Ar. 269.
Rebattion u. Saupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Donnerstag, den 15. November 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Politifche Rundschau.
Deutfches Reich.
Jm Auswärtigen Amt wird eine Reichstagsvorlage zur Ratifikation der Afte von Algeciras vorbereitet. Die Borlage foll dem Reichstag schon bald zugehen, da die von der Konferenz festgesezte Frist zur Ratifilation am 31. Dezember d. J. abläuft. Die Mitwirkung des Reichstages ist erforderlich, weil durch die Algeciras- Atte reichsgefeßliche Be fimmungen berührt werden.
* In dem Gesezentwurf über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine wird dem Vernehmen nach bestimmt, daß die Eintragung in das Vereinsregister nur dann geschehen kann, wenn der Zwed des Vereins sich auf die Wahrung der mit dem Berufe der Mitglieder unmittelbar in Beziehung stehen. den Interessen beschränkt. Unter Umständen soll die Rechtsfähigkeit wieder entzogen werden können. Bei der Einreichung des Mitgliederverzeichnisses werden weitgehende Erleichterungen borgesehen. Die landesgefeßlichen Bestimmungen, welche der Beteiligung von Frauen und von Minderjährigen an Berufsbereinen entgegenstehen, dürften ganz beseitigt oder doch wesentlich eingeschränkt werden.
* Die von der Regierung in Aussicht genommenen Maßnahmen zur Behebung der Fleischteuerung sollen, wie verlautet, teilweise darin bestehen, daß frisches Fleisch als Stückgut in Eilfracht zu gewöhnlichen Stückgutsägen befördert werden soll. Die Folge der geplanten Maßnahme würde boraussichtlich sein, daß fünftig größere Mengen frischen Fleisches als bisher als Stüdgut bezogen werden, sei es von mehreren Familien, die sich hierzu zusammentun, sei es von Konsum-, Einkaufs- und Haushaltsvereinen.
Rufsland.
** Es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob die Behörden nicht imstande sind, den revolutionären Umtrieben dauernd zu begegnen. Die Unsicherheit wird, wie auch die heutigen Nachrichten beweisen, immer stärker.
Petersburg, 14. November. Wie hiesige Blätter aus Kronstadt melden, find 25 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilte Matrosen entflohen, bisher wurde nur einer ergriffen.
Jelisawetgrad, 14. November. Auf der Station Scheltija Wody der Katharinenbahn wurde gestern auf einen Bahnfaffenboten und einen ihm zum Schuze beigegebenen Soldaten ein Raubanfall gemacht, bei dem beide getötet wurden. Die geraubte Summe beträgt 53 000 Rubel. Barschau, 13. November. In einem unbewohnten Landhause der Station Zamoica an der PetersburgWarschauer Bahn fand eine Zusammenkunft von 20 verdächtigen Personen statt. Ms Polizisten und Soldaten sich näherten, flüchteten die Versammelten in den Wald, sieben wurden jedoch festgenommen. Am Versammlungsort fand man sechs Bomben. Es wird vermutet, daß hier ein Anschlag auf einen Eisenbahnzug wie bei Rogowo vorbereitet
wurde.
Afrika.
** Wie die neuesten Nachrichten erkennen lassen, nimmt ber Raubzug der Buren größeren Umfang an. Es find jetzt brei Rebellenscharen unterwegs; die eine, geführt von Ferreira, geht nach dem Hay- Distrikt, die zweite nach Kakamas, und bie dritte, von Deutsch- Südwestafrika tommend, hat gerade jezt die Grenze überschritten. Polizeiinspektor White verließ Upington mit vierzig Mann von der Polizeitruppe, um der britten Rebellenschar den Rückweg nach Deutsch- Südwestafrika abzuschneiden. Ferreira hat verschiedene fleinere Stationen angegriffen und ausgeplündert. Seine Leute töteten einen englischen berittenen Polizisten in der Nähe von Uppigton. Man fürchtet, daß Ferreira neue Verstärkungen aus dem Bereich der unzufriedenen holländischen Bevölkerung erhalten wird.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 14. November. Nach Mitteilung des Gouverne ments von Deutsch- Südwestafrika hat die Eröffnungsfahrt für die Gesamtstrecke der Otavibahn von Swakopmund bis Tsumeb ftattgefunden.
Berlin, 14. November. Der Magistrat der Stadt Berlin hat an den Reichstag und den Reichskanzler eine Petition wegen der Fleischteuerung abgesandt.
Dresden, 14. November. Sämtliche sächsischen Städte mit über 20 000 Einwohnern beschlossen eine Petition an die Sächsische Regierung zu richten, worin diese ersucht wird, Maßmahmen zur Milderung der herrschenden Fleischteuerung zu ergreifen.
Wien, 14. November. Das Abgeordnetenhaus nahm nach Ablehnung sämtlicher Minoritätsanträge die erste Gruppe der Wahlreform an; diese enthält die Festsetzung der Mandatszahl und die Aufteilung der Mandate in den einzelnen KronLändern.
Paris, 14. November. In der gestrigen Kammerſigung gelangte bei der Debatte über das Trennungsgesetz ein Betrauensvotum für das Ministerium Clémenceau mit 416 gegen 163 Stimmen zur Annahme.
Paris, 14. November. Ans Beniunif in Südoran wird gemeldet, daß die Gärung im Tafileltgebiet fortdauere, und Baß auch der bisher treu gebliebene Stamm der Duimenia
jich von den Franzosen abgewendet habe.
London, 14. November. Offiziell wird mitgeteilt, daß die Meldung, das englische Atlantische Geschwader gehe nach der Küste von Marokko, jeder Begründung entbehrt.
Cadiz, 14. November. Die Garnisonen in den spanischen Befizungen in Afrika werden demnächst wegen der Bewegung in Mauretanien verstärkt werden.
Tanger, 14. November. Ein hinterlistiger Ueberfall, der gegen den in Begleitung des französischen Ingenieurs Pephau aus Marrakesch zurückkehrenden Kanzler des französischen Konjuiats in Mogador geplant war, ist mißglückt.
Deutscher Reichstag.
( 117. Sigung.)
CB. Berlim, 14. November. Die internationale politifche Lage beschäftigt heute den Reichstag anläßlich einer Interpellation ber nationalliberalen Frattion. Das Haus zeigt alle Merkmale eines ,, großen Tages". Der Sigungssaal ist voll, die Tribünen find überfüllt; selbst die Hofloge weist starken Besuch auf. Kein Wunder: War es doch schon gestern bekannt, daß Fürst Bülow wieder im Reichstag erscheinen und bie Interpellation sofort beantworten werde. Die Inter pellation wurde denn auch gleich nach Eröffnung der Sizung berlesen, und Fürst Bülow erklärte fich bereit, sie sofort zu beantworten.
Die Begründung der Interpellation übernahm der Führer der nationalliberalen Fraktion Abg. Bassermann: Wenn man die Verhältnisse der lezten Wochen mit Aufmerksamkeit verfolgt, so führte der Abgeordnete aus, dann wird man faun leugnen tönnen, daß weite Kreise des Volkes von
tiefer Mißftimmung
erfüllt find. Und neuen Stoff erhielt das Volk durch die Memoiren des Fürsten Hohenlohe. Die Freunde Bismarcks bedauerten von neuem das vorzeitige Ausscheiden des AltReichskanzlers. Aber auch die, welche nicht seine Anhänger waren, haben es bedauert, daß an seine Stelle ein verbrauchter Mann wie Fürst Hohenlohe trat. Aber auch die
auswärtige Politik
findet nicht den allgemeinen Beifall. Seit den Ereignissen des Vorjahres hat auch die auswärtige Politik Beunruhigung hervorgerufen. Als Bismarck die Wilhelmstraße räumte, stand Deutschland geachtet da; heute spricht man allenthalben von der Jolierung. An die Stelle der zielbewußten Politik find Riesentelegramme der Liebenswürdigkeiten getreten; es ist eine Politik der Unstätigkeit bei uns eingerissen. Was den Dreibund
anlangte, so hat ihn auch Bismard nicht als ein ewiges Wert betrachtet. Die Frage wird heute gestellt und wohl auch beantwortet werden, ob die Haltung Italiens in Algeciras den Erwartungen entspricht, die wir hegen durften. Wenn Italien nicht mehr in Betracht kommt im Falle eines Krieges Deutschlands gegen Frankreich oder England, dann hat es keinen Wert für uns. Desterreich hat sich als treuer Bundesgenosse Deutschlands erwiesen. Die Resonanz in der österreichischen Presse war weniger günstig, sodaß man sagen kann, die Verhältnisse find nur forrette, mehr nicht. Der Dreibund ist also für Deutschland nur ein Mittel der Politik, das der Vergangenheit angehört. Unsere Beziehungen zu Frankreich sind die alten geblieben. Der Angelpunkt der Politik ist vielleicht heute England, das in seinem letzten Punkte auf eine Einfreisung Deutschlands hinarbeitet.
Die Antwort des fürften Bülow. Nunmehr ergriff Fürst Bülow das Wort. Seine heutige Rede war die längste, die er bisher gehalten hatte, sie dauerte fast zwei Stunden. Ungemein übersichtlich in ihrer Anlage, bedeutsam durch ihren Inhalt, gewürzt durch zahlreiche Wizzworte und interessante Erinnerungen aus der diplomatischen Laufbahn des Kanzlers fesselte fie von Anfang bis zu Ende. Fürst Bülow dankte zuerst für die persönliche Teilnahre, die ihm vom Reichstage und seinen Mitgliedern gezeigt worden sei. Reichskanzler und Reichstag gehörten zusammen; fie bilden das Obergeschoß im Reichsbau, in ihnen verkörpern sich der deutsche Einheitsgedante.
Unsere auswärtige Bolitik.
Dann ging der Kanzler auf die Besprechung der auswärtigen Lage über. Der Reihe nach erörterte er die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich, England, Italien, Desterreich- Ungern, Rußland, Japan, China und Amerika. Durch den russisch- japanischen Krieg, flocht er dabei ein, find wir nicht überrascht worden. Wenn sich einst die Aktenschränke öffnen werden Memoiren will ich nicht schreiben ( Große Heiterkeit) wird sich das klar ergeben." Bülow über Bismard.
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Hierauf kam der Kanzler auf seinen großen Vorgänger Bismarck zu sprechen. Man rufe ihn fortwährend an, beziehe sich auf ihn, betonte Bülow. Meine Verehrung für den ersten Reichskanzler ist unbegrenzt. Sch bin ihm auch nach seinem Sturze treu geblieben, jedo möchte ich be:
haupten, daß das Zitieren Bismarcs sich nicht nur zu einer Manie, sondern direkt zu einer Kalamität gestaltet hat. Auch der größte Mensch bleibe ein Sohn seiner Zeit, man dürfe seine Ansichten nicht in ein System bringen und in allen Lagen daran festhalten. Auch Friedrich der Große war der größte Staatsmann seiner Zeit. Ich meine aber, daß Preußen nicht darum nach Jena gekommen ist, weil es von Friedrichs des Großen Ansichten abgewichen ist, sondern weil es zu sehr an ihnen festgehalten hat".
Sind wir isoliert?
Der Kanzler schloß seine wichtige, mit nachdrücklichem Beifall aufgenommene Rede, indem er an die Behauptung anknüpfte, daß Deutschland isoliert sei: Deutschland ist nicht isoliert", rief er aus, aber feibst wenn es isoliert wäre, brauchte es sich nicht zu fürchte... Gin Volk von 60 Millionen ist doch nicht ein einsames Kind im Walde! Erhalten wir unsere Wehrkraft zu Lande und zur See auf der Höhe. Vergessen wir über den konfessionellen und wirtschaftlichen Streitpunkten nicht die Liebe zum Vaterlande und seinen gemeinsamen Interessen. Dann wird es gut um das deutsche Volk stehen."
Das Haus tritt in die Beratung und Besprechung der Interpellation ein. Als erster Redner nimmt der Sozialdemokrat von Vollmar das Wort. Er verschärfte die Angriffe, die der Abg. Bassermann vorgebracht hatte. Graf Limburg- Stirum erklärte sich mit den Darlegungen des Reichstanzlers fast durchweg einverstanden. Zu Nervosität läge tein Grund vor. Aehnlich sprach sich der Führer des Zentrums Dr. Spahn aus. Dr. Wiemer von der Freisinnigen Volkspartei hatte mancherlei an der äußeren Politik auszusehen. Die Debatte geht noch einige Zeit weiter, ehe die Sizung geschlossen wird, doch bringt das Haus den verschiedenen Rednern wenig Intereffe entgegen. In vorgerückter Stunde nimmt der Reichskanzler abermals das Wort, um manche Angriffe, die in der Debatte gefallen waren, zu widerlegen. Er erklärt, daß, sobald wieder auswärtige Politik zur Erörterung gelangt, Freiherr v. Tschirschfy im Reichstag er scheinen werde.
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Hof und Gefellschaft.
Auf der Rückfahrt von Donaueschingen wird de Kaiser einen 22 stündigen Aufenthalt in Baden- Baden nehmen, um dem Großherzoge von Baden und seiner Ge mahlin einen Besuch abzustatten. Die Kaiserin wiri fich in Begleitung ihrer Schwester gelegentlich der Rückreis nach Berlin nach Bonn begeben, woselbst sie am Donnerstag Abend eintrifft. Die Kaiserin beabsichtigt lediglich, ihren ar dez Bonner Üniversität studierenden Sohn Prinzen Augus Wilhelm zu besuchen und reist bereits am Freitag Abeni wieder nach Berlin ab. Auf der Fahrt nach Bonn wird di Kaiserin ebenfalls einen furzen, etwa zweistündigen Auf enthalt in Baden- Baden nehmen zwecks Besuches der Groß herzoglichen Familie.
*** In Grünau in Steiermark, wo sich der deutsch Kronprinz gegenwärtig zur Gemsenjagd aufhält, wirl am Freitag Prinz Ernst August von Cumber: land erwartet, der dem Vernehmen nach mit dem Kron prinzen zusammentreffen soll.
Mob Das Ende der felttage.
L München, 14. November. Der Trubel verrauscht, die Stadt gewinnt allmählich ihr gewöhnliches Ansehen wieder und nur die Baugerüste auf der Kohleninsel erinnern noch daran, daß sich in unsern Mauern ein historisches Ereignis abgespielt hat und mit dem Grundstein für das Museum auch der zu einer neuen Verbrüderung zwischen Nord und Süd befestigt worden ist. Die Trinksprüche, die bei der geftrigen Galatafel in der Residenz zwischen dem Prinzregenten und dem Kaiser ausgetauscht worden find, haben dies bestätigt. In Erwiderung auf die Begrüßung des Prinzregenten betonte der Kaiser seinen Dank für die Aufnahme in unserer Stadt mit folgenden Worten: Der heutige Tag reiht fich würdig an die Seite des Nürnberger Tages. Der Empfang seitens der Bevölkerung Euer Königlichen Hoheit Residenz war getragen von einem großen nationalen Gedanken und spielte sich ab auf einem wunderbaren Hintergrund föftlicher Kunst."
Mit diesem Afford flangen die Festlichkeiten in der Residenz aus. Den eigentlichen Abschluß bildete gestern abend 9 Uhr eine Festlichkeit bei dem Prinzen und der Prinzessin Ludwig, zu der die Majestäten, die bayerischen Prinzen und Prinzessinnen und der gesamte hier versammelte Festkreis geladen war. Der Kaiser und die Kaiserin, die sich in der Residenz von dem Prinzregenten auf das herzlichste verabschiedet hatten, wurden vom Brinzen und der Prinzessin in den großen Saal geleitet. Hier hielt Professor Dr. SlabyCharlottenburg den Festvortrag. Der Redner schilderte die Erfindung der Luftpumpe und Elektrifiermaschine und bezeichnete Gueride ais Mitbegründer der wissenschaftlichen Meteorologie. Nach dem Vortrage hielten die Majestäten und die prinzlichen Herrschaften Cercle ab. Später wurde das Souper eingenommen.
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aber fiel nicht auf, weil alle die gefühlvollen Frauen um fie so viel zu tun hatten,
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Historischen Glanzes, um den manche Adelsfamilie Sie beneiden die Urgeschichte Ihrer eigenen Familie verbreitet hat, eines die Ihnen dabet gelungen sind; in Anbetracht des überraschenden Glanzes, der sich infolge dieser Entdeckungen über der Stadt gemacht haben und der hochinteressanten Entdeckungen, in ben Archiven
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dieser gleich mit der Antwort herausplante, ihm eine Riesenohrfeige mit den Worten: folgte er ben Schiffssungen Unterricht en betommen richtete er an irgendeinen eine seemännische Frage, und wenn
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