl­stand Amerikas stellt die amerikanische Presse mit steigen­dem Nachdruck jetzt die Kehrseite dieses Aufschwunges ent­gegen. Die Lebensmittel werden immer teuerer, der Le­bensunterhalt kostspieliger, aber wenn auch in den höheren Gesellschaftsklassen die Einnahmen zugenommen haben, der kleine Mann, der Arbeiter, wird trotz allen Fortschrittes immer mehr das Opfer bitterster Not. Die Verhältnisse sind jetzt derart, daß eine vier- oder fünfköpfige Arbeiter­familie zu ihrem Lebensunterhalt als äußerstes Minimum ein Jahreseinkommen von 3200 M gebraucht. Die Statistik zeigt, daß zahlreiche Arbeiterfamilien mit einem Einkom­men von 2 bis 3000 M bereits die Unterstützung der Ar­menfürsorge in Anspruch nehmen müssen. Denn mit dem Aufschwung ist keine Erhöhung der Arbeitslöhne eingetre­ten, während die Lebensmittelpreise unaufhaltsam steigen. Das Quantum Lebensmittel, das man heute in Neuyork mit 20 M bezahlt, war noch vor Jahresfrist für 14 M zu be­kommen. Der Leiter einer der größten amerikanischen Wohltätigkeitsgesellschaften, Giffort Pinchot, geht in einem längeren Aufsatz, der großes Aufsehen erregt hat, den Ur­sachen dieses Mißverhältnisses nach und beweist mit Zahlen, wie die Steigerung der Lebensmittelpreise eine Folge der großen amerikanischen Trustbildungen ist, die durch Zu­sammenschluß aller Interessenten die Konkurrenz ausschal­ten und dann die Preise ungehindert in die Höhe treiben. Trotz der erhöhten Kosten des Lebensunterhaltes beträgt das Durchschnittseinkommen einer amerikanischen Familie nur 2400 M, so daß die Mehrzahl der Amerikaner nicht nur von der Hand in den Mund leben, sondern sogar dazu nicht über genügend Einnahmen verfügen.

Streitbare Frauen. Einen aufregenden Kampf mit et­nem Einbrecher bestanden drei Damen in Clifton. Bei der Verhandlung vor dem Polizeirichter in Bristol wurde der Vorfall folgendermaßen geschildert: Fräulein Williams wurde morgens gegen fünf Uhr durch das Deffnen ihrer Schlafstubentür aufgeweckt, und sie sah einen Mann ein­treten, der die Tür hinter sich schloß. Er fragte: Sind Sie allein?" Fräulein Williams rief: Nein, ich bin nicht allein," sprang aus dem Bett und zog die Klingel. Der Mann stürzte sich auf fie, ergriff sie an der Kehle und warf sie zu Boden. Ihr Dienstmädchen eilte auf das Klingeln herbei, und der Einbrecher ließ Fräulein Williams los. Sie sprang auf und die beiden Frauen warfen nun den Mann auf das Bett und bearbeiteten ihn mit den Fäusten, bis er schrie: Hören Sie auf, ich habe genug." Darauf führten sie den Einbrecher de Treppe hinab, und Fräulein Williams ergriff eine Wasserkanne. In der Halle trat Fräulein Macey zu ihnen, die ebenfalls von dem Lärm auf­gewacht war. Fräulein Williams schlug dann mit der Was­serkanne auf den Einbrecher los, und er flüchtete sich hinter eine Glastür in der Halle. Das Dienstmädchen ergriff da­rauf die Kanne und schlug von neuem auf den Mann ein. Schließlich ließen die drei streitbaren Frauen den Ein­brecher laufen und erstatteten später Anzeige bei der Po­lizei, die Charles Nichols verhaftete. Auf die Frage, ob sie nicht Angst bekommen habe, als sie den Angeklagten in ihr Zimmer treten sah, antwortete Fräulein Williams: Ja, ich hatte große Angst und bin noch nicht darüber wegge= kommen." Das Dienstmädchen sagte ähnlich aus, und die Wasserkanne wurde dem Richter zur Besichtigung überreicht. Sie war stark verbogen, und der Richter fragte, ob die Beu­len durch den Zusammenprall mit dem Kopf des Angeflag­ten verursacht worden seien. Die Zeugen bestätigten diese Annahme lächelnd. Der Richter machte den drei Frauen sein Kompliment wegen ihres bewiesenen Mutes.

Der richtige Titel. Folgendes kleine Geschichtchen sen­det ein Leser der Tägl. Ndsch.": Vor dem Standesbeamten eines kleinen Ortes erscheint der Stubenmaler, um die Ge­burt seines Ersten anzumelden. Auf die Frage nach Stand und Namen antwortet er mit Würde: Maler N. N." Die Titelsucht ist dem Standesbeamten bekannt, darum fragt er weiter: Maler? Nicht Malermeister?" und erhält die Ant­wort: Nein, schreiben Sie nur Maler, Malermeister kann sich doch nur Menzel nennen!"

Die Welt nach 200 Jahren.

Aus Neuhork wird berichtet: Edison ist unter die Pro­pheten gegangen und hat sich darüber geäußert, wie es nach seiner Meinung in 200 Jahren auf der Welt aussehen werde. Die Menschen werden sich dann in noch viel aus­gedehnterem Maße, als es bisher gelungen ist, aller Kräfte der Erde und der Luft bemächtigt haben und Wunder der Technik vollbringen. Der Lebensunterhalt wird so billig sein, daß ein gewöhnlicher Arbeiter sich all den Luxus wird leisten können, den sich heute nur der Besizer eines jährlichen Einkommens von 800,000 Mart gestatten tann. Edison glaubt nicht nur an die wundervollen Hilfskräfte, die das Radium darbieten wird, sondern auch an die Ver­wertung von Vulkanen zum Nußen der Menschheit. Bis­her haben wir, so meint er, nur im Dunkeln getastet und stecken trop manches Erreichten noch in den Anfängen. Wie unwissend sind wir! Wir wissen nicht, was Schwere ist; auch kennen wir nicht die Natur des Lichts und der Elektrizität, obwohl wir uns ihrer ein wenig bedienen. Wir sind wie junge Hunde, die gerade aus der Hütte herausgekrochen sind und einen Blick auf ihre Umgebung werfen. Es wird noch einer ungeheuren Entwicklung unse­res Gehirns bedürfen, um uns zu einer wirklichen Höhe

des Fortschritts emporzubringen. Auch über Einzelheiten Dieser paradiesischen Zukunft, von der wir in unserem bar­barischen und halbwi em Zustande noch so weit entfernt sind, weiß Edison Erstaunliches zu erzählen. So wird es 3. B. den Ohren der Frauen süß flingen, daß die Stoffe Ser Zukunft so billig sein werden, daß iede Dame jeden Wechsel der Mode sofort mitmachen kann. Aus Holzbrei wird künstliche Seide gemacht, die besser ist als die natür­liche und schöner leuchtet. In 50 Jahren schon wird der Seidenwurm so überflüssig sein, wie das indische Indigo; das durch das Indigo aus unseren Laboratorien ersetzt ist.

Bei alledem ist nur eins zu bedauern, daß wir in zweihundert Jabren, wenn die paradiesisch glücklichen Zu­stände eingetreten sein werden, nicht mehr leben werden. Immerhin ist es feruhigend r die Menschheit, wenn ein so fluger Kopf wie Edison so optinisch von der Zukunft der Menschen denkt.

Weihnachtsbilder aus der Großstadt.

Von einem Freunde vnseres, Blattes wird uns ge­schrieben:

Es ist zweiter Weihnachtstag, ein trübes Regenwetter, und da ich heute keine Post mehr zu erledigen habe, ent­schließe ich mich, in ein renommiertes Cafee zu gehen. Au­fangs noch ein wenig Gaste, ber bald ändert sich das Bild, es kommen ganze Familien, und darunter viele mit 3-4 Kindern im Alter von 3 bis 9 Jahren. In meiner Nähe fitzt eine solche, anscheinend ist es eine Handwerkerfamilie, mit 4 Kindern. In der Ecke steht ein Automat, auf den die Kinder ihr Augenmerk richten, und alsbald gibt die Mut ter 10 Pfennig für Schokolade oder Zuckerwerf. Nachdem die Kinder in den Besitz ciner Schachtel Zuckerwerf gelangt sind, fällt der ganze Inhalt der Schachtel zur Erde und na wälzt sich die kleine Gesellschaft am Boden, jeder will etwas erhaschen und läßt es dann schleunigst in den Mund ver= schwinden. Noch dreimal wiederholt sich dasselbe Schau­spiel, und Mutter gibt immer wieder 10 Pfennig her. Sonst fümmert sie sich absolut nicht um das Treiben der Kinder, sie ist viel zu eifrig mit der Nachbarin in der Unterhaltung begriffen. Ab und zu darf ein Kind von Vaters Vier trin= fen. Am Nebentisch ein ähnliches Bild. Dort sitzt ein feingefleideter Herr mit seinem hübsch geputzten Töchter­chen. Auch dieses ißt Kuchen und trinkt mit seinem Vater Bier. Und wie ich mich weiter umsehe, ganz ähnliche Bilder. Wenn man so etwas sieht, muß man sich wirklich fragen, wo bleibt bei diesen Eltern, die ihre Kinder bis spät abends ins Wirtshaus schleppen und selbst dafür sorgen, daß ihre Kinder krank werden müssen, Sinn und Verstand. Es iſt geradezu ein Verbrechen, Kinder in solchem Alter an den Genuß von Alkohol und den Wirtshausbesuch zu gewöhnen, und mir erscheinen hter geht es nicht anders gesebliche Maßnahmen gegen den Unverstand solcher Eltern amplate. Freilich noch schlimmer sah ich ähnliche Zustände in Berlin. Dort hatten die Eltern ihre halberwachsenen Kinder mit ins Varietee genommen. Ich erzählte dieses einem mir bes kannten Herrn gelegentlich, der es nicht glauben wollte. Um ihn zu überzeugen, führte ich ihn in ein Varietee am Alexanderplatz, und hier saßen halberwachsene Knaben und Mädchen mit den Eltern, um die zweideutigsten und zotig­ften Vorträge der Varteteedamen anzuhören und- Bier zu trinken. Also Alkohol und Zoten wird hier den halb­wüchsigen Burschen und Mädchen als Abendkost verabreicht. Welche Wunder, wenn man vom lteberhandnehmen des Verbrechertums in den Großstädten redet.

Drabtnachrichten und neuestes.

Das Kronprinzenpaar in Schlesien. Freiburg( Schlesien), 12. Januar. Der Kronprinz und die Kronprinzessin trafen gestern abend hier ein und wur den auf dem Bahnhof von dem Fürstenpaar von Ptes empfangen. Die Herrschaften begaben sich durch die festlich geschmückte Stadt nach dem Schloß Fürstenstein. Ueberreichung einer Erinnerungsmedaille an den Kaiser. Berlin, 12. Januar. Der Kaiser empfing heute vormittag den amerikanischen General Woodford zut Ueberreichung der Erinnerungsmedaille an die Hudson­Fulton- Feter.

Wahlrechtsfundgebungen.

Berlin, 12. Januar. Nächsten Sonntag beabsichtigt die Sozialdemokratie, in ganz Preußen Wahlrechtsverfamm­lungen zu veranstalten. In Groß- Berlin find 60 Ver­ſammlungen in Aussicht genommen. Nach Anweisung der Parteilettung soll von jeder Straßendemonstration abge­sehen werden.

Eifersuchtstat in einem Pensionat. Berlin, 12. Januar. In einem Pensionat in der Neustädterkirchstraße gab heute morgen ein 39 Jahre alter Doktor iur. auf seine 19jährige Geliebte einen Revolver­schuß ab und richtete dann die Waffe gegen sich selbst. Die Kugel traf die rechte Schläfe und führte den sofortigen Tod des Mannes herbei. Das Mädchen ist schwer verletzt. Das Motiv der Tat soll Eifersucht sein.

Verhaftung eines Schwindlers.

Berlin, 12. Januar. Die Kriminaloplizei verhaftete gestern einen unter der Bezeichnung Bachelor of arts an der Humboldtakademie als Dozent wirkenden Arthur Lin­denstead, der in Wirklichkeit Hausdiener gewesen ist und wegen Entziehung von der Militärpflicht von den Behörden gesucht wurde. Vor drei Wochen ließ sich der Schwindler, der in Wirklichkeit Wielinski heißt, in London mit einer jungen Berlinerin trauen. Als das Paar hierher zurück­kehrte, erfuhr die junge Frau, daß ihr Mann gar nicht Bachelor of arts sei und auch gar nicht Lindenstead heiße. Sie teilte ihre Entdeckung dem Generalsekretär der Hum­boldtakademie mit, der die Verhaftung veranlaßte.

Unredlicher Kassenverwalter.

Kaiserslautern, 12. Januar. Die hiesige Straffammet verurteilte gestern den 40jährigen Lehrer August Grob aus Rück in Unterfranken, der in den letzten vier Jahren in seiner Eigenschaft als Rechner der Ortskrankenfasse Enfen­bach, wo er Lehrer war, über 4000 M veruntreute, dazu Zahlungsanweisungen und Rechnungsabschlüsse fälschte, zu 18 Monaten Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust.

Geftörte Jahrmarksfreude.

Gleiwig, 12. Januar. Beim Jahrmarktsfest stürzte im Konzerthaus ein Teil der Galerie in den Saal hinunter. Ein Eisenbahnbeamter wurde von einem herabstürzenden Balfen so schwer getroffen, daß er an einem doppelten Schädelbruch bald verstarb.

Kaiserlicher Dank für Rettung aus Scenot. London, 12. Januar. Der Deutsche Kaiser hat dem Kapitän des englischen Dampfers Eastgate namens Brown in Anerkennung seiner am 8. Juni der Mannschaft des in Seenot befindlichen Hamburger Dampfers Eva geletste ten Dienste eine goldene Uhr überreichen lassen.

Vom Fener vernichtetes Dorf. Mailand, 12. Januar. Das Gebirgsdorf Pialla im Veltlin ist vollständig abgebrannt. Nur die Kirche und das Pfarrhaus sind gerettet.

Ausschreitungen Streikender.

Graz, 12. Januar. 150 Arbeiter des Arzberger Steinbruchs, der dem Neuberger Magnesitwere gehört, be gingen Ausschreitungen wegen Lohn- und persönlicher Dif ferenzen. Sie griffen einen Ingenieur und einen Schichts schreiber an. Die Gendarmerie ließ die Verhafteten laufen, da die Menge sie bedrohte. Militär wird in Bereitschaft gehalten.

Straßeneinsturz.

Chicago, 12. Januar. Vor dem Warenhaus Boston Store sant das Trottoir ein. Dreißig Passanten stürzten in die Tiefe.