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Dienstag, den 20. November 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
6.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
Bur 25 jährigen Gedächtnisfeier der kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 über die Sozialreform tagte am Sonntag eine imposante Volksversammlung im Birkus Busch zu Berlin. Erschienen war u. a. auch Staatssekretär von Bosadowsky. Nach Reden der Herren Hofprediger a. D. D. Stöcker, Reichstagsabgeordneter Giesberts und Professor Adolf Wagner wurde folgendes Telegramm an den Kaiser abgesandt:
,, 5000 nationale Arbeiter danken Ew. Majestät für den erneuten Ausdrud des festen Willens, die gesetzliche Sozialreform auf christlicher Grundlage fortzuführen. Wir stehen in unwandelbarer Treue zum sozialen Kaisertum der Hohenzollern."
Dann nahm die Versammlung eine Resolution an, in der die christlich- nationale Arbeiter- und Gehilfenschaft Berlins das bisher auf dem Gebiete der Sozialreform Geleistete dankbar anerkennt, die sozialdemokratische ablehnende Kritik verurteilt und schließlich weitere Verbesserungen, ins besondere durch Ausdehnung der Versicherungsgesetzgebung auf die Hausindustrie, in der Durchführung eines besseren, positiven Koalitions- und Versammlungsrechtes, in der Errichtung von Arbeitskammern usw. erwartet.
* Dem Vernehmen nach ist der Ritterschaftsrat v. Arnim, Rittergutsbesitzer auf Criewen, zum preußischen Landwirtschaftsminister ernannt worden. Herr v. Arnim, der im Juni d. J. auf Lebenszeit ins Herrenhaus berufen worden ist, gehört seit 1892 dem Vorstande der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft als Vorsitzender an. Er gilt als Autorität in allen Fragen der Landwirtschaft wie auch der Verwaltung und Organisation. Herr v. Arnim ist gestern vom Kaiser empfangen worden.
* Bei den Landgerichten zu Posen, Lissa, Ostrowo, Bromberg nnd Gnesen schweben gegenwärtig wegen des polnischen Schulstreiks 160 Strafprozesse. Auch in der Provinz Bosen wird jetzt, wie in Schlesien, den Vätern angedroht, es würden ihnen ihre Kinder fortgenommen und in Fürsorgeerziehung gegeben werden, falls sie den Kindern weiter verbieten, an dem deutschen Religionsunterricht teilzunehmen. Oefterreich- Ungarn.
** Unter Beteiligung der namhaftesten deutschen, öfter reichischen und ungarischen Wirtschaftspolitiker ist in Wien die Konferenz der mitteleuropäischen Wirtschaftsvereine von Deutschland, Desterreich und Ungarn zusammengetreten. Die Ver handlungen umfassen folgende Gegenstände: 1. Zollschiedsgerichte; 2. Gemeinsame Normen für die Beaufsichtigung privater Verficherungsgesellschaften; 3. Internationaler Giroverkehr, insbesondere zwischen Deutschland und DesterreichUngarn; 4. 8ollverfahren der Vereinigten Staaten von Amerika; 5. Unifizierung des Privatrechts der Binnenschiff fahrt, insbesondere auf der Elbe; 6. Vereinfachung der Formalitäten bei der Waren- Ein- und Ausfuhr; 7. Aus gestaltung des deutsch- österreichischen Fernsprechnezes, ins besondere im mährisch- schlesischen Revier.
Italien.
** Starke Beunruhigung ruft ein erneutes Bomben Attentat hervor, dessen Schauplag die Peterskirche in Rom war. Während des Hochamts erfolgte eine heftige Explosion zwischen dem Altar der Navicella und dem Grabmal Klemens XIII. Die Blechbüchse, welche den Sprengstoff ent hielt, scheint eine Konservenbüchse gewesen zu sein; sie trägl die Firma einer Konservenfabrik in Oberitalien.
Unter den Andächtigen entstand eine heftige Banit. Glücklicherweise wurde niemand verlegt. Auch Kardinal Rampolla befand sich in der Kirche. Ueber den Täter weiß man nichts. Der Papst wurde unverzüglich von dem Kardinal Merry del Val von dem Geschehnis in Kenntnis gesetzt. Das Ministerium des Innern hat eine Belohnung von 1000 Lire ausgesetzt, die demjenigen zufallen soll, der sichere Angaben machen fann, auf Grund deren die Entdeckung und Verhaftung der Urheber der Bombenanschläge vom 14. und 18. November möglich ist.
Rufeland.
** Der Polizei sind in Warschau verschiedene wichtige Berhaftungen und Feststellungen geglückt. Gestern wurden 22 Personen, die an dem Ueberfall auf einen Postzug bei der Station Rogowo teilgenommen haben, verhaftet, darunter zwei Leiter des Ueberfalls. Nach den vorgenommenen Feststellungen ist der Ueberfall von Warschauer und Lodzer Mitgliedern der polnischen Sozialistenpartei ins Werk gesezt worden. Festgenommen wurden ferner noch sieben Teilnehmer an dem nicht zur Ausführung gelangten Anschlag auf einen Postzug auf der Station Bamoicka der Petersburg- Warschauer Bahn; bei den Verhafteten wurden zehn Bomben gefunden. Ferner ergriff die Polizei einen Mann, der im August auf ben Obersten Grafen Steenbock einen Mordversuch gemachi hatte und endlich zwei Mörder des Obersten Jafowlew. Eine Versammlung des Bundes und der polnischen Sozialistenpartei wurde aufgelöst, die Teilnehmer wurden verhaftet.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 19. November. In der Zukunft" wird berichter, baß der Vertrag der Kolonialverwaltung mit der Firma bon Tippelskirch u. Co. vom Kolonialdirektor Dernburg in aller Stille friedlich gelöst worden ist.
Konstantinopel, 19. November. Hier fam es zu einer blutigen Rauferei zwischen Matrosen und albanesischen Infanteristen. Mehrere Beteiligte wurden getötet.
Kapstadt, 19. November. Ueber die Verhaftung Ferreiras wird noch berichtet, daß dieser im Augenblick der Verhaftung Seinen Begleitern, die feine Waffen bei sich trug. gezwungen hatte, mit zu gehen, gelang es, zu entkommen.
Hof und Gesellschaft.
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Englische Blätter teilen angeblich auf Grund bester Informationen mit, daß demnächst eine Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard erfolgen werde. Die beiden Monarchen würden sich auf der Insel Wight treffen, und zwar werde der deutsche Kaiser gelegentlich des Antrittes seiner Mittelmeerreise einen Abstecher nach der Insel machen.
Der Stapellauf des Lloyddampfers Kronprinzessin Cecilie", der auf der Werft des„ Vulcan" in Stettin befindlich ist, findet einer endgiltigen Bestimmung zufolge am Sonntag, den 2. Dezember d. Js., vormittags statt. Das Kron prinzenpaar hat seine Teilnahme an der Feier in sichere Aussicht gestellt.
*** In Rudolstadt wurde der achtzigste Geburtstag der Prinzessin Adolf von Schwarzburg- Rudolstadt, der Mutter des regierenden Fürsten, festlich begangen. Den Feierlichkeiten wohnten die Großherzogin von Oldenburg mit dem Erbgroßherzog sowie Prinz Heinrich der Nieder[ ande bei.
Deutscher Reichstag.
( 121. Sigung.) CB. Berlin, 19. November. Die heutige Sigung des Reichstags, die erst nach 3 Uhi Ihren Anfang nahm, verlief sehr ruhig und geschäftsmäßig. An die Stelle der Erbitterung, welche die Wahlprüfungs. Debatten erfüllt hatte, war fühle Gelassenheit getreten. Dies würde aber schwerlich der Fall gewesen sein, wenn es zu einer Verhandlung über die an der Spitze der heutigen Tagesordnung stehenden Fleischnot- Interpellationen die eine ist bon den Sozialdemokraten, die andere von der Freisinnigen Volkspartei eingebracht gekommen wäre.
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Die Fleischnot- Interpellationen vertagt.
Der Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Graf bon Posadowsky, der erschienen war, erklärte, der ReichsLanzler sei bereit, beide Interpellationen zu beantworten, aber erst in den nächsten vierzehn Tagen. Der Aufschub hängt damit zusammen, daß der durch den Abgang des Ministers bon Podbielski freigewordene Posten des preußischen Landwirtschaftsministers noch nicht endgiltig wieder besetzt ist.
Auch die an zweiter Stelle der Tagesordnung stehende Interpellation des Zentrums, die darüber Auskunft begehrt, ob Gerste, die als Futtergerste eingeführt ist, als Malzgerste zur Verwendung gelangt, wird erst in der nächsten Zeit beantwortet werden, und zwar deshalb, weil, wie der Reichsschazsekretär Freiherr von Stengel mitteilte, die darüber zwischen den einzelnen Regierungs- Ressorts schwebenden Erörterungen noch nicht abgeschlossen sind.
Das Haus wandte sich hierauf der ersten Beratung des Gesetzentwurfs zu, dessen Zweck es ist, eine Lücke in dem Branntweinsteuergesetz auszufüllen. Durch dieses Gesetz, das seinerzeit im Reichstag zu hastig behandelt worden ist, sind die neuen, nach 1902/3 entstandenen Brennereien günstiger gestellt als die alten Brennereien. Diesen wäre ein Höchst= fontingent von 50 000 Liter jährlich zugebilligt, jenen aber ein solches von 80 000 Liter. Der heute zur Beratung stehende Gesezentwurf will diese, eine Unbilligfeit gegen die alten Brennereien in sich schließende Verschiedenheit ausgleichen, indem er für sämtliche Brennereien ein Höchstfontingent von 50 000 Liter jährlich festsetzt.
Von seiten der Konservativen, des Zentrums und der Nationalliberalen erklärte man sich mit der Vorlage einberstanden. Reichsschatsekretär Frhr. von Stengel bemerkte, die Vorlage sei gewissermaßen ein Warnungssignal, durch welches angedeutet werden solle, daß das Fortbestehen des Branntweinsteuergesetzes nicht unbedingt gesichert sei. Ein Entwurf, der eine anderweite Festfegung der Maischbottichsteuer borsehe, befinde sich im Reichsschazamt in Arbeit und werde voraussichtlich noch in diesem Jahre dem Hause zugehen.
Nachdem noch von sozialdemokratischer und freisinniger Seite die gesamte jezige Branntweinsteuer- Gesetzgebung als Liebesgabe gekennzeichnet worden war, wurde die Vorlage az eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Es folgte die zweite Beratung des Vogelschußgesezes. Ohne Debatte ging die Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern. Dann trat das Haus in die zweite Lesung der Vorlage über die Einführung eines gewissen Befähigungsnachweises für das
Baugewerbe ein. Die Debatte darüber wurde nach den einleitenden ausführlichen Erörterungen des Zentrumsabg. Trimborn vertagt. Von seiten der Regierung wohnte Staatssekretär Graf Posadowsky den Verhandlungen bei.
Lokales.
Morgen findet die Handelskammerwahl statt. Es fann ja fein Zweifel bestehen, daß die ausscheidenden Mitglieder, die Herren Adolf Klingspor( nicht Karl mie irrtümlich bekannt gegeben wurde), W. Nowack, C. Röhr und Emil Schmall wieder gewählt werden. Dieselben haben sich sehr gut bewährt; sie haben mitgearbeitet und mitgewirft, daß gerade in der Handelstammer Gießen sehr viel zum Nugen der Geschäftswelt wie der Allgemeinheit befürwortet und erreicht wurde.
* Den Darmstädter Krisengerüchten, die neuerdings den Finanzminster Gnauth verschwinden lassen wollten, tritt nun auch die amtliche Darmst. 3tg." entgegen. Das Blatt schreibt: Nach eingezogener Erfundigung besteht zwischen den Ministerien des Innern und der Finanzen volles Einbernehmen über den Inhalt des demnächst vorzunehmenden Gemeindeumlagengesezes. Die auf der Behauptung des Gegenteils und auf der Beobachtung Joermeintlicher Symptome aufgebauten sensationellen Kombinationen der Lokalpresse bedürfen darnach feiner weiteren Erörterung.
w. Die Reichsbanfnebenstelle Gießen ist morgen Mittwoch wegen baulicher Veränderung nur bis 12 Uhr geöffnet.
* Billigere Fleischpreise. Die Schweinemezger Gießens haben vom 19. November ab den Verkaufspreis des Schweinefleisches sowie einzelner Wurstsorten( wie z. B. Leber und Blutwurst) um 10 Pfg. per Pfund reduziert. Bemerkenswert ist, daß in Gießen höhere Einkaufspreise wie im Frankfurter Viehhof bezahlt werden; wie uns von gut orientierter Seite mitgeteilt wird, ist dies darauf zurückzuführen, daß die hiesigen Mezzer gezwungen sind, auf längere Zeit Vorrat zu laufen und wurden noch vergangene Woche 78-80 Bfg. per Pfund Schlachtgewicht für schlachtreife Schweine bezahlt, um nicht in die Kalamität zu kommen, wie vorigen Jahres. Der Einkaufspreis der Schweine betrug geftern 72 Pfg., hingegen Frankfurt 70 Bfg. notierte, ver einzelte Abschlüsse für 70 Pfg. und darunter liegen für Dezember lieferbar vor, doch wollen von dem Sinten der Preise die Landwirte hiesiger Gegend nichts wissen und halten mit dem Verkauf zurück, hoffend höhere Preise zu erzielen.
Eine Schaufensterscheibe zertrümmert hat in der Nacht auf Montag auf dem Seltersweg ein Italiener. Derselbe wurde von einem Beamten der Wachund Schließgesellschaft verfolgt und auf dessen Anzeige hin dann verhaftet.
Einen beneidenswerten Appetit entwickelte am Sonntag Abend ein junger Mann im Kühlen Grund." Er wettete in reichlich einer Stunde 18 Rühreier nebst 6 Portionen Salat verspeisen zu wollen. Die Eier af er auf, einen Rest Salat ließ er stehen. Profit Mahlzeit!
*** Auf der Kochturstausstellung zu Worms erhielt den Ehrenpreis der Gastwirt Innung Frankfurt sowie das Ehrendiplom zur großen goldenen Medaille, die Firma H. W. Schlichte in Steinhagen für ihren altberühmten „ Steinhäger". General- Depositeur ist Jean Eimuth in Frankfurt a. M., Kronprinzenstraße 5.
P. Gestohlen wurde aus einer Parterrewohnung der Marburgerstraße mittels Einschleichens ein neuer dunkelblauer Anzug und ein Ueberzieher im Werte von zusammen 150 Mart.
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** Ueberfahren. Von der Eisenbahnverwaltung wird uns mitgeteilt, daß gestern Nachmittag die Johannetta Spieß aus Dilheim( Kreis Weglar) aus einem zu früh geöffneten Frauenabteil der 4. Klasse des 450 Uhr hier eintreffenden Personenzuges stürzte und ihr der linke Unterschenkel abgefahren wurde. Die Verunglückte verbrachte man in die Klinik.
P. Eine Betrügerin, die sich Frau Schmidt nennt und in der Bahnhofstraße wohnen will, sucht hier durch allerhand schwindelhafte Manöver sich zu bereichern. Sie gibt an, ihr Mann set Gärtner, er wäre vom Baum gefallen und befände sich frank in der Klinik. Auch eines ihrer drei Kinder set erheblich erfranft. Sie bittet um Arbeit, erhielt auch in einem Falle Stoff und zutaten zu einer Taille, die sie fertigen
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