Ausgabe 
22.12.1906 Zweites Blatt
 
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1906

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Ein Dorf ohne Sonnenschein. Alljährlich, um die Beit der Sonnenwende muß die Kolonie Forstbauden" im Riesengebirge, ihr Dasein ohne Sonnenschein fristen. Der nahe an 1300 Meter hohe Forstkamm ragt in einer Breite von 400 Meter über die in eine enge Wiesenmatte eingebettete Kolonie und überschattet sie vollständig. Das an der ver­borgensten Stelle gelegene Haus hat schon seit Anfang November keinen Sonnenschein mehr gehabt, und darf erst Ende Februar sich dessen wieder erfreuen. In eine ähnliche empfindliche Sperre ist auch die Ortsschule eingeschlossen, die über zwei Monate leinen Sonnenstrahl erhält.

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Neue bosnische Briefmarken. Von hohem Interesse für Philatelisten sind die neuen Postwertzeichen, die im öster reichischen Okkupationsgebiete zur Ausgabe gelangt sind. Bosnien ist nämlich auf den hübschen Gedanken gekommen, auf den offiziellen Briefmarken die Entwickelung des Post­wesens zur Anschauung zu bringen. Die Marke zu dreißig Heller zeigt die alte Tragtierpost, die zu vierzig Heller den Militärpostwagen mit Pferdebespannung und die braunviolette Fünfzig Heller- Marte das Militärpostautomobil.

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Eine drollige Redewendung leistete fich dieser Tage ein Berteidiger in einer großen süddeutschen Stadt. Der Rechtsanwalt schloß sein Plaidoyer mit folgenden Worten an die Geschworenen: Und darum bitte ich Sie, meine Herren, hängen Sie den Angeklagten seinem armen, alten Vater an den Weihnachtsbaum!"

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Mr. Carnegie über das Vermögen seiner Kollegen. In einer Rede, die Mr. Carnegie, der Stahlkönig, neulich in Newyork hielt, erklärte er, daß seiner Ansicht nach der größte Teil der Hinterlassenschaft reicher Leute Staatseigentum werden müsse. Er sei gegen eine mit dem Vermögen wachsende Einkommensteuer, weil er, wie Mr. Gladstone, glaube, daß eine Einkommensteuer Lügner schaffe. Die Gesamtheit des Boltes mache den Reichtum des Landes aus. Man solle die Biene unbelästigt lassen, solange sie Honig sammle. Nach dem Tode der Biene sei es das Recht des Schwarmes, in dem fie gearbeitet habe, einen guten Teil des aufgespeicherten Honigs als sein Eigentum zu betrachten. Die Gesetzgeber täten nicht ihre Pflicht gegen die Gesamtheit, wenn sie nicht darauf beständen. Wenn Kinder sehr reicher Leute unmäßigen Reichtum erbten, so würden sie dadurch nur geschädigt. Wird Mr. Carnegie selbst damit zufrieden sein?

Bekanntmachung.

Die Benutzung des Schweinemarktplages und ber­schiedener anderer Pläge zur Förderung des in der Lahn gewonnenen Eises soll für den laufenden Winter Samstag, den 22. Dezember 1906, vora. 11 Uhr an Ort und Stelle öffentlich meistbietend versteigert werden.

Gießen, den 21. Dezember 1906.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

Mecum.

Arbeitsvergebung.

Die zum Neubau des Stadttheaters in Gieken borkommenden Schreinerarbeiten, Los 1 bis 4, sollen im Wege des öffentlichen Angebotes bergeben werden. Zeichnungen, Arbeitsbeschreibungen, Bedingungen und Angebotsformulare liegen im Bureau des Architekten Hans Meyer, Westanlage 6, dahier, zur Einsicht offen und können daselbst( außer Zeichnungen) zum Selbstkostenpreis erhoben werden.

Die Angebote sind bis zum Eröffnungstermin am Donnerstag, den 10. Januar 1907, vormittags 11 Uhr,

mit entsprechender Aufschrift versehen, portofret an uns einzureichen.

Gießen, den 20. Dezember 1906.

Großh. Bürgermeisterei Gießen. Mecum.

Konkurs- Ausverkauf

zu herabgesezten Preisen

seitens der Konkursmasse der Firma Ludwig Sommer in Klein- Linden in dem Haupt Geschäft in Kleins Linden und in der Filiale zu Gießen, Walltor= straße 10( neben dem Darmstädter Haus") don Sonntag, den 16. Ifd. Mts.

ab. Zum Verkauf kommen:

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Ein Berliner Sittenprozeß. Wegen Beleidigung von Beamten der Berliner Sittenpolizei hat sich der Redakteur Schneidt von der Zeit am Montag" zu verantworten. Schneidt hat, als die Enthüllungen aus dem Hause der Fran Riehl in Wien in der Presse besprochen wurden, die Be­hauptung aufgestellt, in Berlin herrschen ähnliche Zustände, und in dem betreffenden Artikel mehrere Beamte der Sitten­polizei schwer beleidigt und beschuldigt. Für diesen Prozez ist ein großer Zeugenapparat aufgeboten.

§ Der Raubmord im Eisenbahncoupé. Die Vorunter: suchung gegen den Raubmörder Rücker, dem der Zahnarzt Claussen- Altona während einer Eisenbahnfahrt zum Opfer fiel, ist nunmehr zum Abschluß gelangt. Rüder, der ein um: fassendes Geständnis abgelegt hat, wird sich Mitte Januar n. J. zu verantworten haben.( Er war bekanntlich bei Ausführung der Tat noch nicht 18 Jahre alt.) Es wird ihm ein Offizial­berteidiger zur Seite gestellt werden. Zu einer Untersuchung seines Geisteszustandes lag nicht die geringste Veranlassung bor, da Rücker völlig normal erscheint.

§ Rosa Luxemburg verurteilt. Wegen Aufreizung 31 Gewalttätigkeiten wurde die bekannte Agitatorin Dr. Rofe Luxemburg vom Landgericht in Weimar zu zwei Monater. Gefängnis verurteilt.

In einer auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Jena am 22. September 1905 gehaltenen Rede über den Massen= streit ist Frau Dr. Luxemburg, nachdem Bebel über dasselbe Thema gesprochen hatte, in ungemein scharfer Weise für den Massenstreit eingetreten. In dieser Rede, welche Gegenstand der Anklage war, sprach Frau Rosa Luxemburg mehr von Revolution und Blutvergießen, als vom Massenstreit.

§ Das Ende des Waffendiebstahlprozesses in Posen. Das Gericht vertagte die Urteilsverkündigung in dem großen Waffendiebstahlprozeß auf Donnerstag den 20. Dezember.

§ Zum polnischen Schulstreik. Elf katholische Pröbste des Löbauer Defanats im Regierungsbezirk Bromberg, die kürzlich im Lech" eine Erklärung gegen den deutschen Religionsunterricht veröffentlichten, weshalb das Blatt ton­fisziert wurde, find wegen Aufreizung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt angeflagt worden.

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§ Der vierfache Kindermörder Teſſnow vor den schworenen. Im weiteren Verlauf der Verhandlung der Ueberfall auf das Dienstmädchen Lau in Staben durchbesprochen. Die Zeugin Völs, geb. Lau erkennt Tessnow den Mann wieder, der sie damals hinterrüdse fallen und gewürgt hat. Wegen dieses Falles erhielt Tei damals neben der Todesstrafe noch zwei Jahre Gefän wegen Körperverletzung. Während dieser Verhandlung es zu einem fomischen Zwischenfall. Als ein Geschwore den Angeklagten ersuchte, lauter zu sprechen, stand Teint plötzlich mit den Worten auf: Sie können ja Ihr Ver allein besorgen. Ich gehe nach Hause, wo ist mein Hut? Der Angeklagte drängt die Gerichtsdiener zurück und fin heftig gestikulierend und fortwährend vor sich hinbrummen Das paßt mir schon lange nicht!" aus dem Gerichts i Draußen sucht man den Angeklagten zu beruhigen. einigen Minuten wird er wieder hereingeführt und zeigt altes, ruhiges und müdes Wesen.

nommen.

§ Der Prozeß wegen Waffendiebstahls in Bosen bisher einen für die Angeklagten günstigen Verlauf Zwei Angeklagte sind bereits aus der Unte suchungshaft entlassen worden. Die bis jetzt aus de Gerichtskasse bezahlten Zeugengebühren betragen ette 14 000 M. Die Verhandlung dreht sich jetzt um die aufsche erregenden Spandauer Voraänae.

§ Von der Anklage des Giftmordes freigesprochen. Di wegen Gattengiftmordes angeklagte Postassistentenwitwe Dub stein wurde von Schwurgericht Magdeburg freigesprochen.

§ Geistesfrank oder Verbrecher? In dem Wiede aufnahmeprozeß wider den vierfachen Kindesmörder Tesnon ist das Obergutachten des Geh. Rat Dr. Knecht- Ueckermibe von besonderem Interesse, da die darin ausgesprochen Meinung sich völlig mit der aller übrigen Sachverständigen, einen einzigen ausgenommen, deckt. Dr. Knecht erflän: Tessnow habe seine Taten in einem epileptischen Dämme zustande begangen, d. h. also in einem Zustande, der eine freie Willensbestimmung aufhob. Das einzige entgegen stehende Gutachten des Dr. Rump erklärt Tessnow für eine Sadisten, der durch die schweren Bluttaten seine Triebe be friedigen wollte und der demgemäß als ein mit Vorsaz und Ueberlegung handelnder schwerer Verbrecher anzusehen se

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Nr. 295

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