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ganz besonderer Rücksicht zu behandeln. Es dauerte längere Zeit, bis sich Ersatz für die Hanne fand, und Susanne mußte sich viel um den Haushalt bekümmern, was ihr bei ihrem Zustand oft recht schwer wurde. Aber sie hütete sich wohl, das einzugestehen, und als, nachdem zwei Mädchen sehr bald wieder entlassen werden mußten, ein drittes leidlich einschlug, sah sie getrost der Ankunft des Kindes entgegen, das ihr Glück vollkommen machen sollte. Es war ein kräftiger Junge, und Arnolds Freude kannte keine Grenzen. Der Kleine wuchs gesund auf, und bis zum dritten Jahr hatte man auch nicht einen Tag Sorge um ihn gehabt. Da brach eine schwere Scharlachepidemie in der Stadt aus, und Susanne wollte eben mit Kurt zu ihrer Mutter reisen, um der Gefahr zu entgehen, als die Krankheit den Kleinen mit furchtbarer Heftigkeit packte.
Suse wich nicht vom Lager ihres Kindes, sie pflegte es bei Tag und Nacht mit unermüdlicher Ausdauer, bis schließlich die Krankheit, die sie in der Kindheit verschont hatte, auch bei ihr zum Ausbruch kam. Zum Unglück herrschte neben dem Scharlachfieber auch eine Influenzaepidemie in der Stadt, so daß eine Pflegeschwester gar nicht zu haben war. Susannes Mutter litt an Rheumatismus und konnte die Reise nicht wagen; so war guter Rat teuer. Trat auch die Krankheit bei Susanne nur sehr mild auf, so mußte sie doch natürlich das Bett hüten. Die jungen Dienstmädchen zeigten sich sehr ungeschickt zur Pflege. Arnold wandte sich vergebens an verschiedene Mutterhäuser, und auch den Bemühungen des Hausarztes gelang es nicht, jemand aufzutreiben. Der Mangel an Pflegekräften, der schon in normalen Zeiten bemerklich war, machte sich eben jetzt doppelt und dreifach fühlbar.
Wieder war ein Tag vergangen, ohne Hülfe zu bringen. Der Kleine lag in heftigem Fieber, und Arnold bemühte sich eben, ungeschickt genug, die Eisblase zu entleeren. Da schellte es draußen, das Stubenmädchen steckte den Kopf ins Krankenzimmer und meldete:
" Da is' ne alte Frau, die den Herrn sprechen möcht." Arnold nickte Susanne freundlich zu und sagte:„ Ich komme gleich wieder, Liebe!" dann ging er hinaus. Es dauerte aber eine ganze Weile, ehe er zurückkam und zögernd berichtete:" Die Hanne iſt draußen, Suse; sie hat von der Milchfrau gehört, wie traurig es bei uns aussieht, und nun fragt sie an, ob sie uns vielleicht helfen könnte. Wie denkst du darüber, Suse? Wenn's dir unangenehm ist, so
,, Unangenehm, Arnold?" Ein heller Freudenstrahl ging über Susannes Antlitz ich würde zu froh sein aber ich kann das ja gar nicht annehmen ich die Hanne, die ich
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Arnold ließ sie nicht zu Ende reden, sondern öffnete die Tür und rief:" Kommen Sie nur, Hanne, und lösen Sie mich ab! Ich muß heute abend noch einen notwendigen Geschäftsgang machen."
Damit ging er, im sicheren Gefühl, die beiden würden sich allein miteinander am besten zurechtfinden.
Und so war's auch. Die treue Hanne legte ein kleines Bündel auf einen Stuhl nieder und schüttelte dann kräftig Susannes entgegengestreckte Hand:
Au weiser. Sie mich nur an, gnädige Frau! Ich will alles gern tunach, lieber Gott, da liegt ja der liebe kleine Kerl, und so rot im Gesicht, und so heiß!" " Ja, er muß die Eisblase wieder auf dem Kopf haben. Wenn Sie-
" Ich weiß schon Bescheid, gnädige Frau- hab's Eis schon draußen stehen sehen."
" Der Hammer liegt, glaub' ich, dabei, Hanne- zum Zerkleinern
,, Ach, das geht am besten, wenn man einen starken Nagel dazu nimmt so haben wir's immer bei der seligen gnädigen Frau... ach, lieber Gott, was bin ich doch für ein altes dummes Schaf das wollt' ich ja ganz gewiß nicht wieder sagen! Bitte, gnädige Frau, nehmen Sie's nicht für ungut!"
Susanne lächelte halb verlegen, halb gerührt und
sagte leise:" Ach, Hanne, reden Sie nur, wie's Ihnen ums Herz ist! Ich hab' jetzt andere Sorgen. Und ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind und mein Kind pflegen wollen. Das werd' ich Ihnen nie vergessen!"
Susanne genas rasch und konnte der treuen Hanne noch beistehen, denn die Krankheit des Kleinen zog sich monatelang hin. Endlich aber war er über den Berg, und es ging rasch vorwärts mit der Erholung. Und die Hanne nahm einen großen Platz in seinem Herzen ein; mit niemand spielte er so gern, wie mit ihr, und niemand konnte ihm so schöne Geschichten erzählen. Ohne daß es ausdrücklich ausgesprochen wurde, be= trachteten es alle als selbstverständlich, daß die Hanne ihren alten Platz im Haus wieder einnehmen würde.
Arnold lächelte zufrieden, als sie eines Abends sagte:„ Na, nun könnt' ich morgen wohl' mal ein paar Stunden abkommen und mein Zeug bei meiner Schwester holen?"
,, Gewiß," erwiderte Susanne, morgen nachmittag geht es ganz gut. Und Sie können die Marie mitnehmen, daß Sie Ihnen den Korb tragen hilft."
Ach nee, gnädige Frau, dazu ist der Weg doch zu weit! Ich nehm' mir lieber' ne Droschke. Die selige gnädige Frau sagte immer:' ne Droschke ist am einfachsten bei so' was."
Ein Lied von den Kindern. Rannst du erfüllen eine Kindesbitte, Schlag sie nicht ab!
Du stehst, ein König, in des Lebens Mitte Mit Kron und Stab,
Des Volkes billge Wünsche zu gewähren Ist Fürstenziel;
Das Volk, das Kind, muß vielerlei entbehren Und wünscht so viel!
Und kannst du lösen eine Kindesfrage, Ob groß, ob klein,
So sei die Antwort gleich dem Glockenschlage Wahr, klar und rein.
Wenn du dem Mann statt Wahrheit Trug verkündigst, Er kanns durchschaun. Das Kind ist arglos. Wehe, wenn du sündigst Auf sein Vertraun!
Kannst du mit Kindern Kinderfreuden teilen, Oselger Traum!
Heiße deiner Sorgen düstre Rotte weilen Am Waldessaum,
Und tanze mit den Kleinen Ringelreihen In froher Rund;
Der Himmel mög ein Kinderherz dir leihen Für diese Stund!
Und kannst du küssen eine Kindeszähre Von Lid und Wang,
So tus! Vergiß dein eigen Leid, das schwere, Bis dirs gelang!
Owenn das Kind, getröstet durch dein Kosen, Ins Aug dir lacht,
So kühlt dir Balsam süß wie Duft der Rosen Die Wunden sacht.
Ist Kindesunschuld dir in Hut gegeben, Oliebe sie!
Mit keinem Hauch, mit keiner Wimper Beben Betrübe sie!
Berühr den Schleier nicht, der Sünd und Mängel Dem Kind entrückt.
Berühr die Einfalt nicht, die Gottes Engel Und Gott entzückt!
Kannst du im Sturm ein Kindesherz gewinnen, Mit Lust daran!
Laß plänkeln Elfen, Prinzen, Königinnen; Die Zwerge voran!
Nun alle Weihnachtsengel vor zum Sturme Mit dem Jesulein!
Schon weht, schon weht das Banner weiß vom Turme Die Burg ist dein.
*) Aus„ Deutsches Recht und andere Gedichte" von E. v. Handel- Mazzett!. ( Kempten, Jos. Köselsche Buchhandlung.)
April
Die Hanne.
Skizze von B. Rittweger.
For drei Monaten war die junge Frau in ihr neues Heim eingezogen, an der Seite des Mannes, dem verlorenes Glück zu ersetzen ihr eine herrliche Aufgabe schien. Sie war stolz auf diese Aufgabe und nahm es ernst damit. Sie wußte, daß Arnold seine erste Frau innig geliebt, daß er ihr jahrelang nachgetrauert hatte. Manche hatten sich Mühe gegeben um den angesehenen Gelehrten, aber er schien das gar nicht zu bemerken. Kaum war jedoch Susanne während des Aufenthalts in einer Sommerfrische in seinen Gesichtskreis getreten, als sie auch schon sein Herz gewonnen hatte. Freudig hatte sie " ja" gesagt, als er sie gefragt hatte, ob sie die Seine werden wolle. Ihre Mutter und die Freundinnen sprachen viel davon, wie schwer es sei, eine zweite Frau zu werden, wenn auch zum Glück wenigstens keine Kinder da waren. Aber sie ließ sich ihre frohe Zuversicht nicht trüben. Das lockte sie ja gerade, den ernsten Mann die Tote vergessen zu machen. Nein, nicht vergessen, das wäre pietätlos! Aber er sollte nicht mehr trauern um sie, er sollte nun alles, was Nelly ihm einst gewesen, in ihr finden!
Ein leises Schmerzgefühl beim ersten Anblick des großen Bildes der Verstorbenen, das Arnold, taktvoll genug, von seinem Platz über dem Schreibtisch entfernt und ins Wohnzimmer gebracht hatte, konnte Susanne nicht ganz unterdrücken, aber als Arnold sie liebevoll in die Arme nahm und, zu dem sanften Frauenbildnis aussehend, sagte:„ Wir wollen immer ihr Andenken hoch halten mir hat sie einst viel gegeben, und dir nimmt sie nichts, denn der Lebende hat recht, Suse", da schwand auch der letzte Rest von Eifersucht aus ihrem Herzen. Doch schon nach kurzer Zeit war es ihr, als ginge der Geist der Toten friedenstörend im Haus umher. Arnold hatte während des Brautſtandes, wenn von der Einrichtung des Haushaltes die Rede war, jedesmal rühmend hervorgehoben, daß die treue Hanne, die schon seine Jugend gehütet hatte, und die während seiner ersten The Vertrauensperson der Hausfrau gewesen war, nun auch der neuen Herrin freudig dienen würde.
Arnold suchte in der Frau in erster Linie eine Gefährtin, keine Wirtschafterin. Also war's gut, daß die Hanne da war, die mit einem jungen Dienstmädchen alles versorgen konnte. So hatte es Susanne auch angesehen, die stolz darauf war, ihres Gatten geistige Interessen teilen zu dürfen. Sie war wohl fähig, einen Hausstand zu führen, aber es war ihr ganz angenehm, daß Arnold es nicht von ihr verlangte. Es hätte auch alles ganz gut gehen können, wenn nicht die Hanne so oft das Wort im Mund geführt hätte:" Bei der seligen gnädigen Frau haben wir das so gemacht." Dies Wort reizte Susanne immer wieder und gab ihr Anlaß zu scharfen Antworten und zu gerade entgegengesetzten Anordnungen, einerlei, ob sie verständig waren oder nicht.
Arnold lächelte, als ihm seine junge Frau ihren
E.HB
Kummer klagte, und meinte: Ach, laß' sie nur! Sieh', gerade so hat sie früher Nelly gegenüber stets meine Mutter ins Treffen geführt. Da hieß es auch fortwährend: Bei der seligen gnädigen Frau haben wir das so gemacht.' Nelly nahm's nicht schwer. Such' du dich auch damit abzufinden, Herz! Die Hanne hat Melly so treu gepflegt während der langen Leidenszeit, das dürfen wir nicht vergessen. Und du mußt den engen Gesichtskreis solcher Leute bedenken! Die Hanne kann sich nicht drüber stellen; so tu' du's eben, Suſe!"
Aber Susanne brachte es nicht fertig. Die Redensart der Hanne erinnerte sie immer wieder daran, daß eine andere vor ihr in diesen Räumen und in Arnolds Herzen geherrscht hatte. Und daß Arnold ihr Nelly gewissermaßen als Vorbild für ihren Verkehr mit der alten Dienerin hinstellte, das gefiel ihr auch nicht und machte sie von neuem auf die Tote eifersüchtig. Aber sie hütete sich, dies Arnold zu gestehen, der ihr ja auch gar keinen Anlaß zur Eifersucht gab, dessen ganzes Herz seiner jungen, lebhaften, geistig regen Frau gehörte, die ihm alles gab, was er brauchte. Da er keine Klagen mehr hörte, nahm er an, Susanne habe sich in die Eigenheiten der Wirtschafterin gefunden. Das war aber durchaus nicht der Fall. Als er-- drei Monate waren seit der Hochzeit vergangen eines Abends nach Hause kam, lief Susanne ihm aufgeregt entgegen und berichtete ihm, daß Hanne eben dabei sei, ihre Sachen zu packen.
,, Wenn du mich wirklich liebst, Arnold, so mach' keinen Versuch, sie zu halten!" schloß sie ihren Bericht. ,, Aber, Kind, ich begreife nicht," fragte Arnold gespannt, weshalb die Hanne- und so plötzlich- was ist denn nur passiert?"
,, Ach, gar nichts Besonderes! Nur eben, daß ich ihre Anmaßung nicht länger dulden konnte! Ich verlangte, daß die Löffel beim Tischdecken so gelegt werden sollten, wie ich's von Hause gewöhnt bin. Da erwiderte sie wieder, wie so oft:" Bei der seligen gnädigen Frau haben wir sie aber immer anders rum gelegt." Und da- du siehst hoffentlich ein, daß ich das nicht stillschweigend dulden konnte da sagt ich, ich verbäte mir diesen ewigen Widerspruch, sie hätte sich nach mir zu richten. Sie legte dann auch tief beleidigt die Löffel um und ging aus dem Zimmer mit der Miene einer entthronten Königin. Dabei murmelte sie irgend etwas, was ich nicht verstand. Ich rief sie zurück und hielt ihr das Unpassende ihres Benehmens vor, und und nun, ein Wort gab das andere, und ich sagte ihr zuletzt, daß sie gehen könne, wenn es ihr hier nicht mehr passe.
Wie leid mir das tut, Suse! Die treue Seele! Mußte denn das sein? Wär's so gar schlimm gewesen, wenn die Löffel auf die frühere Art gelegt worden wären? Versteh' mich nicht falsch!"
( Fortsetzung auf Seite 5.)


