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4.8.1906 Erstes Blatt
 
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Freitag, den 3. Auguft

De Familienze

1906

Nr. 181

Erstes Blatt.

baltion u.Haupterbebition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 4. August 1906

Gießener

15. Jahrgang

Gratisbellogen: Oberbeffische Familienzeitung( g) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen nnd anderer Behörden von herhen

Menfchliches

1

Allzumenschliches.

[ Politische Wochenschau.j

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Seit Monaten wird öffentlich von unserer Kolonial­berwaltung gesprochen; öffentlich aber nicht offen. Man erbob Anflagen, man forderte Aufklärungen aber die Antiagen beschränkten sich auf Andeutungen, und die Bes fchuldigungen waren unbestimmt, unflar, gemein gehalten. Gouverneur v. Puttkamer wa erste Gegenstand der Angriffe. Er sollte eine politisch gefagrliche Mißwirtschaft geführt, einen Baß wissentlich unter falschem Namen aus gestellt, von Erwerbsgesellschaften in dem ihm unterstellten Gebiet Beteiligungen angenommen haben. Es hat recht lange gedauert, ehe diese Beschuldigungen fich greifbar heraus­schälten, und sobald es geschehen war, wurde ihnen wider­prochen. Bestätigt sich auch nur ein Teil der gegen ihn ge­richteten Anschuldigungen, so ist der verflossene Gouverneur Menschlichem, Allzumenschlichem erlegen.

bon

Noch ärgerlicher ist der andere Vorfall, der zur einst­weiligen Verhaftung des Majors Fischer geführt hat. Major Fischer soll im Kolonialamt bei der Vergebung bon Lieferungen von entscheidendem Einfluß gewesen sein, diesen Einfluß zu Gunsten der Firma Tippelskirch& Co. geltend gemacht und dann von dem Chef dieser Firma Dar­lehen genommen haben, die er nach seiner Vermögenslage nicht zurückerstatten fonnte. Damit wird der Verdacht der Bestechung begründet. Zu dieser Sache wird uns Be= unparteiischer Seite geschrieben: ,, An die Wohl techungsgeschichte glauben wir zunächst nicht." liegt es in der Möglichkeit, daß Major Fischer in materieller Bedrängnis auf den Gedanken gekommen ist und den Ge­banten auch ausgeführt hat, fich mit einem Darlehnsgesuch an den Chef der Firma zu wenden, den er bei dem Abschluß der Lieferungsgeschäfte fennen gelernt hat. Sollte er fich lieber an einen Wucherer wenden? Oder sollte er jeden Versuch zu seiner Rettung aufgeben? Vielleicht sind es Wucherer gewesen, die ihn in die schlimme Lage gebracht haben, vielleicht war er von Wucherern schon abgewiesen worden. Gerade ein seiner selbst sicherer Mann konnte wissen, daß das Darlehen sein objektives Urteil nicht beeinflussen würde. Auch wird es von Belang sein, ob das Darlehns­gesuch nach oder vor Abschluß der Lieferungsverträge ver­langt und bewilligt worden ist. So steht die Angelegen­heit, mit unbefangenem Auge betrachtet, auf Seiten des Majors Fischer. Hat aber dieser feine Bestechung ange­nommen, so hat man ihm ganz gewiß feine Bestechung ge­geben. Jeder Großkaufmann tommt Tag für Tag in die Lage, Darlehnsgesuchen zu begegnen. Er wird sie meist ab­lehnen denn so groß ist kein Vermögen, daß es allen Ge­suchen standhalten könnte aber manchesmal wird er sich gezwungen fühlen, keine Absage zu erteilen, auch wo er auf die Rückzahlung nicht hoffen darf. Es ist peinlich und unter Umständen unmöglich, ein Darlehnsgesuch dem abzuschlagen, mit dem man verkehrt und weiter verkehren muß." Auch hier also handelt es sich um Menschliches, Alzu­menschliches.

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Ein Gutes hat die vergangene Woche gebracht: das Ende des Buchbinderstreiks nad dreimonatiger Dauer. Das Ende wäre früher nicht zu früh gekommen, und es hätte fich auch frither schon erreichen lassen. Doch marum sollen Arbeitgeber und Arbeiter ge sein als die Staatsmänner hon Beruf? Beringarn baben es genau ebenso gemat She Sabezas ülber die Quotenfrage unendlich erbizt. und schließlich bet Desterreich nachgegeben. So war es immer.

König Eduard von Engine hat seine Ver­ftimmung überwunden und wird in nicht ferner Zeit seinen Neffen, den deutschen Kaiser, besuchen. Große politische Be­deutung hatte das Schmollen nicht, und auch die Versöhnung, über die wir uns aufrichtig freuen, paßt sich höchstens der bereits vorhandenen politischen Situation an. Vergeblich fragt man nach großen politischen Motiven. Es handelt sich nur um Menschliches, Alzumenschliches.

In Rußland setzt Ministerpräsident Stolypin seine Bemühungen fort, Feuer und Wasser zu mischen, in demselben Kabinett Vertreter der Revolution und der Reaktion zu ver­einen. Es ist vergebliche Arbeit. Vergebliche Arbeit ist nicht minder die Verschleierung der Militärmeutereien. Die von Sveaborg, die in schlechter Behandlung der Matrosen ihren Anlaß hatte, war noch die harmloseste. Inzwischen ist die Großfürstenpartei, die sich die Partei der wahren Russen" nennt, am Werfe, in ihrer Art die Revolution durch Meuchel­mord zu bekämpfen. Das Dumamitglied Herzenstein war ihr erstes Opfer. Cobald Rußland in Frage kommt, handelt es sich nicht um Menschliches, Alzumenschliches, nein: um Unmenschliches.

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Der Hufftand in Kronstadt. Obwohl auch in Kronstadt die Meuterei unterdrückt wurde, durchschwirren wilde Gerüchte die Stadt, so daß die Bevölkerung, von einer Banif ergriffen, scharenweise die Stadt berläßt. So heißt es, daß vier Kriegsschiffe, mit Meuterern an Bord, dort eingetroffen seien und die Geschütze auf die Stadt gerichtet hätten. Vergebens wird dieses Gerücht von den Organen als grundlos bezeichnet; die panikartige Flucht der Bevölkerung hält an. Und auch in Beterhof herrscht

große Besorgnis; es heißt, daß der Bar Beterhof verlassen und nach Zarjtoje selo übersiedeln will.

Bericht eines Augenzeugen.

Die Annahme, daß die Meuterei in Kronstadt ernsterer Natur gevesen, als der erste offiziöse Petersburger Draht­bericht zugab, hat sich bestätigt. Ein Augenzeuge berichtet jezt:

Die Anzahl der Aufständischen betrug 500 Geniesoldaten und 2600 Matrosen. Die Meuterer drangen bei Morgengrauen nach Tötung und Gefangennahme der Offiziere ins Arsenal, wo sie je­doch keine Fenerwaffen vorfanden und darauf von inzwischen aus Petersburg angelangten Garderegimentern hinausgedrängt wurden. Gleichzeitig beseßten andere Meuterer das Festungsfort Konstantin. Diegierungstreu gebliebene Artilleric beschoß vom Stadtinnern das Fort. das endlich eine weiße Fahne hißte; Maschinengewehre be­schossen die Matrosenkasernen. Die Eingeschlossenen wurden ebenfalls zur Uebergabe gezwungen. Insgesamt find acht höhere Offiziere getötet, elf verwundet. Auch Admira! Beklemischew wurde so schwer verwundet, daß er Freitag seinen Wunden erlegen ist. Die Anzahl der beiderseitig ge­töteten und verwundeten Soldaten ist noch nicht festgestellt, jedoch sehr bedeutend. Unter den Verhafteten ist ein un­bekannter Zivilift, der angeblich den Aufstand geleitet hat. Zwei andere Zivilisten wurden bei einem Fluchtversuch auf einem Motor­boot erschossen.

Der Aufstand war ausgesprochen politischer Natur; auf den Meutererflaggen standen die aus der Reichsduma be= fannten Worte ,, Semlja i Swaboda"(= Land und Freiheit). Die allgemeine Ansicht geht dahin, die legten Ereignisse seien lediglich das Vorspiel zu einem weit größeren Aufstand in Kronstadt. Man meint, die Rädelsführer hätten Donnerstag feine Zeit gehabt, die Artillerie auf ihre Seite zu bringen, was beim nächsten Putsch wahrscheinlich sein wird.

Neue Meutereien.

Ein amtlich noch nicht bestätigtes Petersburger Tele, gramm vom Freitag meldet, daß Sebastopol in vollem Auf­ruhr sei. Vier Kriegsschiffe und zwei Torpedoboote, die aus Nangoe famen, befinden sich in voller Meuterei. Be­stätigt sich diese Nachricht, dann würde man allerdings an einen organisierten Aufstand der ganzen russischen Flotte glauben müssen.

Auf dem Kreuzer ,, Pamjat Asowa"

bei Reval hat in der Tat eine Meuterei stattgefunden. Fünf Offiziere einschließlich des Kommandanten wurden getötet. Allerdings hat der treugebliebene Teil der Besazung bald die Oberhand gewonnen. Die Mannschaft lieferte die an der Meuterei Beteiligten- etwa 150 Mann den Be hörden aus. Die Meuterer wurden gelandet und verhaftet; die ganze Besagung wurde entwaffnet.

In der Garnison Reval

ist es zu einem Zusammenstoß zwischen meuternden und loyalen Truppen gekommen. Der revolutionäre Pöbel fämpfte auf den Straßen auf Seite der Meuterer gegen die Regierungs. truppen. 160 Sozialisten, die an diesen Kämpfen teilnahmen, wurden in eine Falle gelockt und von Regierungstruppen niedergeschossen. Schließlich wurden Meuterer und Revo­lutionäre von den Regierungstruppen auseinandergejagt.

In der alten Nyelandkaserne in Helsingfors entstand Donnerstag Nachmittag eine Meuterei, bei der auf beiden Seiten scharf geschossen wurde. Die Kugeln fielen zum Teil auf die Straße und trafen viele Passanten. Von diesen blieben 7 tot und 7 wurden verwundet.

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Die Erregung in Helsingfors ist gewaltig, trotzdem oder weil der Führer der Roten Garde", Kapitän Cock, verhaftet worden ist. Als Gegengewicht gegen die Rote", hat sich Freitag eine Weiße Garde" gebildet. Sie besteht aus einigen hundert jungen Leuten, die der Polizei ihre Dienste zur Herstellung der Ordnung angeboten haben. Blutige Zusammenstöße zwischen den Roten" und den Weißen" finden unausgesezt statt. Die Situation ist äußerst ernst.

In dem Artillerielager Rambertow bei Warschau herrscht seit zwei Tagen offene Meuteret. Die Artilleristen jagten ihre Offiziere weg und empfingen die gegen fie aufgebotenen Kafafen mit Kartätschenschüssen.

Ueber die Einzelheiten wird noch strengstes Geheimnis bewahrt. Es ist sehr bedenklich für die russische Regierung, daß in diesem kritischen Augenblicke auch Truppen in anderen Landesteilen wieder in Aufruhr geraten.

Ferner wird gemeldet:

Petersburg, 3. August. Die militärische Bewachung der Straßen und öffentlichen Gebäude ist erheblich verstärkt worden. Die hier anfernden Kriegsschiffe und Yachten ers hielten Befehl, fich in voller Kampfbereitschaft zu halten.

Petersburg, 3. August. Die Station der Finnländischen Bahn von Petersburg bis Wiborg sowie das ganze Meeres­ufer sind mit Truppen besetzt worden.

Kronstadt, 3. August. Ueber unsere Stadt ist der Kriegs­zustand verhängt. Sieben Meuterer von der Minen­tompagnie sind wegen Ermordung von Offizieren zum Tode durch Erschießen verurteilt worden.

Moskau, 3. August. Es wird hier bekannt, daß die Verhandlungen über den Eintritt von Nichtbureaukraten in

das Kabinett Stolypin ins Stocken geraten sind. Graf Heyden ist von Petersburg abgereist. Stolipin verhandelt nunmehr mit Senator Koni und dem Historiker Winogrado. Ersterem hat er das Portefeuille des Justizministers, letterem, der einen Lehrstuhl an der Universität Cambridge bekleidete, das Ministerium der Volksbildung angetragen.

Warschau, 2. August. Der Gehilfe des Gouverneurs, Generalmajor Markgrafski, ist in der benachbarten Sommer frische Otrock von einer Bande überfallen und nebst seiner Frau getötet worden.

Sveaborg, 3. August. Die Festung befindet sich in den Händen des Kommandanten. Auf den Forts herrscht wieder Ordnung. Die Zahl der Opfer beträgt mehr als 100.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* In der Kolonialverwaltung wird jetzt ordentlich auf­geräumt. Nun ist auch die Einleitung eines Disziplinars verfahrens gegen den früheren Personalreferenten Geh. Legationsrat v. König, erfolgt, weil Herr von König seit Jahren die dienstlich zu seiner Kenntnis gebrachten Anzeigen über Vergehen von Beamten und Offizieren im Kolonial­dienste unterdrückt oder nicht weiter verfolgt hat.

* Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat unter Hinweis auf frühere Erlasse die königlichen Eisenbahn­direktionen beauftragt, eine erneute Untersuchung der Personen­wagen während des Monats August vornehmen zu lassen. Die Untersuchung ist in üblicher Weise auszuführen, ins­besondere ist das Augenmerf darauf zu richten, daß die Reinigung der Wagen mit der erforderlichen Sorgfalt vor­genommen wird, die Aborte fich in sauberem Zustande bes finden, das vorgehaltene Trint- und Waschwasser von guter Beschaffenheit ist und der Jahreszeit entsprechend genügend erneuert wird.

* Aus Anlaß der Geburt eines Thronfolgers hat der Herzog von Sachsen- Koburg- Gotha eine Amnestie erlassen, durch welche alle Strafen wegen Majestätsverbrechen, Ver­geben wider die Staatsgewalt, gegen die öffentliche Ordnung, Vergehen nach§ 196 bis 197 des Strafgesetzbuches und gegen das Reichsgesetz über die Presse, sowie alle polizeilichen Strafen bis zur Höhe von 20 Mark erlassen werden. Dagegen dürften fich die Hoffnungen auf eine allgemeine Amnestie anläßlich der Taufe des Sohnes des deutschen Kronprinzen auch diesmal als trügerisch erweisen. Wie jezt mit Bestimmtheit verlautet, hält die Krone an ihrer Anschauung fest, daß die Taufe, die mur ein Familienereignis sei, teinen Anlaß zu einem Gnaden­afte politischer Natur biete.

* Aus Anlaß der Geburt eines Thronfolgers hat der Kaiser an den Herzog von Coburg- Gotha ein Gratulations­telegramm folgenden Inhalts gerichtet.

,, Von Herzen freue ich mich mit Dir des Segens, den Gott der Herr Deinem Hause und Deinem Lande ge schenkt hat. Er nehme ferner Mutter und Kind in seine Obhut.

* Zu der Affäre Fischer- Tipelskirch nimmt jetzt ein In­haber der Firma v. Tippelskirch& Co. öffentlich das Wort. Er bestreitet, daß irgend etwas vorgekommen sei, was den Major Fischer belasten könne. Major Fischer habe nur zwei­mal Darlehn von 5000 und 2000 Mark erhalten, ohne zu wissen, daß ein Teil dieses Geldes von ihm( v. T.) gegeben wurde.

* In der Kammer der Abgeordneten zu München er­flärte der Verkehrsminister, daß bereits ein Projekt für den Uebergang der bayerischen Bahnen zum elektrischen Betriebe fertig sei. Ueber die Ausnüßung aller Wasserkräfte Bayerns müsse ein einheitliches, großzügiges Projekt durch einen Fach­mann allerersten Ranges aufgestellt werden; die Eisenbahn. verwaltung könne hierin nicht allein vorgehen.- Bayern in Deutschland voran!

Spanien.

** Der Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist in San Sebastian im Beisein des ameri tanischen Gesandten unterzeichnet worden. Der Finanzminister erklärte, der Vertrag sei für Spanien vorteilhaft. Der Minister kündigte ferner die Errichtung einer direkten Dampf­schiffahrtsverbindung zwischen Newyork und Vigo an. Balkanftaaten.

** Ein blutiger Kampf zwischen Bulgaren und Griechen steht wieder bevor. Privatbriefen aus Philippopel zufolge find dort Gerüchte verbreitet, daß die Bulgaren für den 6. August in Philippopel und anderen Orten allgemeine An­griffe gegen die Griechen vorbereiten.

Hof und Gefellschaft.

Der Kaiser wird in den nächster zehn Tagen Truppenbesichtigungen abhalten. Erst dann dürfte die Fest setzung des Tages für die Taufe des Kronprinzensohnes er folgen.