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Nr. 186

bation u.Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Freitag, den 10. August 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbetlagen: Oberbeffische Familienzeitung( und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von herkesson

Schützt die Seereifenden!

Ein Appell an die Volksvertretungen aller Länder. Man schreibt uns:

Bei der Katastrophe, die an der spanischen Küste den Dampfer Sirio" mit fast dreihundert Menschenleben ver­nichtet hat, berührt nichts so unsympathisch, als das Ver­halten der Schiffsbesatzung des gesunkenen Dampfers. Es flingt wie ein Hohn, daß die gesamte Mannschaft bis auf 14 Mann, einschließlich des Kapitäns und der Schiffscffiziere gerettet worden ist, während Frauen und Kinder rettungslos in den Fluten umgekommen find. Man muß, auch ohne die Einzelheiten der Katastrophe zu kennen, annehmen, daß die Rettung der Besatzung kein Zufall ist. Tatsächlich haben diese Seehelden" in der brutalsten Weise ihr eignes Leben dem Threr Schutzbefohlenen vorangesetzt. Sie haben mit dem Revolver nicht durch ihre Vorgeseßten, sondern durch fremde Kapitäne gezwungen werden müssen, den Sinfenden Hilfe zu leisten, und sie sind trotzdem nur bedacht gewesen, über die Leichen dieser Unglücklichen hinweg sich selbst in Sicherheit zu bringen. Das Messer und der Revolver haben bei dieser Katastrophe eine furchtbare Rolle gespielt, denn diese Bestien von Matrosen haben sich nicht gescheut, die verzweiflungsvoll fich um die Boote drängenden Passagiere mit einem Stich oder einer Kugel aus dem Wege zu räumen, um selbst deren Pläge einzunehmen.

Allerdings auf einem deutschen Schiffe hätten derartige Szenen sich nicht ereignen fönnen. Unsere Kapitäne und Mannschaften fennen glücklicherweise ihre Pflichten gegen die Fahrgäste besser. Die traurigen Fälle, in denen deutsche Schiffe ihren Untergang fanden, sind ebensoviel Ruhmesblätter für die braven Schiffsführer und Matrosen, die bis zum letzten Augenblick auf ihren Posten ausharrten, und erst dann an die eigene Rettung dachten, als die Passagiere in Sicherheit waren oder nichts mehr zu retten war. Wir haben aber eine internationale Schiffahrt, und da die italienischen Dampfer nicht für Italiener reserviert sind, sondern auch deutsche Bassagiere, ebenso wie die anderer Nationalitäten aufnehmen, so haben auch wir ein Interesse daran, daß die Leitung solcher, ch über Eheim internationalen Verkehr fahrenden Schiffe, Leuten

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vertraut wird, die ihre Pflichten besser kennen, als der Kapitän und die Offiziere des Sirio". Wo waren die Offiziere dieses Schiffes? Es ist nur anzunehmen, daß sie entweder nicht fähig waren, in dieser Gefahr richtige Dispositionen zu treffen, oder daß sie nicht besser handelten als die Mannschaft, und nur auf Rettung ihres eigenen fostbaren Lebens bedacht

waren.

Es gibt leider kein Gericht, das sie zur Verantwortung ziehen könnte, und zwar so, wie sie es verdienen. Denn selbst, wenn sie von einem Schiffahrtsgericht verurteilt würden, hätte die Menschheit feine Gewähr, daß fie nicht als Matrosen eines Dampfers in einem andern Lande wieder Aufnahme fänden, und so Gelegenheit hätten, eventuell aufs neue ihre Pflichtauffassung zu betätigen. Das ist ein Mangel, dem baldigst abzuhelfen die Parlame:: te aller Länder nicht vergessen sollten. Solchen Schiffsbeschurgen, Offizieren wie Mannschaften, muß die Möglichkeit genommen werden, überhaupt ihre Karriere weiter fortzusehen, nachdent ihnen ein solches Verbrechen nachgewiesen worden ist. Gerade weil die Dampfergesellschaften international sind, und weil ein Matrose, der heute auf einem italienischen Schiffe ab­mustert, morgen auf einem englischen, spanischen, deutschen oder anderen Schiffe anmustern fann, wäre es nötig, eine genauere Kontrolle über die Besatzungen auszuüben une solche Helden dauernd von den Schiffen auszuschließen. Das

Stand iſt nötig, denn was heute den italienischen Auswanderer

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passiert, fann morgen Deutschen oder Engländern geschehen, wenn sie Passage auf einem solchen Dampfer nehmen ode an eine Besatzung kommen, die etwa früher auf dem, Sirio" gedient hat.

Zunächst wird es ja Sache der italienischen Behörde sein, fich die Dampfergesellschaft, der der ,, Sirio" gehört, etwas näher anzusehen, vor allem auch die Art und Weise, nach der die Anmusterung von Mannschaften für ihre Schiffe und die Auswahl der Kapitäne und Offiziere erfolgt. Voraus­fichtlich wird die Behörde dann auch Veranlassung haben, die Herrschaften für gewisse Nachlässigkeiten verantwortlich zu machen. Damit aber wird das gegenwärtige Unheil nicht aus der Welt geschafft, neues nicht verhütet. Soll das das ernstliche Bestreben sein, so muß eine internationale Kontrolle über die Gesellschaften ausgeübt werden, die dem Passagierverkehr dienen. Die Schiffs katastrophen kann man nicht unmöglich machen, solange Wellen und Natur sich stärker erweisen ald Menschenmacht. Man kann aber die Passagiere in hohem Grade vor den möglichen Folgen der Unfälle schüßen und bor derartigen Roheiten, wie sie sich an Bord des Stris ereignet haben. Ja, man muß das sogar tun, will man den Anforderungen einer Zeit, die dem Verkehr dienen soll, ge bührend Rechnung tragen.

Eine drohende Fleischteuerung.

Der 29. Deutsche Fleischertag der z. Zt. in Königsberg tagt, hat in einer Resolution festgelegt, daß die Preise für Rindvieb und Schafe im Vergleich zum Vorjahr

wieder gleich hoch gestiegen sind, und voraussichtlich noch weiter steigen werden.

Des Weiteren weist der Verbandstag in seiner Resolution darauf hin, daß an ein Zurückgehen der Preise für Rinder, Hammel und Kälber überhaupt faum, und an ein Preis­nachlaß für Schweine nicht eher zu denken ist, bis die Re gierung die Vieheinfuhr in erweitertem Maße aus leistungs­fähigen Ländern gestattet, denn die deutschen Schweinebestände sind durch Ueberzüchtung und falsche Haltungsweise derart degeneriert und seuchenempfänglich, daß sie aus sich heraus kaum mehr gesunden."

Bei dieser Gelegenheit erscheint es angebracht, des Rund­schreibens Erwähnung zu tun, welches der Landwirtschafts­minister an die Landwirtschaftskammern gerichtet hat. In diesem Rundschreiben wird die Erwartung ausgesprochen, daß die Landwirtschaftskammern der Entwickelung der heimischen Viehzucht auf allen Gebieten dauernd die größte Aufmerksam­feit schenken und angestrengt daran mitarbeiten wird, die im vorigen Jahre zutage getretenen, und auch jetzt noch nicht überall behobenen Schwierigkeiten in der Fleischversorgung zu beseitigen, um ähnlichen Vorgängen für die Zukunft vor­zubeugen. Der Minister benutzt dieses Rundschreiben, um auf einige Erscheinungen in der Entwickelung unserer Vieh­zucht aufmerksam zu machen, die für die fünftige Ges staltung der Fleischproduktion Beachtung erheischen. Die Auslassungen des Ministers stimmen fast wörtlich mit den Klagen überein, die in der oben erwähnten Resolution der Fleischer ausgedrückt sind. Der Minister führt aus:

Die Schweinebestände sind, wie kaum zu bestreiten ist, zurzeit in geringerem Maße als früher widerstandsfähig und den Gefahren ansteckender Erkrankungen gewachsen. Daß diese Erscheinung in erster Linie mit der steigenden Veredelung und dem Streben nach höchster Leistung im Zusammenhang steht, soll zugegeben werden. Zum nicht geringen Teil ist sie aber auch darauf zurückzuführen, daß vielfach eine Betriebsweise eingeführt worden ist, die in dem Streben nach raschem Umsatz des in der Schwenehaltung angelegten Kapitals, die Konstitution der Tiere nicht hin­reichen berücksichtigt, und ihre Wachstumsanlagen nicht vollkommen zur Entwicklung und wirtschaftlichen Ausnugung gelgen läßt. Durch frühzeitige Verabreichung von Futter­mitte die eine reichliche Ablagerung von Fett in den Gewen erzeugen, und durch ausschließliche Stallhaltung un mangelnde Bewegung im Freien wird die Lebensenergie der Tiere schon im jugendlichen Alter beeinträchtigt. Es w ferner auf eine Regelung des Marktverkehrs mit Ferkeln und Läuferschweinen mehr als bisher hingewirft werden müssen. Durch rechtzeitiges Erkennen und Schaffung etwa fehlender Absatzgelegenheiten, durch Erleichterung des unmittelbaren Verkehrs zwischen Züchterei und Mästerei, durch einwandfreie regelmäßige Notierungen usw. fann manches dazu beigetragen werden, daß in Zeiten stärkeren Angebots ein Sinfen der Preise für Jungschweine unter eine gewisse Mindeſtgrenze, und bei schwächerem Angebot ein Aufschnellen der Preise auf eine die Mast nicht mehr lohnende Höhe nicht in dem Maße eintritt, wie dies leider in den letzten Jahren in ziemlich regelmäßiger Wiederkehr der Fall gewesen ist.

Auch der Rindviehaufzucht gedenkt der Minister in dem Rundschreiben und betont die Notwendigkeit, auf eine größere Ausnutzung der Entwicklungsanlagen der neugeborenen Kälber im Interesse der Volfsernährung hinzuwirken. Es sind vornehmlich die Abmelkewirtschaften in der Nähe großer Städte und Industriezentren, die jährlich eine große Anzahl von Kälbern in ganz jugendlichem Alter zur Schlachtung liefern, obgleich dieses Material durch eine Mästung von nur wenigen Wochen ein sehr viel größeres Mehrgewicht für die Volfsernährung liefern fönnte, teils auch, was noch er­wünschter ist, zu Zuchttieren herangezogen werden könnte. Auf dem Fleischertage wird diesem Umstande ebenfalls Rechnung getragen, und ausgeführt, daß die deutsche Rinderzucht, obgleich sie den Anforderungen bes Milch- und Fleischmarktes nicht zu ges nügen vermag, so forciert ist, daß bei schwächeren Hutterernten die größten Kalamitäten zu erwarten sind. Der Verbandstag ersucht die Regierung, um die viehwirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern folgenden Wünschen nachzukommen: 1. Zulassung des dänischen Rind­viehs unter denselben Bedingungen wie des österreichischen ( Abschaffung der Quarantäne und Tuberkulinprobe); 2. Zu­lassung der Rindvieheinfuhr aus Holland; 3. Zulassung eines Schweinekontingents: a) aus Frankreich für die Städte Straßburg, Metz und Hagenau, b) aus Holland für die Schlachthofstädte in den Regierungsbezirken Düsseldorf, Köln und Aachen, c) aus Dänemark für die Schlachthofstädte an der Nord- und Ostseeküste.

Wir glauben nicht, daß sich unsere Regierung zu einer Oeffnung der Grenzen in dem Maße, wie es der Fleischerverbands­tag fordert, verstehen wird, glauben aber auch nicht, daß die Drohung, welche an der Spitze der Resolution Platz gefunden hat, so ernst aufzufassen ist, als sie sich anhört. Dieser Passus weist die arbeitenden Klassen der Bevölkerung darauf hin, daß ihre Erfolge in der Verbesserung der Lohnverhältnisse durch die Geißel der Nahrungsmittel-, speziell Fleischteuerung, vollständig illusorisch gemacht werden, da das Fleisch in ges wiffem Sinne ein Gradmesser für den Preis einer Anzahl

anderer Nahrungsmittel ist. Es wird ja nichts so heig gegessen, als es gefocht wird, gar so schlimm wird es wohl bei uns um die Fleischversorgungsverhältnisse faum aus sehen. Das Gespenst der Fleischteuerung wird wohl schon erblassen, ehe es uns näher gerückt ist.

Die Zustände im Zarenreich.

Verwirrung scheint in den leitenden Kreisen zu herrschen; elbst in der Bedienung des offiziösen Depeschenbureaus ist fie bemerkbar. Was das Bureau heute in die Welt hinaus­telegraphiert, das wird von dem nämlichen Bureau morgen bementiert. Erst gestern erklärte die russisch- offiziöse Depeschen­agentur, fie müsse wieder einmal sich selbst dementieren; ihre Nachricht, daß Großfürst Nikolai zum Generalissimus der Armee ernannt ist, sei nicht wahr. Wer hat der Agentur die Nachricht gegeben und wer hat sie zu dem Widerruf ver­anlaßt? Das wissen die politischen Kulissenschieber im Zarenreich. Man tut gut, fast hinter jede Meldung aus Rußland ein Fragezeichen zu setzen. Wir beginnen gleich hier:

Meuterei in Moskau?

Auf dem Umweg über London erfährt man heute, daß im ,, heiligen Moskau" vor einigen Tagen eine Meuterei zu berzeichnen gewesen sei, die leicht hätte große Tragweite haben Lönnen.

Ein Offizier hatte, so wird berichtet, einen Soldaten, der ihm den schuldigen Gehorsam verweigerte, kurzer Hand erschossen, worüber große Aufregung unter den im Feld­lager von Kolpinko bei Moskau liegenden Truppen entstand. Die Soldaten wollten mit schweren Geschützen gegen Moskau ziehen, wurden jedoch durch entgegenkommende Truppen daran verhindert.

Die Regierung, so heißt es weiter, wagte es nicht, mit Strengen Maßregeln gegen die Meuterer vorzugehen. Sie ging gegen die aufsässigen Regimenter nur mit Straf­versezung vor.

Herzensteins Beisetung

ist nun doch in Terijoki erfolgt, troßdem Stolypin gestatier hatte, die Leiche nach Moskau zu überführen. Am Grabe hielt F. Reditscher eine leidenschaftliche Rede, und dann sprach die Gattin des Ermordeten, Frau A. Herzenstein. Mit be­wegten Worten dankte sie Finland dafür, daß es der sterblichen Hülle ihres Gatten eine letzte Heimstätte bereite. Im Namen der Arbeitergruppe sprach Rechtsanwalt Bramsohn. Michael Betrunkewitsch, Advokat Slosberg, der Vertreter der finnischen Sozialdemokraten und andere weihten dem Ermordeten Ab­schiedstvorte.

Der Gendarm Sapolski in Terijoki, der als der Beteiligung an Herzersteins Ermordung verdächtig, verhaftet war, ist wieder freigelassen. Die Untersuchung hat festgestellt, daß die geheimnisvollen Unbekannten, denen er auffallende Aufmerk­Der samfeit sanfle, nur Mitch bei ihm getrunken haben. Gendarm erklärt, die Unbekannten für verdächtige Sub­jette gehalten und fie nach Möglichkeit beobachtet zu haben, leider aber vergebens.

,, Da werden Weiber zu Hyänen."

Das weibliche Element ist unter den Revolutionären Finlands äußerst stark vertreten. An Fanatismus und Un­erschrockenheit überbieten sie noch fast ihre männlichen Ge­finnungsgenossen. Finnische Frauen beteiligen sich, nach den Berichten schwedischer Blätter, eifrig an der revolutionären Propaganda. An ihrer Kleidung revolutionäre Abzeichen tragend, besuchen sie die Fabriken in und um Helsingfors, verteilen Revolver, Dolche und andere ,, nüzliche" Gegenstände und fordern die Arbeiter auf, sich zu einem Aufstand vorzus bereiten, bei dem alle Behörden niedergemezelt werden sollen. Die Regierung ordnete darum an, daß alle Frauen, die bei revolutionärer Propaganda in den Fabriken betroffen werden, standrechtlich erschossen werden sollen.

Wir verzeichnen noch folgende Meldungen: Petersburg, 8. August. Bei der Festnahme mehrerer Anarchisten und Revolutionäre wurden Bomben mit startwirkenden Spreng­stoffen gefunden.

Kronstadt, 9. August. Der hier verhaftete frühere Deputierte Onipfo und zwei Sozialrevolutionäre werden wie die Meuterer der Marine dem Kriegsgericht übergeben werden.

Riga, 8. Auguft. Die Polizei überraschte hier ein geheimes revolutionäres Komitee mitten in der Sigung. Sie beschlagnahmte wichtige Dokumente und Pläne und verhaftete 26 Teilnehmer. Kasan, 9. August. Am hiesigen Militärhospital wurden Bomben und aufrührerische Proklamationen gefunden.

Petersburg, 9. Auguft. Die hiesige Gajeta" behauptet, ent­gegen aller Dementis der Regierungsorgane, daß noch heute Fürst Nikolai Lwow zum Ministerpräsidenten, Graf Heyden zum Minister des Innern und Michael Stachowitsch zum Finanzminister

ernannt werden würde.

Odessa, 9. August. In Kujaginia zündete man aus Rache dem zurückgekehrten Abgeordneten Chwatkow das Haus an.

Minst, 9. Auguft. Die Nordische Bank stellt fest, daß ein Kaffierer auf einen gefälschten Scheck in der Staatsbank auf Bank­rechnung 100 000 Rubel hob und entfloh.

Moskau, 9. August. Der Ausstand ist vollständig be endet. Unter den Draanisatoren des Streits herricht Nieders

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