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Keine nieten.

Keine Serienlose.

Keine ausländische Sache.

Gesetzlich überall erlaubt.

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Nr. 156

Redaktion u.Haupterbedition: Gießen, Selters weg. 83, Ferusprechanschluß Nr. 362.

Freitag, den 6. Juli 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgching.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Volizeiamtes Gießen und anderer Behörden von herhang

Der Bierftreit.

Reichstag und Bundesrat find übereingekommen, die Brausteuer zu erhöhen. Man hat ein ganzes System von Steuerabstufungen ausgeflügelt, damit die kleineren Brauereien weniger, die größeren Brauereien stärker von der Steuer betroffen werden. Unter den an der Gesetzgebung beteiligten Personen mögen einige der Meinung gewesen sein, daß es möglich und wünschenswert sei, die Steuer so einzurichten, daß eine Abwälzung auf Gastwirte und Konsumenten über­haupt nicht angeht und die Steuer von den Brauereien selbst getragen werde. Doch die Personen, die solchen Glauben hatten und solche Anschauungen hegten, waren jedenfalls nur Ausnahmen.

Jede Steuer wird abgewälzt, sobald sich irgend eine Möglichkeit dazu bietet, und nur ganz wenige Steuern find so geartet, daß fie eine Abwälzung ausschließen. Die Erb­schaftssteuer beispielsweise muß von dem getragen werden, den sie trifft, und fein Erbe ist imftande, sich von irgend wem einen Beitrag zu feiner Erbschaftssteuer zu holen. Daß Verbrauchssteuern den Verbraucher treffen, ibm den Verbrauch verteuern sollen, ist selbstverständlich. Die Biersteuer ist eine Verbrauchssteuer. Es wurde gesagt, daß die Brauereien große Dividenden geben und deshalb eine Einbuße an ihrem Gewinn tragen fönnen. Neben den sehr rentablen Brauereien gibt es solche, die recht geringe Erträge bringen; auch haben die Brauereien, die jetzt sehr gut stehen, teilweise recht magere Jahre hinter sich. Endlich find die Aftien vielfach zu Preisen erworben, die der hohen Dividende entsprechen, sodaß eine 9prozentige Dividende faum mehr als den 4prozentigen Ertrag des investierten Kapitals darstellt. Aber selbst wenn alles das nicht zuträfe, bliebe doch der allgemeine Grundsatz beſtehen, der garnicht aus der Welt zu schaffen ist, daß jeder fich nach Kräften seiner Haut wehrt und da, wo er es fann, eine Laft von seinen Schultern abschiebt und dem lieben Nächsten zuweist. Wird durch irgend eine Abgabe die Her­stellung des Bieres verteuert, so erhöht der Bierbrauer den Breis seiner Ware für seinen Abnehmer, d. h. für den Gast­wirt, und dieser erhöht wiederum den Preis für seinen Ab­nehmer, das ist für den Biertrinker. Der Bierbrauer und dann der Gastwirt werden sogar bei der Einholung der ibnen auferlegten Abgabe oder Preissteigerung noch einen Zuschlag berechnen. Es mill eben niemand Auslagen machen, blos um sie wieder zu bekommen; es will jeder an den Auslagen verdienen, die er macht. Der Konsument hat den gefamten Schaden zu tragen. Er hat feine Möglichkeit, eine weitere Abwälzung eintreten zu lassen. Die einzige Aus­weichung, die ihm gestattet ist, besteht darin, daß er auf einen Teil des gewohnten Genusies verzichtet, dak er meniger Bier trinkt als zuvor, oder daß er sich einer billigeren Bier­forte zuwendet. Darüber hinaus nibt es für das bier= trinfende Bublifum absolut feinen Schuß. Selbst wenn das Bublifum vollständig einig wäre und etwa einen Streif in Szene setzen wolte, so würde es doch nicht dabin kommer, daß die Brauereien die Braufteuer trügen. Würde man sie hindern, den Bierpreis heraufzufeßen, so würden sie den Ausweg einschlagen, den inneren Bierwert herabzusetzen und den Konsumenten geringeres Bier zu liefern. Wer sich ein­redet, daß es möglich sei, eine Verbraucheftener zu erinnen und so zu gestalten, daß nicht der Verbraucher fie bezahlt, der täuscht sich und andere. Man darf nun aber ebensowenig glauben, daß die Verbrauchssteuer einzig den Verbraucher und nicht auch den Produzenten trifft. Der Brauer muß unter der erhöhten Brausteuer leiden, weil der Konsum fich mindert oder geringwertigen Produften sich zuwendet. Unter dieser Berringerung oder Verschiebung des Konsums leidet auch der Gastwirt. Der Trost aber, daß der Verbraucher sich der Steuer entziehen fönne, indem er dem gewohnten Genuß entsagt, st nicht stichhaltig. Denn wenn das Ungewöhnliche und beinahe Unmögliche geschähe, wenn eine Konsumption, die in der Voltsgewohnheit liegt, durch freien Entschluß des Volfes aufhören fönnte, so brächte die Steuererhöhung nicht blos nicht den erwarteten Mehrertrag, sondern es träte ein Minderertrag ein, und das Reich müßte auf eine andere Steuer Bedacht nehmen.

Man kann bei der Biersteuer allerdings darauf achten, daß der Zuschlag, der über die Steuer hinaus erhoben wird, nicht zu groß wird. Bei der Brausteuer steht in Nord­deutschland dem richtigen Ausgleich die seltsame Entwöhnung vom Gebrauch des Kupfergeldes entgegen. Der Norddeutsche fennt die upfermünze fast garnicht, man sieht auch im Ver­fehr sehr selten Kupfermünzen. Die Preise sind auf 5 Pf. abgerundet. Ein Pfennig- Trinkgeld wie in Süddeutschland, gibt es in Norddeutschland garnicht. In Bayern, Baden, Württemberg geniert sich niemand, bei der Bezahlung eines Glafes Bier einen Pfennig als Trinkgeld dem Kreise zuzu­rechnen. In Norddeutschland ist dergleichen zurzeit beinahe unmöglich. Es sollte möglich werden, und dann wäre ein großer Teil des Bierstreites schon geschlichtet. Freilich wäre der Leidtragende dann wiederum der Kellner. Wir sind aber hartherzig genug, daran feinen Anstoß zu nehmen. Vielleicht fommt es auf diesem Umwege dazu, daß der Kellner wie jeder andere anständige Arbeiter einen festen Lohn bekommt. Geschähe dies, so hätte die Biersteuer noch einen besonderen Eegen gestiftet.

Die ruffifchen Zustände. Die Ungewißheit hält im Zarenreiche an. Die ganze Entwicklung ist nach wie vor völlig ins Unklare gestellt, und velchen Verlauf die Dinge nehmen, ist garnicht abzusehen. Auch verschiedene Strömungen innerhalb der Hof­lamarilla sind am Werke und verwirren die Lage; dort hat Trepow unter den Intrigen Jswolstis zu leiden, der als Günstling der Kaiserin- Mutter gilt. Trepot soll wieder zu spiritistischen Experimenten gegrrffen haben, um den Zaren unter seinem Einfluß zu halten.

Stockungen bei der Kabinettsbildung.

Die Erwartung, daß das Kabinett Goremykin alabald aus dem Amte scheiden und von einem Ministerium Jermolow abgelöst werden würde, hat sich nicht bestätigt. Man führt diese Tatsache darauf zurück, daß die Partei der Kadetten sich geweigert habe, sich an einem Kabinett Jermolow zu beteiligen. Sie halten ihre Zeit wohl noch nicht für gekommen. Vorläufig bleibt daher nichts anderes übrig, als Goremykin im Amte zu belaffen.

Eine Aussperrung in Sicht? Vielfach vüsten sich die Fabrikanten, den Forderungen der Arbeiter entschlossen entgegenzutreten. So hat das Komitee der Fabrikanten in Riga an seine Mitglieder ein Rundschreiben erlassen, in dem es den Mitgliedern vorschreibt, feine Kollektiv Forderungen der Arbeiter zu bewilligen, ohne die Rustimmung des Komitees eingeholt zu haben. Falla die Arbeiter die Ruhe stören, so sollen die Fabriken geschlossen und eventuell die ganze Kategorie der Arbeiter, zu der die Streifenden gehören, entlassen werden. Bleibe auch das wirkungslos, so solle eine Versammlung einberufen werden, um über eine allgemeine Aussperrung zu beschließen.

Die Notstands- Anleihe.

In der Kommission der Duma gelangte die Frage wegen der Anweisung von 50 Millionen Rubel zur Abstellung des Notstandes unter den Bauern zur Beratung. Es wurde be­schlossen, sofort einen Kredit von 15 Millionen Rubel zur Verfügung zu stellen. Gegenüber den Ausführungen der Minister, die diesen Kredit durch Emission einer 4prozentigen Staatsrente gebedt seben molten, sprachen sich die Mitglieder der Duma dafür aus, gewisse Teile des Budgets herab­zufeßen, zumal die Regierung angekündigt babe, daß da Budget in den erster vier Monaten des laufenden Jahres seinen Ueberchuß von 57 Millionen ergeben werde.

Die Greuel von Bjelostock.

Die Vorkommnisse in Bielostock und der Streit um deren 11rheberschaft hat dem dortigen Stadtoberhaupt Malinowafi fein Amt gekostet. uf Veranlaffung einer großen Anzahl hervorragender Einwohner mollte das Stadthaupt eine auferordentliche Sigung der städtischen Duma einbernfen, um den vom General von Bader an den Kriegsminister über die Entiebung des Pogroms crstatteten Bericht zu wider­legen. Daraufhin wurde Malinowski vom Generalgouverneur seines Amtes enthoben

Uebrigens scheinen die Gewalttaten von Bjelostok doch writere Folgen nach sich ziehen zu wollen. So heißt es, daß das enalische Geschwader gelegentlich seiner Uebungsfahrt in der Offee nur den Hafen von Libau, nicht aber Kronstadt aufen werde.

Ein Duma- Abgeordneter von Polizisten mißhandelt.

Große Erregung verursachte in der gestrigen Sitzung ber Duma die Mitteilung, daß der Abgeordnete Siedelnikow von Polizisten auf der Straße barsch angehalten, durchsucht, geschlagen und verlegt worden sei, obwohl er sich als Mitglied der Duma legitimiert habe. Die Duma be­Schloß eine dringliche Interpellation über die von der Regierung wegen Bestrafung der Polizei zu ergreifenden Maßregeln. Im Laufe der Debatte erklärte der Arbeiter­delegierte Aladjin, falls fich ein derartiger Vorgang noch ein einziges Mal ereigne, so würde die Arbeitergruppe für die Sicherheit der Minister, die es wagen würden, vor der Duma zu erscheinen, und die noch nie von der Polizei ge= schlagen wurden, nicht aufkommen.

Politifche Rundschau.

Deutiches Reich.

Bei der Beratung über die Verfonen- Tarifreform in der württembergischen Kammer bezeichnete der Minister b. Weizsäcker die Einführung des Zweipfennigtarifs vor dem 1. Oftober als unmöglich. Die Abgeordneten Wollarth, Hilden­brand und Wolff beantragten, vom 1. Oftober ab eine weitere Wagenklasse mit dem Fahrpreise von 2 Pfg. für das Kilo­meter in Personen- und beschleunigten Rügen einzuführen. Haußmann beantragte 2 Pfg. in der untersten Klasse und die Führung von nur 2 Klassen in Personenzügen. Der Antrag Wollarth wurde schließlich mit 42 gegen 36 Stimmen ange=

nommen.

Es wird wieder über neue Kämpfe in Ostafrika berichtet. Die im Süden des Schußgebietes operierende Rompagnie Schönberg hat am Kiturifa und Luvegu Wider­tand gefunden und am Dapats den Gegner überfallen. In Fraku haben sich die Detachements aus Kilimatinde, Mpapua and Moschi am 25. Juni vereinigt. Der Aufstand ist zur Beit auf rafu beschränkt, die Aufständischen stehen an der Rarawanenstraße bei Dagave. Das Detachement Hirsch aus Tabora sollte am 28. Juni in Jrafu eintreffen.

* Die Festlegung der Grenze zwischen Deutsch- und Portugiesisch- Ostafrika erweist sich im Verlaufe des Auf­ständes in Ostafrika als dringend wünschenswert. Namentlich die Absteckung der Grenzen zwischen dem Roouma- und dem Tanganyfa- See ist notwendig, denn hier ist das einzige Loch, durch das die Aufständischen entschlüpfen fönnen, und nach der Erfahrungen im südwestafrikanischen Feldzuge er­scheint es geboten, gerade in dem Grenzgebiete für eine möglichst flare Situation zu sorgen. Dem Vernehmen nach ist eine gemeinsame deutsch- portugiesische Grenzexpedition für die nächste Zeit geplant.

England.

** In London find die Bevollmächtigten Englands, Frantieichs und Italiens bez. des Vertrages über Abe finien einig geworden, man hofft auf baldiges Rustandekommen des Vertrages. Das Abkommen wird die Unabhängigkeit und Integrität Abessiniens somie den Grundsatz der offenen Tür bekräftigen und allen Ausländern gleiche wirtschaftliche Rechte zuerkennen. Es bestimmt außer dem, daß die Bahn bis Addis Abeba in französischen Händen sein soll.

Frankreich.

** Die Regierung hält ihre Beschlüsse bezüglich der ab­gesetzten Post- und Telenraphen- Unterbeamten aufrecht und lehnt es ab, ihnen Amnestie ant newähren. Die Ab­segung erfolgte seinerzeit wegen ausständischer Bewegungen. Balbanftaaten.

** Der Rollkrien zwischen Desterreich- Ungarn und Serbien ist nun doch zum bruch gelangt. Die öfte reichisch- ungarische Regierung begann mit den Repressalien, indem sie feche Eisenbahnwagen mit ferbischem Mindvieh um­fehren liek. Die serbische Regierung min mit den anderen Staaten Verhandlungen wegen des Achlusses von Handels­berträgen anbahnen. Graf Geluchometi erklärte in der österreichischen Delegation, die Erflärungen Serbiens seien nicht befriedigend gewesen.

Amerika.

** Bei einem in Newyork veranstalteten Bankett zur Feter des amerikanischen Unabhängigkeitstages hat sich der demokratische Präsidentschafts- Kandidat Brvon über die Schiedsgerichtsfrane ausgesprochen. Er machte den Vor schlag, daß jeder Staat prinzipiell sich bereit erkläre, alle Streitfragen einem internationalen Schiedsgerichte zu unter­breiten, obne fich jedoch zur unbedingten Anerkennung des Ichiedsgerichtlichen Urteils zu verpflichten. Von dieser Uebung er hofft Bryon eine wesentliche Förderung des Friedens. gedankens.

Alien.

** Japan läßt sich in der Mandschurei häuslich wie im pigenen Besitztum nieder. Die provisorischen militärischen Organisationen werden durch die endgültige Zivilverwaltung, die ieden andern als den japanischen Einfluß ausschließt, ab. nelöst. So haben die javanischen Militärkommandos die Stadt Mufden der zivilen japanischen Verwaltung übergeben. Auch auf fommerziellem Gebiet gehen die Japaner ent­schieden zugunsten der heimischen Handels- und Schiffahrts­gesellschaften vor.

** Nach Meldungen aus Söul befindet sich der Kaiser bon Korea in der Gefangenschaft der Japaner. Er wird in seinem Palais durch iapanische Soldaten bewacht. Als Grund für diese Makregel werden von japanischer Seite bie fortgesetzten Wühlereien angegeben, die von dem fore­Der onischen Kaiserbofe gegen Japan angestiftet werden. Kaiser von Korea soll erklärt baben, er merde eher Gift nehmen, als daß er den ioronischen Forderungen sich füge.

Afrika.

** Der neuerdings zu Larasch in Marokko tot auf­cefundene Franzose ist nicht, wie anfangs vermutet murde, cinem Verbrechen zum Opfer gefallen, sondern bat Selbst­mord verübt, wie aus einem hei ihm vorgefundenen Briefe hervorgeht. Der neue Maroffofall, über den fich fran= ösische Heißsporne bereits ereiferten, fällt also in fich zu­

ammen.

** Die Kämpfe der Engländer mit den Aufständischen in Natal baben bisher noch zu feinem befriedigenden resultat geführt. Der Kommandierende der Nataltruppen berichtet, daß Mangel an Rübrern einen vollständigen Ru­' ammenschluß der den Kraal des Häuptlings Mefini um­rehenden britischen Truppen verhindert hat, sodak die Operationen weniger erfolgreich waren, als fie es hätten sein fännen. Eine Anzahl Aufständige wurden abgeschnitten. Insgesamt find 444 von ihnen gefallen.