Ausgabe 
29.9.1906 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Samstag, den 29. September 1906

Men Souptegpebition: tesex, Selterweg 88. Jesusprechanfchluk r. 862.

Gießener

15. Jahrgang

Satisbellagen: Oberbeffifche Samtengettung( und die Stekener Seifenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( Gieffener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

Mr Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle antichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden non herken

Eine neue Stadt.

Bilder aus dem modernen Griechenland.

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Hellenen und Griechen.- ,, Aegyptische" Zigaretten. Die Patri Tabatmillionäre. Ein Panzerschiff aus Moderne Griechen im Bade. Die neue Stadt.- Serwudatis als Gründer. Falsche Begriffe.

oten von Athen. Zigaretten.

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Die Balkanwirren, vornehmlich die blutigen Kämpfe, die fich an den Grenzen Bulgariens und der Thrtei fast täglich -abipielen, lenfen die Aufmerksamkeit der Welt von neuent auf das fleine aber interessante Volk der Griechen. Aus den fla fischen Hellenen des Lyfurg und Solon sind allerdings beute fleißige, überaus schlaue Kaufleute geworden, die niast nur in der Türkei sondern auch in Acgypten fast den ge= famten Handel an sich gerissen haben. In letzterem Lunde fad ie unter den fremden Völkern dominierend geworden. Gs wohnen in Aegypten mehr als 250 000 Griechen. Unter ihnen gibt es zahlreiche Besitzer bedeutender Kapitalien und Leiter hervorragender Unternehmungen. Nur den wenigsten Rauchern dürfte es befannt sein, daß die berühmten ,, ägyptischen" Jiga: etten zum größten Teil nichts anderes find, als Zigaretten aus griechischen Fabriken, die in Aegypten große Zweignieder­lassungen haben. Der türkische und der griechische Tabat gehen nach Aegypten und werden dort zu Zigaretten ver­arbeitet. Ursprünglich wollten die griechischen Unternehmer den Biräus zum Zentrum der Zigarettenindustrie machen; die griechische Regierung zeigte aber damals den strebsamen Bolts genossen gegenüber nur geringes Entgegenkommen. So kam es, daß eine ganze große Industrie nach Aegypten auswanderte; hier empfing man die fleißigen Fremdlinge mit offenen Armen and förderte sie so, daß die griechisch- ägyptische Zigaretten­industrie sich zu höchster Blüte entfalten fonnte.

Die Griechen, die in Aegypten Millionen verdienen, haben aber ihre Heimat nicht vergessen: wenn sie genug verdient Bhaben, verlassen sie das gastliche Adoptivvaterland, um wieder nach Athen zurückzukehren und sich dort prächtige Paläste zu Bauen. Es muß ihnen hoch angerechnet werden, daß sie sich Bei allen Gelegenheiten als echte Patrioten zeigen und für rationale, soziale und kommunale Zwecke immer reiche Geld­rittel zur Verfügung haben. Ihre Opferwilligkeit haben sie ent in der letzten Zeit wieder bewiesen: sie waren es, die den größten Teil der für die Flüchtlinge aus Bulgarien auf­gebrachten Summen hergegeben haben. Ein Grieche aus egypten hat vor einiger Zeit dem griechischen Patriarchat in Jerusalem für Wohltätigkeitszwecke 3 Millionen Franks großen Teil seiner sozialen und kommunalen Einrichtungen.

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Griechen im Verein mit ihren in Amerika lebenden Lands­beuten Gelder sammeln, um ihrem Vaterlande ein neues oßes Panzerschiff zu schenken.

Aber dieser Plan verschwindet gegenüber der großartigen bee, die die in Aegypten lebenden Griechen demnächst zur Bus filhrung bringen wollen: die Zigarettenmillionäre, die mit Then Familien jeden Sommer nach Griechenland kommen und den Badeort Neu- Phaleron zu einer echt europäischen Sommerfrische gestaltet haben, wollen in der Nähe von Athen eine großartige Villenstadt bauen, die einen besonderen griechisch- ägyptischen Charakter haben soll. Es hat sich zu belejeri Zwecke eine Gesellschaft gebildet, der 20 Kapitalisten barunter nur einige Nichtgriechen angehören. Die Gesells

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aft faufte schon vor einigen Wochen große Terrains in dem Orte Judi, der etwa zwanzig Minuten von Athen entfernt rigt. Hier, am Fuße des Berges Hymettos, hat schon vor ngerer Zeit die Kronprinzessin ein Kinderhospital, das ganz nach deutschem Muster eingerichtet ist, errichtet und es durch eine Allee von Pfefferbäumen mit der Suptstadt verbunden. Nach den vorliegenden Bau­polinem soll die neue Villenstadt mit prächtigen Boulevards, Malagen, Schmuckplägen usw. ausgestattet werden. Einstweilen but die Stadt noch feinen Namen, aber sie wird wohl nach den Manne, der den Plan dazu ersonnen hat, getauft werden: dier Mann heißt Serwudatis. Jm nächsten Monat soll mit den Bau der ersten Villen begonnen werden; einstweilen

nan 300 Villen bauen. Für elektrische Beleuchtung des lenortes und für die Verbindung mit der Hauptstadt Burch eine elektrische Bahn) wird die Stadtverwaltung von them forgen.

Man wird nach diesen Schilderungen einen wesentlich der Begriff von den modernen Griechen bekommen, als

mass sich vielleicht angesichts der Unruhen auf dem Balkan gemacht hat. Diese industriellen Leutchen, die mit außer= ordentlicher Bähigkeit und Eveue an der Heimat hängen, ver­dienen, von der Welt beachtet zu werden! M. R.

Gefunde und kranke Nerven.

Von Dr. med. Th. 81ocisti- Berlin.

Man hat die Nervosität als eine Krankheit unserer Zeit Bezeichnet und dachte dabei, daß die veränderten Eristenz­Bedingungen, die Intensität und die Hast unseres Lebens, der stärkere Verbrauch an Energie, die Konzentration großer Menschenmassen in schlecht ventilierten und dicht bevölkerten Großstädten, dazu die Künstlichen Anreizmittel den Bankrott unseres Nervensystems herbeiführen. Und diese Erklärung trifft durchaus die Wahrheit. Allein, wollte man aus dieser Erkenntnis heraus alle Versuche, dem Uebel zu begegnen, ablehnen, weil man ja die Quelle des Uebels das moderne Leben nicht verstopfen kann, so würde man doch weit übers Ziel hinausschießen. Zu dieser Verzweiflung ist kein Anlaß. Die von Jahr zu Jahr sich mehrenden Methoden für das Gesund- und Starkwerden und der große Beifall, den fie in breiten Schichten der Bevölkerung finden, zeigen, wie mächtig die Sehnsucht nach Gesundung im Volke ist und das ist schon das Fundament der Gesundheit.

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Freilich, gar so einfach wie sich manche Gesundheits­Athleten den Kampf gegen die Schädigungen unserer Zeit vorstellen, ist das Ziel nicht zu erreichen. Der berühmte Berliner Nervenarzt, Professor Oppenheim, hat in einer be­merkenswerten Zuschrift an die medizinischen Zeitungen darauf hingewiesen, welche Gefahren aus der jetzt allerorten grassieren­den Methode der Abhärtung und Stählung nach Müller'schem System erwachsen können. Eines schickt sich nicht für alle! Das ist der Grundsatz jeder verständigen Behandlungsart. Nicht die Krankheiten, sondern der Kranke braucht die Pflege des Mediziners und darum ist alle ärztliche Dunst nichts weiter als die Kunst eines individuellen, dem Charakter und der Disposition des einzelnen Erkrankten an­gepaßten Heilverfahrens.

Es ist das Berdienst von Dr. Marcinowski, daß er in einem zwar für Laien bestimmten, aber hoch über der Masse der populären medizinischen Literatur stehenden Werke, diesen Gedanken großzügig und geistvoll verfochten hat. Wenn man in diesem Werke auch sehr begehrenswerte Kats schläge über die Behandlung der Nervosität findet, so muß man fich immer gegenwärtig halten, daß es sich nur um große Richtlinien handelt und daß die Kunst des Arztes darin besteht, die Methoden der Anlage des Patienten und der Strankheitsintensität anzupassen. Freilich mit Medikamenten wird man wenig ausrichten. Schneller zum Ziele fann eine richtige diätetische Behandlung kommen. Denn gerade für den Nervösen trifft das Wort zu: Was er ißt, das ist er. Der entscheidendste Schritt in der Behandlung der Nervosität während der letzten Jahre war die Erkenntnis, daß der Ueber­steigerung des Fleischgenusses Einhalt getan werden müsse. Mehr als einmal im Tage sollte ein Nervöser nicht Fleisch essen, und dann auch nur in nicht zu großen Portionen. Alle scharfen Gewürze, besonders Pfeffer und Paprika müssen aus dem Haushalt des Nervösen entfernt werden. Diesen Nerven­peitschen gegenüber muß die weichliche Diät gesetzt werden vorwiegender vegetabilischer Rost, der Früchte und grünen Salate, deren Nährsalzgehalt das Blut und somit auch die Nerven reinigt und stärkt. Man vergesse auch nicht, Milch und Milchprodukte reichlicher zu nehmen, besonders der viel­verspottete weiße Käse( Quarf) stellt ein Ernährungsmittel von höchstem Werte für den Nervösen dar. Vor allem aber meide der Nervöse den Alkohol. Beeinträchtigt der Weingeist schon bei dem gesunden Menschen den normalen Ablauf der geistigen Prozesse, so ist er für den Nervösen direktes Gift.

Oftmals wird man bei nervösen Erkrankungen geradezu glänzende Erfolge durch Mastkur und Liegefur erreichen. In vielen Fällen aber wird die Mastkur nur in Verbindung mit anderen Heilmethoden zum Ziele führen. Unter diesen hat sich gerade in lezter Zeit das Luftbad als eine ebenso billige wie leicht zugängliche Quelle der Gesundung erwiesen. Die Luft hat allmählich über das Wasser gesiegt und der Wasser- Fanatismus, der eine Zeitlang besonders grassierte, hat gerade bei Nervösen oft zu verhängnisvollen Schädigungen geführt. Schwere Erfältung und Kräfteverfall waren bei be= Sonders Erschlafften die Folgen angestrengter Wasserturen und

Bezirksspariasse Gießen. Möbl's Canzschule.

Wir bringen hierdurch zur Kenntnis der Bezirks­agehörigen, daß vom 1. Oktober 1. Je, ab bei unserer

fiilumg gelangt und daß jeden Werktag von vor­mittages 8-1 hr und nachmittags von 3-4/ 2 Uhr de kaffe geöffnet ist.

Mein diesjähriger Tanzkursus beginnt

die Heißwasser- und Dampf- Behandlung ist bei Kranken, deren Adern nicht intakt sind, oftmals direkt zur Lebensge fahr geworden.

Sind alle diese Methoden geeignet, den müden und abe getriebenen Körper des Nervösen zu reparieren, so wird des Arztes wahre Kunst sich erst in der seelischen Beeinflussung seines Patienten offenbaren. Freilich diese Kunst läßt sich nicht erlernen. Wer sie nicht von Natur aus besitzt, wird immer ein Pfuscher sein- und wäre er selbst Professor der Nervenheilkunde. Der Nervenarzt muß ein Lehrer, ein Er­zieher der Seele sein. Er muß es verstehen, die Persönlichkeit des Kranken zu stählen, die Trümmer aus dem Schiffbruch des Lebens zu retten und wieder zu einem widerstandsfähigen Ganzen zusammenzuschweißen. Wie Hanteln und Turnen, Arbeiten in Gottes freier Natur die einzelnen Muskelgruppen stählt und somit den ganzen Körper elastischer und leistungs­fähiger macht, so wird die Gymnastik der Seele auch wieder die Kraft, die Schönheit, den Ernst und die Freude des Levens wecken.

Freilich manchem Patienten, dessen fliegende Träume zer brachen und der nun im Sturze selbst zu zerschellen drohte, wird der pädagogische Arzt jene stille Resignation zu bringen wissen, die sich zwar bescheidet an den niedrigen Zielen, die die eigene Kraft noch erreichen kann, und doch darin eine hohe Befriedigung findet.

Diese seelische Behandlung ist mühselig und langwierig. Wie sie das ganze Vertrauen des Kranken zu seinem Arzte verlangt, so setzt sie auch die völlige Hingabe des Arztes an seine Patienten ooraus. Gibt es der Aerzte denn viele, die ihrem Kranken diese Erziehung zu neuem Wollen geben können? Wenige, wenn man nur an den Fachmann denkt. Viele, wenn Eltern und Geschwister, Freunde und Bekannte ihren Einfluß und ihre Fähigkeiten in ihren Kretsen zu heil­famer Geltung bringen.

Ein epileptischer Gattenmörder.

§ Beuthen D.- S, 27. September Die Geschworenen sprachen gestern den Zimmerhäuer Johann Schmierek aus Orzegom schuldig des Lot­schlages, begangen in der Nacht vom 18. Juni 1905 an seiner Chefrau Bronislawa. Das Urteil lautete auf 15 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust.

Die Verhandlung, zu welcher 35 Zeugen geladen waren, entrollte ein düsteres Bild aus dem Familienleben. Der Zimmerhäuer Schmierek hatte seine Ehefrau Bronislawa, geb. Kaschuba, erst im Januar 1905 geheiratet. Bald wurde der Ehehimmel durch schwere Wolfen getrübt, Schm. wurde seiner jungen Frau zu bald müde und suchte sich von dieser Last zu befreien. Als das Ehepaar in der Nacht vom 18. Juni d. J. von einem Besuche der Schwiegereltern heimkehrte, ließ Schm. seine finsteren Pläne zur Tat werden. Mit drei wohlgezielten Revolverschüssen verwundete er die Ahnungslose so schwer, daß sie binnen wenigen Minuten, auf freiem Felde, in den Armen ihres, von plöglicher Reue er­griffenen Gatten starb. Am 2. Oktober fand gegen den Gattenmörder schon vor dem hiesigen Schwurgericht eine Verhandlung statt. Es stiegen jedoch Bedenken an der geistigen Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten auf, weshalb er auf 6 Wochen der Frrenanstalt Lubliniz zur Beobachtung seines Geisteszustandes zugeführt wurde. Schmieref hatte bei dem Regiment Garde du Corps in Potsdam gedient, war aber schon nach kaum einem Monat entlassen worden; er war beim Reiten gestürzt und litt seit dieser Zeit an Krämpfen.

In der gestrigen nochmaligen Verhandlung plaidierte der Staatsanwalt dringend auf die Bejahung der Schuldfrage nach Mord. Die Geschworenen zogen jedoch die offenkundige Epilepsie in Rücksicht und sprachen den Angeklagten mur des Totschlages unter Versagung mildernder Umstände schuldig.

Vermischtes.

= Ein Danerduell. Ende letzter Woche fand in Rom ein symptomatisches Duell zwischen dem Chefredakteur des sozialistischen Parteiorgans ,, Avanti", Monticelli, der in seinem Blatte Schmähartikel gegen die Königin Margherita gebracht hatte, und dem tonservativen Redakteur Vettori vom ,, Giornale d'Italia" statt. Das Duell wurde bis zum Eintritt der

Bekanntmachung.

Wilhelm Ulrich scheidet aus dem Institut der Dienstmänner aus und hat die Aushändigung der von ihm hinterlegten Dienstkaution beantragt.

Wir fordern deshalb diejenigen, welche Ansprüche

Stanje die tägliche Verzinsung der Einlagen zur Gin: Montag, den 1. Oktober 1906. an diese Kaution aus der Eigenſchaft des pp. Ullrich als Gefällige Anmeldungen erbitte vorher in meiner Wohnung Dienstmnnn erheben zu können glauben, auf solche bei Meidung des Ausschlusses binnen acht Tagen bei uns Unterricht für Einzelne und Extrapartien erteile zu jeder vorzubringen. Hochachtungsvoll

Gießen, den 22. September 1906. Direktion der Bezirkssparkasse Gießen. Doering.

Sannenstraße 5 zu machen.

Tegeszeit.

Joseph Möhl, Tanzlehrer.

Gießen, den 27. September 1906. Großh. Polizeiamt Gießen. Herberg.

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