Ausgabe 
7.7.1906 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Samstag, den 7. Juli 1906

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Nr. 157

Redaktion u.Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83, Fernſprechauschluk Nr. 362.

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Volizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Cherkesson

Hoch fommer- Moden.

Saison Plauderei von Emma Reichen.

Der Mensch und das Leben stehen nicht still. Sein Ven langen nach Abwechselung macht ihn unternehmungsluftig Wenn die Sonne heiß über uns brütet, ist es am fühlsten in unseren vier Pfählen. Eigentlich müßte man es in seinen Mußestunden bei solcher Temperatur wie die Bewohner dei Tropen machen. Sie schlafen sich tüchtig aus. Dazu gehöri immerhin ein gewisses Phlegma, das uns nun doch noc nicht eigen, und unser regsamer Geist sinnt und finnt, wo e wohl fühler und mithin erträglicher wäre. So kommt es daß trotz der Abficht so vieler Soliden, den Abend zu Haus zu verbringen, fie fich plötzlich aufraffen, vielleicht schon an Nachmittag, und Kühlung am See, im Wald oder in den Schattengängen eines Restaurants suchen. Und solche, die mit Reit und Geld nicht zu rechnen brauchen, fahren ein Stückchen in die Welt hinaus, um einmal zu sehen, wie die Temperatur wo anders ist.

In den Zeiten der Frauenbewegung ist es wohl selbst. verständlich, daß die Frauen mitgenommen werden, forretter, daß sie mittun. So gern die Damen auch arbeiten und sich anstrengen, den Männern den Arbeitsboden tüchtig abzugrasen, vergessen Sie doch ihre Bedeutung als Trägerinnen der Schönheit und Anmut nicht. Wir wollen unserer Zunge Halt aebieten, sonst bekäme fie es fertig, auszuplaudern, was die schönen Frauen am liebsten vergäßen. Bei ihrer Pflicht. treue ist es also einfach ein Muk, sich mit dem Gedanken zu tragen: Was ziehen wir an? Das unschuldevolle Weiß wird mit Recht für die Sommertage hoch geschätzt. Es gibt Kühle, freilich fann man diese Eigenschaft dem viel gepriesenen weißen Leinen nicht nachrühmen. Es ist ein schlechter Wärmeleiter, womit gesagt ist, daß es wohl die Sonnenstrahlen nicht durch. läkt, aber auch umgekehrt bei schwülem Wetter die Körper: wärme nicht hindurchdringen läkt. Aber was fragt die Mode nach solchen Bedenken? Leinenkleider sehen gut aus, und so werden sie getragen. Ich möchte von einem sprechen, das schlanken Erscheinungen sehr gefallen wird. Der Rock ist glatt, also tellig geschnitten, mit einer fleinen Schleppe ver: sehen. Diese fann deshalb nicht fehlen, weil zu dem Kostüm eine bis über die Kniee reichende anfitende Jacke gehört. Lange Jaden passen nicht zu kurzen Röcken. Diese Jacke hat gleichzeitig die Rolle der Taille übernommen. Sie ist daher vorn mit einer Weste, die türkisch, blau, gelb und grün in aroken Muſtern gestickt ist, verziert. Zu beiden Seiten dieser Weste, die freilich nur ein furzes Stückchen über die Taille reicht, läuft der ganzen Länge der Jacke folgend, weiße Spachtelstickerei entlang. Den Abschluß am Halse bildet ein furzer Shawlfragen. Seinenfleider treten in allen Farben auf, vor allem in Dunkelblau. Ru einem Faltenrock geset fich ein Bolero, der mit einer Piquéwefte geputzt ist. Die Aermel reicher bis zum Ellbogen, find an dieser Stelle mit Aufschlägen aus Piqué und Klöppelspitzen garniert. Um die Taille spannt sich ein breiter Gürtel. Auch dieses Jäckchen macht die Bluse überflüssig. Die beschriebenen Toiletten eignen sich für den Aufenthalt am Strande. Geht man in ein Seebad, so leat man Wert darauf, Toiletten zu wählen, welche trotz Meere luft frisch in den Farben bleiben. Hell­grave Voileröcke, die große Mode in diesem Jahre, wozu weiße oder rosa Blufen getragen werden, würden verschießen, wie hellblaue Battistkleider. Mode- oder Sandfarbe ist weniger empfindlich. Wohin man sich auch begibt, was man auch vornimm Im Sommer, pin märmerea loid cehört zum

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festen Bestand der Toilette jeder Frau. Vorteilhaft bleibt für alle Lagen ein Jackenfleid, einfach aber tadellos gemacht, wozu dann farbige Flanelblufen getragen werden. Diese To ette ist wohl auch ausreichend für Wanderungen im Ge­birge, wenn man vom Erklimmen von hohen Gipfeln absteht. Bei Wanderungen auf dem Lande und im Gebirge mie am Strande ist ein Lodenfape unerlässig. Nur dadurch, daß man in achgemäßer Kleidung sich jeder Witterung aussetzt, fördert man seine Gesundheit.

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Vermischtes.

= Den Zug verschlafen. Auf der Babnation here= walde konnten fürzlich die Passagiere nicht an den Nacht- Rug nach Berlin gelangen, weil sich kein Beamter sehen ließ. um die Fahrkarten 311 fontrollieren und die Türen zum Bahnsteig zu öffnen. Die Beamten hatten den Bug nämlich verschlafen. Da der Zug ohne die Passagiere abfuhr, so fonnten diese erst mit erheblicker Ver­spätung nach Berlin befördert werden.

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Der reingefallene Steuer- Nekiamant. Der Restau rateur Julius Pfabe in Dresden hatte nur ein fteuer­vflichtiges Einkommen von 2080 M. angegeben, trotzdem er in den Jahren 1891 bis 1901 ein Jahreseinfommen von etwa 23 000 m. hatte. Als Pfabe etwas höher eingeschätzt wurde als bisher, war er' o unvorsichtig zu reklamieren und sogar gerichtliche Entscheidung anzurufen. Hierbei stellte fich die Sache heraus und er muß nun den sechsiachen Betrag der hinterzogenen Steuern zahlen.

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Ein enfant terrible. In Luxemburg benngen viele Familien die nahe Grenze um in Belgien Fleisch und Mebl erheblich billiger als in Luxemburg selbst einzukaufen und zollfrei herüber zu bringen. Jede Familie darf sich aber nur einmal wöchentlich in dieser Weise in Belgien ver= proviantieren und mit diefer Aufgabe blos ein Mitglied der Familie betrauen. Kürzlich fehrte eine Frau aus dem Belgischen zurück und ließ den Schein visieren. Auf die Frage des Zollbeamten, ob sie etwas zollpflichtiges zu dekla­rieren hätte, erwiderte die Luxemburgerin fest und stolz: ,, Nein!" Da rief ihr Töchterchen: Aher Mama, du denkst nicht an die Würste, die du in deine Strümpfe gesteckt hast!" Die tapfere Frau fiel beinahe in Ohnmacht, als die Würfte, die nicht zollfrei find, fonfisziert wurden, und sie überdies noch ein Protokoll unterschreiben mußte, das für sie böse Folgen haben wird.

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Roosevelt als Effer. Präsident Teddy", der sich ärgerte, daß ihm im Parlament vorgeworfen wurde, er lehe zu luxuriös, lud furzerhand einen Reporter ein, dem er genaue Angaben machte, wie man im Weißen Hause speist. Zum Kaffee( erstes Frühstück) verspeist Roosevelt nichts als ein Brödchen und ein hartes Ei. Beim zweiten Frühstück ( Lunch) begnügt er sich, wenn er allein ist, mit einem Schälchen Milch und einem Stück Brot; find jedoch Frau und Kinder zugegen, so gibt es faltes Fleisch, vorausgesetzt, daß vom Diner des vorigen Tages etwas übrig geblieben ist. Die Hauptmahlzeit endlich, besteht aus drei, manchmal aber auch nur aus zwei Gängen. Man erfieht daraus, daß der Präsident durchaus kein Prasser und weit eher auf dem Wege 1st, ein Konzertfaster zu werden. Am Schlusse seiner Magen­beichte erklärte der Präsident, daß er nicht in Abrede stelle, daß seine Kinder Messer und Gabel richtig führen, den Kopf anmutig bewegen und beim Ehen die Ellenbogen nicht auf

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den Tisch setzen." Der anneichene Journalist hatte nämlich dem Präsidenten auch die feine Erziehung seiner Kinder zum Vorwurf gemacht. Es scheint also in Amerika Leute zu geben, die es gern sehen würden, wenn die Präsidentenfinder sich wie Hinterwäldler benähmen.

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Der Bergbau der Erde. Nach einer englischen Parlamentsstatistik sind auf der ganzen Erde etwa 5 Millionen Menschen mit Bergbau beschäftigt, wovon auf das ganze Britische Reich etwa der dritte Teil entfällt. Ueber die Hälfte, also mehr als 2 Millionen Menschen, sind im Kohlen­bergbau tätig, der insgesamt 886 Millionen Tonnen im Werte bon 5900 Millionen oder fast 6 M Warden Mark liefert. An Gold erzeugt die ganze Erde über 16%, Millionen Unzen, die dem Wert von 1340 Millionen Mark entsprechen. Davon liefert das englische Weltreich fast%, Transvaal und Australien allein fast den vierten Teil der Weltproduktion, Canada etwa, 5 v. H., die Vereinigten Staaten stellen dazu ein weiteres Viertel des gesamten Ertrags. Auch über die Unfälle in Bergwerken werden vergleichende Angaben gemacht. Mit Bezug auf die Kohlenminen ist die Sterblichkeit in den Ver­einigten Staaten mit 3,35 auf 1000 am höchsten, dann folgt Deutschland mit 1,9 und das englische Weltreich mit 1,24.

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Eifersuchtstragödie zweier Schulmädchen. In Paris ereignete sich ein Vorfall, der eine beredte Illustration zu den sittlichen Zuständen des Seine- Babels gibt. Zwei fleine Mädchen Pauline und Emilie mit Namen, von denen das eine fieben, das andere zehn Jahre alt ist, gerieten in einen Streit. Das Motiv ihres Streites war feineswegs banal: beide liebten den zwölfjährigen Paul, der in der Nähe wohnte. Eine von uns muß fort, erklärte Emilie. Dann mußt du es sein, da Paul dich vorzieht," erwiderte die zehn­jährige Pauline. Gleichzeitig ergreift fie eine zerbrochene Flasche, die im Rinnstein liegt, und schmettert sie ihrer Riva'in, an den Kopf, die schwer verwundet zu ihren Eltern getragen wird. Die Zehnjährige ist dem Polizeikommissar übergeben worden.

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Das Testament eines Landstreichers. In Banford in England verstarb ein alter Landstreicher Owd Alf Booker" genannt, und hinterließ ein Vermögen von fast einer Viertelmillion Mark. Der Verstorbene hungerte und bettelte sich durch die Ortschaften der Umgegend und niemand ver­mutete bei ihm auch nur einen Pfennig Vermögen. Alf Boofer führt in seinem Testament aus, daß der Armen behörde seines Dorfes darum nichts zufalle, weil sie seiner Haushälterin, als diese frank war, Unterstüßung verweigert batte. Die Frau erhält jezt für ihre treuen Dienste 400£ ( 8000 Mt.). Eine Unmenge von Freunden und Verwandten wurden von Boofer mit kleineren Beträgen bedacht. Selbst der Schutzmann, Briefträger, Postmeister, einige Arbeiter und Fuhrleute wurden nicht vergessen. Das Sheffielder Royal­Hospital und das Armenhaus derselben Stadt bedachte er mit je 500£( 10 000 M.).

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Namen childer für Kongreßteilnehmer. Im Zeit­alter der Kongresse ist es oft schon unangenehm empfunden worden, daß sich die Teilnehmer an Kongressen wenig oder garnicht untereinander fennen. Der Vorsitzende des Mailänder Ausstellungs- Ausschusses Tito Ricordi hat eine praktische Neuerung zur Einführung gebracht. Die Kongreßmitglieder erhielten je ein hübsches fleines Schild, in dem der Name des Kongreßteilnehmers handschriftlich eingetragen war. Somit Dieses Kongreñabzeichen war sichtbar zu tragen. wußte feder, mit wem er es zu tun hatte. Wer jemand auf dem Konorek suchte, fand ihn auf diese Art leicht. Der

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