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Praktische Anwendung.

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Montag, den 10. Dezember 1906

Gießener

15. Jahrgang

6.

Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Sießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Beglar; Lofalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

15701

Neue Trennungsgelüfte?

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-s. Kopenhagen, im Dezember Vielleicht nur noch ein fleines Weilchen, und ganz Europa wundert sich nicht wenig, welch ein neues Reich ent fanden ist." Nachdem Norwegen sich von Schweden getrennt und isolierte Selbständigkeit wiedererlangt hat, scheint auch Jalland die Neigung zur Loslösung von allen staatsrechtlich beengenden Landen zu spüren. Los von Dänemark!" Diese Parole ist in Jsland ausgegeben. Man hat daraus noch kein Feldgeschrei in des Wortes buchstäblicher Bedeutung germacht; aber das wird schon kommen, wenn nicht alle Zeichen trügen. Das norwegische Beispiel ist gar zu ver führerisch gewesen. Für die Isländer ganz besonders, die lange Zeit mit den Norwegern zusammen zu Dänemark gehörten. Es hat an Auflehnungen nicht gefehlt, und für ein paar Jahre 1810 bis 1814- war es den Jsländern sogar gelungen, fich völlig loszureißen. In Dänemark auf­zugehen, dazu waren die Isländer nicht zu bringen. Sie baben niemals aufgehört, ihr Sonderdasein zu betonen. Das taten fie in Bewährung praktischen Sinnes hauptsächlich derart, daß fie fich entschieden weigerten, zu den Staats­laften beizutragen oder Militärdienste zu leisten. Das überließen sie großmütig anderen. Sie hatten näher­liegende Sorgen um Dinge, die ihnen keine Roften uno teine Beschwerden bereiteten. Jm dänischen Par­lament waren sie natürlich vertreten. Aber sie hatten auch ein eigenes Parlament und ein eigenes Ministerium. Daß das isländische Parlament nur beratende Stimme hatte, war ihr Kummer. Daß ihr Landsmann- Minister" in der Regel für die isländischen Dinge von großem Einfluß war, konnte fie wenig trösten. Sie hörten auch niemals auf, Forderungen über Forderungen zu stellen. Unter König Christian, dem Schwiegervater von Europa", ging alles ziemlich glatt und gut. Die Klugheit dieses greisen Monarchen milderte die Gegensätze und ließ fie jedenfalls nicht schroff hervortreten. Doch im Verborgenen und in der Gesinnung blieb die Garung, und nach dem Thronwechsel tam fie deutlich zur Erscheinung. Mehr noch wirfte, wie bereits erwähnt, in dieser Richtung, die Trennung Norwegens von Schweden, die so glatt vor sich gegangen war. Zwar steuert man in Jaland nicht unmittelbar auf eine Trennung zu. Einstweilen will man die Personalunion noch beibehalten. Etwa wie die Ungarn Desterreich gegenüber. Die Aehnlichkeit zwischen Isländern und Magyaren ist überhaupt unverkennbar. Ganz wie die Magyaren wollen die Isländer sehr gern und sehr unbeschränkt regieren, aber durchaus nicht zahlen. An Opfern liegt ihnen weit weniger, als an Selbe ständigkeit. Der König von Dänemark soll gleichzeitig König von Island sein, aber regieren soll er nur durch ein isländisches Ministerium und ein isländisches Parlament. Das braucht man den Jsländern gar nicht zu verdenken. Nur wird man es dem dänischen Volke ebensowenig verdenken, wenn es den Isländern eine kleine Gegenrechnung macht und das Anfinnen an sie stellt, ihre Selbständigkeitskosten auch selbst zu tragen, die dänischen Schiffe zu bemannen, die ihren Schutz bilden, für ihre Selbständigkeit mit dem eigenen Beutel unid mit dem eigenen Leibe einzutreten. Hierfür aber haben die Isländer nur sehr geringe Neigung. Ihre Führer schmeicheln sich mit der Hoffnung, Dänemarks bedingungslose Nachgiebigkeit durch die stumme Drohung zu erlangen, daß fie sich sonst unter Englands Schutz stellen würden. Sie glauben, England jei bereit, ihnen ein Protektorat zu gewähren, das

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der Mühe überhebt, aus eigenen Mitteln Auf­endungen zu machen. Ob diese Annahme irgend welche tatsächliche Unterlage hat, entzieht sich unserer Beurteilung. Grennbare öffentliche Anzeichen dafür sind nicht vorhanden. für wahrscheinlich halten wir es nicht. Daß Dänemark nicht ohne weiteres auf Island verzichtet, ist selbstverständlich. Zunächst hat König Friedrich fich von dem isländischen Barlament nach Jsland einladen lassen und die provozierte Einladung natürlich angenommen. Die Wirkung des Besuches bleibt abzuwarten. Es ist recht wohl möglich, daß die praktischen Isländer sich noch befinnen und lieber bei Däne­mark bleiben, von dem sie die eine oder andere Konzession noch erhoffen dürfen, während sie unter englischem Protektorat dern englischen Willen, der gar kein böser oder unbilliger Bille zu sein braucht, widerstandslos preisgegeben wären. Unter den mehr oder minder deutlichen isländischen Zukunfts­pläinen ist auch der eines Anschlusses an Norwegen. Daß dieser Plan überhaupt auftauchen konnte, ist charakteristisch gemug. Es wird damit dem König Hakon von Norwegen migesonnen, dem eigenen Vater, dem König von Dänemark, einen Teil seines Herrschaftsgebietes abzunehmen. Die Zu­muutung ist, sehr gelinde ausgedrückt, naiv. Sie hat keinen jehr starken persönlichen Willen bei dem König Hakon zur Baraussetzung.

Politische Rundfchau.

Deutsches Reich.

* Die Kölnische Volkszeitung" veröffentlicht eine gu schrift, die es als unrichtig bezeichnet, Abg. Roeren habe bei derm Duell Dernburg- Roeren nicht im Namen der Fraktion gerre det." Der Abg. Roeren habe seine etwa zweistündige Rede über die Mißstände in den Kolonien, wie er auch Ginngangs derfelben ausdrücklich erklärte, namens und im Auf­tange der Fraktion gehalten. Nur die Besprechungen im

Kolonialamte im Interesse der Togoer Verhaftungsgeschichte habe er persönlich und für seine Person auf Ersuchen des Apostolischen Präfekten von Togo und der Kolonialverwaltung gepflogen. Nur darauf beziehe sich seine spätere Erklärung.

* In Handelstreifen ist man an die Regierung wegen ber dänischen Zollerhöhung auf deutsche Weine herangetreten. Die Erhöhung des dänischen Bolles von Flaschenweinen von 50 Dere auf 120 Dere wird eine Verringerung der Einfuhr bon Flaschenweinen herbeiführen, durch welche die deutsche Ausfuhr betroffen wird. Die Bollerhöhung wird um so nachteiliger wirken, da neben derselben auch eine Stempel­steuer eingeführt werden soll. Während durch Handels­verträge die Zölle für längere Jahre gebunden werden können, ist es unmöglich, die Höhe der Stempelabgaben durch Ver­träge festzulegen, weil die Stempelgesetzgebung als eine innere Angelegenheit betrachtet wird.

* Wie bestimmt verlautet, beabsichtigt der deutsche Ge­sandte am norwegischen Hose Dr. Stuebel, in den Ruhestand zu treten. Angeblich sollen die legten Kolonial- Erörterungen zu diesem Entschluß Veranlassung gegeben haben. Es wird angenommen, daß das Abschiedsgesuch des Herrn Dr. Stuebel schon in den nächsten Tagen in Berlin eintreffen wird.

Rufeland.

** Halbamtlich wird bestätigt, daß die Verhandlungen mit Japan sowohl wegen der Fischereifrage, in der Japan besonders anspruchsvoll auftrete, als wegen des Handels­vertrags nur langsam und nicht ohne Schwierigkeiten vorrücken und nur größere Nachgiebigkeit Japans den Abschluß der Verhandlungen beschleunigen könne.

** Obgleich es üblich ist, daß hohe Würdenträger nach ihrer Rückkehr von einem längeren Urlaub vom Kaiser empfangen werden, ist man geneigt, dem Empfang des Grafen Witte in Zarskoje- Sselo eine politische Bedeutung beizulegen. Man glaubt, daß die Audienz im Zusammenhang stehe mit den in bezug auf den Portsmouther Vertrag entstandenen Mißverständnissen mit Japan. Towarischtsch meldet, die Audienz habe über zwei Stunden gedauert.

** Ueber die Tätigkeit der Revolutionäre liegen folgende Meldungen vor, die zeigen, daß noch immer im geheimen gegen die Regierung gearbeitet wird.

Irkutst, 7. Dezember. In der letzten Nacht wurde aus dem hiesigen Goldschmelzlaboratorium mit Hilfe von Minengängen ein Goldklumpen im Werte von 90 000 Rubel gestohlen.

Lübed, 8. Dezember. Die Staatsbehörden haben festgestellt, daß trotz aller Vorkehrungen aus dem Lübecker Hafen im Monat November abermals 960 Kisten mit Waffen unter Angabe eines falschen Bestimmungsortes nach Finnland ausgeführt wurden.

Tiflis, 8. Dezember. Von der Polizei auf dem Davidsberge vorgenommene Ausgrabungen förderten ein Waffenlager und eine große Zahl von Bomben zutage. Amerika.

** Die seit langem die Deffentlichkeit beschäftigende Korruption im Eisenbahnwesen wird demnächst die Gerichte beschäftigen. Die Bundes- Großjury, welche wegen der an­geblichen Betrügereien in Kohlenländereien und der Gewährung von Unterscheidungsfrachtsäzen seitens der Bahnen eine Unter­suchung angestellt hatte, hat gegen die Union Pacific Railroad, die Oregon Short Line Company, die Union Pacific Coal Company, die Utah Fuel Company und mehrere der höchsten Vertreter der Harriman- Gould- Corporation in Utah Anklage zu erheben beschlossen.

** Ueber die Beziehungen zwischen Amerika und Japan äußert sich in einer Ansprache der amerikanische General­Konsul Miller in Yokohama, der in San Franzisko ein­getroffen ist. Der General- Konsul erklärte, Krieg sei das legte, woran die Japaner heute dächten. Um was es sich für die Zukunft zwischen Japan und Amerika handele, sei der Kampf um das kommerzielle Uebergewicht. Japan sei bestrebt, feine Beteiligung am Welthandel immer mehr zu vergrößern und wenn Amerika nicht rasche Fortschritte mache auf den Ge­bieten, auf denen es gegenwärtig nur langsam fortschreite, werde Japan bald den Handelsverkehr auf dem stillen Ozean beherrschen.

Kleine politifche Nachrichten.

Berlin, 9. Dezember. Der neue preußische Land­wirtschaftsminister von Arnim auf Criewen ist zum Bundes­ratsbevollmächtigten ernannt werden.

Berlin, 8. Dezember. Der Erzbischof von Bordeaux hat den Pfarrern seiner Diözese befohlen, die Erklärung abzugeben, die von der Regierung als Bedingung für die vorläufige weitere Ausübung des Gottesdienstes gefordert wird.

Straßburg, 8. Dezember. Das reichsländische Ministerium hat nochmals beim Reichskanzler den Antrag gestellt, die Ein­fuhr von 50 000 Schweinen aus Frankreich nach Elsaß­Lothringen zuzulassen.

Rom, 9. Dezember. Die italienische Regierung beabsichtigt, 910 Millionen zur Deckung der notwendigen Bedürfnisse im Eisenbahnwesen von Ler Kammer zu fordern.

Madrid, 8. Dezember. Das vereinigte französisch­spanische Geschwader ist von Cadig nach Tanger abgegangen.

Hof und Gefellschaft.

Von einem Unfall, der glücklicherweise leine Folgen hatte, wurde die Königin von Württemberg in Stuttgart betroffen. Der tönigliche Hofwagen, in dem die Königin mit einer Hofdame Plaz genommen hatte, wurde an der Ecke des Schloßplatzes von einer entgegenkommenden Automobildroschte angefahren. Bei dem Anprall stürzte ein Pferd; die Deichsel des Wagens wurde abgerissen. Die Königin, die unverlegt blieb, setzte den Weg zu Fuß fort.

Der König von Siam wird in nächster Zeit in San Remo mit großem Gefolge zu längerem Aufenthalt ein. treffen. Der fiamesische Geschäftsträger in Paris, Prinz Charoon, hat für ihn in San Remo bereits zwei Billen gemietet.

Soziales Leben.

X Kein Achtuhr- Ladenschluß in Berlin. Die Gewerbe treibenden des Landespolizeibezirks Berlin hatten den Antrag gestellt, die Ladenschlußzeit an den Werktagen, mit Ausnahme der Sonnabende, von 9 auf 8 Uhr abends festzusehen. Der Polizeipräsident hat unter den beteiligten Ladeninhabern eine Abstimmung vornehmen lassen, diese hat indes die erforderliche Zweidrittel- Mehrheit nicht ergeben. Infolgedessen ist der Antrag auf Einführung des Achtuhr- Ladenschlusses vom Polizei­präsidenten abgelehnt worden.

× Wegen Streits eingestellte Amerikafahrten. In Genua haben die Schiffsreeder beschlossen, den Dampfschiffsdienst nach Amerika bis zum nächsten Frühjahre zu unterbrechen. Diese Maßregel ist die Antwort der Reeder auf die Streit drohung der Mannschaften. Viertausend italienische Emis granten, welche in Genua bereits angelangt und in Befizz ihrer Fahrkarten nach Amerika find, können nicht weiter. Sie werden auf Kosten der Stadt verpflegt. Die Behörden unternehmen besondere Maßregeln, um drohende Unruhen zu verhüten.

Nab und Fern.

Die schwarzen Pocken sind nun auch nach Mül hausen i. Els. eingeschleppt worden. Im ganzen sind bisher fünf Kranke und ein Verdächtiger im Krankenhaus auf­genommen und isoliert worden. In Mezz sind in den letzten Zagen wieder einige neue Pockenfälle vorgekommen, sodaß die Sahl der Kranken und Verdächtigen dort jezt 70 beträgt.

Raub im D- Zuge. Auf der Strede Königsberg- Elbing wurde im D- Zuge der Kaufmann Mazz aus Berlin, der fich auf der Rückreise von Eydtkuhnen befand, beraubt. In dem betreffenden Abteil hatten außer ihm noch drei weitere Passa­giere Platz genommen, von denen einer ein Russe war. In Königsberg i. Pr. stieg Mazz mit den beiden anderen Herren aus, während der Russe fizen blieb. Als der Zug den Bahn­hof verlassen hatte, vermißte Mazz seine Brieftasche, in der fich 600 Mart in Papier, seine Legitimation, mehrere Lotterie­lose und andere Papiere befanden; da er vermutete, daß er die Brieftasche im Wagen habe liegen lassen, erstattete er so­fort Anzeige, infolgedessen ihm auf der Durchreise in Elbing sein Eigentum ausgehändigt wurde; man hatte die Brief­tasche auf dem Bahnhofe Braunsberg gefunden, fie enthielt aber nur noch drei der Lotterielose, Geld und der übrige In­halt fehlten. Als Dieb hat man den Russen in Verdacht, der eine Rundreisekarte Berlin- Frankfurt- Basel- Zürich besaß.

Bootsunglück auf dem Rhein. Nahe Mainz erfolgte auf dem Rhein der Zusammenstoß eines Schleppbootes mit einem kleinen Proviantboot. Letzteres sant, der Kapitän und der Heizer sprangen über Bord; der erstere konnte sich durch Schwimmen retten, während der Heizer ertrant.

Um die Zeche. In einem Gasthause in Winkhausen bei Essen brach zwischen dem Wirt und verschiedenen Gästen wegen der Bezahlung ein Streit aus. In dessen Verlauf wurden der Wirt und sein Schwager durch Messerstiche tödlich verletzt. Die Täter, zwei Brüder, wurden verhaftet.

Lebendig verbrannt. Die fünfundsechzigjährige er­blindete Witwe Breuer in Westrich, welche ein Kind auf dem Schoß hatte, tam dem Feuer zu nahe und lief mit brennenden Kleidern auf den Hof, wo man später die verkohlte Leiche fand. Das Kind hatte nur an den Händen Brandwunden erlitten.

Ein Unhold treibt seit einiger Zeit sein Unwesen in den Straßen von Mez, indem er Frauen durch Stiche mit scharfen, spizen Gegenständen in die Hüfte oder den Rüden ver­legt. Er verfolgt bei einbrechender Dunkelheit seine Opfer und verschwindet, sobald er seine Tat vollbracht hat. Der Täter wurde bisher nicht ermittelt.

Ein ungarischer Rinaldo. In Satoralja- Ujhely ist der berüchtigte Räuberhauptmann Michael Szarvas- Pat endlich festgenommen worden. Seit dem Monate September v. J hat er nicht weniger als 120 Beraubungen und Einbruchs­Diebstähle vollführt. Etwa die Hälfte der Verbrechen hat er bereits eingestanden. In der vergangenen Woche noch hat er in einer einzigen Nacht acht Einbruchsdiebstähle verübt. Bei seiner Festnahme hatte der Räuberhauptmann einen aus Fledermäusen und dem Stricke eines Gehängten zusammen geflochtenen Gürtel um.

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